Narziss in sieben Varianten

Aus der Übersicht des Mythos von Friedrich Wieseler lassen sich sieben Varianten ablesen.

Version 1 – Verlust der geliebten Zwillingsschwester

Pausanias (2. Jh., (n. Wieseler, S. 2f) erzählt uns zunächst die geläufigste Fassung vom Leben und Sterben des Narziss (hier: Version 4):

„Im Lande der Thespienser ist der sogenannte Donakon. Dort ist die Quelle des Narkissos, und man sagt, dass Narkissos in dieses Wasser geblickt habe, dass derselbe aber, nicht inne werdend, dass er seinen eigenen Schatten sehe, unvermerkt sich selbst geliebt habe, und dass ihm in Folge der Liebe bei der Quelle sein Ende geworden sei.“

Ein kritischer Kommentar

Für Pausanias selbst scheint diese Version jedoch ziemlich abwegig zu sein, denn er kommentiert:

„Das aber ist doch gar zu einfältig, daß einer in einem Alter, in dem er schon von Liebe ergriffen werden konnte, nicht einen wirklichen Menschen von einem Spiegelbild hätte unterscheiden können.“ [Pausanias: Reisen in Griechenland. Felix Eckstein und Peter C. Bol. Bd. 3: Delphoi. Bücher VIII-X. Düsseldorf u.a., Artemis & Winkler, 2001, S. 172.]

Die eigentliche Variante

Mir ist nicht ganz klar, warum Wieseler diesen Kommentar übergeht. Er schließt jedenfalls an der von ihm zuletzt zitierten Passage unmittelbar an:

„Es gibt aber noch eine andere Sage über ihn, die freilich weniger bekannt ist als die erstere, aber doch auch erzählt wird. Narkissos habe eine Zwillingsschwester gehabt, und wie ihr Aussehen im Übrigen durchaus gleich gewesen sei, so haben beide auch dasselbe Haar gehabt und haben sich ähnlich gekleidet und seien mit einander auch auf die Jagd gegangen. Narkissos aber sei in Liebe zu der Schwester entbrannt gewesen, und als das Mädchen gestorben, habe er, zu der Quelle gehend, allerdings das Bewußtsein gehabt, dass er seinen eigenen Schatten [= Spiegelbild; K.S.] sehe, dieses sei ihm aber auch bei dem Bewußtsein eine Erleichterung der Liebe gewesen, insofern er nicht seinen eigenen Schatten, sondern ein Bild seiner Schwester zu sehen wähnte.“

Diese Variante mit der Zwillingsschwester ist für mich besonders markant. Wenn sich Geschwister seit dem Mutterleib kennen, dann haben sie oft eine lebenslange intensive Bindung. Der Tod eines Zwillings ist deshalb für den am Leben bleibenden anderen in der Regel mit besonders großem Schmerz verbunden.

Version 2 – Verlust des Vaters

Aus unbekannter Quelle (n. Wieseler, S. 5):

„Ein Römischer Dichter leitet den Umstand, dass Narkissos sich im Wasser erblickte, daher ab, dass dieser, der als Sohn eines Flussgottes die Quellen hoch gehalten, seinen Vater im Wasser gesucht habe. Ein anderer führt, ohne von dem Letzteren zu wissen, nur sein stetes Umherschweifen in den Wäldern und seine Liebe zu den heiligen Quellen in ihnen als Grund dafür an.“

Version 3 – Verlust der Mutter

Vibius Sequester (4./5. Jh.) berichtet (n. Wieseler, S.5), dass die Quelle, in der Narkissos sich erblickte, Liriope geheißen habe – wie seine Mutter.

Version 4 – Verlust von sich selbst

Ovid beschreibt ausführlich, wie Narziss an seinem eigenen Spiegelbild im Wasser Gefallen findet und es festzuhalten versucht, zum Beispiel (Ovid, III, 427ff):

„O wie oft hat umsonst er geküsst die trügende Quelle,
seine Arme wie oft, um den Hals, den er sah, zu erhaschen,
mitten ins Wasser getaucht, doch sich selber darin nicht ergriffen!
Er weiß nicht, was er sieht, doch was er da sieht, das entflammt ihn,
und derselbe Irrtum, er reizt seine Augen und täuscht sie.“

Narziss will also verzweifelt sich selbst festhalten. Das soll wohl bedeuten, dass er sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst ist und daran leidet. Diese Interpretation wird noch durch Schönheit und Jugend des Narziss, seine prägnanten Merkmale. unterstrichen. Deren Vergänglichkeit wird auch heute noch oft genug beklagt. Die Unaufhaltbarkeit des verrinnenden Lebens und das mögliche Verzweifeln daran sind hier schön symbolisiert.

