Neuer Mythos – echt antik

Die neuere psychologische Ratgeber- und Fachliteratur produziert und verbreitet im Grunde eine Fülle von Fake-Mythen.

An erster Stelle werde ich hier die markantesten Fälschungen darstellen. Ansonsten sind unter der Rubrik „DiffamiererInnen“ die Fehldeutungen und Fehlwahrnehmungen der neueren AutorInnen im einzelnen ausführlicher dargestellt.

Eine Blattgeschichte

Hans-Joachim Maaz

Einen der krassesten Fake-Mythen hat meines Wissens Hans-Joachim Maaz mit in die „Fachliteratur“ eingeführt („Die narzisstische Ge­sell­schaft. Ein Psycho­gramm.“ München, CH Beck, 2012). Er schreibt:

„Bei Pausanias fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser und verzerrt das eigene Spiegelbild.“

Aus dieser Blattgeschichte – wie ich sie mal nenne – leitet Maaz offenbar eine „Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes“ ab, die er dann in seine Sammlung der „wesentlichen Inhalte und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ aufnimmt.

Es ist interessant, dass uns Maaz eine Blattgeschichte bei Pausanias vorgaukelt, die dort eindeutig nicht zu finden ist. (Siehe die Darstellung des Mythos hier.) Er verschweigt uns hingegen den eigentlichen Kern oder den Knüller der Pausanias-Version: dass Narziss beim Griff nach seinem Spiegelbild zum Ausdruck bringt, wie verzweifelt er seine kurz zuvor verstorbene Zwillingsschwester festhalten möchte. Maaz müsste von dieser korrekten Version durchaus gewusst haben.

Spurensuche

Durch den Text von Maaz wurde ich inspiriert, dem Ursprung dieser Blattgeschichte nachzugtehen. Bei ihm ist meist undeutlich, aus welchen Quellen sich seine Weisheiten speisen. In den spärlichen Literaturangaben seines Buches finde ich zwei Hauptquellen zum Mythos: „Die Töchter der Erinnerung“ (1979) von Imre Trenscényi-Waldapfel und „Ovid. Metamorphosen“ (2005) von Winfried Schindler.

Trenscényi-Waldapfel gibt in seiner Mythensammlung weder einen Hinweis auf Pausanias, noch auf diese „Blattgeschichte“. Schindler zitiert den knappen Pausanias-Text ausführlich und korrekt – also ohne „Blattgeschichte“ und mit dem Tod der Zwillingsschwester.

Wie also kommt Maaz zu seiner Fake-Version?

1. Spur: Miriam Meckel

Hier musste ich zunächst spekulieren. Maaz nennt in der Literaturangabe seines Narzissmus-Buches einen SPIEGEL-Artikel der Ausgabe Nr. 34 von 2011. Da mag es nicht allzu weit hergeholt sein, dass ihm vier Wochen später auch Ausgabe Nr. 38 in die Hände gefallen ist. Dort findet sich ein Artikel von Miriam Meckel: „Weltkurzsichtigkeit“. Er war in der Kategorie „Bester Essay“ für den Deutschen Reporterpreis 2011 nominiert. Dieser Beitrag war für mich die erste Spur bei meinen Google-Recherchen über den Ursprung der Blattgeschichte. Meckel schreibt:

„Wie der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos genau ums Leben kam, verrät die griechische Mythologie nicht. Es gibt drei Versionen. (…) Die andere sagt, er starb, nachdem ein herabfallendes Blatt sein Spiegelbild im Wasser verzerrt hatte und er plötzlich erkannte, dass er hässlich war.“

Aber auch bei Meckel findet sich keine Antwort auf die Frage, an welcher Textstelle konkret diese Pausanias-Variante zu finden sein soll: keine Quellenangabe.

2. Spur: Wikipedia

Bei weiteren Google-Recherchen entdeckte ich etliche Texte, die diese Blatt-Version referieren. Sie waren zum Teil schon vor Meckels Essay entstanden, reichten jedoch höchsten zurück bis zum Jahr 2007. In der Regel berufen sich die entsprechenden AutorInnen auf Pausanias. Entweder geben sie dabei die auch bei Wieseler zu findende Pausanias-Stelle an (Pausanias, Buch IX, Kapitel 31, Satz 7-9), an der die „Blattgeschichte“ definitiv nicht zu finden ist. Oder sie belassen es bei einem knappen Hinweis auf diesen antiken Autor.

