Drewermann, Eugen (2013) und Narziss bzw. Narzissmus

Liebe, Leid und Tod

Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann offenbart in diesem Buch (Untertitel: Daseinsdeutungen in antiken Mythen) einen erheblichen Mangel an Verständnis gegenüber dem ursprünglichen Mythos von Narziss: Er beschränkt sich allein auf die Fassung von Ovid, blendet jedoch dessen raffinierte Ironie erfolgreich aus und reimt sich dabei eine sehr spezielle, einseitige Konfliktdynamik zurecht. Auf dieser Grundlage kommt er am Ende zu einem völlig unberechtigten Schuldvorwurf gegen den selbstbewussten Narziss.

Narziss – gezeugt durch Vergewaltigung

Drewermann macht die (fragwürdige) Vergewaltigung der Mutter des Narziss ganz zum Zentrum seines Deutungsansatzes. Er hat für seine Analyse des Mythos anscheinend nur Ovids Version herangezogen, obwohl er sich in sonstigen Publikationen stets sehr belesen zeigt. Unter Berücksichtigung der anderen Versionen hätte sich allerdings wohl von vornherein die Unhaltbarkeit seiner Interpretation erwiesen.

Wie aber sieht Drewermann die Folgen dieser – unterstellten – Vergewaltigung?

Mütterliche Abneigung gegen Männer

Intensiv denkt Drewermann beispielsweise darüber nach, wie Narziss von seiner Mutter geprägt worden sein müsse. Nachdem er die Passage bei Ovid zitiert hat, malt er uns die Szenerie wortreich und in den schwärzesten Farben aus:

„Wie muß man einen 16jährigen sich vorstellen, auf den eine solche Beschreibung zutrifft? Seine Geschichte hat eine Vorgeschichte: Er ist nur als Frucht von Gewalt. ‚Wunderschön‘ war seine Mutter Liriope, und eben das ward ihr zum Verhängnis. Eine Frau wie sie wird gelernt haben, Angst vor der Annäherung anderer Menschen zu hegen und sich paradoxerweise zu schämen für ihre Schönheit. Wie schaut ein Mann sie an, und was führt er im Schilde, wenn er es tut? Was sonst Bewunderung fände und lobendes Staunen erregte, bedeutet ihr nunmehr Gefahr und erneut vielleicht drohende Schande. Man muß auf der Hut sein. Man darf sich nicht nochmals zur Beute blinder Begierde erniedrigen lassen! Und weiter: Wie wird eine Frau mit dem Manne verfahren, der ihr Vergewaltiger war? Hat Liriope jemals Kephisos zum Gatten erwählt? Davon hören wir nichts.“

Ja, so ist es. Davon hören wir nichts. Es ist seine eigene Fantasie, die Drewermann hier aktiviert. Womöglich hat er in seiner Praxis von Betroffenen entsprechende Geschichten erzählt bekommen: dass sie ihr Leben einer Vergewaltigung verdanken. Das ist zweifellos ein sehr spezielles Schicksal. Doch ist es deshalb statthaft, solche Erzählungen auf den alten Mythos zu übertragen? Meines Erachtens nach gehen Drewermanns Spekulationen gehörig an der Geschichte vorbei. (Eine ausführliche Diskussion dieser Frage hier.) Und je mehr er sich in das entworfene Szenario hineinsteigert, desto häufiger skizziert er Details, für die es sowohl bei Ovid als auch bei den anderen antiken Autoren (und gerade dort) klare Gegenbelege gibt.

Fehlende Geschwister

„Und selbst wenn es so war [dass Liriope Kephisos zu ihrem Gatten gewählt hat; K.S.], fährt Drewermann fort, „die alten Gefühle von Abscheu und Angst werden niemals mehr von ihr gewichen sein; daß ein junger Mann wie Narkissos aufgewachsen sein könnte im Kreis von Geschwistern, erscheint von vornherein unmöglich.“

Die nicht wegzuretuschierende Zwillingsschwester, logischerweise ebenfalls eine „Frucht der Gewalt“, könnte Drewermann zur Not vielleicht noch zugestehen. Doch Liriope hätte sich, so lautet offenbar seine fachmännische Deutung, jedem weiteren Geschlechtsverkehr mit Kephisos verweigert. Damit hätten mit ihm keine zusätzlichen Geschwister gezeugt werden können. [Dabei wäre ja selbst fraglich, ob sich ein solch – angeblich – notorischer Vergewaltiger mit dem Widerstand Liriopes lange aufgehalten hätte.] Auch um andere Männer hätte Liriope dann, so mutmaßt Drewermann wohl, einen großen Bogen gemacht. Aber bereits die Spekulation über fehlende Geschwister ist schon durch Pausanias widerlegt.

