Asper, Kathrin (1994) und Narziss bzw. Narzissmus

Fotografie des Buchcovers von Verlassenheit und Selbstentfremdung (1994)
Buchcover: Verlassenheit und Selbstentfremdung (Karthrin Asper, 1994)

Verlassenheit und Selbstent-fremdung
(1994)

In diesem Buch (Untertitel: Neue Zugänge zum therapeutischen Verständnis) äußert sich Kathrin Asper zu ihrer Sicht auf Narziss bzw. auch auf Narzissmus. In Bezug auf den antiken Mythos offenbart sie ein erhebliches Missverständnis. Sie kommt zu einer Fülle von negativen Zuschreibungen gegenüber dem smpathischen Narziss aus dem Mythos, die wohl von dem Fehlurteil Freuds geleitet sind. Ihre Fehlinterpretationen möchte ich hier herausarbeiten.

Wesenszüge von Narziss

Kathrin Asper listet in ihrem Buch etliche angebliche „Wesenszüge des narzißtischen Menschen“ auf (S. 69-72):

„Angst vor Verlassenheit … Gefühlsdefizienz … Grandiosität und Depression … Gestörte Sexualität … Mangelndes Symbolverständnis … Unzureichende Wahrnehmung … Mangelndes biografisches Bewußtsein … Übermäßige Angst … Unproportionierte Wut … Unausgewogene Nähe und Ferne … Konzentrationsmangel … Übermäßige Scham … Unklare Bedürfnisse“.

Diese Eigenschaften vermag man durchaus an Menschen zu beobachten. Keine Frage. Aber passen diese Eigenschaften zu dem Narziss aus dem Mythos, wie er im Detail beschrieben wird?

Gefühlsdefizienz

Betrachten wir die „Gefühlsdefizienz“ – den Gefühlsmangel: Die Geschichte von Narziss erzählt von der (nachvollziehbaren) Trauer des Narziss um die Sterblichkeit seiner über alles geliebten Zwillingsschwester, seines Vaters, seiner Mutter oder seiner selbst. Diese Trauer ist ein völlig angemessenes Gefühl.

Der Mythos erzählt aber auch von der gesunden Abneigung des Narziss gegenüber dem Beziehungsansinnen einer hohlen Tussi. Auch bei seiner Ablehnung von homosexuellen Beziehungsangeboten dürfen wir davon ausgehen, dass hier Gefühle von Abneigung eine Rolle spielen. Auch sein Leiden an der Bestrafung durch die rächende Gottheit ist durchaus kein Gefühlsmangel, sondern eine durchaus passende emotionale Re-Aktion.

Angst vor Verlassenheit

Wenn wir uns diese Eigenschaft ansehen, dann können wir einerseits sagen: Ja, Narziss leidet daran, dass ihm Vater, Mutter oder Zwillingsschwester verlorengegangen sind. Vielleicht spielt hier sogar auch die Angst eine kleine Nebenrolle. Aber im Vordergrund steht doch eindeutig ein ganz anderes Gefühl: Die TRAUER.

Und was solche Gestalten wie Echo, Ameinias oder Ellops betrifft: Hier sehen wir doch eindeutig, dass Narziss auf deren Anwesenheit überhaupt keinen Wert legt! Wo soll denn da eine „Angst vor Verlassenheit“ zu finden sein?

Gestörte Sexualität

Soll es „gestört“ sein, dass Narziss auf das eindeutige Angebot einer ihm fremden, hohlen Nymphe zum sofortigen Vollzug des Geschlechtsverkehrs – „coeamus!“ – ablehnend reagiert? Soll es „gestört“ sein, dass Narziss nicht auf Männer – oder jedenfalls nicht auf Ameinias und Ellops – steht? Wo sonst lassen sich irgendwelche Ansätze in dieser Geschcihte finden, die von „gestörter Sexualität“ berichten?

