Hier eine Liste derjenigen Personen bzw. Institutionen, die auf den Wikipedia-Pausanias-Fake-Mythos kritiklos hereingefallen sind. Die entsprechenden Textpassagen sind weiter unten ausführlich zitiert.

  1. Friedhelm Schneidewind (2006), freiberuflicher Autor, Journalist, Verleger, Musiker und Dozent
  2. Wolfgang Himmelbauer (2007), Psychologe und Betreiber einer christlich-schamanistische Dschungel – Einsiedelei
  3. Christoph Kivelitz (2007), promovierter Kunsthistoriker und Kurator
  4. Klaus Schmeh (2007), Informatiker und Sachbuchautor
  5. Nezaket Ekici (2007), Künstlerin
  6. Auktionshaus Koller (2007), Zürich
  7. Magdalena Stemmer-Lück (2009), Professorin für Psychologie an der katholischen Hochschule für Sozialwesen, Münster
  8. danse brute (2010), Tanzprojekt Wien
  9. Miriam Meckel (2011), Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen
  10. Wolf Lotter (2011), Mitbegründern des Wirtschaftsmagazins brand eins , wo er seit 2000 die Leitartikel (Einleitungen) zu den Schwerpunktthemen verantwortet; einer der führenden Publizisten auf dem Gebiet der Beschreibung der Transformation von der alten Industriegesellschaft hin zur neuen Wissensgesellschaft. Seit vielen Jahren gefragter Keynoter bei Unternehmen, Ministerien, Verbänden, politischen Parteien und Stiftungen; häufig Gast und Kommentator bei Rundfunkanstalten.
  11. Siegfried Saerberg (2011), Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg
  12. Hans-Joachim Maaz (2012), ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale), langjähriger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT)
  13. Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Stuttgart (2012)
  14. Rudi Roozen (2012), österreichischer Bergführer und Teilnehmer wissenschaftlich/medizinischer Expeditionen
  15. Hilmar Klute (2012), Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor
  16. Ingo Weyland (2012), Dr. med. und Betreiber einer Webseite
  17. Prestige-Magazin vom 27. März 2013
  18. Michael Lapp (2013 – 2020), Consulting, Coaching, Training
  19. Rolf Waldvogel (2014) für die Schwäbische Zeitung
  20. Lesezeichen (2014), Kundenmagazin der „Rheinisch-Bergischen Siedlungsgesellschaft“
  21. Ulrich B. Wagner (2014), geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm)
  22. Ronald Barazon (2015), Chefredakteur der Salzburger Nachrichten von 1995 bis 2006, ab 2006 Kolumnist der Salzburger Nachrichten
  23. Jochen Peichl (2015), Leiter des Institutes für hypno-analytische Teiletherapie (InHAT) in Nürnberg
  24. Thomas Lackmann (2015), Berlin-Redakteur des Tagesspiegel
  25. Lilo Endriss (2015), Kreatives Management – Beratung und Training Hamburg und Autorin
  26. Christa Holtei (2015), Schriftstellerin und Übersetzerin aus Düsseldorf
  27. Angela Theisen (2015), für das Amt für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln
  28. Constantin Rauer (2015), Habilitant am Institut für Philosophie der Universität Tübingen
  29. Sylvia Kovacek (2015/16), Inhaberin der Galerie Kovacek in Wien
  30. Felix Walker (2016) für das „Institute for Digital Business “
  31. Raphael Bonelli (2016), Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychosomatische Medizin und Autor
  32. Antonius Weixler (2016), Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal
  33. Günther J. Wiedemann (2016), Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie, Palliativmedizin, Internistische Labormedizin, Mitherausgeber von „klinikarzt“
  34. Florian Russi (2016), Autor
  35. Christhard Rüdiger (2016), Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche für den Bezirk Dresden (Hinweis von Wikipedia-Autor „Mautpreller“)
  36. Joachim Mohr (2016), seit 1993 Redakteur beim SPIEGEL (Ressort Innenpolitik, Geschichte), Autor und Herausgeber mehrerer Bücher
  37. Emanuel Jauk, Mathias Benedek , Karl Koschutnig, Gayannée Kedia & Aljoscha C. Neubauer (2017), Arbeitsgruppe am Lehrstuhl des Professors für Differentielle Psychologie an der Universität Graz, Prof. Aljoscha C. Neubauer, und Verfasser einer Studie (Hinweis von Wikipedia-Autor „Mautpreller“)
  38. Anita Zolles (2017), Autorin für ORF-Science
  39. Kathrin Schmitt (2017), Kommunikationsmanagerin der Heiligenfeld Kliniken
  40. Olaf Zechlin (2017), Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Freisenbruch-Horst-Eiberg
  41. Der Wassermann-BLOG (2017)
  42. Florian Müller (2017), Journalist für die FAZ
  43. Reinhard Haller (2017), Professor für Psychiatrie, Gerichtsgutachter und Autor
  44. Mahret Ifeoma Kupka (2017), Kunstwissenschaftlerin und Autorin, seit 2013 Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main
  45. Christian Luber (2018), nach Ausbildung zum Bankkaufmann in verschiedenen Bereichen aktiv
  46. Florian Stark (2019), Journalist für die WELT
  47. Thomas Mauch (2019), Redakteur bei der taz
  48. Mathias Kieß (2019), Autor von Reclam Lektüreschlüssel (zu Thomas Mann: Der Tod in Venedig)
  49. Beate Schwedler (2019) für das „Magazin Berührungspunkte“
  50. Lennart Balg (2019), Blog-Autor
  51. Josef Pfleger (2020), Betreiber eines Pressebüros in Horn (AT)
  52. Mario Lochner (2020), Redakteur bei Focus Money
  53. Thorsten Niehus (2020), Pastor in Otterndorf
  54. Herder Verlag (2020), Bereich Lebensberatung und Psychologie
  55. Michael Ermann (2020), emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Autor und Lehranalytiker
  56. Thomas Seemann und Marlou Lessing (2020)
  57. Fritz Gerlinger (2020), ein Autor, dessen Qualifikation ziemlich im Dunkeln bleibt
  58. Heinz Jürgen Aubeck (2008/2021), Autor
  59. Sabine L. Koch (2021), Autorin
  60. Florian Teichmann (o.J.), diplomierter Künstler (Malerei)
  61. Yoga-Vidia (o.J.), Wiki-Beitrag zu „Narzisstische Liebe“
  62. Markus Thiele (o.J.), approbierter psychologischer Psychotherapeut & Webseiten-Autor
  63. Werner Stangl (o.J.), Betreiber des Blogs „Was Sie immer schon über Psychologie wissen wollten …“
  64. Jochen Mai (o.J.), Betreiber des Blogs „karrierebibel“
  65. Osswald, Zürich (o.J.), Parfümerie
  66. Tchibo-Kaffee (o.J.), Rubrik „Blumenlexikon“
  67. t-online (o.J.), Rubrik „heim-garten“
  68. Botanischer Garten Marburg (o.J.)
  69. Förderkreis Stadtpark-Botanischer Garten Gütersloh e.V. (o.J.)
  70. Diverse Geschäfte für Gartenbedarf (o.J.), u.a. Ulrich und Alexander Spengler, Dillingen; Späth Betriebs GmbH, Villingen-Schwenningen; Blumenland Halmer, Meßkirch; grün erleben Baumer, Oberviechtach
  71. Karin Schindler (o.J.) auf der Webseite „Lebensart im Markgräflerland”
  72. Michael Lahanas (o.J.) auf der Webseite „Hellenicaworld”
  73. Barbara und Andreas Schlemmer (o.J.), Psychotherapeutische Praxis, Saarwellingen
  74. Jens Niermann (o.J.) für den „Bibelgarten Werlte“
  75. Quizlet.com (o.J.) zu Persönlichkeitsstörungen
  76. Raphael Haumann (o.J.) auf seiner Webseite viaveto
  77. Markus Frauchinger (o.J.) auf der Webseite seiner psychotherapeutischen Praxis in Bern

In manchen dieser Texte wird der Pausanias-Fake-Mythos von Narziss zur zentralen Erzählung von Narziss erhoben. Dabei wird in aller Regel die Quelle der Erkenntnis verschwiegen. Teilweise wird so getan als ob der Verweis auf Pausanias die Herkunft dieser unsinnigen Geschichte ausreichend erklären würde. Auf Wikipedia nimmt niemand ausdrücklich Bezug. Mahret Kupka versieht sogar die angegebene Pausanias-Stelle – anders als Wikipedia – mit einer genauen bibliografischen Angabe. (Wollte sie ihrem Zitat damit einen Anstrich von Seriosität verleihen?) Hätte sie dort tatsächlich nachgelesen, sie hätte den Irrtum bemerken müssen.

Oftmals wird eine stilistische Besonderheit des Textes übernommen: „Eines Tages setzte sich Narziss an DEN See …”. Würde man an dieser Stelle nachfragen, um welchen See genau es sich denn gehandelt hat, dann könnte man den Irrtum schnell erkennen.

Das Besondere an diesem Fake-Mythos ist insgesamt: Es wäre ein Leichtes, ihn zu enttarnen, wenn nur an der entsprechenden Pausanias-Stelle nachgesehen worden wäre. Das ist jedoch nicht passiert.

