Behary, Wendy (2009) und Narziss bzw. Narzissmus

Der ‚Feind‘ an Ihrer Seite

In diesem Buch (Untertitel: Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern überleben und wachsen können) will Behary ihrem Publikum die Gegenwehr gegen egozentrische Menschen nahe bringen. So weit – so gut. Sie bezieht sich hier auf das Konzept von Narzissmus – und beweist dabei ein völliges Missverständnis gegenüber der (fiktiven) Lebensgeschichte des Narziss. Der griechische Jüngling wird unter anderem von Menschen, die ihm unsympathisch sind, bedrängt. Behary beteiligt sich nun unbeschwert an der klassischen In-Schutz-Nahme der TäterInnen. Das Ergebnis ist eine radikale Opfer-Täter-Umkehr. Diese Verständnislosigkeit verheißt für Beharys Umgang mit realen Lebensgeschichten nichts Gutes. Mit ihrem Narzissten-Test verstärkt sie nur die Verwirrung um das ohnehin schon unklare Ursprungs-Konzept von „Narzissmus“.

Arbeit mit Narzissten

Wendy Behary verbindet mit einem Narzissten in ihrem Buch kein sehr freundliches Bild (S. 28):

„Durch meine mehr als zwanzigjährige Erfahrung in der Arbeit mit Narzissten habe ich gelernt, dass im Bereich der Psychotherapie kaum etwas schwieriger ist, als diese Menschen zu behandeln. … Obwohl diese Menschen ‚gut beieinander‘ und selbstsicher wirken, und dabei manchmal auch liebenswürdig witzig, können sie Ihnen unglaublich schnell, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, den Teppich unter den Füßen wegziehen und Sie auf Langeweile, Tränen, Sorgen oder Enttäuschung reduzieren ohne auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen. Diese Menschen nennen wir Narzissten.“

Der Narzissten-Test …

Behary will uns einen Test zur Entlarvung von NarzisstInnen zur Verfügung stellen. Entsprechende Personen aus dem eigenen Umfeld müssen mindestens 10 der aufgelisteten 13 Merkmale erfüllen, um die Kriterien für einen „offen dysfunktionalen Narzissmus“ zu erfüllen:

1. egozentrisch (handelt, als würde sich alles nur um ihn bzw. sie drehen)
2. anspruchsvoll (stellt die Regeln auf, verstößt aber selbst dagegen)
3. erniedrigend (setzt Sie herab, verhält sich tyrannisch)
4. fordernd (bezogen auf alles, was er/sie will)
5. mißtrauisch (zweifelt an Ihren Motiven, wenn Sie nett zu ihm sind)
6. perfektionistisch (starre, hohe Ansprüche – entweder so, wie er es will, oder nicht)
7. snobistisch (glaubt, Ihnen und anderen überlegen zu sein; fühlt sich schnell gelangweilt)
8. Anerkennung heischend (sehnt sich ständig nach Lob und Anerkennung)
9. Mangel an Empathie (ist nicht daran interessiert oder nicht in der Lage, Ihre inneren Erlebnisse zu verstehen)
10. ohne Reue (kann nicht aufrichtig um Entschuldigung bitten)
11. zwanghaft (verstrickt sich zu stark in Details)
12. süchtig (kann schlechte Gewohnheiten nicht ablegen; benutzt sie, um sich selbst zu beruhigen)
13. emotional distanziert (meidet Gefühle)

Kein Zweifel, dass Menschen einzelne oder mehrere dieser aufgezählten Merkmale aufweisen können.

… und seine Auswertung

Allerdings erfüllt der Narziss aus dem Mythos exakt Null von diesen Punkten. Das ist jedoch für Behary kein Problem:

„Falls Sie weniger Punkte auf der Liste … markiert haben, haben Sie es vielleicht mit einem zwar anstrengenden, aber weniger unangenehmen Narzißten zu tun. Der Narzißmus manifestiert sich in einem Spektrum, das von gesundem Narzißmus am einen Ende bis zum offenem und verdecktem dysfunktionalem Narzißmus am andern reicht.“

Ein gesunder Narzisst – also beispielsweise der aus dem Mythos – darf auch ruhig 0 Punkte in diesem Narzissten-Test erzielen, kann aber durchaus ebenso ein „Narzisst“ sein. Er ist dann allerdings ein „weniger unangenehmer Narzißt“.

Der Mythos – nach Behary

Nachdem Behary uns mit ihrem höchst differenzierten Test und seinen breiten Auswertungsmöglichkeiten bekannt gemacht hat [Ironie!], erläutert sie ihr Verständnis von den theoretischen Hintergründen des Konzepts:

„Der Begriff ‚Narzissmus‘ stammt aus der griechischen Mythologie, in der es eine Geschichte über Narcissus gibt, dem es beschieden war, sich für alle Ewigkeit in sein Spiegelbild in einem Teich zu verlieben, weil er sich geweigert hatte, die Liebe der Nymphe Echo, einer jungen Bergnymphe, zu erhören.“

Verfälschungen, Auslassungen, Fehldeutungen

Für Behary reduziert sich der Mythos auf die Begegnung mit Echo und die Selbstverliebtheit. Dabei sei es dem Narziss halt „beschieden“ gewesen, sich „für alle Ewigkeit“ in sein Spiegelbild zu verlieben. Narziss guckt im Original jedoch nicht etwa in einen „Teich“ (= stehendes Gewässer, ohne Zu- und Abfluss), sondern in eine „Quelle“ (= ein lebendiges, fließendes Gewässer). Mit der „Ewigkeit“ des Verliebt-Seins in das Spiegelbild war es bei dem Original-Narziss dabei auch nicht so weit her. Sein quälendes Ende hatte sich ja schon kurz danach eingestellt.