Zu den Fundstellen zählte auch der Wikipedia-Artikel zum Stichwort „Narziss“. Die Version vom 28.07.2005 lautet:

„Der Sage nach wies der vielfach Umworbene auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenem [sic] im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich das Dictum des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. [*] Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7).“

Georgios

An der markierten Stelle ([*]) fügt nun – laut Versionsgeschichte von Wikipedia – am 10.08.2005 ein gewisser „Georgios“ das Folgende ein:

„Eines Tages setzte er sich an den See um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, Woraufhin, durch Göttliche fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so, durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte, Geschockt von der Vermeintlichen Erkenntniss, er sei hässlich (wegen der Wellen die sein Spiegelbild verzerrten) starb Er.“

„Georgios“ ist übrigens heute nicht mehr in Wikipedia aktiv – jedenfalls nicht unter diesem Pseudonym. Der Inhalt seines Einschubs blieb unbeanstandet. Seine Rechtschreibfehler wurden am 18.10.2005 verbessert. Über weitere Veränderungen hat sich dann eine bis mindestens Anfang 2020 gültige Version ausgebildet:

„Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.[7]“

In Fußnote [7] dann der Hinweis: „Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9.31.7.“

Einsichtsresistenz

Circa sechs Jahre nach der Kreation dieses Fake-Mythos, am 6. Mai 2011, meldet sich auf der Diskussionsseite von Wikipedia ein/e AutorIn mit dem Kürzel JM zu Wort. Sie/er zitiert ausgiebig eine englische Volltextausgabe von Pausanias – und merkt dabei an, dass diese „Blattgeschichte“ dort nicht zu finden ist. Dies wird zwar ein wenig diskutiert, jedoch folgt keiner der admins dem Vorschlag von JM, die Georgios-Variante zu löschen. Seit bald 15 Jahren hat sich also bis heute (17.02.2020) die Georgios-Variante gehalten – die letzten 9 Jahre davon gab es hierzu sogar ausdrücklichen und bestens begründeten Widerspruch.

Ein Gerücht verbreitet sich

In Wikipedia schreibt sich also irgendjemand etwas zurecht und setzt es vor eine seriöse Quellen­angabe. Dann bedienen sich sogar ausgewiesene JournalistInnen und WissenschaftlerInnen unkritisch und ohne zu zitieren unmittel- oder mittelbar des entsprechenden Beitrags. Auf diese Weise verbreitet sich solcher Unsinn und wird zum Inhalt eines preisverdächtigen Essays bzw. von Fachbüchern zum Thema Narzissmus. Je mehr AutorInnen weiterhin blind voneinander abschreiben, desto mehr Belegstellen entstehen und desto häufiger wird der verfremdete Mythos womöglich noch weiter ausgeschmückt – auf Kosten des sympathischen Protagonisten.

Raphael Bonelli

Raphael Bonelli gehört zu jenen, die kritiklos auf Wikipedia oder Maaz hereingefallen sind. Er schreibt (in „Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist“, München, Kösel, 2016):

„In anderen Versionen wiederum verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, worauf Narcissus durch die vermeintliche Erkenntnis, hässlich zu sein, stirbt.“

Hier ist mitzuerleben, wie auch Bonelli daran mitwirkt, die selbstbewusste Gestalt aus dem griechischen Mythos zur Witzfigur herabzuwürdigen.