Vater-Sohn-Distanz, Mutter-Sohn-Fixierung

Der Autor setzt seine Fantasien unbekümmert fort:

„Ein solcher Jüngling wächst einsam auf, unvertraut seinem Vater und übervertraut seiner Mutter. Die nämlich wird ihn in ihre Arme schließen als Lohn für den Schmerz, den es ihr abverlangte, ihn überhaupt auf die Welt zu bringen; dafür ersetzt er ihr seither den ungebetenen Mann. Mit einem Wort: er zieht die Liebe auf sich, die jener für sich zerstörte, als er mit Gewalt sie zu nehmen suchte.“

Über eine soziale Isolierung des Narkissos in der Zeit vor seiner Bestrafung brauchen wir uns nun wahrlich nicht zu sorgen: Nach Pausanias unternimmt er viel mit seiner Zwillingsschwester, bei Ovid ist er gerne mit Gefährten unterwegs. Wieseler zitiert einen römischen Autor, der Narkissos auf der Suche nach seinem Vater zeigt. Im Zusammenhang damit wird von der „Liebe zu den heiligen Quellen“ gesprochen. Passen dazu Einsamkeit, Unvertraut-Sein mit dem Vater und Übervertraut-Sein mit der Mutter? Alle Aussagen Drewermanns über Narkissos – abgeleitet aus der durchaus möglichen Entwicklungsdynamik eines per Vergewaltigung gezeugten Kindes – erweisen sich letztlich als haltlose Unterstellungen. Leichtfertig stülpt er einer relativ kompakten und überschaubaren Lebensgeschichte eine bloß vermutete Logik über, wobei er die Schilderungen der alten Mythen meiner Ansicht nach in ihr Gegenteil verkehrt.

Verweiblichung
des Narziss

Drewermanns Fantasien über das Mutter-Sohn-Verhältnis auf der Grundlage einer unterstellten Vergewaltigung lautet:

„Er trägt verheißungsvoll schon als Kind die Züge der Schönheit der Mutter auf seinem Antlitz. Doch eben darum: Wäre er nicht überhaupt besser ein Mädchen? Und wenn schon ein Junge, dann bloß nicht ein Mann, wie jener es war und immer noch ist! Furcht und Fürsorge, Angst und Anlehnung, Zorn und Zuneigung mischen in den Gefühlen der Mutter zu ihrem Kinde sich in einem solch bittenden Flehen, niemals möchte es sein wie sein Vater und seiner Mutter im Umgang mit anderen wiederum so etwas antun. So wächst Narkissos heran als ein braver Bub, belohnt von der Freude der Mutter, die ihn in solcher Weise aufblühen sieht, unschuldig, rein, der Gewalt wie der Wollust gleichermaßen entrückt, im Umgang mit anderen vornehm, zaghaft, zurückhaltend, züchtig, ganz wie die Mutter es möchte.“

Nein, werter Herr Drewermann, diese gänzlich verweiblichende Vereinnahmung durch die Mutter ist wohl kaum das Problem des Narziss! Dass er als Jäger aktiv war, wird von Pausanias und Ovid beschrieben. Pausanias berichtet, dass auch seine Schwester bei der Jagd dabei war. Und Ovid spricht ausdrücklich von einer Hirschjagd. Wie will er denn als „braver Bub“ zur blutigen Jagd gehen? Wie kann er denn zaghaft und züchtig sein, wenn es darum geht, einen im Netz gefangenen Hirsch zu erschlagen, auszuweiden und in Portionen zu zerteilen?