Friedhelm Schneidewind (2006)

Friedhelm Schneidewind, freiberuflicher Autor, Journalist, Verleger, Musiker und Dozent, schreibt in „Vom Wasserbild zum Spiegeltor oder: Hindurch und dahinter. Reflexionen über Spiegel in der phantastischen Literatur von Narziss bis Harry Potter“ am 11. Mai 2006:

„Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild im Wasser und verzehrte sich entweder danach und starb deshalb – oder er brachte sich um; letzteres nach Pausanias, weil ein ins Wasser fallendes Blatt sein Spiegelbild trübte und er zum Schluss kam, er sei hässlich geworden. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt. Wie die meisten antiken Helden zeichnet sich Narziss, wie wir sehen, nicht gerade durch intellektuelle Glanzleistungen aus. Seine Geschichte aber war eine der meist erzählten und dargestellten der Antike.“

Friedhelm Schneidewind ist chronologisch der erste auf meiner Liste von Menschen, die auf „Georgios“ reingefallen sind – und zeichnet sich damit selbst „nicht gerade durch intellektuelle Glanzleistungen“ aus.

Wolfgang Himmelbauer (2007)

Wolfgamng Himmelbauer schreibt auf seiner Webseite:

„Eines Tages setzte er sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch goettliche Fuegung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild truebte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei haesslich, starb er. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt. (Nach Pausanias Periegeta, * um 115 n.Chr.)“

Wolfgang Himmelbauer möchte anscheinend suggerieren, er sei ein besonderer Kenner der Materie: Er verleiht dem Pausanias noch einen Beinamen, der wohl nur Fachleuten bekannt ist (Periegeta). Trotz dieser Fachkenntnis hat er offenbar versäumt, in der vermeintlichen Quelle die Blattgeschichte tatsächlich nachzusuchen. Andernfalls hätte er erkennen müssen, dass dieser Unsinn dort nicht zu finden ist. Umso schlimmer, dass er den Wikipedia-Fake-Mythos zur einzigen Variante des Narziss-Mythos erhebt.

Christoph Kivelitz (2007)

Christoph Kivelitz sagt in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung „Florian Merkel – Goldmund” in der Galerie Robert Drees Hannover:

„Diese Bezugnahme [auf die griechische Mythologie] liegt nahe, da Florian Merkel ja auch in der Ausführung seiner Bilder den Stil der griechischen Vasenmalerei zitiert und damit ein entsprechendes kulturhistorisches Fenster eröffnet. Der Sage nach wies der vielfach umworbene schöne Jüngling auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Eines Tages setzte er sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der Täuschung, er sei hässlich, starb er, um sich in einer Metamorphose in eine Narzisse zu verwandeln. Damit steht die Figur des Narziß für einen Transformationsprozess, für die Umformung des Leiblichen in ein ideelles Prinzip.”

Klaus Schmeh (2007)

Klaus Schmeh, Informatiker und Sachbuchautor, schreibt in seinem Buch „Das trojanische Pferd. Klassische Mythen neu erklärt“:

„Der Sohn des Flussgottes Kephissos und einer Nymphe war von außerordentlicher Schönheit und fand selbst großen Gefallen an seinem Äußeren. Dies ging so weit, das Narziss sich mit der Zeit in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Als er sich eines Tages wieder einmal an einen See setzte, um seinen gespiegelten Anblick zu betrachten, fiel ein Blatt ins Wasser. Die dadurch entstandenen Wellen trübten das makellose Bild und verleiteten Narziss zu der Einschätzung, er sei auf einmal hässlich geworden. Dies schockierte den schönen Sagenhelden so sehr, dass er vor Schreck starb. Nach seinem Tod verwandelte er sich in eine Blume, die seither Narzisse genannt wird.“

Auf die Angabe, wo er diese Weisheit aufgeschnappt hat, verzichtet Schmeh vorsichtshalber. Den Unsinn von „Georgios” macht er quasi zum zentralen Inhalt des Narziss-Mythos. Diese „neue Erklärung“ für den klassischen Mythos von Narziss möchte ich nicht zur Übernahme empfehlen.

Nezaket Ekici (2007)

Die in Berllin und Stuttgart lebende Künstlerin schreibt zu ihrem Projekt „Self-Deliverance“, „Water_Please“, Performance des Kasseler Kunstvereins 6.8.-30.9.2007bzw. FH Potsdam vom 26.10.-24.11.2007:

Ein Thema; das von Künstlern oft bearbeitet wird, ist die Figur des Narziss. Das Bildmotiv von Caravaggios Figur des Narziss, ein Gemälde von 1598-1599, drückt mehr als andere Darstellungen dieses Themas die Gefangenschaft des Narziss aus. Man sieht die Figur Narziss an einem Fluß hockend, sein Ebenbild im Wasser betrachtend. Dieses mythologische Bild ist mit einer existentiellen Bedeutung aufgeladen, die dazu auffordert, das Bild weiterzudenken. Was dem Gemälde fehlt, ist die Komplettierung der Narziss-Geschichte, derzufolge Narziss vor Schock stirbt, als ein Stein ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt, weil er meint, er wäre nun hässlich geworden. Das schreckliche Ende von Narziss ist durch die Art und Weise der Darstellung im Gemälde von Caravaggio bereits anwesend, wenngleich nur als Leerstelle.“

Der Pausanias-Fake-Mythos ist hier die einzig relevante Version des Mythos – aber eben leider nur erfunden und nicht authentisch.

Auktionshaus Koller (2007)

Das Auktionshaus Koller in Zürich beschreibt im Auktionskatalog des Hauses eine Uhr von Gaston Jolly (circa 1815/1825):

Provenienz: Privatsammlung, Belgien. Narziss war der überirdisch schöne Sohn des Flussgottes Kephisos und der Leiriope. Der Sage nach wies der vielfach von Frauen wie Männern Umworbene einst die Liebe der Nymphe Echo zurück, wofür Nemesis ihn mit einem Fluch bestrafte: Er entflammte in unstillbarer Liebe zu seinem eigenen Spiegelbild. Eines Tages setzte Narziss sich an den See, um sich seines Spiegelbildes im Wasser zu erfreuen. Als ein Blatt von einem Baum auf die Wasseroberfläche fiel und Narziss‘ Bild verzerrte, war der Jüngling so geschockt von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich geworden, dass er starb. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Dem Schöpfer dieser schönen Uhr war die Symbolik – Narziss als Repräsentant der Vergänglichkeit – wohl noch geläufig. Der unsinnige und unstimmige Pausanias-Fake-Mythos, mit dem das Auktionshaus Koller sie angepreist, wurde erst knapp 200 Jahre später erfunden.

Magdalena Stemmer-Lück (2009)

Frau Prof. Dr. rer. nat., Dipl. Psychologin, Psychoanalytikerin DPG, DGPT, DGSV Magdalena Stemmer-Lück schreibt in ihrem Buch „Verstehen und behandeln von psychischen Störungen: psychodynamische Konzepte in der psychosozialen Praxis”:

Narziss ertrinkt „bei dem Versuch, sich mit dem Spiegelbild zu vereinen. Aus dem Wasser entsprießt eine Narzisse. In einer weiteren Version verliebt er sich in sein Spiegelbild und verzehrt sich solange in Sehnsucht bis er sich schließlich in eine Blume verwandelte. In einer dritten Version stirbt er über der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich. Wellen im Wasser hatten sein Spiegelbild getrübt. In der griechischen Mythologie wie in der Psychopathologie zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung geht es um die Unfähigkeit, den anderen zu lieben. Von daher bleibt nur die Beschäftigung mit sich selbst, die sehr tragisch enden kann. Narziss wurde zum Symbol extremer Selbstbezogenheit.”

Hier haben wir gleich noch eine neue Facette: Die Narzisse entsprießt dem Wasser. Ansonsten die typische, kritiklose Übernahme von Wikipedia – jedoch ohne Verweis auf die Quelle der vermeintlichen Erkenntnis.

Danse brute (2010)

In einer Ankündigung für das Projekt eines Kollektivs behinderter und nicht-behinderter Tänzerinnen und Tänzer, Choreographinnen und Choreographen aus Wien – ‚Danse brute‘ – heißt es:

danse brute [begreift sich] als role model für eine immer noch ausstehende allgemeine gesellschaftliche Inklusion. Mit Ihrer finanziellen Unterstützung über Respekt.net möchten wir bis Mai 2011 Das Stück ‚Narcissus´tears‘ mit unserer Theatertruppe zur Aufführung bringen.
Choreographie 2010/11: Michael Turinsky. ’Narcissus´tears’: Eines Tages setzte sich Narkissos an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.”

Auch dieses Projekt hat bei der Beschäftigung mit dem mythologischen Hintergrund der Geschichte Narziss die wünschenswerte Sorgfalt vermissen lassen.

Miriam Meckel (2011)

Miriam Meckel, ordentliche Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen, verfasst für den SPIEGEL Nr. 38, 2011, den Beitrag „Weltkurzsichtigkeit“, der in der Kategorie Bester Essay für den Deutschen Reporterpreis 2011 nominiert war. Meckel schreibt darin:

„Wie der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos genau ums Leben kam, verrät die griechische Mythologie nicht. Es gibt drei Versionen. (…)

Die andere sagt, er starb, nachdem ein herabfallendes Blatt sein Spiegelbild im Wasser verzerrt hatte und er plötzlich erkannte, dass er hässlich war.“

Meckel ihrerseits verrät uns nicht, woher diese Variante stammt, die sie uns zum Besten gibt.