Deutung der ersten 4 Varianten

Für die Zwillingsschwester ist es ausdrücklich beschrieben. Auch für seine Eltern soll es wohl angedeutet sein. Narziss sucht sie. Er hat sie also offenbar verloren, vielleicht an den Tod. In diesem Zusammenhang wird von seiner „Liebe zu den heiligen Quellen“ gesprochen. Dass er als Sohn einer Quellnymphe und eines Flussgottes bei der Suche nach seinen Eltern mal einen Blick in eine Quelle wirft, ist naheliegend. Das Gesicht, das ihm dabei entgegensieht, könnte ihn an den Vater oder die Mutter erinnern. Kinder sehen oft genug einem ihrer Elternteile besonders ähnlich. Der verzweifelte und ergebnislose Griff ins Wasser nach dem Spiegelbild symbolisiert: Narziss will vergeblich seine geliebten Angehörigen festhalten wie natürlich auch sich selbst. Ein Anliegen, an dem wir alle scheitern müssten.

Version 5 – Narziss und Echo

Die Nymphe Echo kann – wie ihr Name verrät – nur anderen nachplappern. Sie hat sich plötzlich in Narziss verliebt und verfolgt ihn. Narziss ist zu diesem Zeitpunkt gerade mit Freunden im Wald auf der Jagd. Er ruft nach ihnen, weil er sie auf einmal aus den Augen verloren hat. Durch das Echo von Echo wird er getäuscht: Er glaubt, seine Kameraden zu hören.

Dieser Monolog mit Echo verläuft ungefähr so:

Narziss:    Ist denn jemand hier?
Echo:          … hier
N:                Komm!
E:                 … komm!
N:                Was fliehst du vor mir?
E:                 Was fliehst du vor mir?
N:                So wollen wir hier uns vereinen!
E:                  … uns vereinen! (lateinisch: „coeamus“)
[Echo wirft sich dem Narziss an den Hals.]
N:                Ich sterbe eher, als dir ich gehöre!
E:                 … dir ich gehöre!

Ein wenig Latein

Narziss äußert seinen Wunsch nach einem Zusammenkommen mit seinen Freunden, deren stimmen er zu vernehmen glaubt. Hingegen ist das „coeamus“ der Echo – von „coire“ = zusammenkommen – hier durchaus im Sinne von „Coitus“ zu verstehen. Echo bietet Narziss also an, mit ihr auf der Stelle Sex zu haben. Das unterstreicht sie durch ihre körperliche Annäherung. Narziss wird sofort deutlich, worauf es hinauslaufen soll. Niemand kann ihm wohl wirklich verübeln, dass er solch ein Angebot ausschlägft. Mit dieser hohlen Tussi will Narziss überhaupt nichts zu tun haben. Völlig zu recht. Er lässt sich noch nicht einmal auf eine sexuelle Affäre mit ihr ein. Darin sehe ich einen Beleg für seine Beziehungsfähigkeit.

Beleidigtsein kann auch als Waffe dienen

Echo zieht sich nun beleidigt zurück. Sie steigert sioch so sehr in ihre Enttäuschung hinein, dass sie eine schwere Essstörung entwickelt – bis am Ende ihr ganzer Körper zergeht. Womöglich will sie damit bei Narziss Schuldgefühle auslösen. Dadurch hat sie vielleicht die Hoffnung auf ein Echo: „Wenn es mir schon so schlecht geht, dann soll es dir auch schlecht gehen. Du sollst wenigstens Schuldgefühle haben!“ Echo erträgt die selbstbewusste Reaktion des Narziss nicht. Sie ist es also, die sich hier als egozentrisch und beziehungsunfähig erweist – nicht Narziss.

Narziss lässt sich jedoch von Echos Beleidigtsein nicht beeindrucken oder umstimmen. Er bleibt unmissverständlich bei seiner Ablehnung. Trotzdem fällt er am Ende ihrer Schuldgefühl-Strategie zum Opfer. Denn ihm wird nun von der „Göttin von Rhamnus“ (= Nemesis) die Verantwortung für das Siechtum von Echo zugeschoben. Sie nimmt die Bestrafung in ihre Hand und verhext den Narziss. Daraufhin muss er sich in sein eigenes Spiegelbild verlieben.