Jochen Peichl

Jochen Peichl ist jemand, der den verfälschten Mythos sehr weitgehend in sein Werk einfließen lässt. In „Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile“ (Stuttgart, Klett-Cotta, 2015) heißt es:

„Der Sohn wächst als ungeliebtes Kind auf und ist selbst nicht in der Lage zu lieben, sondern er ist eitel, berauscht nur von seiner eigenen Schönheit. (…) Hierauf wird er durch die Göttin Aphrodite verflucht: Er möge sich selbst lieben und niemals glücklich sein – es ist sein Schicksal, sich unsterblich in sein Spiegelbild zu verlieben. Der Sage zufolge stirbt er, als er mal wieder am See sitzt, ins Wasser schaut und plötzlich ein Blatt ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner Hässlichkeit, stirbt er.“

Reinhard Haller

Zum Reigen der ausgewiesenen Narzissmus-ExpertInnen, die auf den Fake-Mythos hereinfallen, gehört in jüngerer Zeit auch Reinhard Haller. Der Professor für Psychiatrie und Gerichtsgutachter schreibt in seinem Buch „Nie mehr süchtig sein“ (2017):

„Als er am See saß und sich an seinem Spiegelbild ergötzte, wurde die Wasseroberfläche auf göttliche Fügung hin durch ein herabfallendes Blatt getrübt. Weil Narziss glaubte, hässlich zu sein, fiel er in eine tiefe Depression und verstarb. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Haller gibt nicht an, wo er diesen Fake-Mythos abgeschrieben hat.

Wer bestraft den Narziss?

In den oben zitierten Fake-Versionen wird gleich ein weiteres Problem offenbar: Wer rächt nun eigentlich das Siechtum von Echo und den Tod des Ameinias? Wikipedia nennt zunächst einmal Nemesis. Je nach Version werden auch Aphrodite (28.07.2005) oder Artemis (ab 27.03.2010 bis mindestens 17.10.2019) als Alternativen genannt. Aktuell (17.02.2020) ist wieder Aphrodite im Rennen.

Aphrodite wird auch im letzten Beitrag von Jochen Peichl bevorzugt.

Aber wer war’s denn nun wirklich?

Artemis?

Bärbel Wardetzki

Bärbel Wardetzki erläutert:

„Die Göttin Artemis rächte diesen Freitod [von Ameinias] und strafte Narziss mit ‚unerfüllbarer Selbstliebe‘.“

Wer Artemis kennt, der weiß auch, dass diese Göttin der Jagd sicherlich gar nichts gegen sexuelle Enthaltsamkeit einzuwenden gehabt hätte. Im Gegenteil: Sie konnte mächtig sauer werden, wenn eine Frau aus ihrem Gefolge ihre Jungfernschaft verlor. Kallisto beispielsweise wird von Artemis gnadenlos verstoßen, nachdem Göttervater Zeus diese Kallisto – trotz ihrer heftigsten Gegenwehr – überwältigt und geschwängert hatte. Den jungen Aktaion bringt Artemis um sein Leben, weil er sich einmal in eine Höhle verirrt und sie dort beim Nacktbaden überrascht hatte. Der eingeschworene, notorische Junggeselle Hippolytos gehört zu den glühendsten Verehrern der Artemis. Kaum vorstellbar, dass sich Artemis für eine Aufforderung des Ameinias hergibt, den Narziss wegen mangelnder sexueller Willfährigkeit zu bestrafen.

Wikipedia

Auch in Wikipedia (Stand: 17.10.2019) war lange zeit Artemis als Racheengel angeboten, und zwar erstmals eingefügt am 27.03.2010 von einer/m „RE probst“:

„Nemesis (nach anderen Quellen Artemis) hörte die Bitte [von Echo und Ameinias; K.S.] und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Als er sich in einer Wasserquelle sah, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild.“

Gut denkbar, dass diese „Korrektur“ vom 27.03.2010 angestoßen wurde durch die kurz zuvor – am 16.11.2009 – erschienene Publikation von Wardetzki.

Quelle des Gerüchts

Gut denkbar, dass die Sache mit Artemis auf die „Griechische Mythologie“ von Robert v. Ranke-Graves (1984) zurückgeht. Auch er handelt Artemis als Rachegöttin. Und er benennt den Ameinias als „Ameinios“. Auch diese Besonderheiten sind sowohl von Bärbel Wardetzki als auch in Wikipedia (fälschlich) übernommen.

Aphrodite?