Ebenso verschweigt Behary ihrem Publikum, dass dieses „Beschieden-Sein“ letztlich auf eine bezeichnende göttliche Bestrafung zurückgeht. Sie bewertet dabei sogleich Echos Ansinnen als „Liebe“ – dabei würde „Aufdringlichkeit“ meines Erachtens weitaus besser passen. Und sie unterschlägt, dass ja bei der von ihr verschwiegenen Bestrafung nicht nur das Schicksal der Echo, sondern auch der Suizid des aufdringlichen Ameinias zu Buche schlägt. (Diese Version wird am ausführlichsten von Konon erzählt. Bei Ovid, auf den sich Behary allein beruft, klingt diese Version jedoch deutlich an.)

Und schließlich hatten sich bei Ovid ja sogar ausdrücklich mehrere junge Frauen und Männer bei dem 16-Jährigen um eine Beziehung beworben. Wie hätte er denn allen gerecht werden sollen, ohne irgendjemanden zu enttäuschen? Hätte er sich abwechselnd auf sämtliche BewerberInnen jeweils für kurze Zeit einlassen sollen?

Unzulässige Rückschlüsse

Aus dem unverstandenen Bruchstück einer Erzählung schließt Behary unkritisch auf ein Gesamtbild der betroffenen Gestalt, das mit dieser keinerlei Zusammenhang zeigt:

„Narzissten sind oft völlig mit sich selbst beschäftigt und von dem Bedürfnis beherrscht, als perfekt zu erscheinen (anerkannt zu werden, angesehen zu sein oder den Neid anderer zu erregen), und sie sind kaum oder überhaupt nicht in der Lage, anderen Menschen zuzuhören, sich um sie zu kümmern oder ihre Bedürfnisse zu verstehen.“

Ziemlich sicher, dass Echo, Ameinias und Ellops diesen Vorwurf an Narziss sofort unterschreiben würden. Aber auf deren Beurteilung sollten wir uns jedoch nicht wirklich verlassen.

Die Moral der Geschicht‘ – nach Behary

Behary will ihre Analyse des Sterbens von Narziss in eine (abstruse) Moral umgewandelt sehen:

„Weil Narcissus sich nach dem Bild, das er im Teich gespiegelt sah, nur sehnen, es sich aber nie wirklich zu eigen machen konnte, welkte er schließlich dahin und verwandelte sich in eine Blume – eine wunderschöne Blume. Die bewegende Tragödie, die in diesem Mythos beschrieben wird, vermittelt uns die Moral, daß wahre Schönheit und Lieblichkeit erblühen, wenn die zwanghafte und übermäßige Selbstliebe erlischt.“

Die eigentliche Moral (meine Sicht)

Gemessen an der Realität dieser Geschichte hätte ich selbst das völlig anders formuliert: Die bewegende Tragödie, die in diesem Mythos beschrieben wird, vermittelt uns folgende Moral: Wahre Schönheit und Lieblichkeit können dort erblühen, wo mutiges und aufrichtiges Selbstbewusstsein sich keine Beziehung einfach aufdrängen lässt. Entsprechende Menschen bleiben selbst gegen zwanghafte und übermäßige Bestrafung standhaft – notfalls bis in den Tod –, anstatt sich feige dem fremden Begehren zu unterwerfen.

Wenn man in dieser Blume schon ein leuchtendes Mahnmal sehen will, dann doch dafür, in der eigenen Auswahl von Beziehungen standhaft zu bleiben und sich keine unerwünschten Beziehungen aufdrängen zu lassen. Sie ist ein Mahnmal dafür, niemals Menschen zu „bestrafen“, zu verleumden oder moralisch unter Druck zu setzen, weil sie sich gegenüber ungeliebten Beziehungsbewerberinnen und -bewerbern selbstbewusst und entschlossen abgegrenzt haben. Ihre Fähigkeit, sich nicht beliebig anderen auszuliefern, hat Vorbildcharakter!

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

In der Beschäftigung mit dem Mythos von Narziss ist Behary ganz auf Ovid reduziert, auf dessen Subtilität sie jedoch in keiner Weise eingeht. Vielmehr zeichnet sie sich durch eine unbefangene Neudichtung des Mythos aus.

Begriffsgeschichte

Für die verwirrende Begriffsgeschichte des „Narzissmus“ interessiert sich Behary nicht. Vielmehr stellt sie einen Narzissten-Test vor, mit dem sie das ohnehin schon unklare Ursprungs-Konzept nur noch sehr viel mehr verunklart.

Fazit

Behary hat sich auf die Fahnen geschrieben, Menschen vor dem „Feind an ihrer Seite“ zu beschützen. Für die Not des armen Narziss, der da so massiv zu einer Beziehung erpresst werden sollte, hat sie jedoch keinerlei Verständnis. Sie verkennt diese relativ übersichtliche fiktive (Lebens-)Geschichte vollkommen. Da wird sie auch reale Menschen mit ihren sehr viel komplexeren Geschichten und Nöten wohl weder wirklich verstehen, noch effektiv gegen Grenzüberschreitungen und Manipulation schützen können.

 

Literatur

Behary, Wendy (2009): Der ‚Feind‘ an Ihrer Seite. Wie Sie im Umgang mit Ego­zen­trikern überleben und wachsen kön­nen. (Originaltitel: Dis­ar­ming the Narcissist, 2008). Pader­born, Junfermann

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