Ödipale Konflikte
des Narziss

Ohne es explizit zu benennen, nähert sich auch Drewermann dem Kernpunkt psychoanalytischer Weisheit an – dem Ödipuskomplex:

„seine [Narziss’; K.S.] Identität ergibt sich aus diesem früh gefundenen Einklang mit seiner Mutter, aus der vollkommenen Übereinstimmung seines Ich mit seinem Überich; und gerade darin besteht sein ‚Narzißmus‘: Er möchte sein der Geliebte der Mutter, die froh ist, wenn er das Gegenteil dessen wird, was jener Kephisos verkörpert; von ihr geliebt zu werden ist der Grund, sich selber zu mögen. In ihm selber hat der Wertmaßstab der Mutter sich also verfestigt: die Ablehnung des Vaters ist identisch mit der Anlehnung an die Mutter, das Negativbild des Vaters ist das Ichideal im Überich, und den Umkreis der mütterlichen Zuneigung nicht zu verlassen formt das Idealich eines Narkissos.“

Wir wissen über die Beziehung des Narziss zu seinen Eltern kaum mehr, als dass er offenbar beide gesucht hat. In der ihm zugeschriebenen „Liebe zu den heiligen Quellen“ dürfte sich wohl symbolisch seine Liebe zu beiden Eltern spiegeln, die bezeichnenderweise beide Wasserwesen sind. Aber Drewermann macht die fiktive Gestalt des Narziss mehr und mehr zu einem Prototyp des psychoanalytisch missverstandenen Ödipus, der (angeblich) die inzestuöse Nähe zu seiner Mutter sucht („möchte sein der Geliebte der Mutter“) und gleichzeitig (angeblich) den Vater am liebsten aus dem Weg räumen würde bzw. jede Nähe zum Vater ablehnt.

Der 16-Jährige lebe „verzweifelt (…) nach der Erwartung der schönen Nymphe Liriope“, suche „sich mit seiner relativen Kontaktverweigerung im Grunde die Liebe seiner Mutter zu bewahren“, sei als „Halb­wai­sen­kind einer Vergewaltigten [bedingungslos] auf die Gunst seiner Mutter angewiesen“, im Bewusstsein, „die Liebe der Mutter nur dann [zu behalten], wenn ich niemals nach Art meines Vaters mich von meinen Trieben beherrschen lasse“, so Drewermanns Fantasien über das ödipale Innenleben des Narziss.

Inzestuöse Nähe
zur Mutter
als Schutz gegen homosexuelle Versuchung?

Und Drewermann zufolge weist Narziss das Beziehungsbegehren junger Männer nicht etwa deshalb ab, weil er entweder nicht schwul ist oder einfach keine Lust auf Ameinias hat. Nein. Das Scheitern homosexueller „Avancen“ liege daran, dass sie …

„… die innere Einheit von Sohn und Mutter, von Narkissos und Liriope, gefährden müßten; sie stellen das Wesen eines Narkissos in Frage“.

Offenbar reicht es nicht aus, dass ein junger Mann von 16 Jahren keine Lust auf Sex mit irgendwelchen Typen hat. Der Grund dafür liege nach Drewermann im Wesentlichen in der Gefährdung der „Einheit von Mutter und Sohn“.

Narziss als
sexuelles Neutrum?

Drewermann kommt zweifellos das Verdienst zu, Sexualität im kirchlichen Kontext thematisiert und damit ein Stück weit enttabuisiert zu haben („Kleriker“). Dabei scheint er sich allerdings an der Psychoanalyse infiziert zu haben, die ihrerseits das entgegengesetzte Problem hat. Dort werden zwanghaft alle Lebensäußerungen sexualisiert. So sieht Drewermann die Zurückgezogenheit des Narkissos folgendermaßen:

„Das mädchenhaft Scheue in ihm sowie die weibliche Schönheit der Mutter, die in seinen Gliedern sich ausprägt, umwerben die Jungen; daß er ein Mann ist, dem alles Brutale, Obszöne und Rohe so gänzlich abgeht, macht ihn zum Schwarm mancher Mädchen; er selbst aber hält sich neutral und jenseits jedweden Begehrens.“

Der psychoanalytischen Glaubenslehre fest verhaftet, bemängelt Drewermann allen Ernstes bei diesem 16-Jährigen, dass er noch keine Liebschaften vorzuweisen hat. Und dabei wimmelt es doch geradezu nur so von Bewerbern und Bewerberinnen!