Wolf Lotter (2011)

In „Anleitung zur Respektsperson“ heißt es bei dem Mitbegründern des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ unter der Überschrift: „Anleitung zur Respektsperson. Respekt ist Mangelware. Jeder will mehr davon haben. Doch der will erst mal verdient sein.“

„5. Neurosenfelder

Im Rückspiegel sehen wir jetzt einen hübschen Griechen, Narziss, der Legende nach Sohn des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leiriope. Als der Schönling geboren wurde, prophezeite ihm der Seher Teiresias ein langes und glückliches Leben, vorausgesetzt, dass er, Narziss, sich in diesem Leben „nicht selbst erkennen“ würde. Narziss wuchs heran und wurde von unzähligen Frauen und Männern begehrt. Doch er wies sie alle zurück. Denn konnten diese Menschen ihn so sehr lieben wie er sich selbst? Wohl kaum.

Die Götter waren von dem Schmock ziemlich genervt. Es reichte. Sie ließen den Schönen an einen See kommen. Die spiegelglatte Oberfläche des Gewässers schien Narziss ideal, um mal einen Blick auf seinen Teint zu werfen. Bin ich schön? In diesem Augenblick ließen die Götter ein Blatt in den See fallen, die Oberfläche kräuselte sich, und Narziss sah sein Spiegelbild als eine durch die Wellen verzerrte Fratze. Das war zu viel für ihn er starb an Gram über seine Hässlichkeit. Wo er sein Ende fand, blühte eine Narzisse.“

Dass Narziss gestorben wäre aus Gram über seine Hässlichkeit, das haben wir wohl nicht zu befürchten. Es wäre natürlich zu hoffen, dass Wolf Lotter sich ein wenig grämt über seine kritiklose Übernahme eines hässlich entstellten, sensiblen griechischen Mythos.

Siegfried Saerberg (2011)

Siegfried Saerberg, Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Rauhes Haus, in Hamburg, schreibt in seinem Beitrag „Stoff und Kristall – blinde Schönheit und Identität“:

„Eine Variante berichtet, dass der in sein Spiegelbild vernarrte Narziss durch göttlichen Willen bestraft wird. Ein Blatt fällt ins Wasser und durch die aufkreisenden Wellen wird sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner zerstörten Schönheit stirbt Narziss.“

Eine belastbare antike Quelle für diese Denunzierung des Narziss führt Saerberg hier nicht an.

Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (2012)

Im Programm der oben genannten Hochschule heißt es in einem Flyer zur Aufführung von „Die drei Tode des Narziss“:

„Drei verschiedene Todesmotive bietet uns der Mythos für das Ende von Narziss. Die bekannteste Variante erzählt, dass Narziss sich vorbeugt um sein Spiegelbild zu umarmen, dabei ins Wasser fällt und ertrinkt. Eine andere Version erwähnt das Blatt eines Baumes, das in den Teich fällt und den Wasserspiegel kräuselt. Narziss erkennt seine Hässlichkeit und stürzt sich aus Verzweiflung in die Fluten. In der dritten Version verschwindet im Moment der Berührung das Spiegelbild. Narziss ertränkt sich aus Kummer um den Verlust des eben erst gewonnenen Geliebten. (Bernd Schmitt)”

Da hat sich nun also eine staatliche Hochschule daran beteiligt, einen Fake-Mythos in die Welt zu setzen.

Hans-Joachim Maaz (2012)

Bei Hans-Joachim Maaz, dem ehemaligen Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale), dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT) und dem aktuellen Vorsitzenden des Choriner Instituts für Tiefenpsychologie und psychosoziale Prävention (CIT), lesen wir:

„Wie der Seher vorausgesagt hat, kommt Narziss im Prozess der Selbsterkenntnis zu Tode. (…)

Bei Pausanias fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser und verzerrt das eigene Spiegelbild.“

Diese Darstellung – ausführlicher hier besprochen – fließt dann ein in das, was Maaz als die „wesentlichen Inhalte und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ auflistet, neben anderem auch „Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes“. Auch hierzu finden sich keinerlei Quellenangabe.

Rudi Roozen (2012)

Rudi Roozen, österreichischer Bergführer und Teilnehmer wissenschaftlich/medizinischer Expeditionen, schreibt am 18. April 2012 über „Die Narzisse mit ein wenig Geschichte“:

„Dafür wurde er [Narziss] von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dadurch bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich die Vorhersage des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. Eines Tages setzte Narziss sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die so erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich (wegen der Wellen, die sein Spiegelbild verzerrten), starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7).“

Hilmar Klute (2012)

Hilmar Klute, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor, lässt sich über Narziss vernehmen:

„Narziss verliebte sich in sein eigenes Antlitz, das er in einem See gespiegelt sah. Nun gibt es unterschiedliche Versionen, wie Narzissos an dieser Liebe zugrunde ging. … Eine andere Lesart sieht vor, dass Narziss den Anblick seines Konterfeis im Spiegel des Gewässers sehr wohl genoss und sich durchaus eine Zukunft mit sich selbst hätte vorstellen können. Dann aber löste sich ein Blatt vom Baum, fiel in den See und erzeugte die bekannten Wellen, welche das glatte Antlitz des Göttersohns derart verzerrten, dass dieser davon ausging, plötzlich hässlich geworden zu sein. Auch diese Erkenntnis führte zum Messertod aus eigener Hand.“

So weit, so Klute. Diese Sicht findet sich in Klutes Buch „Wir Ausgebrannten. Vom neuen Trend, erschöpft zu sein“, erschienen 2012 im Diederichs Verlag, München im Kapitel: „Das Zeitalter des Narziss„. Auf jeden Fall hat sich Hilmar Klute leichtfertig darin getäuscht, mit dem Wikipedia-Pausanias-Fake-Mythos eine originale Version zum Tod des Narziss in seinen Händen zu halten.

Ingo Weyland (2012)

Dr. med. Ingo Weyland schreibt auf seiner Webseite „Krankheit kränkt.“

„Der Sage nach wies der vielfach Umworbene auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich das Dictum des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. Eines Tages setzte er sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – geschockt von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7). Dies ist das klassische Beispiel des pathologischen Narzissmus!“

Das „klassische Beispiel” ist nun leider nur der Unsinn eines „Georgios”. Unter den Händen von Ingo Weyland wird die Fake-Version zur zentralen Bezugsbasis für den Mythos.

PRESTIGE-Magazin (2013)

Im PRESTIGE-Magazin vom 27.03.2013 ist zu lesen unter der Überschrift „Die Geschichte des Narziss„:

„In der griechischen Mythologie ist Narziss der schöne Sohn des Flussgottes Kephisos, der erfüllt von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit all seine Verehrer und Verehrerinnen herzlos zurückwies. Diese Kränkung widerfuhr auch dem aufdringlichen Bewerber Ameinios, dem Narziss ein Schwert zukommen liess. Ameinios brachte sich mit dem erhaltenen Schwert um, nicht aber ohne zuvor die Götter anzurufen, seinen Tod zu rächen. Nemesis hörte die Bitte und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Als Narziss sich an einer Wasserquelle niederliess, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild. Fortan betrachtete er täglich sein Spiegelbild. Eines Tages setzte sich Narziss jedoch an den See, um sich wieder seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Hier wird uns gezeigt, wie sich alter Original-Mythos (Konon, Ovid) mit modernem Fake-Mythos verbinden lässt.

Michael Lapp (2013 – 2020)

Michael Lapp schreibt auf seiner Webseite memecon.info unter der Überschrift: „Holzwege, die die eigene Firma ruinieren

„Die Mythologie hat uns die Geschichte von Narziss überliefert, der aus Rache verdammt wurde, unstillbar in sich selbst verliebt zu sein. Eines Tages fand er eine wunderschöne Spiegelung in einem See und konnte sich nicht mehr abwenden, ohne zu bemerken, dass es sein eigenes Abbild war. Als ein Blatt die glatte Oberfläche des Wassers kräuselte, erkannte er sich plötzlich auf den kleinen Wellen und fühlte sich hässlich und starb. Das Schicksal von Narziss, sich selbst falsch wahrzunehmen und anschließend zu vergehen, ist ein warnendes Beispiel für Führungskräfte, die eigene Firma nicht aufgrund falscher Selbstwahrnehmung zu ruinieren.“

Michael Lapp lässt zunächst Narziss sich gar nicht selbst im Spiegelbild wahrnehmen, dann aber plötzlich doch erschrecken, weil er sich als hässlich erkennt. Interessant, dass er auf derselben Webseit beispielsweise unter der Überschrift: „Was wir wissen können“ von sich gibt:

„Bestätigte Sachverhalte – wenn ja, wie viele Nachweise
Die Beschreibung einer Situation hängt vom Standpunkt ab. Aus verschiedenen Sichten ergeben sich automatisch alternative Wirklichkeiten, die für sich genommen stimmig sind. Zusätzlich werden Betrachter, die eng beieinanderstehen, aufgrund von unbewusstem Gruppenzwang Beschreibungen zustimmen, obwohl sie eine andere Beobachtung gemacht haben. Wird ein Sachverhalt durch viele Beobachter besser? Wenn ja, wie viele müssen es sein, damit es gewusst ist. Den klassischen Medien reichen mindestens zwei übereinstimmende Quellen, um eine Tatsache zu übernehmen. Vereinzelte Beobachtungen bereichern das Wissen der Welt nicht?“

Und:

„Die Verirrung, dass allein bestätigte Gegebenheiten wahr sind, hat Karl Popper mit seiner Falsifizierung aufgelöst. Tatsächliche Wahrheit erhält man, wenn man eine Gegebenheit widerlegt. Und wie ordnen wir das weite Feld der Literatur ein? Ist es Wissen, wenn wir das Personal der menschlichen Komödie oder den Steppenwolf kennen? Sind fiktive Geschichten wahr? Führt eine ungewöhnliche Perspektive zu einem besonderen Wissen? Kann man dieses Wissen infrage stellen, weil die Mehrheit es anders wahrgenommen hat? Am Ende sind alle Sachverhalte bemerkenswert und gültig. Alle richten ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte. Selbst Aussagen, die mutwillig verfälschen, schaffen Wissen (Hier wäre das Warum von Nöten). Umfasst Weltwissen nicht alles?“

Ja. Selbst Aussagen, die mutwillig verfälschen, schaffen Wissen. Nämlich darüber, wie viele AutorInnen auf dieses vermeintliche Wissen hereinfallen. Hätte sich Michael Lapp darum bemüht, den meist als Referenz angegebenen Pausanias einmal im Original zur Hand zu nehmen oder eine zweite Quelle zur Bestätigung des Pausanias-Fake-Mythos heranzuziehen, und hätte er sich hierbei nicht auf die hier zitierten, schlecht informierten AutorInnen bezogen, hätte ihn dies davor schützen können, blödsinniges Unwissen zu verbreiten.

Rolf Waldvogel (2014)

In dem Beitrag Von Narzissten, Narzissen und Nazissen schreibt Rolf Waldvogel in der Rubrik „Sprachplaudereien“ für die Schwäbische Zeitung, Ravensburg:

‚Narziss mit Schmollmund‘ – so lautete der Titel der Geschichte über das neue Sarrazin-Buch in unserer Dienstagausgabe, und die Anspielung auf Hermann Hesses Meistererzählung ‚Narziss und Goldmund‘ war recht hübsch. Aber dieser Artikel reizt auch aus einem anderen Grund zum Nachhaken: In der Überschrift klingt – völlig korrekt – der Narziss an, wie man gemeinhin einen in sich selbst verliebten Menschen nennt. Im Text taucht dann – ebenso völlig korrekt – der Narzisst auf, worunter man exakt dasselbe versteht. Wie dieses?

Wir haben hier einen schlagenden Beweis, wie die Verwissenschaftlichung von Sprache funktioniert. Bis ins 20. Jahrhundert hinein kannte man nur den Begriff des Narziss. Er bezieht sich auf jene griechische Sage vom schönen Jüngling Narkissos, der voller Hochmut alle seine Verehrer und Verehrerinnen abblitzen lässt und deswegen zur Strafe von den Göttern dazu verdammt wird, nur noch sich selbst lieben zu können. Schließlich sitzt er tagelang an einem Teich, starrt entzückt auf sein Spiegelbild – und kommt dabei um. Wie genau ist umstritten: Version eins besagt, dass er sich von seinem Porträt nicht losreißen kann und verhungert. Laut Version zwei fällt ein Blatt auf die Wasseroberfläche und verzerrt das Bild derart ins Hässliche, dass der Beau vor Schreck vom Schlag getroffen wird. Version drei geht davon aus, dass er sein Konterfei küssen will, nach vorne fällt und ertrinkt.“

Auch wenn Rolf Waldvogel meint, es sei „völlig korrekt“, dass man „Narziss … einen in sich selbst verliebten Menschen nennt“ und dass dann „im Text (…) – ebenso völlig korrekt – der Narzisst auf[taucht], worunter man exakt dasselbe versteht“, so hat er selbst nicht nur den Mythos nicht verstanden, sondern er ist dabei auch auf einen völlig unsinnigen Fake-Mythos hereingefallen.

Lesezeichen (2014)

Im „Lesezeichen“, den „Kundenmagazin der RBS (Rheinisch-Bergische Siedlungsgesellschaft) mbH“ vom August 2014 heißt es zu einer „Rätselauflösung”:

„Ganz schön selbstverliebt … war er, der Jüngling Narziss. Diese Gestalt der griechischen Mythologie verliebte sich (aufgrund eines Fluchs) in sein eigenes Spiegelbild, das er gern ausgiebig in einem See betrachtete. Als einmal ein Blatt ins Wasser fiel und die Wellen sein Spiegelbild verzerrten, hielt er sich für hässlich und starb an dem Schock. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. ‚Narzisse‘ war auch das Lösungswort unseres letzten Kreuzworträtsels.”

Auf diese Weise wird der in Wikipedia zu Narziss erfundene Pausanias-Fake-Mythos sogar zum Allgemeinwissen der Leserinnen und Leser des Kundenmagazins der „Rheinisch-Bergischen Siedlungsgesellschaft“.

Ulrich B Wagner (2014)

Der geschäftsführende Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main, Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie; Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen, schreibt in seinem Beitrag „Narzissmus. Über menschliche Makel in Zeiten von Erdogan, Putin & Co.“ am 8. August 2014 in der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ in „AGITANO – Wirtschaftsforum Mittelstand”:

„In der griechischen Mythologie wird von dem Flussgott Kephisos berichtet, der mit seinem Mäandern die verträumte Wassernymphe Leiriope umschlungen und dann geschwängert hat. Das Ergebnis dieses Exzesses war Narkissos, umgangssprachlich auch gerne Narziss genannt. Auch wenn Sie den weiteren Lauf der Geschichte wahrscheinlich kennen, hier noch einmal die drei Variationen der Tragödie.

Narzissmus damals und heute

Der holde Knabe wurde von Männlein wie Weiblein gleichermaßen verehrt und umschmeichelt. Er jedoch, von sich selbst schier grenzenlos eingenommen und in seinem trotzigen Stolz auf seine eigene Schönheit berauscht, ließ sie allesamt ohne mit der Wimper zu zucken abblitzen und ignorierte sie völlig. Nicht nur der Bergnymphe Echo soll es so ergangen sein, sondern auch dem bis aufs letzte entschlossenen Bewerber Ameinios, dem Narkissos ein Schwert zukommen ließ. Mit eben diesem brachte sich der Verliebte zwar noch auf der Türschwelle um, nicht aber ohne zuvor die Götter anzurufen, seinen Tod zu rächen. Der [sic] gute alte Nemesis hörte die Bitte und strafte Narzissos mit unstillbarer Selbstliebe. Als dieser sich daraufhin an einer Quelle niederließ, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild. Laut einer Überlieferung von Pausanias ließ sich Narkissos am See nieder, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Eine weitere Version berichtet, Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild. Nicht erkennend, dass es sein eigenes ist, will er sich mit diesem Spiegelbild vereinigen und ertrinkt.“

Neben der kritiklosen Wiederholung eines Fake-Mythos wird hier auch gleich noch Nemesis einer Geschlechtsumwandlung unterzogen.

Ronald Barazon (2015)

Ronald Barazon (2015), Chefredakteur der Salzburger Nachrichten von 1995 bis 2006, ab 2006 Kolumnist der Salzburger Nachrichten, schreibt für ebendiese am 16. Februar 2015 unter der Überschrift: „Narziss erkennt die Störung seines Spiegelbilds nicht

„Der Protest der Griechen zeigt Europa den Spiegel: Die Wirtschaftspolitik ist falsch, eine Korrektur ist überfällig.

Narziss, der Sohn des Flussgottes und einer Nymphe, hatte nur Interesse an seiner Schönheit. Die Göttin Nemesis, die die Selbstüberschätzung verfolgt, strafte ihn mit unstillbarer Selbstliebe. Als er, wieder einmal, sein Spiegelbild in einem See bewunderte, fiel ein Blatt auf das Wasser und löste Wellen aus. Narziss glaubte, er sei hässlich geworden, und starb.

Nemesis ist derzeit eifrig an der Arbeit und versucht, die Überheblichen in der EU das Fürchten zu lehren. Dass sie sich als griechische Göttin dafür der Griechen bedient, ist naheliegend. Allerdings ist sie bislang nur bedingt erfolgreich: Die Narzisse in Brüssel sind immer noch von ihrer Großartigkeit überzeugt, sehen in jedem Spiegel immer noch ihre Schönheit. Dass Griechenland für Wellen im leider gar nicht spiegelglatten See sorgt, wird nicht zur Kenntnis genommen.“

Wofür auch immer Griechenland sorgen mag, Ronald Barazon hat jedenfalls dafür gesorgt, dass ein völlig unsnniger Mythos über den armen Narziss verbreitet worden ist.

