Bonelli, Raphael (2016) und Narziss bzw. Narzissmus

Männlicher Narzissmus

Raphael Bonelli ist Facharzt für Psychiatrie, psychotherapeutische Medizin und Neurologie. In seinem Buch (Untertitel: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist) kommt er zu bezeichnenden Fehldeutungen und Missverständnissen gegenüber dem sympathischen Narziss und dessen übersichtlicher Geschichte. Seine mangelnde Feinfühligkeit für die Dynamik von Konflikten bei dieser (fiktiven) Lebensgeschichte lässt für seinen Umgang mit realen Menschen und ihren Problemen nicht viel Gutes ahnen. Aus seiner festen Treue zu Sigmund Freud und dessen Konzept macht er dabei keinen Hehl.

Unverstaubte Analyse

Bonelli offenbart bei seinem Einstieg ins Thema eine recht schnodderige Sicht:

„Der Narzissmusbegriff ist wie gesagt meistens theorieschwanger: Es ist vielen Autoren wichtiger, was ein psychiatrischer Promi vor hundert Jahren gesagt hat, als die verstaubte Theorie an die Forschungsergebnisse der letzten zwanzig Jahre anzupassen.“

Womöglich hofft er, sich um die Entstehungsbedingungen des Begriffs nicht mehr kümmern zu müssen, wenn er sich auf den angeblichen Fortschritt konzentriert. Dann wird der ganze Mythos irgendwann praktischerweise gar nicht mehr benötigt, womit sich auch jeder Blick auf die Entstehungsgeschichte erübrigt hätte. Dann zählen nur noch die unverstaubten Forschungsergebnisse von Bonelli und Co. So offenbar Bonellis Traum.

Der Ursprung des Elends: das Elternhaus

Bonelli setzt mit seiner Analyse des Narziss direkt bei dessen Elternhaus an und schließt – womöglich in Anlehnung an Hans-Joachim Maaz und/oder Reinhard Haller – auf eine „eine recht problematische Broken-Home-Situation“. Der Vater habe die vergewaltigt und sei „anschließend befriedigt weiter[gezogen]. Darüber hinaus spricht er von den „Ängste[n] der alleinerziehenden Mutter … mit einem bedrohlichen Horoskop konfrontiert“ – hatte sie doch den Seher Teiresias nach der Zukunft ihres Kindes befragt. Jedoch ist durch keine einzige antike Quelle belegt, dass Liriope tatsächlich eine alleinerziehende Mutter gewesen wäre. Vielmehr lassen die Texte eher auf ein gutes Verhältnis zu Vater und Mutter schließen.

Der Mythos – nach Bonelli: Finde den Fehler

Die Wahl des Liebesobjektes

Womöglich lehnt sich Bonelli in seinem Mythenverständnis stark an Maaz an, den er in seiner Literaturliste nennt. Er verkürzt die Geschichte vom Leben und Sterben des schönen Jünglings dabei aufs Äußerste:

„Schon im griechischen Mythos ist der begehrte Jüngling Narziss daran zugrunde gegangen, dass er als Mann die weibliche Liebe nicht erwidern konnte, sondern sich selbst – beziehungsweise sein Spiegelbild – zum Objekt seiner Liebe erwählt hatte.“

Ähnlich wie Haller – und vermutlich an ihn angelehnt, allerdings ohne ihn ausdrücklich zu zitieren – schreibt Bonelli:

„Die Mädchen schwärmen für ihn, die Burschen suchen seine Freundschaft (…).“

Und schließlich:

„Freud entdeckte, dass der Narzissmus seine Liebesfähigkeit dem Gegenüber vorenthält und an sich selbst vergeudet, so wie Narcissus sich der Liebe der armen Echo verweigert und sich in das eigene Spiegelbild verliebt.“

Wahl oder Qual?

Hat Narziss denn eine Wahl gehabt, sich zwischen Echo und seinem Spiegelbild zu entscheiden? Dass Nemesis den armen Narziss mit dieser tragischen Selbstliebe bestraft hat – und zwar bloß, weil er sich der Echo und dem Ameinias verweigert hatte -, das scheint Bonelli keiner Reflexion wert. Sein ganzes Mitleid – ins Altgriechische übersetzt: sympátheia – gilt der „armen“ Nymphe.

Echo als echte Liebe?
Liebe in der Form von Echo?

