Hier eine Liste derjenigen Personen, die auf den Wikipedia-Pausanias-Fake-Mythos kritiklos hereingefallen sind. Die entsprechenden Textpassagen sind weiter unten ausführlich zitiert.

  1. Friedhelm Schneidewind (2006), freiberuflicher Autor, Journalist, Verleger, Musiker und Dozent
  2. Klaus Schmeh (2007), Informatiker und Sachbuchautor
  3. Miriam Meckel (2011), Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen
  4. Siegfried Saerberg (2011), Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg
  5. Hans-Joachim Maaz (2012), ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale), langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT)
  6. Rudi Roozen (2012), österreichischer Bergführer und Teilnehmer wissenschaftlich/medizinischer Expeditionen
  7. Hilmar Klute (2012), Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor
  8. Ingo Weyland (2012), Dr. med. und Betreiber einer Webseite
  9. Ulrich B. Wagner (2014), geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm)
  10. Jochen Peichl (2015), Leiter des Institutes für hypno-analytische Teiletherapie (InHAT) in Nürnberg
  11. Christa Holtei (2015), Schriftstellerin und Übersetzerin aus Düsseldorf
  12. Constantin Rauer (2015), Habilitant am Institut für Philosophie der Universität Tübingen
  13. Raphael Bonelli (2016), Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychosomatische Medizin und Autor
  14. Antonius Weixler (2016), Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal
  15. Christhard Rüdiger (2016), Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche für den Bezirk Dresden (auf Hinweis von Wikipedia-Autor „Mautpreller“)
  16. Joachim Mohr (2016), seit 1993 Redakteur beim SPIEGEL (Ressort Innenpolitik, Geschichte), Autor und Herausgeber mehrerer Bücher
  17. Emanuel Jauk, Mathias Benedek , Karl Koschutnig, Gayannée Kedia & Aljoscha C. Neubauer (2017), Arbeitsgruppe am Lehrstuhl des Professors für Differentielle Psychologie an der Universität Graz, Prof. Aljoscha C. Neubauer, und Verfasser einer Studie (auf Hinweis von Wikipedia-Autor „Mautpreller“)
  18. Anita Zolles (2017), Autorin für ORF-Science
  19. Kathrin Schmitt (2017), Kommunikationsmanagerin der Heiligenfeld Kliniken
  20. Olaf Zechlin (2017), Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Freisenbruch-Horst-Eiberg
  21. Der Wassermann-BLOG (2017)
  22. Florian Müller (2017), Journalist für die FAZ
  23. Reinhard Haller (2017), Professor für Psychiatrie, Gerichtsgutachter und Autor
  24. Mahret Ifeoma Kupka (2017), Kunstwissenschaftlerin und Autorin, seit 2013 Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main
  25. Christian Luber (2018), nach Ausbildung zum Bankkaufmann in verschiedenen Bereichen fortgebildet
  26. Florian Stark (2019), Journalist für die WELT
  27. Josef Pfleger (2020), Betreiber eines Pressebüros in Horn (AT)
  28. Mario Lochner (2020), Redakteur bei Focus Money
  29. Florian Teichmann (o.J.), diplomierter Künstler (Malerei)
  30. Michael Ermann (2020), emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Autor und Lehranalytiker

In manchen dieser Texte wird der Pausanias-Fake-Mythos von Narziss zur zentralen Erzählung von Narziss erhoben. Dabei wird in aller Regel die Quelle der Erkenntnis verschwiegen. Teilweise wird so getan als ob der Verweis auf Pausanias die Herkunft dieser unsinnigen Geschichte ausreichend erklären würde. Auf Wikipedia nimmt niemand ausdrücklich Bezug. Mahret Kupka versieht sogar die angegebene Pausanias-Stelle – anders als Wikipedia – mit einer genauen bibliografischen Angabe. (Wollte sie ihrem Zitat damit einen Anstrich von Seriosität verleihen?) Hätte sie dort tatsächlich nachgelesen, sie hätte den Irrtum bemerken müssen.

Oftmals wird eine stilistische Besonderheit des Textes übernommen: „Eines Tages setzte sich Narziss an DEN See …”. Würde man an dieser Stelle nachfragen, um welchen See genau es sich denn gehandelt hat, dann könnte man den Irrtum schnell erkennen.

Das Besondere an diesem Fake-Mythos ist insgesamt: Es wäre ein Leichtes, ihn zu enttarnen, wenn nur an der entsprechenden Pausanias-Stelle nachgesehen worden wäre. Das ist jedoch nicht passiert.