Jochen Peichl (2015)

In der Version des Mythos von Jochen Peichl, Leiter des Institutes für hypno-analytische Teiletherapie (InHAT) in Nürnberg, heißt es (S.72):

„Der Sohn [von Liriope = Narziss; K.S.] wächst als ungeliebtes Kind auf und ist selbst nicht in der Lage zu lieben, sondern er ist eitel, berauscht nur von seiner eigenen Schönheit. (…)

Hierauf wird er durch die Göttin Aphrodite verflucht: Er möge sich selbst lieben und niemals glücklich sein – es ist sein Schicksal, sich unsterblich in sein Spiegelbild zu verlieben. Der Sage zufolge stirbt er, als er mal wieder am See sitzt, ins Wasser schaut und plötzlich ein Blatt ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner Hässlichkeit, stirbt er.“

Auch Peichl – ausführlicher hier besprochen – rückt den gefaketen Mythos ganz in das Zentrum seiner Aufmerksamkei. Als Rächerin bevorzugt Peichl die (unpassende) Göttin Aphrodite.

Thomas Lackmann (2015)

Thomas Lackmann, Berlin-Redakteur für den Tagesspiegel, führt ein Interview mit Prof. Stefan Röpke, Leiter des Bereichs Persönlichkeitsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung sowie der Autismusambulanz der Charité, Berlin, publiziert am 28.06.2015, unter der Überschrift „Narzissmus – Die Sorge um (s)ich“.

Ist Narzissmus nur eine Charakterschwäche – oder eine ernsthafte Persönlichkeitsstörung? Ein Gespräch mit Stefan Röpke, der an der Charité ein Forschungsprojekt zum Thema leitet.

Herr Röpke, über das Ende des schönen Jünglings, nach dem die narzisstische Persönlichkeitsstörung benannt ist, gibt es verschiedene Erzählungen: Der Selbstverliebte findet sich so toll, dass er vor Sehnsucht nach seinem Spiegelbild verschmachtet; in einer anderen Version stirbt er aufgrund des Schocks, weil Wellenschlag das Spiegelbild hässlich entstellt; oder er ertrinkt beim Versuch, sich mit dem eigenen Spiegelbild zu vereinigen. Welche Variante finden Sie am treffendsten?

Stefan Röpke: Was ich als Bild vor mir sehe, ist die Version: wie hinter ihm die liebeskranke Nymphe, die er abweist, stirbt, und er selbst wird zur Narzisse. Das ist eigentlich ungerecht, denn die Nymphe kann sich kaum artikulieren – aber er wird bestraft, weil er sie verschmäht, wofür er nichts kann.“

Auch Thomas Lackmann hat völlig unkritisch den Pausanias-Fake-Mythos übernommen. Stefan Röpke hingegen scheint sich sogar eine recht authentische Sicht auf den Mythos bewahrt zu haben.

Lilo Endriss (2015)

Lilo Endriss, Kreatives Management – Beratung und Training Hamburg, schreibt in ihrem Buch „Ignoranzfallen am Arbeitsplatz: Subtile seelische Gewalt aufdecken – Betroffene stabilisieren”:

„Narziss jedoch musste für sein unmenschliches Verhalten bitter büßen. Die Rachegöttin Nemesis sprach einen Fluch über ihn aus, damit er sich hoffnungslos in sein Spiegelbild verliebte, wann immer er sein Konterfei in einem Teich erblicken würde. Je länger er nun verzückt auf sein Spiegelbild blickte, umso heftiger entbrannte seine Leidenschaft zu sich selbst. Er konnte nichts anderes mehr tun. Eines Tages fiel von göttlichem Willen verursacht ein Blatt auf die glatte Oberfläche des Teiches und die dadurch entstandenen Wellen verzerrten sein Spiegelbild dergestalt, dass er dachte, er wäre sehr, sehr hässlich. Voller Schreck verstarb er auf der Stelle. Nach seinem ableben verwandelten die Götter ihn in eine kleine duftende Frühlingsblume, die seitdem Narzisse heißt.“

Lilo Endriss ist hier leider selbnst in eine Ignoranzfalle hineingetappt, als sie kritiklos den Fake-Mythos von Wikipedia abgeschrieben hat.

Christa Holtei (2015)

Die aus Düsseldorf stammende Schriftstellerin und Übersetzerin Christa Holtei erdichtet:

„Er legte den Kopf schräg, wie immer, wenn er in Betrachtungen über ein mögliches Bildmotiv versunken war. Vielleicht kam de Boer eher noch als Narziss infrage, der gerade sein eigenes Spiegelbild im Wasser bewundert. Man könnte den Narziss auch einmal nach der Erzählung des Griechen Pausanias malen – ein Blatt ist vom Baum gefallen, kreisförmig breiten sich kleine Wellen über die glatte Oberfläche, verzerren das Spiegelbild und Narziss verzweifelt an seiner vermeintlichen Hässlichkeit. Am Ufer müsste eine einzelne Blume stehen, eine Narzisse als Symbol für den nahenden Tod des Jünglings.“

Damit trägt auch Holtei zur Verzerrung des Bildes von dem sympathischen Jüngling Narziss bei.

Constantin Rauer (2015)

Constantin Rauer, Habilitant am Institut für Philosophie der Universität Tübingen, schreibt in seinem Beitrag: „Das Bild des Menschen von der Steinzeit bis heute“:

„Nach Pausanias wiederum betrachtete Narziss selbstverliebt sein Spiegelbild, als die Götter ein Baumblatt in den See fallen ließen, was Wellen schlug und sein Selbstbild in ein Zerrbild verwandelte. Entsetzt von seiner Hässlichkeit, sei Narziss zu Tode erschrocken.“

Rauer setzt vertiefend fort:

„Der Narziss-Mythos zeigt, dass das Spiegelbild kein Ebenbild sein kann. Dies liegt – worauf Pausanias hinwies – zunächst einmal an der Natur und Eigenart des Spiegels selbst. Wasserspiegel, Metallspiegel oder Glasspiegel reflektieren ein jeweils anderes Spiegelbild von einer Person, desgleichen konvexe und konkave Spiegel, verkleinernde und vergrößernde, matte und scharfe. … Die Selbstwahrnehmungspsychologie zeigt, dass ein Alter sich selbst als jung betrachten kann, wohingegen ein Junger über sein Alter klagt; eine Schöne meint hässlich, eine Hässliche schön zu sein usw.“

Das, was Rauer nun für besondere Weisheit hält, das kann er jedenfalls nicht auf den antiken Pausanias beziehen.

Angela Theisen (2015)

Angela Theisen schreibt unter der Überschrift „ES, DU UND DIE ANDEREN“ für das Amt für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln am 17. Dezember 2015, „8. Standpunkt: Subjektiv – Victor Bonato, CD-KK-70“:

Seit unserer Kindheit ist klar, dass von Spiegeln eine besondere Faszination ausgeht. Wieso sonst sollten sie immer wieder thematisiert werden? Sei es in Märchen, wie Schneewittchen, in dem sich die böse Königin durch einen allwissenden Spiegel ihrer Schönheit vergewissern will, oder bereits in der antiken Mythologie. So war es der Jüngling Narziss, der sein Spiegelbild in einer Wasserquelle erkannte und sich in sich selbst verliebte. Als dann ein Blatt in die Quelle fiel, verzerrte es sein Aussehen, woraufhin sich Narziss als hässlich empfand. Schockiert, starb er sofort. Spiegel sind demnach einerseits Symbole der Eitelkeit und Selbsterkenntnis, doch stehen sie auch für Wahrheit und Klugheit.“

Dass Narziss aus einem Schock heraus „sofort“ gestorben sein sollte, das erzählt zwar der Pausanias-Fake-Mythos, das hat jedoch mit der antiken Überlieferung nichts zu tun.

Sylvia Kovacek (2015/2016)

In einem Ausstellungskatalog der Galerie Kovacek, Spiegelgasse in Wien, mit dem Titel „Gemälde von 1600 bis heute“ heißt es zu einem Gemälde von Johann Georg Platzer „Narziss am Brunnen“:

„Pausanias hingegen überliefert, dass ein durch göttliche Fügung herabfallendes Blatt jene Wellen verursachte, die das Spiegelbild des herabsehenden Narziss verzerrten und zu dessen vermeintlichen Erkenntnis der eigenen Hässlichkeit führten, woraufhin er schockiert verstarb und nach seinem Tod in eine Narzisse verwandelt wurde.“

Auch hier wurde also schlampig recherchiert.

Felix Walker (2016)

Felix Walker schreibt in einem Gastbeitrag für das HWZ Digital / Institute for Digital Business am 06.02.2016 unter der Überschrift „Selfies, Narzissten, Psychopathen und Social Media”:

„Das böse Wort vom Narzissmus taucht vor allem im Zusammenhang mit Social Media und Selfies immer wieder auf. Allerdings muss gleich angefügt werden, dass sich die digitalen Narzissten nicht davon beeindrucken lassen, dass ein schöner Jüngling im vorchristlichen Griechenland an seiner Eitelkeit zu Grunde ging:

Eines Tages setzte sich Narkissos an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.”

Woran der schöne Jüngling tatsächlich zugrunde ging, das scheint den Autoren Felix Walker nicht wirklich interessiert zu haben. Auf jeden Fall passte die Fake-Version von Wikipedia gut in sein Konzept.