Version 6 – Narziss und Ameinias

Konon (1. Jh.) erzählt (n. Wieseler, S.2):

„In Thespeia in Böotien lebte Narkissos, ein sehr schöner Knabe und Verächter des Liebesgottes sowie der Liebhaber. Die anderen Liebhaber nun gaben ihr Lieben auf; aber Ameinias blieb beharrlich und bat inständigst. Als jener ihn aber nicht annahm, sondern ihm sogar ein Schwert schickte, entleibte er sich vor der Thür des Narkissos, nachdem er den Gott oftmals angefleht hatte, ihm Rächer zu werden. Narkissos aber, nachdem er sein Gesicht und seine Gestalt an einer Quelle mit Ähnlichkeit im Wasser erscheinend erblickt hat, wird allein und in seltsamer Weise sein Liebhaber. Endlich entleibt er, rath- und hülflos, und dafür haltend, dass er gerecht leide für seinen Übermuth in Betreff der Liebesneigung des Ameinias, sich selbst. Und seitdem haben die Thespienser beschlossen, den Liebesgott mehr zu verehren und ihm ausser dem gemeinschaftlichen Dienste auch ein Jeder für sich Opfer darzubringen.“

Ameinias meldet seine Beziehungsbedürfnisse „beharrlich“ bei Narziss an. Seinen Liebeswunsch hält er – wie Echo – anscheinend für unabweisbar. Der 16-jährige Narziss ist aber womöglich generell nicht homosexuell veranlagt. Oder er hat an Ameinias einfach kein Gefallen. Jedenfalls geht ihm die Aufdringlichkeit des Bewerbers arg auf die Nerven. So schickt er ihm ein Schwert. Mit diesem Schwert setzt Ameinias dann demonstratriv seinen Selbstmord in Szene. Im Sterben fleht er um Rache.

Die Sache mit dem Schwert

In der griechischen Kultur gab es die Knabenliebe. Sie war Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens jener Kultur – eine Art Initiationsritual. Ein erwachsener Krieger musste einen Jugendlichen ins Kriegshandwerk einführen. Dazu wurden die Knaben nach einem festen Ritus der Obhut eines Kriegers übergeben. Der ältere Krieger machte zuvor dem Jugendlichen ein Geschenk in Form militärischer Ausrüstung. Der Jugendliche konnte jedoch auch den Bewerber ablehnen. Er musste dafür nur das Geschenk zurückweisen. Narziss macht das. Er lehnt eine engeren Beziehung zu Ameinias ab. Er schickt ihm sein Schwert zurück – und hält sich dabei an den gängigen Kodex. Ameinias will das aber nicht wahrhaben. Er erweist sich damit hier als egozentrisch und beziehungsunfähig – nicht Narziss.

Strafe muss sein?

Zuvor hatte bereits Echo ihr Gekränktsein zur Schau gestellt. Bei Ovid rächt nun die Göttin Nemesis die beiden Frustrierten. In deren Augen hat Narziss sie beide „kalt­her­zig“ zurückgewiesen. Deshalb bestraft Nemesis jetzt den armen Narziss mit unerfüllbarer Selbstliebe, an der er dann stirbt. Sein Tod ist bei Ovid also die Konsequenz göttlicher Bestrafung.

Hat Ovid das wirklich ernst gemeint? Hält er die Bestrafung des Narziss wirklich für erforderlich? Ich glaube: Nein! Eine nähere Beschäftigung mit dem antiken römischen Autor zeigt: Das war ironisch gemeint! Niemals hätte Narziss für sein Verhalten tatsächlich eine Bestrafung verdient!