Friedhelm Schneidewind (2006)

Friedhelm Schneidewind, freiberuflicher Autor, Journalist, Verleger, Musiker und Dozent, schreibt in „Vom Wasserbild zum Spiegeltor oder: Hindurch und dahinter. Reflexionen über Spiegel in der phantastischen Literatur von Narziss bis Harry Potter“ am 11. Mai 2006:

„Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild im Wasser und verzehrte sich entweder danach und starb deshalb – oder er brachte sich um; letzteres nach Pausanias, weil ein ins Wasser fallendes Blatt sein Spiegelbild trübte und er zum Schluss kam, er sei hässlich geworden. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt. Wie die meisten antiken Helden zeichnet sich Narziss, wie wir sehen, nicht gerade durch intellektuelle Glanzleistungen aus. Seine Geschichte aber war eine der meist erzählten und dargestellten der Antike.“

Friedhelm Schneidewind ist chronologisch der erste auf meiner Liste von Menschen, die auf „Georgios“ reingefallen sind – und zeichnet sich damit selbst „nicht gerade durch intellektuelle Glanzleistungen“ aus.

Klaus Schmeh (2007)

Klaus Schmeh, Informatiker und Sachbuchautor, schreibt:

„Der Sohn des Flussgottes Kephissos und einer Nymphe war von außerordentlicher Schönheit und fand selbst großen Gefallen an seinem Äußeren. Dies ging so weit, das Narziss sich mit der Zeit in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Als er sich eines Tages wieder einmal an einen See setzte, um seinen gespiegelten Anblick zu betrachten, fiel ein Blatt ins Wasser. Die dadurch entstandenen Wellen trübten das makellose Bild und verleiteten Narziss zu der Einschätzung, er sei auf einmal hässlich geworden. Dies schockierte den schönen Sagenhelden so sehr, dass er vor Schreck starb. Nach seinem Tod verwandelte er sich in eine Blume, die seither Narzisse genannt wird.“

Auf die Angabe, wo er diese Weisheit aufgeschnappt hat, verzichtet Schmeh vorsichtshalber. Den Unsinn von „Georgios” macht er quasi zum zentralen Inhalt des Narziss-Mythos.

Miriam Meckel (2011)

Miriam Meckel, ordentliche Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen, verfasst für den SPIEGEL Nr. 38, 2011, den Beitrag „Weltkurzsichtigkeit“, der in der Kategorie Bester Essay für den Deutschen Reporterpreis 2011 nominiert war. Meckel schreibt darin:

„Wie der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos genau ums Leben kam, verrät die griechische Mythologie nicht. Es gibt drei Versionen. (…)

Die andere sagt, er starb, nachdem ein herabfallendes Blatt sein Spiegelbild im Wasser verzerrt hatte und er plötzlich erkannte, dass er hässlich war.“

Meckel ihrerseits verrät uns nicht, woher diese Variante stammt, die sie uns zum Besten gibt.

Siegfried Saerberg (2011)

Siegfried Saerberg, Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Rauhes Haus, in Hamburg, schreibt:

„Eine Variante berichtet, dass der in sein Spiegelbild vernarrte Narziss durch göttlichen Willen bestraft wird. Ein Blatt fällt ins Wasser und durch die aufkreisenden Wellen wird sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner zerstörten Schönheit stirbt Narziss.“

Eine belastbare antike Quelle für diese Denunzierung des Narziss führt Saerberg hier nicht an.

Hans-Joachim Maaz (2012)

Bei Hans-Joachim Maaz, dem ehemaligen Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale), dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT) und dem aktuellen Vorsitzenden des Choriner Instituts für Tiefenpsychologie und psychosoziale Prävention (CIT), lesen wir:

„Wie der Seher vorausgesagt hat, kommt Narziss im Prozess der Selbsterkenntnis zu Tode. (…)

Bei Pausanias fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser und verzerrt das eigene Spiegelbild.“

Diese Darstellung – ausführlicher hier besprochen – fließt dann ein in das, was Maaz als die „wesentlichen Inhalte und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ auflistet, neben anderem auch „Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes“. Auch hierzu finden sich keinerlei Quellenangabe.

Rudi Roozen (2012)

Rudi Roozen, österreichischer Bergführer und Teilnehmer wissenschaftlich/medizinischer Expeditionen, schreibt am 18. April 2012 über Die Narzisse mit ein wenig Geschichte“:

„Dafür wurde er [Narziss] von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dadurch bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich die Vorhersage des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. Eines Tages setzte Narziss sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die so erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich (wegen der Wellen, die sein Spiegelbild verzerrten), starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7).“

Hilmar Klute (2012)

Hilmar Klute, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor, lässt sich über Narziss vernehmen:

„Narziss verliebte sich in sein eigenes Antlitz, das er in einem See gespiegelt sah. Nun gibt es unterschiedliche Versionen, wie Narzissos an dieser Liebe zugrunde ging. … Eine andere Lesart sieht vor, dass Narziss den Anblick seines Konterfeis im Spiegel des Gewässers sehr wohl genoss ud sich durchaus eine Zukunft mit sich selbst hätte vorstellen können. Dann aber löste sich ein Blatt vom Baum, fiel in den See und erzeugte die bekannten Wellen, welche das glatte Antlitz des Göttersohns derart verzerrten, dass dieser davon ausging, plötzlich hässlich geworden zu sein. Auch diese Erkenntnis führte zum Messertod aus eigener Hand.“

So weit, so Klute.