Unproportionierte Wut

Wut ist (auch) gut. Wie jedes Gefühl hat auch die Wut prinzipiell eine gute Absicht. Die Wut dient der Abgrenzung. Sie stellt uns die Energie bereit, die wir zur Verteidigung unserer Grenzen benötigen. Diese „Wut“ – oder besser gesagt: dieser klare Wille zur Abgrenzung – ist bei Narziss deutlich zu erkennen, als er die hohle Nymphe Echo abschüttelt, die sich ihm gerade an den Hals geworfen hat. Hier zeigt für mich Narziss ein völlig gesundes SELBSTBEWUSSTSEIN! Er will nichts mit ihr zu tun haben. Basta. Wie kommt sie dazu, sich ihm so aufdringlich an den Hals zu werfen?

Und auch die Sache mit Ameinias: Die Sache mit dem Schwert ist im Zusammenhang mit der antiken Knabenliebe zu verstehen. Narziss macht hier lediglich von seinen kodifizierten Möglichkeiten Gebrauch: „Bei Nichtgefallen: Schwert zurück!“ Das bedeutet in keiner Weise etwa die Aufforderung zum Suizid.

U.s.w. …

Und wo genau sollten sich in der Geschichte des Narkissos Belege für die weiteren von Asper als „narzisstisch“ aufgelisteten Verhaltensmerkmale finden? Wir sehen: Solche „Diagnosen“ können völlig beliebig ausfallen. Wenn Fachleute wollen, dann deuten sie in jede x-beliebige Lebensgeschichte alles mögliche an Krankhaftem hinein.

Widersprüche

Gesunde oder kranke Selbstliebe?

Kathrin Asper verwendet ihren Narzissmus-Begriff grundlegend widersprüchlich. Einerseits formuliert sie (S. 63):

„Narzißmus bedeutet Selbstliebe im Sinne des Bibelwortes ‘Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst’ (Mt. 19,19).“

Hier ist bei Asper diese „Selbstliebe“ eindeutig positiv besetzt. Dann, zwei Seiten weiter, heißt es:

„Das Selbstwertgefühl des Narzißten ist demnach nicht stabil, arglos und selbstverständlich, sondern schwankt. Es schwankt zwischen Grandiosität und Depressivität“.

„Narzißmus“ wird einerseits als – positiv gemeinte – „Selbstliebe“ gesehen, andererseits soll der „Narzißt“ durch fehlende Selbstliebe und ein defektes Selbstwertgefühl gekennzeichnet sein. Das passt nicht zusammen.

Kontrolle oder nicht?

Asper (S. 64) attestiert „narzißtisch beeinträchtigten Persönlichkeiten“ in Bezug auf mitmenschliche Beziehungen eine …

„… stete Suche nach idealen Menschen und Verhältnissen […]. Sie ist verbunden mit einer ausgeprägten Idealisierungstendenz und einem Kontrollverhalten, wonach der Gegenüber die Erwartungen des narzißtisch verwundeten Menschen vollständig erfüllen muß“.

Das Idealisierende oder Kontrollierende, das Asper der „narzisstisch beeinträchtigten Persönlichkeit“ zuschreibt, hat mit dem Mythos von Narziss doch nur insoweit etwas zu tun, als es die Beziehungen kennzeichnet, denen der junge Mann in seinem Kontakt zu Echo, Ameinias und Ellops ausgeliefert ist. Ihn selbst einer solchen Beziehungsgestaltung zu bezichtigen, stellt eine glatte „Verkehrung ins Gegenteil“ dar.

Gier nach Echo oder
Ablehnung von Echo?

Ein „Narzisst“ zeichne sich durch ein „Streben nach Echo“ (S. 64) bzw. sogar eine „Gier nach Echo“ (S. 85) aus. Es stört Asper nicht, dass dies – übertragen auf den Mythos – blanker Unsinn, eine reine Verkehrung ins Gegenteil ist: Narziss möchte mit Echo nun einmal – für mich gut nachvollziehbar – nichts zu tun haben! Genau das macht Asper dem schönen Jüngling aus dem Mythos dann ebenso zum Vorwurf: er sei unfähig, „echtes Echo … anzunehmen“ (S. 99). Einerseits also „Streben nach Echo“ oder „Gier nach Echo“, andererseits die „Unfähigkeit, echtes Echo anzunehmen“. Und diese krasse Widersprüchlichkeit fällt der Autorin selbst nicht einmal auf.