Und hat es denn auf Seiten von Echo tatsächlich irgendwelche Liebe gegeben, die Narziss hätte erwidern können? Wären die beiden – nach Bonellis rosiger Illusion – womöglich ein schönes Paar geworden, wenn sich Narziss bloß nicht so drangestellt hätte? Kaum anzunehmen. Echo ist mit ihrer Echolalie [= krankhafte Tendenz, in Gesprächen die letzten Worte des anderen zu wiederholen] für JEDE gesunde Beziehung ungeeignet. Das hat Narziss schnell erkannt.

Diagnose für einen Echo-Fan: „So ein Narzisst!“

Und anders gefragt: Hätte Bonelli gegen eine Begleiterin wie Echo denn gar nichts einzuwenden? Wie würde Bonelli mutmaßlich jemanden beurteilen, der sich in Echos Gesellschaft besonders wohl fühlt, weil dieser Jemand besonderen Wert darauf legt, ständig bestätigt zu werden? Vermutlich würde er doch – wie Haller und Co. – voller Inbrunst sagen: „So ein Narzisst!“

Narziss verweigert sich den Männern? – Na so was!

Ausdrücklich reduziert Bonelli hier den Mythos auf die – unbegrenzt verallgemeinerte – „weibliche Liebe“, die Narziss (angeblich) verschmäht habe. Er unterschlägt, dass in Ovids Fassung die jungen Männer („iuvenes“) den schönen Knaben SINNLICH begehrt haben (lat. „cupierunt“). An Fußball oder Skat dachte von denen jedenfalls keiner. Dass da also auch jede Menge männliche „Liebe” im Spiel war, die Narziss „nicht erwidern konnte” bzw. der er sich „verweigerte“, lässt Herr Bonelli lieber weg. Wieso denn bloß? Passt ihm das nicht so recht ins Konzept vom völlig beziehungsunfähigen Narziss?

Hohles Geplapper
oder Liebesgeständnis?

Bonelli schreibt:

„‚Er aber zeigte sich unberührbar und hartherzig, ließ niemand an sich heran und widerstand jeder Annäherung.‘ Dann näherte sich die süße Nymphe Echo. ‚Als sie Narcissus ihre Liebe gestand, wies er sie mit den Worten »Eher will ich sterben als dir gehören« schroff zurück.‘ Die Arme verging vor Liebeskummer, wurde menschenscheu, vereinsamte und entwickelte noch dazu eine Essstörung. (…) Narcissus wird daraufhin verflucht“.

Hier greift Bonelli bei seiner Mythen-Version auf Haller zurück, nennt jedoch die Quelle seiner Erkenntnis nicht. Haller wiederum orientiert sich anscheinend an Maaz, der seinerseits eine massiv verfälschte Version präsentiert. Wird nun weiterhin blind voneinander abgeschrieben und, nach dem Stille-Post-Prinzip, jeweils noch ein wenig weggelassen oder hinzufügt, dann setzt sich irgendwann ein völlig neuer Mythos durch, der ungefähr so lauten könnte:

„Narziss war ein garstiger Kerl, der eine total süße Nymphe schroff zurückwies, obwohl sie ihm nur ihre Liebe gestanden hatte. So ein Rüpel! Der armen Kleinen ging es danach total mies, so dass sie sogar eine krasse Essstörung entwickelte, an der sie schließlich starb. Und Narziss hat es nicht mal leidgetan!“

Bonelli in der Praxis

Die Datenbasis: Ferndiagnosen

Bonelli hat sich vorgenommen, uns über den männlichen Narzissmus aufzuklären. Von den insgesamt 23 Fällen, die er präsentiert, bleiben 19 „Narzissten“ übrig, die sich als Fallbeispiele für männlichen Narzissmus eignen. Von diesen 19 Fällen hat der Autor 10 noch nicht einmal selbst zu sehen bekommen. Er bezieht sein Wissen über sie allein aus den Aussagen von deren Ehefrauen oder Müttern. Das hält ihn aber nicht davon ab, Analysen über diese Männer zu erstellen.

Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass ich durchaus – auf der Grundlage von Hörensagen – über die Probleme anderer nachdenken kann, ohne sie persönlich je gesehen zu haben. Allerdings würde ich mir dann eine selbstkritische Reflexion der einseitigen Datenbasis wünschen.

Männliche Narzissten = notorische Fremdgänger?