Ingo Weyland (2012)

Dr. med. Ingo Weyland schreibt auf seiner Webseite „Krankheit kränkt.“

„Der Sage nach wies der vielfach Umworbene auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich das Dictum des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. Eines Tages setzte er sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – geschockt von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7). Dies ist das klassische Beispiel des pathologischen Narzissmus!“

Das „klassische Beispiel” ist nun leider nur der Unsinn eines „Georgios”. Unter den Händen von Ingo Weyland wird die Fake-Version zur zentralen Bezugsbasis für den Mythos.

Ulrich B Wagner (2014)

Der geschäftsführende Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main, Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie; Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen, schreibt in seinem Beitrag „Narzissmus. Über menschliche Makel in Zeiten von Erdogan, Putin & Co.“ am 8. August 2014 in der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ in „AGITANO – Wirtschaftsforum Mittelstand”:

„In der griechischen Mythologie wird von dem Flussgott Kephisos berichtet, der mit seinem Mäandern die verträumte Wassernymphe Leiriope umschlungen und dann geschwängert hat. Das Ergebnis dieses Exzesses war Narkissos, umgangssprachlich auch gerne Narziss genannt. Auch wenn Sie den weiteren Lauf der Geschichte wahrscheinlich kennen, hier noch einmal die drei Variationen der Tragödie.

Narzissmus damals und heute

Der holde Knabe wurde von Männlein wie Weiblein gleichermaßen verehrt und umschmeichelt. Er jedoch, von sich selbst schier grenzenlos eingenommen und in seinem trotzigen Stolz auf seine eigene Schönheit berauscht, ließ sie allesamt ohne mit der Wimper zu zucken abblitzen und ignorierte sie völlig. Nicht nur der Bergnymphe Echo soll es so ergangen sein, sondern auch dem bis aufs letzte entschlossenen Bewerber Ameinios, dem Narkissos ein Schwert zukommen ließ. Mit eben diesem brachte sich der Verliebte zwar noch auf der Türschwelle um, nicht aber ohne zuvor die Götter anzurufen, seinen Tod zu rächen. Der [sic] gute alte Nemesis hörte die Bitte und strafte Narzissos mit unstillbarer Selbstliebe. Als dieser sich daraufhin an einer Quelle niederließ, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild. Laut einer Überlieferung von Pausanias ließ sich Narkissos am See nieder, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Eine weitere Version berichtet, Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild. Nicht erkennend, dass es sein eigenes ist, will er sich mit diesem Spiegelbild vereinigen und ertrinkt.“

Neben der kritiklosen Wiederholung eines Fake-Mythos wird hier auch gleich noch Nemesis einer Geschlechtsumwandlung unterzogen.

Jochen Peichl (2015)

In der Version des Mythos von Jochen Peichl, Leiter des Institutes für hypno-analytische Teiletherapie (InHAT) in Nürnberg, heißt es (S.72):

„Der Sohn [von Liriope = Narziss; K.S.] wächst als ungeliebtes Kind auf und ist selbst nicht in der Lage zu lieben, sondern er ist eitel, berauscht nur von seiner eigenen Schönheit. (…)

Hierauf wird er durch die Göttin Aphrodite verflucht: Er möge sich selbst lieben und niemals glücklich sein – es ist sein Schicksal, sich unsterblich in sein Spiegelbild zu verlieben. Der Sage zufolge stirbt er, als er mal wieder am See sitzt, ins Wasser schaut und plötzlich ein Blatt ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner Hässlichkeit, stirbt er.“

Auch Peichl – ausführlicher hier besprochen – rückt den gefaketen Mythos ganz in das Zentrum seiner Aufmerksamkei. Als Rächerin bevorzugt Peichl die (unpassende) Göttin Aphrodite.

Christa Holtei (2015)

Die aus Düsseldorf stammende Schriftstellerin und Übersetzerin Christa Holtei erdichtet:

„Er legte den Kopf schräg, wie immer, wenn er in Betrachtungen über ein mögliches Bildmotiv versunken war. Vielleicht kam de Boer eher noch als Narziss infrage, der gerade sein eigenes Spiegelbild im Wasser bewundert. Man könnte den Narziss auch einmal nach der Erzählung des Griechen Pausanias malen – ein Blatt ist vom Baum gefallen, kreisförmig breiten sich kleine Wellen über die glatte Oberfläche, verzerren das Spiegelbild und Narziss verzweifelt an seiner vermeintlichen Hässlichkeit. Am Ufer müsste eine einzelne Blume stehen, eine Narzisse als Symbol für den nahenden Tod des Jünglings.“

Damit trägt auch Holtei zur Verzerrung des Bildes von dem sympathischen Jüngling Narziss bei.