Mit der „Verbesserung“ der Wikipedia-Eintragung durch die Nennung von Artemis am 27.03.10 wurde die ursprünglich gehandelte Aphrodite von ihrem Platz verdrängt. Mit ihr beginnt der erste Wikipedia-Eintrag vom 04.10.03. Eine der älteren Wikipedia-Versionen (vom 28.07.2005) ist oben bereits zitiert:

„Dafür wurde er [Narziss] von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er (…).“

Für Aphrodite hat sich, wie bereits zitiert, auch Peichl entschieden. Bei Eschenbach (1985) und Mugerauer (1994) – also lange vor Wikipedia – fand ich die (bislang) ältesten Stellen, an denen Aphrodite als Rächerin gehandelt wird. Während Eschenbach keine Quelle für ihre Version offenbart, bezieht sich Mugerauer bei seiner Behauptung – soweit mir ersichtlich: fälschlicherweise – auf Ovid.

Wikipedia hat der Welt also nicht nur eine neue Version vom Tod des Narziss beschert, sondern propagiert auch wahlweise Artemis oder Aphrodite als Rachegöttinnen. In den mir vorliegenden Quellentexten – Ovid, Pausanias, Konon, Probus (die beiden Letzteren jeweils in Auszügen bei Wieseler zitiert) – sind mir jedoch weder Aphrodite noch Artemis je als Rächerinnen begegnet. Bei diesen beiden Göttinnen wäre es auch nicht nachvollziehbar, weshalb sie den Narziss für sein selbstverständliches, gänzlich angemessenes Handeln bestrafen sollten.

Nemesis!

Ovid ist der einzige Mythograph, der die strafende Instanz beim Namen nennt, und zwar als „Göttin von Rhamnus“ = Nemesis. Es fällt in ihr Ressort, für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen.

Biografisches zu Nemesis

Bedrängnis durch Zeus

Nemesis hat die Bedrängnis mit Beziehungswünschen am eigenen Leib erfahren. Göttervater Zeus stellte ihr nach. Sie wollte unbedingt seinen Zudringlichkeiten entgehen und verwandelte sich deshalb in verschiedene Tiere. Als Gans wurde sie am Ende von ihm überwältigt – er hatte sich in einen Schwan verwandelt (Kerényi, Bd. 1, S.86).

Tochter Helena

Aus einem Ei, das dieser Verbindung entsprang, schlüpfte Helena. Sie wuchs zur „schönsten Frau der Welt“ heran. In ihrer ersten Ehe war sie mit Menelaos verheiratet, dem König von Sparta.

Ein Schönheitswettbewerb …

Im Rahmen eines kleinen Schönheitswettbewerbs zwischen drei Göttinnen sollte der trojanische Prinz Paris das Urteil sprechen. Er galt offenbar als Experte in Schönheitsfragen. Alle Kandidatinnen boten ihm unter der Hand reichen Lohn, wenn er sie zur Siegerin erklärte. Aphrodite, die Göttin der Schönheit, versprach ihm die schöne Helena. Vermutlich hatte sie Helena nicht nach ihrem Einverständnis gefragt, geschweige denn deren Gatten. Aphrodite machte am Ende das Rennen.

… und seine Folgen: Der Krieg um Troja

Aphrodite hatte wohl erwartet, dass sich Menelaos nicht so haben würde. Da hatte sie sich aber getäuscht. Menelaos beschwerte sich bei seinem großen Bruder Agamemnon, der dann als oberster Feldherr den Rachefeldzug des griechischen Heeres gegen Troja anführte. Und so begann der für beide Seiten verlustreiche Krieg um diese Stadt.
Und die Moral von der Geschicht‘: Es ist fatal, Frauen zum reinen Beuteobjekt zu degradieren!