Ovid erzählt uns unmissverständlich, dass Narziss mit Freunden unterwegs sei. Vielleicht haben diese ja auch Schwestern, die ebenso wie seine zu solchen Ausflügen mitkommen. Insofern könnte in ihm längst ein Beziehungswunsch aufgekeimt sein. Wie also kann Drewermann behaupten, dieser Narziss hielte sich „jenseits jedweden Begehrens“? Und selbst wenn er mit 16 Jahren noch keinerlei Begehren hätte nach irgendwelchen Mädels oder Jungs, wäre das doch vollkommen okay. Oder sehen Sie das anders, Herr Drewermann?

Sehnsucht nach Echo?

Die auch von anderen AutorInnen herbeigeredete „Sehnsucht nach Echo“ treibt Drewermann auf die Spitze. Er macht sich Gedanken, wer denn für diesen Narkissos die Richtige sein könnte. Seine grandiose Idee: Eigentlich passt doch diese Echo bestens zu ihm!

„Idealtypisch kann es kein genaueres weibliches Pendant zu ihm geben als das Bild einer Echo.“

War Narziss also nur zu blind, das zu kapieren?

Dass Echos „Echolalie“, ihre „nachhallende Zustimmung nachhaltig nicht sein kann“, das realisiert Drewermann immerhin ebenso wie, dass „die Qualität, die Verstehenstiefe des Dialogs denkbar oberflächlich bleibt“. Bei einem Gespräch, bei dem der eine ständig nur die letzten Worte des anderen wiederholt, wie es bei schwerster psychischer Störung bzw. geistiger Behinderung als „Echolalie“ auftritt, bleibt die „Verstehenstiefe des Dialogs denkbar oberflächlich“. Wer hätte das gedacht? Aber kommt Drewermann nicht in den Sinn, dass ein solcher „Monolog mit Echo“ geradezu in den Wahnsinn treiben muss? Offenbar nicht. Denn unverdrossen folgt seine Empfehlung zur Eheschließung:

„Was eine Echo (…) zur prädestinierten Ehegemahlin eines Narkissos erhebt, ist ihre scheinbar völlige Selbstlosigkeit.“

War zuvor nur von einer Beziehung die Rede, so denkt Drewermann jetzt schon ans Heiraten. Aber warum, bitteschön, sollte Narziss auf völlig selbstlose Partnerinnen angewiesen sein?

Zimperlicher Narziss?

Diese Drewermann’sche Konstruktion beruht ausschließlich auf dessen Unterstellung, Narziss sei ein zimperliches Lieschen:

„Narkissos verfügt über ein männliches Selbst, das identifiziert ist mit der sorgenden Sympathie seiner Mutter Liriope, und um sich vor den männlichen Strebungen drinnen wie draußen zu schützen, muß er stets auf der Hut sein: wie leicht kann aus Zuneigung Zudringlichkeit werden! Das Schicksal seiner Mutter beweist es!“

Nach Drewermanns Psycho-Logik ist eine Schnepfe, die jedem x-beliebigen Gegenüber alles nachplappert, genau die richtige Partie für Narkissos. Denn dieser mit Gefährten unverzagt auf Hirschjagd gehende junge Mann müsse sich ja vor „männlichen Strebungen drinnen wie draußen schützen“.

Dabei ist es für Narziss sonnenklar, dass er mit dieser Echo niemals etwas anfangen würde. Lieber würde er sterben, als an ihrer Seite kommunikativ zu verhungern und emotional dahinzusiechen.

Aber Drewermann der Weise insistiert in selbstgewissem Ton:

„Nichts also könnte anziehender (.x.) wirken auf einen Narkissos als eine Echo“.