Constantin Rauer (2015)

Constantin Rauer, Habilitant am Institut für Philosophie der Universität Tübingen, schreibt:

„Nach Pausanias wiederum betrachtete Narziss selbstverliebt sein Spiegelbild, als die Götter ein Baumblatt in den See fallen ließen, was Wellen schlug und sein Selbstbild in ein Zerrbild verwandelte. Entsetzt von seiner Hässlichkeit, sei Narziss zu Tode erschrocken.“

Rauer setzt vertiefend fort:

„Der Narziss-Mythos zeigt, dass das Spiegelbild kein Ebenbild sein kann. Dies liegt – worauf Pausanias hinwies – zunächst einmal an der Natur und Eigenart des Spiegels selbst. Wasserspiegel, Metallspiegel oder Glasspiegel reflektieren ein jeweils anderes Spiegelbild von einer Person, desgleichen konvexe und konkave Spiegel, verkleinernde und vergrößernde, matte und scharfe. … Die Selbstwahrnehmungspsychologie zeigt, dass ein Alter sich selbst als jung betrachten kann, wohingegen ein Junger über sein Alter klagt; eine Schöne meint hässlich, eine Hässliche schön zu sein usw.“

Das, was Rauer nun für besondere Weisheit hält, das kann er jedenfalls nicht auf den antiken Pausanias beziehen.

Raphael Bonelli (2016)

Zu jenen, die kritiklos auf Wikipedia oder andere hereingefallen sind, gehört auch der Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychosomatische Medizin, Raphael Bonelli:

„In anderen Versionen wiederum verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, worauf Narcissus durch die vermeintliche Erkenntnis, hässlich zu sein, stirbt.“

Hier ist mitzuerleben, wie auch Bonelli – ausführlicher hier besprochen – daran mitwirkt, die selbstbewusste Gestalt aus dem griechischen Mythos zur Witzfigur herabzuwürdigen.

Antonius Weixler (2016)

Bei Antonius Weixler, Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, heißt es in Fußnote 224:

In der Version von Pausanias wird zudem das Motiv des verzerrenden Spiegels eingeführt, denn Narziss stirbt hier an der fälschlichen Annahme, hässlich zu sein, nachdem ein Blatt in das Wasser gefallen war und die Wellen sein Spiegelbild verzerrten (vgl. hierzu Kuhn 3. Aufl. 2011: 375ff).

Wenn Weixler hier anscheinend für diese Blattgeschichte Kristina Kuhns Beitrag zum „Spiegel“ in Konersmanns „Wörterbuch der philosophischen Metaphern“ als Referenz heranzieht, so ist das keine plausible Erklärung. Denn Kuhn hat diesen Irrtum erfreulicher Weise vermieden. Die Inspiration zur Einführung des wellenverzerrten Spiegelbildes muss Weixler also von woanders her bezogen haben – womöglich von seinem Ursprung, von Wikipedia.

Reinhard Haller (2017)

Auch Reinhard Haller, Professor für Psychiatrie und Gerichtsgutachter, hat sich als anfällig für Fake-Mythen erwiesen. In seinem Buch „Nie mehr süchtig sein“ heißt es (S. 123):

„Als er am See saß und sich an seinem Spiegelbild ergötzte, wurde die Wasseroberfläche auf göttliche Fügung hin durch ein herabfallendes Blatt getrübt. Weil Narziss glaubte, hässlich zu sein, fiel er in eine tiefe Depression und verstarb. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Auch Haller macht hier keine Angaben, wo er diesen Fake-Mythos abgeschrieben hat. Mit seiner ohnehin schlechten Meinung von Narziss (ausführlicher hier besprochen) hat Haller diese unsinnige Erzählung über den schönen griechischen Jüngling offenbar recht schnell für bare Münze genommen. Sie ist ja zu dieser Zeit auch schon recht fester Bestandteil der entsprechenden „Fachliteratur“.

Joachim Mohr (2016)

Joachim Mohr, der seit 1993 Redakteur beim SPIEGEL (Ressort Innenpolitik, Geschichte), Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, schreibt in „WAS WÄRE DIE WELT OHNE … Spiegel“ am 23.02.2016:

„In der griechischen Mythologie verliebt sich Narziss, der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos, in sein eigenes Spiegelbild – auch diese eitle Selbstliebe endet tödlich. Dem antiken Schriftsteller Pausanias zufolge saß Narziss an einem See, ein Blatt fiel ins Wasser, und kleine Wellen zerstörten sein liebliches Abbild. Narziss, irrtümlich überzeugt, er sei hässlich geworden, war so schockiert, dass er vor Kummer starb.”