Raphael Bonelli (2016)

Zu jenen, die kritiklos auf Wikipedia oder andere hereingefallen sind, gehört auch der Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychosomatische Medizin, Raphael Bonelli. In seinem Buch „Männlicher Narzissmus“ lesen wir:

„In anderen Versionen wiederum verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, worauf Narcissus durch die vermeintliche Erkenntnis, hässlich zu sein, stirbt.“

Hier ist mitzuerleben, wie auch Bonelli – ausführlicher hier besprochen – daran mitwirkt, die selbstbewusste Gestalt aus dem griechischen Mythos zur Witzfigur herabzuwürdigen.

Antonius Weixler (2016)

Bei Antonius Weixler, Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, heißt es in Fußnote 224:

„In der Version von Pausanias wird zudem das Motiv des verzerrenden Spiegels eingeführt, denn Narziss stirbt hier an der fälschlichen Annahme, hässlich zu sein, nachdem ein Blatt in das Wasser gefallen war und die Wellen sein Spiegelbild verzerrten (vgl. hierzu Kuhn 3. Aufl. 2011: 375ff).“

Wenn Weixler hier anscheinend für diese Blattgeschichte Kristina Kuhns Beitrag zum „Spiegel“ in Konersmanns „Wörterbuch der philosophischen Metaphern“ als Referenz heranzieht, so ist das keine plausible Erklärung. Denn Kuhn hat diesen Irrtum erfreulicher Weise vermieden. Die Inspiration zur Einführung des wellenverzerrten Spiegelbildes muss Weixler also von woanders her bezogen haben – womöglich von seinem Ursprung, von Wikipedia.

Günther J. Wiedemann (2016)

Günther J. Wiedemann, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie, Palliativmedizin, Internistische Labormedizin, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Onkologie, Oberschwabenklinik Ravensburg, außerordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission seit 2013, meldet sich als Mitherausgeber der Thieme-online-Zeitschrift „klinikarzt“ zu Wort:

„Die Liebe zu den Menschen schließt die eigene Person nicht aus.

Kein Zweifel: Sie und ich sind die beste Wahl, die ein Patient für seine Behandlung treffen kann. Wir entsprechen dem ärztlichen Ideal, das Patienten in Befragungen in etwa so definieren: empathisch, vertrauenswürdig, zugewandt, ehrlich, respektvoll, fachlich kompetent, und wir leisten gründliche Arbeit. Wir nehmen uns Zeit, zuzuhören und zu erklären. Wir setzen uns für unsere Patienten ein, und dafür erwarten wir Treue.

Wenn es um unsere fachlichen und charakterlichen Kompetenzen als Arzt geht, steckt in jedem von uns ein Narziss.

In einer Version des griechischen Narziss-Mythos betrachtet dieser selbstverliebt sein Spiegelbild in einem See. Da fällt ein Blatt ins Wasser, und die entstehenden Wellen verzerren das Bild. Schockiert ob seiner vermeintlichen Hässlichkeit, stirbt Narziss. Unsere Schockwelle ist der Patient, der uns den Rücken kehrt. Dass ein Patient, der mich nicht kennt, gar nicht erst kommt, ist ja nachvollziehbar. Doch dass einer nicht mehr wiederkommt, nachdem er mich kennengelernt hat… Eigentlich müssten wir das wegstecken können. Doch die narzisstische Kränkung sitzt tief. Was habe ich falsch gemacht? Oder ist dieser Patient schlicht undankbar/geistig zu beschränkt/zu festgelegt auf seine eigene Interpretation von Krankheit? Stimmte einfach die Chemie nicht? Haben ein Kollege oder andere Patienten vielleicht schlecht über mich geredet?“

Auch Prof. Wiedemann hat sich über das Wesen des Narziss täuschen lassen. Mögen seine PatientInnen ihm gegenüber stets die angemessene Haltung einnahmen.

Florian Russi (2016)

Florian Russi schreibt unter diesem Pseudonym am 5. August 2016:

„Dass es eine Liebe geben kann, die nicht auf ein anderes Wesen ausgerichtet ist, war auch den antiken Griechen vertraut. In ihrer Mythologie wird von Narziss erzählt, dem Sohn des Flussgottes Kephios und der von ihm vergewaltigten Wassernymphe Leiriope. Wegen seiner Schönheit war der Jüngling sehr umschwärmt. Vor allem die Nymphe Echo zeigte ihm ihre Zuneigung und warb um ihn.

Doch Narziss hatte kein Auge für sie. Stattdessen bewunderte er sein sich im Wasser spiegelndes eigenes Abbild. Die Schicksalsgöttin Nemesis bestrafte ihn für diesen Hochmut und bewirkte, dass er in unstillbare Selbstliebe verfiel.

Als er eines Tages wieder einmal in einem See sein Spiegelbild bewunderte, ließ eine göttliche Fügung ein Blatt heran wehen und aufs Wasser fallen. Dadurch bildeten sich kleine Wellen, die das Antlitz des schönen Jünglings verzerrten, Falten entstehen und ihn älter und hässlich aussehen ließen. Darüber erschrak der eitle Knabe so sehr, dass er auf der Stelle verstarb.

Noch heute bezeichnen wir übersteigerte Eigenliebe als Narzissmus.“

Florian Russi zeigt, dass man selbst einen Fake-Mythos noch fälschen kann: Hier wird Narziss nun bestraft, weil er von seinem eigenen Abbild in den Bann gezogen ist. In den echten antiken Versionen ist dieses Sich-Selbst-Bespiegeln hingegen erst die FOLGE dieser Bestrafung, muss also nicht wirklich von Nemesis noch zusätzlich geahndet werden.

Joachim Mohr (2016)

Joachim Mohr, der seit 1993 Redakteur beim SPIEGEL (Ressort Innenpolitik, Geschichte), Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, schreibt in „WAS WÄRE DIE WELT OHNE … Spiegel“ am 23.02.2016:

„In der griechischen Mythologie verliebt sich Narziss, der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos, in sein eigenes Spiegelbild – auch diese eitle Selbstliebe endet tödlich. Dem antiken Schriftsteller Pausanias zufolge saß Narziss an einem See, ein Blatt fiel ins Wasser, und kleine Wellen zerstörten sein liebliches Abbild. Narziss, irrtümlich überzeugt, er sei hässlich geworden, war so schockiert, dass er vor Kummer starb.“

Auch hier wird die Fake-Version des Pausanias zur alleinigen Referenz für den Mythos.

Christhard Rüdiger (2016)

Der Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche, Christhard Rüdiger, ist am 18.02.2016 im Radio-Beitrag des mdr Sachsenradio „Das Wort zum Tag“ wie folgt zu vernehmen:

„In einer Geschichte aus der griechischen Götterwelt verliebt sich ein junger Göttersohn in sein Spiegelbild. Narziss hieß er. Selbstverliebt wie er war, konnte er niemand anderen lieben. Er schaute den lieben langen Tag nichts anderes an, als sich selbst. Da es keine Spiegel gab, nutze er dazu die stille Oberfläche eines Sees. Und fand sich solange schön und liebenswert, bis eines Tages ein Blatt ins Wasser fiel und die Wellen sein Spiegelbild trübten. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Ging also nicht gut aus, die Geschichte.“

Auch hierüber fand ein Fake-Mythos seine Verbreitung in der Öffentlichkeit.

(Den Hinweis auf diesen Text verdanke ich dem Wikipedia-Autor „Mautpreller“.)

Emanuel Jauk, Mathias Benedek, Karl Koschutnig, Gayannée Kedia & Aljoscha C. Neubauer (2017)

Die genannten AutorInnen, versammelt um den Lehrstuhl des Professors für Differentielle Psychologie an der Universität Graz, Aljoscha C. Neubauer, bahnen mit dem Beitrag „Self-viewing is associated with negative affect rather than reward in highly narcissistic men: an fMRI study“ dem Fake-Mythos von Pausanias aus der deutschsprachigen Wikipedia einen Zugang zum angloamerikanischen Sprachraum:

„The ancient myth of narcissus comes in several different versions. In Ovid’s classic version, the beautiful young hunter Narcissus, who rejects the love of the nymph Echo, is deemed by the gods to fall in love with his mirror image. Fully entranced by his own reflection in a pool of water, Narcissus eventually realizes that his love cannot be reciprocated, which leads him to commit suicide. In another prominent version by Pausanias, the myth has a different ending: Narcissus is gazing at himself, when suddenly a leaf falls into the water and distorts the image. Narcissus is shocked by the ugliness of his mirror image, which ultimately leads him to death.“

Wer weiß, wohin sich von dort der Fake-Mythos noch weiter ausbreitet, der zum Einstieg als „bekannte Version von Pausanias“ bezeichnet wird. Ja, wenn weiterhin Texte so unkritisch übernommen werden, dann wird diese gefälschte Version tatsächlich immer „bekannter“ – weltweit.

(Den Hinweis auf diesen Text verdanke ich dem Wikipedia-Autor „Mautpreller“.)