Worauf ich aber hinauswill: 13 von diesen 19 „Narzissten“ zeichnen sich durch eine lockere Beziehungsmoral aus. Entweder sie haben ständig wechselnde Beziehungen oder aber sie haben durch eine oder mehrere markante Affären eine bestehende Beziehung zerstört. (In den übrigen 6 Fällen wurde das Liebesleben womöglich nur nicht eingehender thematisiert.)

Ein Fallbeispiel

Die Fakten

Herr H., 35, berichtet Herrn Bonelli ganz unschuldig: Neulich, als er aus der Dusche kam, habe seine Frau ihm beiläufig erzählt, sie hätte vor einigen Tagen mit einem Kollegen geknutscht. Er habe sie – mitten im Winter – in Unterwäsche vor die Tür gesetzt. Gegenüber seinem Psychiater Bonelli zeigt sich Herr H. erstaunt, dass ihn seine Gattin wegen des „eiskalten“ Rauswurfs angezeigt habe.

Bonelli kann ihm dann entlocken: In der Zeit, in der Herr H. im Bad war, sei eine SMS für ihn angekommen, die seine Frau gelesen habe. Darin habe sich eine Susi für den letzten Sex bedankt und eine Wiederholung gewünscht.

Auf Bonellis Hinweis, dass das Knutschen seiner Frau weitaus harmloser gewesen sei als sein eigenes Handeln, habe Herr H. empört geantwortet: „Aber Herr Doktor, ich bin doch ein Mann! Das ist ganz was anderes, das kann man nicht vergleichen (…)

[Dass die Erzählung von der Knutscherei mit dem Kollegen eine pfiffige Provokation der Frau in Reaktion auf die gelesene SMS gewesen sein könnte – ohne jeden realen Hintergrund – ist Bonelli keiner Reflexion wert. Er nimmt die Aussage von Herrn H. über seine Frau anscheinend kritiklos für bare Münze.]

Die Deutung

Bonellis Kommentar:

„Alfons H. ist wohlgemerkt keine vierzig, also kein aussterbender chauvinistischer Dinosaurier aus dem 20. Jahrhundert. Herr H. ist einfach Narzisst.“

Unklar, was Herr Bonelli hier eigentlich sagen will. Als wären die Machos im 21. Jahrhundert alle spontan ausgestorben. Und: „Herr H. ist wohlgemerkt keine vierzig“. Exakt. Er ist fünfunddreißig. Und was genau soll der Unterschied von fünf Jahren ausmachen?

Geradezu lustig aber ist das Folgende: Da hat Bonelli jemanden vor sich, der anscheinend – salopp gesagt – gerne wahllos vögelt, was ihm vors Rohr kommt. Und da „analysiert“ der „Herr Doktor“: „Herr H. ist einfach Narzisst.“ Das leuchtet ja auch sofort ein, oder? Der Mythos berichtet schließlich ausgiebig von dem sexsüchtigen Narziss, der sich von einer Affäre in die nächste stürzt! [Ironie!]

Sexsüchtiger Narziss oder narzisstischer Sexverächter?

Tatsächlich ist ein sexsüchtiger Narziss ein unauflösbarer Widerspruch. Jedoch bringt Bonelli – wie bereits erwähnt – in 13 seiner 19 „Analysen“ von „Narzissten“ deren Neigung zutage, sich auf beziehungsgefährdende Affären einzulassen. Es hat den Anschein, als wäre dies aus seiner Sicht geradezu ein zentrales Kriterium für „männlichen Narzissmus“.

Und andererseits wirft Bonelli dem mythologischen Narziss sogar vor, dass er sich „der Liebe der armen Echo verweigert“. Egal was Narziss wie macht – er macht’s verkehrt.

– Lässt er sich auf die Verführung der Echo nicht ein, dann heißt es: „Typisch Narzisst! Er verweigert sich Echos Liebe!“

– Ließe er sich auf Verführungen – zum Beispiel durch Echo – ein, so hieße es: „Typisch Narzisst! Ständig auf der Suche nach der nächsten Affäre!“

Das ist eine Zwickmühle, aus der auch Bonellis KlientInnen womöglich nicht rauskommen.

Bonelli und die „Affenliebe“

Verehrung für Prof. Dr. Freud

Bonelli schwärmt von seinem Lehrmeister:

„Sigmund Freud [hat] schon 1914 in seinem epochalen Werk Zur Einführung des Narzissmus mit brillanter Phänomenologie über die Affenliebe mancher Eltern [philosophiert] und sie in Bezug zum primären Narzissmus [ge]setzt“.