Auch hier wird die Fake-Version des Pausanias zur alleinigen Referenz für den Mythos.

Christhard Rüdiger (2016)

Der Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche, Christhard Rüdiger, ist am 18.02.2016 im Radio-Beitrag des mdr Sachsenradio „Das Wort zum Tag“ wie folgt zu vernehmen:

„In einer Geschichte aus der griechischen Götterwelt verliebt sich ein junger Göttersohn in sein Spiegelbild. Narziss hieß er. Selbstverliebt wie er war, konnte er niemand anderen lieben. Er schaute den lieben langen Tag nichts anderes an, als sich selbst. Da es keine Spiegel gab, nutze er dazu die stille Oberfläche eines Sees. Und fand sich solange schön und liebenswert, bis eines Tages ein Blatt ins Wasser fiel und die Wellen sein Spiegelbild trübten. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Ging also nicht gut aus, die Geschichte.“

Auch hierüber fand ein Fake-Mythos seine Verbreitung in der Öffentlichkeit.

(Den Hinweis auf diesen Text verdanke ich dem Wikipedia-Autor „Mautpreller“.)

Emanuel Jauk, Mathias Benedek, Karl Koschutnig, Gayannée Kedia & Aljoscha C. Neubauer (2017)

Die genannten AutorInnen, versammelt um den Lehrstuhl des Professors für Differentielle Psychologie an der Universität Graz, Aljoscha C. Neubauer, bahnen mit dem Beitrag „Self-viewing is associated with negative affect rather than reward in highly narcissistic men: an fMRI study“ dem Fake-Mythos von Pausanias aus der deutschsprachigen Wikipedia einen Zugang zum angloamerikanischen Sprachraum:

„The ancient myth of narcissus comes in several different versions. In Ovid’s classic version, the beautiful young hunter Narcissus, who rejects the love of the nymph Echo, is deemed by the gods to fall in love with his mirror image. Fully entranced by his own reflection in a pool of water, Narcissus eventually realizes that his love cannot be reciprocated, which leads him to commit suicide. In another prominent version by Pausanias, the myth has a different ending: Narcissus is gazing at himself, when suddenly a leaf falls into the water and distorts the image. Narcissus is shocked by the ugliness of his mirror image, which ultimately leads him to death.“

Wer weiß, wohin sich von dort der Fake-Mythos noch weiter ausbreitet, der zum Einstieg als „bekannte Version von Pausanias“ bezeichnet wird. Ja, wenn weiterhin Texte so unkritisch übernommen werden, dann wird diese gefälschte Version tatsächlich immer „bekannter“ – weltweit.

(Den Hinweis auf diesen Text verdanke ich dem Wikipedia-Autor „Mautpreller“.)

Anita Zolles (2017)

Die studierte Klimatologin und Meteorologin schreibt in einem Beitrag für science.ORF.at vom 24.07.2017 – unter Bezug auf die Studie von Jauk et al. (2017 – s.o.):

„Der Begriff ‚Narzissmus’ geht auf den griechischen Narziss-Mythos zurück. Und genau bei dem beginnen auch schon die ersten Unstimmigkeiten. Die tragische Geschichte erzählt von einem Schönling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. In Ovids Überlieferung bringt sich Narziss um, weil seine Liebe unerfüllbar ist. Beim Schriftsteller Pausanias hingegen verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, und Narziss erschrickt durch den hässlichen Anblick zu Tode.”

Kathrin Schmitt (2017)

Kathrin Schmitt, Kommunikationsmanagerin der Heiligenfeld Kliniken, veröffentlicht auf der Webseite ihres Arbeitgebers (21. März 2017):

„Narzissmus – immer wieder hört man diesen Begriff. Doch was bedeutet er überhaupt? Der Duden definiert Narzissmus mit „eigensüchtig“ und „voller Eigenliebe“. In einer altgriechischen Sage war Narziss ein junger Mann, der in sein Spiegelbild verliebt war. In der Sage setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Sein Leichnam wurde nie gefunden, stattdessen eine Narzisse. Hiervon kommt demnach der Begriff „Narzissmus“. Narzissmus ist also eine Mischung aus Selbstverliebtheit, Selbstbezogenheit, Selbstbewunderung und damit oft auch Egoismus.”

Hier ist der Fake-Mythos von Pausanias zur alleinigen Referenz für den alten Mythos geworden.