Anita Zolles (2017)

Die studierte Klimatologin und Meteorologin schreibt in einem Beitrag für science.ORF.at vom 24.07.2017 – unter Bezug auf die Studie von Jauk et al. (2017 – s.o.):

„Der Begriff ‚Narzissmus’ geht auf den griechischen Narziss-Mythos zurück. Und genau bei dem beginnen auch schon die ersten Unstimmigkeiten. Die tragische Geschichte erzählt von einem Schönling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. In Ovids Überlieferung bringt sich Narziss um, weil seine Liebe unerfüllbar ist. Beim Schriftsteller Pausanias hingegen verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, und Narziss erschrickt durch den hässlichen Anblick zu Tode.“

Kathrin Schmitt (2017)

Kathrin Schmitt, Kommunikationsmanagerin der Heiligenfeld Kliniken, veröffentlicht auf der Webseite ihres Arbeitgebers (21. März 2017):

„Narzissmus – immer wieder hört man diesen Begriff. Doch was bedeutet er überhaupt? Der Duden definiert Narzissmus mit „eigensüchtig“ und „voller Eigenliebe“. In einer altgriechischen Sage war Narziss ein junger Mann, der in sein Spiegelbild verliebt war. In der Sage setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Sein Leichnam wurde nie gefunden, stattdessen eine Narzisse. Hiervon kommt demnach der Begriff „Narzissmus“. Narzissmus ist also eine Mischung aus Selbstverliebtheit, Selbstbezogenheit, Selbstbewunderung und damit oft auch Egoismus.“

Hier ist der Fake-Mythos von Pausanias zur alleinigen Referenz für den alten Mythos geworden.

Olaf Zechlin (2017)

Olaf Zechlin, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Freisenbruch-Horst-Eiberg, predigt auf der Webseite des Kirchenkreis Essen („Himmelrauschen“) am 22. August 2017 „Von erfüllten Wünschen und enttäuschten Hoffnungen“:

„Einerseits habe ich viel Gelassenheit erfahren, ein sich Arrangieren mit dem Leben, wie es eben ist. Manchmal habe ich Druck gespürt, wenn das Leben nicht die Hoffnungen erfüllt hat, die sich manche gemacht haben. Ich musste dann an den griechischen Schriftsteller Pausanias aus dem 2. Jahrhundert denken. Er überliefert den Mythos des Narziss folgendermaßen: Narziss war ein junger, wunderschöner Mensch mit mythischer Herkunft. Er verliebte sich einst am Ufer eines Gewässers spontan in sein Spiegelbild, das er auf der glatten Wasseroberfläche wahrnahm. Diese unglückliche Liebe endete später darin, dass ein darauf fallendes Blatt Wellen schlug und Narziss an dieser Erkenntnis, in sein Spiegelbild geschaut zu haben, zu Grunde ging. Manch einer brachte diese Erlebnisse der anstrengenden und bisweilen kräftezehrenden Selbstschau mit zum Treffen. Und manch einer wendet viel Kraft auf, das Bild zusammenzuhalten.“

Pastor Zechlin hat nicht gemerkt, dass bei seinem Gedanken an Pausanias aus dem 2. Jahrhundert ihm leider gar nicht dessen berührende Version des Mythos durch den Kopf ging, wonach der schöne Jüngling durch sein Spiegelbild an seine kurz zuvor verstorbene Zwillingsschwester erinnert wird und dabei – über diesen schier unerträglichen Verlust – in größte Verzweiflung gerät. Vielmehr hatte er den von „Georgios” frei erfundenen Fake-Mythos präsent. Schade. Pausanias war weise. „Georgios” nicht.

„Der Wassermann-BLOG” (2017)

In „Der Wassermann-BLOG” heißt es unter dem Titel „Die Narzisse im Ausseerland“ am 02 Juni 2017:

„Die Sage von Ovid berichtet von einem Jüngling mit dem Namen Narziss, der von ungewöhnlich reizvollem Erscheinungsbild war. In ihn verliebte sich die Quellnymphe Echo. Ihr Schicksal war es aber, dass der Jüngling ihr Werben um ihn nicht vernehmen konnte, da sie stets nur die zu ihr gesprochenen Worte zurückgeben konnte. Narziss dagegen spottete über sie, während sie sich so nach ihm verzehrte, dass sie dahinschwand und nur noch ihr Echo zu vernehmen war. Dafür wurde er dadurch bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich die Vorhersage des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennenlerne. Eines Tages setzte Narziss sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die so erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich (wegen der Wellen, die sein Spiegelbild verzerrten), starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. (Pausanias 9.31,7)“

Hier wird der Fake-Mythos nun beinahe zu einem Werk des Ovid. Zusätzlich wird erdichtet, dass ein Problem der Geschichte sei, dass „der Jüngling ihr [Echos] Werben um ihn nicht vernehmen konnte“. Dabei besteht hieran gar kein Zweifel, dass er die Absichten der Echo sehr, sehr klar verstanden hatte – und gerade deshalb flugs Reißaus nahm. Darüber hinaus wird Echo noch en passant zur Quellnymphe gemacht. (In einem „Wassermann-Blog” kann das ja mal passieren.)

Florian Müller (2017)

Florian Müller schreibt für die online Ausgabe der FAZ (Aktualisiert am 25.09.2017) über „Folien im Test: Der beste Bildschirmschutz fürs Smartphone“:

„Wenn das Handy auf den Boden fällt, zersplittert oft das Display. Dies ist in jeder Hinsicht ärgerlich. Speziell entwickelte Schutzfolien sollen jedoch genau das verhindern. Die F.A.S. [Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; K.S.] hat sie getestet.“

Und darauf folgt unmittelbar der Absatz:

„Vom griechischen Schriftsteller Pausanias ist folgende Geschichte überliefert: Eines Tages setzt sich der schöne Narziss an einen See, entzückt von seinem Spiegelbild. Da fällt ein Blatt ins Wasser, kleine Wellen verzerren das Konterfei. Narziss erschrickt, glaubt, er sei hässlich geworden – und stirbt. Würde dieser antike Mythos heutzutage spielen, würde Narziss vermutlich pausenlos Selfies machen. Doch wehe, sein Smartphone fällt auf den Boden. Fiese Bildschirm-Risse machen jede Selbstbewunderung zur Qual.“

Auch bei Florian Müller steigt die Fake-Version des Mythos von Narziss zur einzigen Referenz hierfür auf.

Reinhard Haller (2017)

Auch Reinhard Haller, Professor für Psychiatrie und Gerichtsgutachter, hat sich als anfällig für Fake-Mythen erwiesen. In seinem Buch „Nie mehr süchtig sein“ heißt es (S. 123):

„Als er am See saß und sich an seinem Spiegelbild ergötzte, wurde die Wasseroberfläche auf göttliche Fügung hin durch ein herabfallendes Blatt getrübt. Weil Narziss glaubte, hässlich zu sein, fiel er in eine tiefe Depression und verstarb. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Auch Haller macht hier keine Angaben, wo er diesen Fake-Mythos abgeschrieben hat. Mit seiner ohnehin schlechten Meinung von Narziss (ausführlicher hier besprochen) hat Haller diese unsinnige Erzählung über den schönen griechischen Jüngling offenbar recht schnell für bare Münze genommen. Sie ist ja zu dieser Zeit auch schon recht fester Bestandteil der entsprechenden „Fachliteratur“.

Mahret Ifeoma Kupka (2017)

Mahret Ifeoma Kupka, Kunstwissenschaftlerin und Autorin, seit 2013 Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main schreibt in einem Ausstellungskatalog (S. 62):

„’Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt’, in: Pausanias, Beschreibung Griechenlands. Ein Reise und Kulturführer aus der Antike. München, 1998, 9.31.7.“

Mahret Ifeoma Kupka hat diesen Text wortwörtlich aus Wikipedia (anno 2017) übernommen, scheut sich jedoch offenbar, einen Hinweis auf die Quelle ihrer Weisheit mitzuteilen. Den Wikipedia-Eintrag ergänzt sie mit einer bibliografischen Angabe. Indem sie eine konkrete Pausanias-Ausgabe anführt – die bei Wikipedia nicht genannt ist – will sie womöglich den Anschein einer sorgfältigen Recherche erwecken. In der konkreten Quelle selbst (S. 527 f) hat sie jedoch offensichtlich gar nicht selbst nachgelesen. Denn sonst hätte sie ihren Irrtum erkennen müssen, dass an der angegebenen Stelle diese Blattgeschichte gar nicht zu finden ist.

Christian Luber (2018)

Christian Luber, schreibt in seiner Bachelorarbeit „Eine wirtschaftspsychologische Untersuchung von Narzissmus und Beruf

„Anstelle seiner Leiche wurde eine Narzisse gefunden. (Ovidius & Breitenbach, 2011). Den Erzählungen Pausanias[’] (zitiert nach Haller, 2013, S. 9) zufolge, fiel in die Wasserquelle ein Blatt, welches sein perfektes Spiegelbild zerstörte. Dem Irrtum aufgesessen, er sei hässlich, starb er auf der Stelle. Eine dritte Version besagt, dass er ein perfektes Abbild eines Jünglings in einem See entdeckte, ohne zu erkennen, dass er es selbst sei und verliebte sich in dies. Bei dem Versuch, sich zu nähern, fiel er ins Wasser und ertrank dabei (Narzissmus – der Mythos, 2016).“

Hier lässt sich erkennen, dass Christian Luber mit seinen Zitatangaben sehr frei umgeht. Die angebliche Pausanias-Stelle ist nicht nur bei Pausanias so nicht zu finden, sie wird auch bei Reinhard Haller (2013) auf „S. 9“ nicht erwähnt. Sie kommt im gesamten Text von Haller (2013) schlicht nicht vor. Auch bei Haller (2017) findet man sie erst auf Seite 123.