Das „und damit zugleich bedrohlicher“ habe ich an dieser Stelle – (.x.) – erstmal zur Verdeutlichung weggelassen. Die Bündelung dieser beiden Aussagen in einem Satz –

„Nichts also könnte anziehender und damit zugleich bedrohlicher wirken auf einen Narkissos als eine Echo[, als dieses Gebilde, das einen jeden umfächeln möchte mit dem Widerhall der eigenen Worte, jedes Widerwort meidend, gehorsam allem, was hörbar wird.]

– enthält meines Erachtens eine doppelt falsche und damit besonders verwirrende Analyse. Narziss ist weder von Echo angezogen, noch fühlt er sich von ihr bedroht. Sie geht ihm mit ihrem Geschwätz nur fürchterlich auf die Nerven. Für ihn ist es daher völlig hinreichend, ihr eine klare Absage zu erteilen.

Reflexion über
Echos Schicksal

Nun beginnt Drewermann, über die prägenden Erfahrungen dieser Echo zu reflektieren. Ganz offensichtlich steckt hinter ihrer neurotischen Selbstverleugnung eine Leidensgeschichte. Hier übertreibt Drewermann meines Erachtens allerdings wieder, wenn er Zeus und Hera sogleich zum typischen Elternpaar einer Echo stilisiert und die diversen anderen Faktoren ausblendet, die zu solchen Verhaltensmustern führen können – Großeltern, Geschwister, Kranken­häuser, Kirchen, Kindergärten, Schulen … Wie dem auch sei: In Drewermann hat diese Nymphe einen beherzten Fürsprecher, der sich weiter stark macht für ihre Hochzeit mit Narziss:

„Wenn irgend, sollte man meinen, jemand ein Anrecht besäße, daß seine Sehnsucht [nach einer Beziehung mit Narziss; K.S.] Erfüllung fände, so wäre es diese Nymphe der scheuen Schönheit, die so bedingungslos den Anderen in seiner Eigenheit zu erreichen sucht.“

Drewermann lässt hier außer Acht, dass die Nymphe völlig wahllos, sprich auf jedes Gegenüber mit einem Echo reagiert. Trotz ihrer körperlichen Reize muss sie also auf Menschen, die sich für eine Partnerschaft ein selbstbewusstes Gegenüber wünschen, völlig unattraktiv wirken. Und von einem „Anrecht“ auf die Erfüllung ihrer Sehnsüchte kann schon mal gar keine Rede sein.

Drewermanns Empfehlung an Narziss

Natürlich ist es ehrenwert, dass Drewermann Überlegungen anstellt, auf welche Weise Menschen geholfen werden kann, alte Prägungen zu überwinden. Hier kommt erneut seine Fantasie ins Spiel, wonach Echo und Narziss im Grunde ein Traumpaar sind, die sich gegenseitig erlösen könnten. So formuliert er dem Narziss sanfte Sätze vor, mit denen er Echo dazu motivieren könnte, mehr Eigenes von sich zu geben:

„‘Du hast als Du selber viel mehr zu sagen, als Du Dich getraust von Dir mitzuteilen‘, müßte das mögliche Gegenüber einer Echo entgegnen. ‚In der redseligen Anschmiegsamkeit Deiner Stimme vernehme ich deutlich die Gestimmtheit von Angst, und ich beginne mir vorzustellen, wie sehr Du darunter gelitten hast, zwischen Vater und Mutter, zwischen Zeus und Hera, zerrissen zu werden. Um den drohenden Konflikten der beiden zuvorzukommen, mußtest Du Dich so weit zurücknehmen, daß es Dich selber fast gar nicht mehr gab. Doch eben das kann jetzt anders werden. Wenn wir beide miteinander sprechen, kommt es niemandem mehr in die Quere. Heute können wir beide verhindern, daß die Urszenen Deiner Kindheit sich immer neu wiederholen; denn selbst wenn uns jemand mit Vorwürfen überziehen sollte, so würden wir mittlerweile gewiß eine Sprache finden, uns zu erklären und zu verteidigen.‘“

Selbst diese in allerbester Absicht formulierten Sätze wären aufgrund von Echos Natur zum Scheitern verurteilt, sofern die hohle Nymphe bei diesem Psycho-Jargon nicht sowieso ihrerseits flugs die Flucht ergriffen hätte.