Olaf Zechlin (2017)

Olaf Zechlin, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Freisenbruch-Horst-Eiberg, predigt auf der Webseite des Kirchenkreis Essen („Himmelrauschen“) am 22. August 2017 „Von erfüllten Wünschen und enttäuschten Hoffnungen“:

„Einerseits habe ich viel Gelassenheit erfahren, ein sich Arrangieren mit dem Leben, wie es eben ist. Manchmal habe ich Druck gespürt, wenn das Leben nicht die Hoffnungen erfüllt hat, die sich manche gemacht haben. Ich musste dann an den griechischen Schriftsteller Pausanias aus dem 2. Jahrhundert denken. Er überliefert den Mythos des Narziss folgendermaßen: Narziss war ein junger, wunderschöner Mensch mit mythischer Herkunft. Er verliebte sich einst am Ufer eines Gewässers spontan in sein Spiegelbild, das er auf der glatten Wasseroberfläche wahrnahm. Diese unglückliche Liebe endete später darin, dass ein darauf fallendes Blatt Wellen schlug und Narziss an dieser Erkenntnis, in sein Spiegelbild geschaut zu haben, zu Grunde ging. Manch einer brachte diese Erlebnisse der anstrengenden und bisweilen kräftezehrenden Selbstschau mit zum Treffen. Und manch einer wendet viel Kraft auf, das Bild zusammenzuhalten.“

Pastor Zechlin hat nicht gemerkt, dass bei seinem Gedanken an Pausanias aus dem 2. Jahrhundert ihm leider gar nicht dessen berührende Version des Mythos durch den Kopf ging, wonach der schöne Jüngling durch sein Spiegelbild an seine kurz zuvor verstorbene Zwillingsschwester erinnert wird und dabei – über diesen schier unerträglichen Verlust – in größte Verzweiflung gerät. Vielmehr hatte er den von „Georgios” frei erfundenen Fake-Mythos präsent. Schade. Pausanias war weise. „Georgios” nicht.

„Der Wassermann-BLOG” (2017)

In „Der Wassermann-BLOG” heißt es unter dem Titel „Die Narzisse im Ausseerland“ am 02 Juni 2017:

„Die Sage von Ovid berichtet von einem Jüngling mit dem Namen Narziss, der von ungewöhnlich reizvollem Erscheinungsbild war. In ihn verliebte sich die Quellnymphe Echo. Ihr Schicksal war es aber, dass der Jüngling ihr Werben um ihn nicht vernehmen konnte, da sie stets nur die zu ihr gesprochenen Worte zurückgeben konnte. Narziss dagegen spottete über sie, während sie sich so nach ihm verzehrte, dass sie dahinschwand und nur noch ihr Echo zu vernehmen war. Dafür wurde er dadurch bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich die Vorhersage des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennenlerne. Eines Tages setzte Narziss sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die so erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich (wegen der Wellen, die sein Spiegelbild verzerrten), starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. (Pausanias 9.31,7)“

Hier wird der Fake-Mythos nun beinahe zu einem Werk des Ovid. Zusätzlich wird erdichtet, dass ein Problem der Geschichte sei, dass „der Jüngling ihr [Echos] Werben um ihn nicht vernehmen konnte“. Dabei besteht hieran gar kein Zweifel, dass er die Absichten der Echo sehr, sehr klar verstanden hatte – und gerade deshalb flugs Reißaus nahm. Darüber hinaus wird Echo noch flugs zur Quellnymphe gemacht. (In einem „Wassermann-Blog” kann das ja mal passieren.)

Florian Müller (2017)

Florian Müller schreibt für die online Ausgabe der FAZ (Aktualisiert am 25.09.2017) über „Folien im Test: Der beste Bildschirmschutz fürs Smartphone“:

„Wenn das Handy auf den Boden fällt, zersplittert oft das Display. Dies ist in jeder Hinsicht ärgerlich. Speziell entwickelte Schutzfolien sollen jedoch genau das verhindern. Die F.A.S. [Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; K.S.] hat sie getestet.“

Und darauf folgt unmittelbar der Absatz:

„Vom griechischen Schriftsteller Pausanias ist folgende Geschichte überliefert: Eines Tages setzt sich der schöne Narziss an einen See, entzückt von seinem Spiegelbild. Da fällt ein Blatt ins Wasser, kleine Wellen verzerren das Konterfei. Narziss erschrickt, glaubt, er sei hässlich geworden – und stirbt. Würde dieser antike Mythos heutzutage spielen, würde Narziss vermutlich pausenlos Selfies machen. Doch wehe, sein Smartphone fällt auf den Boden. Fiese Bildschirm-Risse machen jede Selbstbewunderung zur Qual.“

Auch bei Florian Müller steigt die Fake-Version des Mythos von Narziss zur einzigen Referenz hierfür auf.

Mahret Ifeoma Kupka (2017)

Mahret Ifeoma Kupka, Kunstwissenschaftlerin und Autorin, seit 2013 Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main schreibt in einem Ausstellungskatalog (S. 62):

„’Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt’, in: Pausanias, Beschreibung Griechenlands. Ein Reise und Kulturführer aus der Antike. München, 1998, 9.31.7.”

