Die gefaketen Rachegöttinnen

Wer bestraft den Narziss?

In den hier zitierten Fake-Versionen wird ein weiteres Problem offenbar: Wer rächt nun eigentlich das Siechtum von Echo und den Tod des Ameinias? Wikipedia nennt zunächst einmal Nemesis. Je nach Version werden auch Aphrodite (28.07.2005) oder Artemis (ab 27.03.2010 bis mindestens 17.10.2019) als Alternativen genannt. Am Ende war (bis zum 17. Oktober 2020) wieder Aphrodite im Rennen. Erst der Wikipedia-Autor Mautpreller hat diesem Spuk am 18.10.2020 ein Ende gemacht.

Wer war’s denn nun wirklich?

Artemis?

Bärbel Wardetzki

Bärbel Wardetzki erläutert:

„Die Göttin Artemis rächte diesen Freitod [von Ameinias] und strafte Narziss mit ‚unerfüllbarer Selbstliebe‘.“

Wer Artemis kennt, der weiß auch, dass diese Göttin der Jagd sicherlich gar nichts gegen sexuelle Enthaltsamkeit einzuwenden gehabt hätte. Im Gegenteil: Sie konnte mächtig sauer werden, wenn eine Frau aus ihrem Gefolge ihre Jungfernschaft verlor. Kallisto beispielsweise wird von Artemis gnadenlos verstoßen, nachdem Göttervater Zeus diese Kallisto – trotz ihrer heftigsten Gegenwehr – überwältigt und geschwängert hatte.

Den jungen Aktaion bringt Artemis um sein Leben, weil er sich einmal in eine Höhle verirrt und sie dort nackt, bei ihrem Bad, überrascht.

Der eingeschworene, notorische Junggeselle Hippolytos gehört zu den glühendsten Verehrern der Artemis.

Kaum vorstellbar, dass sich Artemis dafür zuständig fühlen könnte, den Narziss wegen mangelnder sexueller Willfährigkeit gegenüber Echo oder Ameinias zu bestrafen.

Wikipedia

In Wikipedia (Stand: 17.10.2019) war lange Zeit Artemis als Racheengel angeboten, und zwar erstmals eingefügt am 27.03.2010 von einer/m „RE probst“ – anstelle der ursprünglich genannten Aphrodite:

„Nemesis (nach anderen Quellen Artemis) hörte die Bitte [von Echo und Ameinias; K.S.] und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Als er sich in einer Wasserquelle sah, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild.“

Gut denkbar, dass diese „Korrektur“ vom 27.03.2010 angestoßen wurde durch die kurz zuvor – am 16.11.2009 – erschienene Publikation von Wardetzki.

Quelle des Gerüchts

Gut denkbar, dass die Sache mit Artemis letztlich auf die „Griechische Mythologie“ von Robert v. Ranke-Graves (1984) zurückgeht. Auch er handelt Artemis als Rachegöttin. Und in der deutschen Übesetzung seines Werkes ist Ameinias als „Ameinios“ benannt. (Dies ist die im angloamerikanischen Sprachraum übliche Namensgebung.) Auch diese Besonderheit haben sowohl Bärbel Wardetzki als auch Wikipedia (fälschlich) übernommen.

Aphrodite?

Mit der „Verbesserung“ der Wikipedia-Eintragung durch die Nennung von Artemis am 27.03.10 wurde die ursprünglich gehandelte Aphrodite von ihrem Platz verdrängt. Mit ihr beginnt der erste Wikipedia-Eintrag vom 04.10.03. Eine der älteren Wikipedia-Versionen (vom 28.07.2005) ist oben bereits zitiert:

„Dafür wurde er [Narziss] von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er (…).“

Für Aphrodite hat sich auch Peichl entschieden. Bei Eschenbach (1985) und Mugerauer (1994) – also lange vor Wikipedia – fand ich die (bislang) ältesten Stellen, an denen Aphrodite als Rächerin gehandelt wird. Während Eschenbach keine Quelle für ihre Version offenbart, bezieht sich Mugerauer bei seiner Behauptung – fälschlicherweise – auf Ovid.

Wikipedia hat der Welt also nicht nur eine neue Version vom Tod des Narziss beschert, sondern propagiert auch wahlweise Artemis oder Aphrodite als alternative Rachegöttinnen. In den mir vorliegenden Quellentexten – Ovid, Pausanias, Konon, Probus (die beiden Letzteren jeweils in Auszügen bei Wieseler zitiert) – sind mir jedoch weder Aphrodite noch Artemis je als Rächerinnen begegnet. Bei diesen beiden Göttinnen wäre es auch nicht nachvollziehbar, weshalb sie den Narziss für sein selbstverständliches, gänzlich angemessenes Handeln bestrafen sollten.

Nemesis!

Ovid ist der einzige Mythograph, der die strafende Instanz beim Namen nennt, und zwar als „Göttin von Rhamnus“ = Nemesis. Es fällt in ihr Ressort, für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen.

Biografisches zu Nemesis

Bedrängnis durch Zeus

Nemesis hat die Bedrängnis mit Beziehungswünschen am eigenen Leib erfahren. Göttervater Zeus stellte ihr nach. Sie wollte unbedingt seinen Zudringlichkeiten entgehen und verwandelte sich deshalb in verschiedene Tiere. Als Gans wurde sie am Ende von ihm überwältigt – er hatte sich in einen Schwan verwandelt (Kerényi, Bd. 1, S.86).