Drewermanns
Empfehlung zu Echo

Und für Narziss wünscht sich Drewermann allen Ernstes einen Ratgeber, der ihm einflüstert, …

„…, daß er in Echos Armen, die sich um seinen Hals legen möchten, nicht fürchten muß, umgarnt und gefesselt zu werden, ja, daß er im Gegenteil merken könnte, wie ihn ihre Liebe recht eigentlich allererst zu einem Manne aufreifen ließe. Endlich dann dürfte die männliche Stärke nicht länger als etwas Bedrohliches gelten, sondern sie würde erlebbar als etwas Erwünschtes.“

Warum sollte dieser 16-Jährige die Verantwortung für ein neurotisches Mädel übernehmen wollen? Er orientiert sich doch erst allmählich. Warum sollte er am nächstbesten psychischen Problemfall zum Therapeuten werden wollen? Seine ausdrückliche Willensbekundung gegenüber Echo lautet jedenfalls: „Bleib mir vom Leib!“ Warum müssen heutige PsychotherapeutInnen das anzweifeln und hinterfragen? Was gibt es da misszuverstehen?

Drewermann und
die Schuld des Narziss

Für Drewermann geht es bei der klaren Abgrenzung des Narziss gegenüber Echo nicht etwa um eine völlig berechtigte Selbstbehauptung, sondern es geht – nach ihm – um SCHULD:

„Er [Narziss; K.S.] wird nicht einmal bemerken, was aus Echo wird, und noch weniger wird er begreifen, welch eine Schuld er selbst daran trägt.“

Narziss sei verantwortlich dafür, dass die Bergnymphe vor sich hinsiecht, weil sie seine klare Beziehungsabsage nicht vertragen hat. Menschen, die ebenfalls Erfahrungen mit aufdringlichen Beziehungsangeboten gemacht haben, sollten also um Drewermanns therapeutische Praxis einen großen Bogen machen. Ansonsten könnten sie mit einem falschen Schuldgefühl infiziert werden, was ihre Leiden nicht lindern dürfte.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Drewermann zieht bei seinem Bezug auf den Mythos nur die Ovid’sche Fassung heran. Die hartnäckigen Bewerber Ameinias und Ellops lässt er unter den Tisch fallen. Ebensowenig berichtet er von der Suche nach Zwillingsschwester, Vater und Mutter.

Begriffsgeschichte

Da sich Drewermanns Arbeit ganz auf Mythendeutung beschränkt, ist er natürlich davon entbunden, sich über die Entstehungsgeschichte des Begriffes Narzissmus Gedanken zu machen.

Fazit

Eugen Drewermann schätze ich sehr für seine friedenspolitischen Thesen. In Bezug auf den Mythos von Narziss hat er sich aus meiner Sicht völlig in die These verrannt, dass Narziss durch eine im heutigen Sinne verstandene Vergewaltigung gezeugt worden ist. Das ist jedoch mit Blick auf das allgemeine Thema „Vergewaltigung in der Antike“ als auch unter einem differenzierteren Verständnis von Ovid ziemlich fragwürdig. Daraus leitet er eine Fülle von Mutmaßungen ab, die auf reale Vergewaltigungsschicksale durchaus in manchen Fällen zutreffen mögen. Am Inhalt des Mythos gehen diese reinen Spekulationen jedoch offensichtlich sehr weit vorbei. Ansonsten bleibt Drewermnn ganz den traditionellen psychoanalytischen Deutungen verhaftet. Leichtfertig schreibt er dem Narziss Schuld zu für seine überaus berechtigte, selbstbewusste Abgrenzung gegenüber Echo, anstatt ihm dafür Zustimmung und Anerkennung zuteilwerden zu lassen. Bei solch einer Unfähigkeit, eine übersichtliche (fiktive) Geschichte zu verstehen macht mich das auch sehr skeptisch in Bezug auf Drewermanns Fähigkeit, die komplexeren Geschichten von realen Menschen zu verstehen .

 

Literatur

Drewermann, Eugen (2013): Liebe, Leid und Tod. Da­seins­deutung in antiken Mythen. Ostfildern, Patmos Verlag

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