Mahret Ifeoma Kupka hat diesen Text wortwörtlich aus Wikipedia (anno 2017) übernommen, scheut sich jedoch offenbar, einen Hinweis auf die Quelle ihrer Weisheit mitzuteilen. Den Wikipedia-Eintrag ergänzt sie mit einer bibliografischen Angabe. Indem sie eine konkrete Pausanias-Ausgabe anführt – die bei Wikipedia nicht genannt ist – will sie womöglich den Anschein einer sorgfältigen Recherche erwecken. In der konkreten Quelle selbst (S. 527 f) hat sie jedoch offensichtlich gar nicht selbst nachgelesen. Denn sonst hätte sie ihren Irrtum erkennen müssen, dass an der angegebenen Stelle diese Blattgeschichte gar nicht zu finden ist.

Christian Luber (2018)

Christian Luber, schreibt in seiner Bachelorarbeit „Eine wirtschaftspsychologische Untersuchung von Narzissmus und Beruf

„Anstelle seiner Leiche wurde eine Narzisse gefunden. (Ovidius & Breitenbach, 2011). Den Erzählungen Pausanias[’] (zitiert nach Haller, 2013, S. 9) zufolge, fiel in die Wasserquelle ein Blatt, welches sein perfektes Spiegelbild zerstörte. Dem Irrtum aufgesessen, er sei hässlich, starb er auf der Stelle. Eine dritte Version besagt, dass er ein perfektes Abbild eines Jünglings in einem See entdeckte, ohne zu erkennen, dass er es selbst sei und verliebte sich in dies. Bei dem Versuch, sich zu nähern, fiel er ins Wasser und ertrank dabei (Narzissmus – der Mythos, 2016).“

Hier lässt sich erkennen, dass Christian Luber mit seinen Zitatangaben sehr frei umgeht. Die angebliche Pausanias-Stelle ist nicht nur bei Pausanias nicht so zu finden, sie wird auch bei Reinhard Haller (2013) auf „S. 9“ nicht erwähnt. Sie kommt im gesamten Text von Haller (2013) schlicht nicht vor. Auch bei Haller (2017) findet man sie erst auf Seite 123.

Florian Stark (2019)

Florian Stark arbeitet als Journalist für die WELT und veröffentlicht am 14.02.2019 auf WELT-online: Neuer Fund in Pompeji. In römischen Villen war Sex allgegenwärtig.” Dort heißt es:

„In einem Anwesen in den Ruinen von Pompeji stoßen Archäologen auf immer neue Darstellungen mit erotischen Motiven. Der neueste Fund: ein Fresko des Narziss, den die eigene Schönheit in den Tod trieb. … Der griechische Reiseschriftsteller Pausanias drückte es prosaischer aus und gab der Geschichte auch einen anderen Dreh: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.”

Josef Pfleger (2020)

Josef Pfleger, Betreiber eines Pressebüros in Horn (Österreich), schreibt in seinem Beitrag „Narzissen, Pausanias und die Tante Jolesch“ am 29. März 2020 in der Horner Internet Zeitung:

„Die Narzissen haben ihren Namen vom schönen Jüngling Narziss. Er ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Flussgottes Kephissos und der Leiriope, der die Liebe anderer zurückwies und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Der griechische Schriftsteller Pausanias überlieferte uns Folgendes: Eines Tages setzte sich Narziss an einen See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Auch hier wird die Version des Fake-Pausanias zur alleinigen Referenz für den Mythos.

Mario Lochner (2020)

Mario Lochner, Redakteur bei Focus Money bzw. Autor, schreibt:

„Dem griechischen Reiseschriftsteller Pausanias zufolge starb Narziss, als ein Blatt sein Spiegelbild trübte und er erkannte, dass er hässlich war.“

Auch Mario Lochner ist jemand, der sich in dieser Hinsicht irrt. Denn so war es zwar – inzwischen ist es vom Wikipedia-Autor „Mautpreller“ geändert – bei Wikipedia, nicht aber bei Pausanias selbst nachzulesen.

Florian Teichmann (o.J.)

Florian Teichmann, diplomierter Künstler (Malerei) lässt sich auf seiner Webseite vernehmen:

„Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narkissos an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Eine weitere Version berichtet: Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild; nicht erkennend, dass es sein eigenes ist, will er sich mit diesem Spiegelbild vereinigen und ertrinkt.“

Auch hier wird der Pauasanias-Fake-Mythos zum eigentlichen Inhalt des Narziss-Mythos erhoben und nur mit vagen (und falschen) Angaben zu einer anderen Variante ergänzt.