Version 7 – Narziss und Ellops

Von Probus (1. Jh.) bzw. Pomponius Sabinus (1. Jh.) ist die letzte Variante überliefert, die Wieseler folgendermaßen referiert (S.6f):

„Ganz abweichend dagegen ist folgende Nachricht des Grammatikers Probus: ‚Die Blume Narkissos hat, wie Asklepiades berichtet, ihren Namen von Narkissos, dem Sohne des Amarynthos (…) nachdem er von dem Ellops.(?) getödtet war, brachte er aus seinem Blute die Blumen hervor, welche seinen Namen tragen.’ (…) Endlich scheint auch in der Sage bei Probus, nach dem Zusatze des Pomponius Sabinus, dass der Mörder des Narkissos ein Liebhaber desselben gewesen, zu schliessen, der Tod des Jünglings als Folge verschmähter Liebe gefasst zu sein.“

Wieseler hält diese Version für „ganz abweichend“. Für mich unterstreicht sie jedoch nur die Logik der Geschichte aus Version 5 und 6. Mit Ellops will Narziss – wie auch bei Echo und Ameinias – keine Beziehung eingehen. Das ist sein gutes Recht. Daraufhin bringt jedoch Ellops den Narziss um – eine klassische Beziehungstat“. Auch hier ist es eindeutig: Ellops verhält sich in dieser Situation egozentrisch und beziehungsunfähig – nicht Narziss.

Deutung der letzten drei Varianten

Demonstrativ üben Echo und Ameinias psychischen Druck auf Narziss aus. Nemesis mischt sich deshalb ein und verhängt eine tödliche Bestrafung über Narziss. Ellops hingegen bringt Narziss eigenhändig um sein Leben. Die Abgewiesenen bestrafen die selbstbewusste Abgrenzung von Narziss mit psychischer oder körperlicher Gewalt. Hieraus wird deutlich: Echo, Ameinias und Ellops sind offenbar von Fantasien über ihre Einmaligkeit und Unwiderstehlichkeit beherrscht. Sie sind es, die ihre Erwartungen automatisch erfüllt sehen wollen. Sie sind es, die sich egozentrisch, kalt, unempathisch, manipulativ, vereinnahmend und/oder gewalttätig-dominant verhalten. Neudeutsch würde man ihr Verhalten wohl „narzisstisch“ nennen.

Weil Narziss sich ihnen nicht unterwirft und anpasst, zieht er sich ihre ganze Wut zu.

In meiner Praxis höre ich immer wieder von entsprechenden Begebenheiten. Für meine Klientinnen und Klienten waren ähnliche Erfahrungen oft genug der Ausgangspunkt ihres Leidens.

Und die Moral von der Geschicht‘: …

Die zwei Variantenklassen zum Leben und Sterben des jungen Narziss scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu sein. Sie bilden jedoch die zwei Seiten ein und derselben Medaille ab. Die gesamte Medaille beschreibt die zwei Möglichkeiten, an sozialen Beziehungen zu leiden. Seite A zeigt das Leiden am Verlust geliebter Menschen durch den Tod (Zwillingsschwester, Vater, Mutter, das eigene Selbst). Seite B zeigt das Leiden an der Aufdringlichkeit ungeliebter Menschen, die auf eine Zurückweisung mit der Vermittlung von Schuldgefühlen oder mit blanker Gewalt reagieren (Echo, Ameinias, Ellops).

Der Mythos erzählt von dieser zweifachen Traumatisierung des Narziss. Der schöne Jüngling ist in beiden Klassen sozial eingebunden und mit gesundem Selbst-Bewusstsein ausgestattet. Er erfährt allerdings durch das Schicksal oder die Gewalt von anderen großes Leid. Das gehört – bis heute! – leider zu menschlichen Grunderfahrungen.

Eigentlich ganz einfach. Oder?

 

Literatur:

Orlowsky, Ursula & Rebekka Orlowsky (1992): Narziß und Narzißmus im Spiegel von Literatur, Bil­den­der Kunst und Psychoanalyse. München, Wilhelm Fink

Ovid (2018): Meta­mor­phosen. Herausgegeben und über­setzt von Niklas Holzberg. Reihe: Sammlung Tusculum. Berlin, Verlag De Gruyter

Pausanias (2001): Reisen in Griechenland. Auf­grund der kommentierten Übers. von Ernst Meyer hrsg. Von Felix Eckstein und Peter C. Bol. Bd. 3: Delphoi. Bücher VIII-X. Düsseldorf u.a., Artemis & Winkler

Renger, Almut-Barbara (Hg.) (1999): Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig, Reclam

Wieseler, Friedrich (1856): Narkissos. Eine kunst­my­thologische Abhandlung nebst einem Anhang über die Narcissen und ihre Beziehung im Leben, Mythos und Cultus der Griechen. Göttingen, Die­terich

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