Tochter Helena

Aus einem Ei, das dieser Verbindung entsprang, schlüpfte Helena. Sie wuchs zur „schönsten Frau der Welt“ heran. In ihrer ersten Ehe war sie mit Menelaos verheiratet, dem König von Sparta.

Ein Schönheitswettbewerb …

Im Rahmen eines kleinen Schönheitswettbewerbs zwischen drei Göttinnen sollte der trojanische Prinz Paris das Urteil sprechen. Er galt offenbar als Experte in Schönheitsfragen. Alle Kandidatinnen boten ihm unter der Hand reichen Lohn, wenn er sie zur Siegerin erklärte. Aphrodite, die Göttin der Schönheit, versprach ihm die schöne Helena. Vermutlich hatte sie Helena nicht nach ihrem Einverständnis gefragt, geschweige denn deren Gatten. Aphrodite machte auf jeden Fall am Ende das Rennen.

… und seine Folgen: Der Krieg um Troja

Aphrodite hatte wohl erwartet, dass sich Menelaos nicht so haben würde, wenn sie mal eben seine Gattin einem anderen, Prinz Paris, zuschusterte. Da hatte sie sich aber bös getäuscht. Menelaos beschwerte sich bei seinem großen Bruder Agamemnon, der dann als oberster Feldherr den Rachefeldzug des griechischen Heeres gegen Troja anführte. Und so begann der für beide Seiten verlustreiche Krieg um diese Stadt.
Und die Moral von der Geschicht‘: Es ist fatal, Frauen zum reinen Beuteobjekt zu degradieren!

Ovid

Ovid, der Dichter der Metamorphosen, zieht Nemesis offenbar nicht zufällig als Rächerin hinzu. Sie muss aus eigener Erfahrung die Missachtung ihrer Grenzen durch lästige Bewerber verabscheuen. Auch das Schicksal ihrer Tochter muss sie in dieser Haltung bestärkt haben. Ich könnte mir nun sogar vorstellen, dass Ovid – augenzwinkernd – die Göttin aus Rhamnus mit folgender Vergeltungslogik an die Bestrafung des Narziss herangehen lässt: „Ich und meine Tochter Helena waren hilflos männlichen Nachstellungen ausgesetzt! Jetzt sorge ich dafür, dass auch mal auf Seiten der Männer jemand für die Gegenwehr gegen aufdringliche Nachstellungen zu leiden hat!“

Vergeltungs-Logik

In der Bestrafung des Narziss durch Nemesis spiegelt sich – vordergründig – die folgende Vergeltungslogik: Echo und Ameinias müssen erleben, dass ihre „Liebe“ von Narziss nicht erwidert wurde. Also muss er jetzt selbst erleben, dass seine Liebe nicht erwidert wird. Er kniet vor seinem Spiegelbild im Wasser – und bekommt nicht die Reaktion, die er sich wünscht. Er kann sich nicht erreichen.

Handlungs-Logik

Nemesis hatte sich selbst verzweifelt (und vergeblich) bemüht, der Aufdringlichkeit eines Beziehungsbewerbers zu entgehen. Insofern verkörpert sie den Anspruch, dass Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhen sollten. Aus dieser Perspektive betrachtet ist klar, dass Echo und Ameinias keinerlei berechtigten Anspruch auf Erfüllung ihre Beziehungswünsche haben.

Ironie

Ovid arbeitet hier m.E. mit dem Stilmittel der Ironie [eironeia (griech.) = Verstellung, Vortäuschung]. (Der Grund hierfür – mutmaßlich das Bemühen, in seinem eigentlich beabsichtigten Plädoyer für „Freiwilligkeit von Beziehung einen Konflikt mit seinem Kaiser Augustus zu vermeiden – ist an anderer Stelle ausführlicher erläutert.)

Oberflächlich betrachtet lässt Ovid auf die angebliche Anmaßung des Narziss, Beziehungsanträge abzulehnen, göttliche Strafe folgen. Indirekt drückt er – gerade durch die sehr bewusste Wahl von NEMESIS als Rächerin – genau das Gegenteil aus: Beziehungen MÜSSEN freiwillig sein. NIEMAND hat einen berechtigten Anspruch, dass seine Wünsche nach Beziehung von einem Gegenüber auch erfüllt wird. Erst recht hat niemand den Anspruch, dass die Ablehnung eines Beziehungswunsches BESTRAFT wird!

Literatur

Eschenbach, Ursula (1985): Vom Mythos zum Narzißmus. Vom Selbst zum Ich. The­ra­peu­tische Konzepte der Ana­ly­tischen Psychologie C.G. Jungs. Fellbach, Bonz Verlag

Kerényi, Karl (1998): Die Mythologie der Griechen. Bd. 1: Die Götter und Mensch­heitsgeschichten. Bd. 2: Die Heroen-Geschichten. München, dtv

Mugerauer, Roland (1994): Narzißmus: eine erzie­he­rische Herausforderung in pä­dagogischen und sozialen Praxis­feldern. Marburg, Tec­tum Verlag

Ovid (2018): Meta­mor­phosen. Herausgegeben und über­setzt von Niklas Holzberg. Reihe: Sammlung Tusculum. Berlin, Verlag De Gruyter

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta
Ranke-Graves, Robert v. (1984): Griechische Mytho­lo­gie. Quellen und Deutung. Ro­wohlt Taschenbuch

Wardetzki, Bärbel (2009): Eitle Liebe. Wie nar­zisstische Beziehungen schei­tern oder gelingen können. München, Kösel

Wikipedia: Narziss. Versionen vom 04.10.03, 28.7.05, 10.8.05, 18.10.05, 17.10.19 und 02.02.20

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