Michael Ermann (2020)

Michael Ermann schreibt (S. 20 f:)

„Eine andere Version stammt von Pausanias (110-180 n. Chr.), einem griechischen Philosophen und Literaten, der die Selbstliebe des Jünglings Narziss noch stärker betonte. Danach verweilte er an einem See und erfreute sich seines im Wasser gespiegelten Antlitzes. Als durch göttliche Fügung ein Blatt herabfiel und das Spiegelbild trübte, starb Narziss durch die Erkenntnis seiner vermeintlichen Hässlichkeit. Diese Version des Mythos enthält ein bedeutsames zusätzliches Motiv. Pausanias berichtet nämlich, dass Narziss seine Zwillingsschwester unter traumatischen Umständen verlor. Sie hatte ihm vollständig geglichen. Indem er sich in sein Spiegelbild verliebte, verleugnete er ihren Tod und schuf damit eine narzisstische Beziehungsform, mit der er dem Trauma begegnete.”

Auch Michael Ermann ist also den falschen Reizen des Pausanias-Fake-Mythos verfallen. Er hält die erfundene Wikipedia-Version offenbar für den Kern des Pausanias-Textes, dem er dann noch ein „bedeutsames zusätzliches Motiv“ zur Seite stellt, das tatsächlich jedoch den eigentlichen und wesentlichen Kern des Pausanias-Motives ausmacht. Die Deutungsapekte, die er sich dann hierzu zusammenreimt, sind ebenfalls mit der Wirklichkeit nicht in Deckung zu bringen: Bei Pausanias wird ausdrücklich nicht davon gesprochen, dass „er sich in sein Spiegelbild verliebte“, sondern davon, dass durch sein Spiegelbild – das er als solches erkennt – die Erinnerung an die Zwillungsschwester wachgerufen wird. Er hat auch ganz offenbar ihren Tod nciht verleugnet, sondern war sich dessen schmerzlich bewusst.

(Den Hinweis auf Prof. Ermanns Text verdanke ich dem Wikipedia-Autor „Mautpreller“.)

Literatur

Bonelli, Raphael M. (2016): Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. München, Kösel

Ermann, Michael (2020): Narzissmus. Vom Mythos zur Psychoanalyse des Selbst. Aus der Reihe „Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik”, Stuttgart, Kohlhammer

Haller, Reinhard (2013): Die Narzissmusfalle. Anlei­tung zur Menschen- und Selbst­­kennt­nis. Wals bei Salzburg, Eco­win Verlag

Haller, Reinhard (2017): Nie mehr süchtig sein. Leben in Balance. Wals bei Salzburg, Eco­win Verlag

Holtei, Christa (2015) Das Spiel der Täuschung: Düsseldorf 1834. Düsseldorf, Droste Verlag GmbH

Klute, Hilmar (2012): Wir Ausgebrannten: Vom neuen Trend, erschöpft zu sein. München, Diederichs Verlag

Kupka, Mahret Ifeoma & Matthias Wagner (Hrsg.) (2017): SUR/FACE_Spiegel. Berlin, Revolver Publishing

Lochner, Mario (2020): Was ich mit 20 gerne über Geld, Motivation und Erfolg gewusst hätte. München, Finanzbuch Verlag

Maaz, Hans-Joachim (2012): Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. München, CH Beck

Meckel, Miriam (2011): „Weltkurzsichtigkeit“, SPIEGEL Nr. 38, S. 120f

Pausanias (1998): Beschreibung Griechenlands: ein Reise- und Kulturführer aus der Antike. Auswahl, Übersetzung aus dem Griechischen und Nachwort von Jacques Laager. Zürich, Manesse Verlag

Pausanias (2001): Reisen in Griechenland. Auf­grund der kommentierten Übers. von Ernst Meyer hrsg. Von Felix Eckstein und Peter C. Bol. Bd. 3: Delphoi. Bücher VIII-X. Düsseldorf u.a., Artemis & Winkler

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta

Rauer, Constantin (2015): Das Bild des Menschen von der Steinzeit bis heute. In: Menschenbild(n)er – Bildung oder Schöpfung. Hg. S. Almann, K. Berner, A. Grohmann. Lit Verlag Berlin 2015, S. 41-60. (In: Villigst Profile. Schriftenreihe des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst, Bd. 18. Hgg. von Knut Berner und Friederike Faß)

Saerberg, Siegfried (2011): Stoff und Kristall – Blinde Schönheit und Identität. in: Christian Mürner & Udo Sierck (Hrsg.): Behinderte Identität? Neu-Ulm, AG SPAK Bücher

Schmeh, Klaus (2007): Das trojanische Pferd: klassische Mythen erklärt. Planegg, Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co. KG

Weixler, Antonius (2016): Poetik des Transvisuellen. Carl Einsteins ‚écriure visionnaire‘ und die ästhetische Moderne. Berlin u.a., Walter de Gruyter

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