Bonellis „Affenliebe“

Dass Freud mit seiner Abhandlung über den Narzissmus epochale Gedanken in die Welt gesetzt habe, ist eine kühne Behauptung. Besonders fragwürdig ist jedoch Bonellis kritiklose Verwendung des Begriffs „Affenliebe“ (den Freud übrigens gar nicht gebraucht). Mit „Affenliebe“ wurde vor vielen Jahren die Fähigkeit von Eltern entwertet, ihre Kinder mal in den Arm zu nehmen und herzlich an sich zu drücken. In meiner Praxis höre ich immer wieder von KlientInnen, dass in deren Herkunftsfamilien niemals irgendeine Form von körperlicher Nähe existierte. Das haben die Betroffenen oft schmerzlich vermisst.

Bonelli zitiert aus dieser „brillanten Phänomenologie über die Affenliebe“ und schickt in Klammern voraus: „Originaltext zwecks besserer Lesbarkeit gekürzt“ – was aufhorchen lässt. Will Bonelli seiner LeserInnenschaft etwas vorenthalten? Bei Freud (1914, S.22) ist zu lesen, dass es bei solch „zärtlichen Eltern“ – im Wiederaufleben des eigenen, längst aufgegebenen Narzißmus“ – unter anderem darum gehe, „beim Kinde alle seine Mängel zu verdecken und zu vergessen“, worunter er sodann – von Bonelli verschwiegen! – die „kindliche Sexualität“ versteht. Schau an! Der große Freud mit seinen bahnbrechenden Werken und seiner brillanten Phänomenologie, der ständig über Sexualität spricht und sie in jede mögliche Regung hineindeutet: Für diesen „aufgeklärten“ Dr. Freud ist nun auch die „kindliche Sexualität“, also das unbefangene Umgehen des Kindes mit seinem Körper, ein verdeckungswürdiger „Mangel“. Und Bonelli möchte uns eben dies um der „besseren Lesbarkeit“ willen vorenthalten?

Derselbe Freud spricht beispielsweise im Jahr 1910 allen Ernstes über Sexualität als eine der gefährlichsten Betätigungen des Menschen.

Kritiklosigkeit

Zu jenen, die kritiklos auf den Pausanias-Fake-Mythos von Narziss hereingefallen sind, gehört auch Herr Bonelli:

„In anderen Versionen wiederum verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, worauf Narcissus durch die vermeintliche Erkenntnis, hässlich zu sein, stirbt.“

Hier ist mitzuerleben, wie auch Bonelli daran mitwirkt, die selbstbewusste Gestalt aus dem griechischen Mythos zur Witzfigur herabzuwürdigen.

Begriffsbewusstsein

Bonelli beschränkt sich bei seiner Mythenauswahl ganz auf die Ovid’sche Fassung bzw. den Pausanias-Fake-Mythos von Wikipedia. Er mildert das Begehren der jungen Männer zu kumpelhaften Freundschaftsanträgen ab. Die hartnäckigen Bewerber Ameinias und Ellops fallen bei ihm unter den Tisch. Genausowenig berichtet er von der Suche des Narziss nach Zwillingsschwester, Vater und Mutter.

Fazit

Bonelli scheut sich nicht, den stimmigen Mythos von Narziss hemmungslos zu verbiegen. Nur kurz und eher beiläufig geht er auf die Geschichte des Begriffes Narzissmus ein. Das ursprüngliche Durcheinander von Ellis und Näcke hat er wohl lieber rasch als „verstaubte Theorie“ beiseitegeschoben – so braucht er auch nicht den schon früh verkorksten Einstieg in das Konzept zu reflektieren, das mit Freuds (Fehl-)Leistungen erst recht bizarre Formen annimmt. Die gänzlich unverständlichen Brocken seines Lehrmeisters bejubelt Bonelli jedoch als epochales Werk – und hinterfragt es natürlich mit keiner einzigen Silbe.

Als Narzissmus-Analyse nicht zu gebrauchen. Und in der Praxis mit ziemlicher Sicherheit noch verständnisloser gegenüber den komplexeren, realen Lebensgeschichten, als gegenüber dem überschaubaren Mythos.

 

Literatur

Bonelli, Raphael M. (2016): Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. München, Kösel

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