Ovid

Ovid, der Dichter der Metamorphosen, zieht Nemesis offenbar nicht zufällig als Rächerin hinzu. Sie muss aus eigener Erfahrung die Missachtung ihrer eigenen Grenzen durch lästige Bewerber verabscheuen. Auch das Schicksal ihrer Tochter wird sie in dieser Haltung bestärkt haben. Nach Ovids – augenzwinkernder – Vergeltungslogik mag der Göttin aus Rhamnus die Bestrafung des Narziss eine gewisse Genugtuung bereitet haben. Denn nun würde auch mal auf Seiten der Männer jemand für die Gegenwehr gegen solche Aufdringlichkeit bestraft sein! („Ich und meine Tochter waren hilflos männlichen Nachstellungen ausgesetzt! Jetzt sorge ich dafür, dass auch die andere Seite mal unter Nachstellungen zu leiden hat!“)

Vergeltungs-Logik

In der Bestrafung des Narziss durch Nemesis spiegelt sich – vordergründig – die folgende Vergeltungslogik: Echo und Ameinias müssen erleben, dass ihre „Liebe“ von Narziss nicht erwidert wurde. Also muss er jetzt selbst erleben, dass seine Liebe nicht erwidert wird. Er kniet vor seinem Spiegelbild im Wasser – und bekommt nicht die Reaktion, die er sich wünscht. Er kann sich nicht erreichen.

Handlungs-Logik

Nemesis hatte sich selbst verzweifelt (und vergeblich) bemüht, der Aufdringlichkeit eines Beziehungsbewerbers zu entgehen. Insofern verkörpert sie den Anspruch, dass Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhen sollten. Aus dieser Perspektive betrachtet ist klar, dass Echo und Ameinias keinen berechtigten Anspruch auf Erfüllung ihre Beziehungswünsche haben.

Ironie

Ovid arbeitet hier m.E. mit dem Stilmittel der Ironie [eironeia (griech.) = Verstellung, Vortäuschung]. (Die Gründe hierfür sind an anderer Stelle erläutert.)

Oberflächlich betrachtet lässt er auf die angebliche Anmaßung des Narziss, Beziehungsanträge abzulehnen, göttliche Strafe folgen. Indirekt drückt er – gerade durch die sehr bewusste Wahl von NEMESIS als Rächerin – genau das Gegenteil aus: Beziehungen MÜSSEN freiwillig sein. NIEMAND hat einen berechtigten Anspruch, dass seine Wünsche nach Beziehung von einem Gegenüber auch erfüllt wird. Erst recht hat niemand den Anspruch, dass die Ablehnung eines Beziehungswunsches BESTRAFT wird!

 

Literatur

Bonelli, Raphael M. (2016): Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. München, Kösel

Eschenbach, Ursula (1985): Vom Mythos zum Narzißmus. Vom Selbst zum Ich. The­ra­peu­tische Konzepte der Ana­ly­tischen Psychologie C.G. Jungs. Fellbach, Bonz Verlag

Kerényi, Karl (1998): Die Mythologie der Griechen. Bd. 1: Die Götter und Mensch­heitsgeschichten. Bd. 2: Die Heroen-Geschichten. München, dtv

Maaz, Hans-Joachim (2012): Die narzisstische Ge­sell­schaft. Ein Psycho­gramm. München, CH Beck

Mugerauer, Roland (1994): Narzißmus: eine erzie­he­rische Herausforderung in pä­dagogischen und sozialen Praxis­feldern. Marburg, Tec­tum Verlag

Ovid (2018): Meta­mor­phosen. Herausgegeben und über­setzt von Niklas Holzberg. Reihe: Sammlung Tusculum. Berlin, Verlag De Gruyter

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta
Ranke-Graves, Robert v. (1984): Griechische Mytho­lo­gie. Quellen und Deutung. Ro­wohlt Taschenbuch

Schindler, Winfried (2005): Ovid: Metamorphosen. Erkennungsmythen des Abend­landes. Europa und Narziss. Exem­plarische Reihe Literatur und Philosophie, Band 20. Annweiler am Trifels, Sonnenberg Verlag

Trencsényi-Waldapfel, Imre (1979): Die Töchter der Erinnerung. Götter- und Heldensagen der Griechen und Römer mit einem Ausblick auf die vergleichende Mythologie. (Aus dem Ungarischen über­setzt von Mirza Schüching.) Berlin, Rütten & Loening

Wardetzki, Bärbel (2009): Eitle Liebe. Wie nar­zisstische Beziehungen schei­tern oder gelingen können. München, Kösel

Wikipedia: Narziss. Versionen vom 04.10.03, 28.7.05, 10.8.05, 18.10.05, 17.10.19 und 02.02.20

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