Hätte Narziss sich nun also auf Echo eingelassen, so hätte Asper wohl gesagt: „Ja, typisch Narzisst! Immer diese Gier nach Echo!“ Da er sich aber nicht auf Echo einlässt, heißt es stattdessen: „Ja, typisch Narzisst! Er kann sich nicht mal auf Echo einlassen!“ Egal, was er macht – er macht es verkehrt.

Im Detail

Noch einmal die gerade erwähnte Stelle (S. 99f) im Detail:

„Die mangelnde Beziehungsfähigkeit zu einem Du zeigt sich ebenfalls im Narzissus-Mythus. Der schöne Jüngling ist von ‘sprödester Härte’ (354). Obgleich er Sehnsucht und Liebe bei anderen erweckt [bei Echo, Ameinias und Ellops! K.S.], kann er nicht lieben, kennt er kein Du. Selbst mit der Nymphe Echo kommt es zu keiner Beziehung, wie Echo sich nähert, ruft er: ‘(…)Fort! mit den Händen und Armen! Eher würde ich sterben’ (390/1). Echo, Bewunderung ersehnt sich der narzißtische Mensch und ist bereit, dafür manchen Kompromiß einzugehen. Im Gedicht Ovids jedoch kann Narzissus nicht einmal Echo lieben. Dies weist auf die tiefliegende Unfähigkeit (nicht im moralischen Sinne gemeint!) narzißtisch beeinträchtigter Menschen hin, echtes Echo, wahre Anerkennung wirklich auch auf emotionaler Ebene anzunehmen“.

Von Liebe kann doch bei Echo gar keine Rede sein. Sie ist auf der Suche nach jemandem, dem sie wortwörtlich nachplappern kann. Wenn sie Narziss wirklich lieben würde, dann würde sie ihn mit ihrem hohlen Geschwätz verschonen. Und auf Seiten des Narziss zeigt sich keine „mangelnde Beziehungsfähigkeit“, sondern er kann mit Echo gar keine Liebesbeziehung eingehen: Sie ist kein richtiges Gegenüber, kein Du, sie ist halt nur Echo. Es fiele Narziss nicht im Traum ein, Echo zu „ersehnen“ oder „auf emotionaler Ebene annehmen“ zu wollen. Er will – völlig zu recht – mit dieser „hohlen Tussi“ nichts, aber auch gar nichts, zu tun haben. Basta.

Nicht schwul? Wieso das denn?

Genauso bei den Beziehungs-Anliegen von Ameinias und Ellops. Wenn die beiden ihn wirklich „lieben“ würden, dann würden sie ihn nicht bedrängen. Dabei ist sich Asper (S. 94) bewusst, dass Narziss – unter Bezug auf Ovid – auch bei „Jünglingen“ „Sehnsucht erregt“. Gleichzeitig übernimmt sie unkritisch die von Ovid (ironisch) vorgetragene Einschätzung des Narziss: „sprödeste Härte“. Diese angebliche Sprödigkeit ist lediglich das, was die Abgewiesenen ihm beleidigt unterstellen. Um Ameinias und Ellops lieben zu können, müsste er jedoch homosexuell veranlagt sein – was er offenbar nicht ist. Na und?

Und dann: „echtes Echo“ – das ist zwar eine schöne Alliteration, aber ansonsten genauso unsinnig, als würde man von einer „echten Kopie“ reden. An einem Echo ist eben – wie an einer Kopie – nichts „Echtes“. Das liegt in der Natur der Sache.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Asper scheint sich in ihrem Buch einzig auf Ovid als Quelle für den Mythos zu beziehen. Wieseler, die Quelle für Freuds Schüler Otto Rank, erwähnt sie nicht. Sie weiß offenbar nichts von der Sehnsucht nach der Zwillingsschwester bzw. nach Vater und Mutter. Ebensowenig erwähnt sie Ellops und Ameinias.

Begriffsgeschichte

Nur sehr knapp geht sie in ihrem Buch (S. 84f) auf die Begriffsgeschichte ein, spricht von Näcke, aber nicht von Ellis. Bei ihr bleibt das große und groteske Durcheinander bei der Entstehung des Begriffes völlig im Dunkeln.

 

Literatur:

Asper, Kathrin (1994): Verlassenheit und Selbstentfremdung. Neue Zugänge zum therapeutischen Verständnis. München, dtv

 

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