Florian Stark (2019)

Florian Stark arbeitet als Journalist für die WELT und veröffentlicht am 14.02.2019 auf WELT-online: Neuer Fund in Pompeji. In römischen Villen war Sex allgegenwärtig.” Dort heißt es:

„In einem Anwesen in den Ruinen von Pompeji stoßen Archäologen auf immer neue Darstellungen mit erotischen Motiven. Der neueste Fund: ein Fresko des Narziss, den die eigene Schönheit in den Tod trieb. … Der griechische Reiseschriftsteller Pausanias drückte es prosaischer aus und gab der Geschichte auch einen anderen Dreh: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Thomas Mauch (2019)

Thomas Mauch, Redakteur bei der taz, schreibt am 08.07.2019 in seinem Beitrag „Kunst im Spiegel. Die Museumsinsel bekommt eine sehr teure Garderobe und Potsdam einen griechischen Selbstverliebten aus italienischer Hand.”

„Und, wie war das jetzt nochmal mit dem Narziss? Mit seiner Geschichte hat man jedenfalls schon mal ein prima Smalltalk-Wissen, wenn man demnächst beabsichtigt, im Museum Barberini in Potsdam vorbeizuschauen. Dort werden ab Samstag „Wege des Barock“ gezeigt – und Prunkstück dieser Ausstellung mit 54 Werken Alter Meister ist eben ein Bild von Caravaggio, auf dem ein Jüngling zu sehen ist, am Wasser kauernd, so fragend wie liebevoll sein Spiegelbild betrachtend. Caravaggios „Narziss“. Was bei seiner Liebe schief lief? Als einmal ein Blatt ins Wasser fiel, heißt es, trübten die Wellen sein Spiegelbild derart, dass Narziss meinte, plötzlich hässlich geworden zu sein. Halt ein ganz besonderer Fall von body shaming. Er wollte es nicht ertragen. Und starb.”

Auch hier wird einmal mehr der groteske Fake-Mythos aus Wikipedia der einzige Bezugspunkt für die Geschichte des antiken Jünglings.

Mathias Kieß (2019)

Mathias Kieß, Autor des Reclam Lektüreschlüssel (zu Thomas Mann: Der Tod in Venedig) schreibt:

Gilt der Dornauszieher als Lichtgestalt, so ist Narziss einer der tragischen Figuren der griechischen Mythologie. Narziss ist der Sohn des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leriope. Er ist besonders schön und wird von Männern und Frauen gleichermaßen angehimmelt. Narziss, der sich seiner einzigartigen Schönheit bewusst ist, lässt alle Verehrer abblitzen. Als sich ein abgewiesener Verehrer bei der Göttin Nemesis beschwert, bestraft diese Narziss mit unstillbarer Selbstliebe. Als der Jüngling sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche eines klaren Gewässers sieht, verliebt er sich prompt in sich selbst. Die Geschichte hat je nach Überlieferung verschiedene Enden – allen gemeinsam ist die Tragik. In einer Version stirbt Narziss, da er die Unerfüllbarkeit seiner Liebe erkennt. In einer anderen bringt ein herabgefallenes Blatt die Wasseroberfläche in Bewegung, woraufhin sich der Junge als hässlich empfindet und sich selbst tötet. In einer dritten Version will er sein Spiegelbild küssen, fällt ins Wasser und ertrinkt. In allen drei Varianten wird anstelle seines Leichnam seine Narzisse gefunden.“

Durch Mathias Kieß wird also bereits SchülerInnen der Pausanias-Fake-Mythos nahe gebracht.

Beate Schwedler (2019)

Beate Schwedler schreibt für das „Magazin Berührungspunkte. Die Kommunikationsinitiative für Architekten”:

„Narziss ist in der griechischen Mythologie der schöne Sohn des Flussgottes Kephisos und der Leiriope. Der vielfach Umworbene wies sogar die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er von Nemesis, (nach anderen Quellen durch Aphrodite) dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. … Eines Tages setzte er sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Beate Schwedler hat hier nicht nur den unsinnigen Pausanias-Fake-Mythos von Wikipedia übernommen, sondern offenbar auch das dort mit verbreitete Gerücht von der Rächerin Aphrodite.

Lennart Balg (2019)

Unter der Überschrift „Selbstverliebtheit tut selten gut – Eine Analyse des Narziss von Caravaggio“ schreibt Lennart Balg am 25. September 2019:

Bedauerlicherweise würde Narziss sich selbst nur zu bald erkennen. Als eitler und überheblicher Jugendlicher lehnte er die leidenschaftlichen Liebesbeweise einer Vielzahl von jungen Damen ab. Als er sich einer Wasserquelle näherte, verliebte sich der junge Narziss unwiderruflich in sein eigenes Spiegelbild.

Narziss verweilte am Wasser und starrte vergebens auf sein Spiegelbild. Als ein Blatt ins Wasser fiel und Narziss wegen der entstehenden Wellen zur vermeintlichen Erkenntnis kam, dass er hässlich sei, starb er. Nach seinem Tod verwandelte sich sein Körper in eine Narzisse, die auch heute noch seinen Namen trägt.“

Auch in dieser Darstellung wird ALLEIN die in der deutschen Wikipedia in die Welt gesetzte, pervertierte Pausanias-Fake-Version zum zentralen Bezugspunkt für den Narzisss-Mythos.

Herder Verlag (2020)

Auf der Seite des Herder Verlags wird im Bereich Lebensberatung und Psychologie am 17.09.2020 unter der Überschrift „Narzissmus – Selbstverliebt oder psychisch krank?“ der folgende Beitrag gepostet:

Als ’narzisstisch‘ bezeichnen wir – oft vorschnell – Menschen, die uns selbstverliebt und egoistisch erscheinen. Eine ‚Narzisstische Persönlichkeitsstörung‘ wiederum ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die nicht nur bei den Betroffenen, sondern vor allem in deren Umfeld viel Leid auslöst.

Unter Fachleuten aus der Psychologie und Psychotherapie ist der Begriff ‚Narzissmus‘ umstritten, da er heutzutage in der Regel als Schimpfwort verwendet wird. Als ’narzisstisch‘ bezeichnen wir umgangssprachlich Menschen in unserem Umfeld – oder darüber hinaus -,  die wir als eitel, geltungsbedürftig oder rücksichtslos empfinden. Der fachlich korrekte Terminus ‚Narzisstische Persönlichkeitsstörung‘ (NPS) hingegen beschreibt in der Psychotherapie einen leidenden Patienten, dem es zu helfen gilt.

Ursprung des Begriffs ‚Narzissmus‘

Die Bezeichnung geht auf den griechischen Mythos des jungen Narziss zurück, der sich in sein eigenes Spiegelbild, das er beim Blick in eine Wasserquelle entdeckt, verliebt, ohne zu erkennen, dass es er selbst ist, den er sieht. Je nach Überlieferung stürzt Narziss schließlich in den See und ertrinkt oder er verstirbt an dem Schock, sich selbst plötzlich als hässlich zu empfinden, als ein Blatt in die Wasserquelle fällt und sein Spiegelbild trübt. In mehreren Versionen wird sein Leichnam anschließend in eine Narzisse verwandelt.“

Auch hier wieder – sogar auf der Webseite eines Fachverlages – das blinde Vertrauen in einen Fake-Mythos.

Josef Pfleger (2020)

Josef Pfleger, Betreiber eines Pressebüros in Horn (Österreich), schreibt in seinem Beitrag „Narzissen, Pausanias und die Tante Jolesch“ am 29. März 2020 in der Horner Internet Zeitung:

„Die Narzissen haben ihren Namen vom schönen Jüngling Narziss. Er ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Flussgottes Kephissos und der Leiriope, der die Liebe anderer zurückwies und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Der griechische Schriftsteller Pausanias überlieferte uns Folgendes: Eines Tages setzte sich Narziss an einen See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Auch hier wird die Version des Fake-Pausanias zur alleinigen Referenz für den Mythos.

Mario Lochner (2020)

Mario Lochner, Redakteur bei Focus Money bzw. Autor, schreibt:

„Dem griechischen Reiseschriftsteller Pausanias zufolge starb Narziss, als ein Blatt sein Spiegelbild trübte und er erkannte, dass er hässlich war.“

Auch Mario Lochner ist jemand, der sich in dieser Hinsicht irrt. Denn so war es zwar – inzwischen vom Wikipedia-Autor „Mautpreller“ geändert – bei Wikipedia, nicht aber bei Pausanias selbst nachzulesen.

Thorsten Niehus (2020)

Thorsten Niehus schreibt im Gemeindebrief „vom Himmelreich“ der Kirche ev. luth. Kirchengemeinde St. Severi, Otterndorf (2 – 2020 – Juni bis August 2020):

„Liebe Leserinnen und Leser – ‚Eines Tages setzt sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Daraufhin fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser. Durch die erzeugten Wellen wird sein Spiegelbild trübe. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, stürzt Narziss in den See und ertrinkt.’ An diese Geschichte aus dem heidnischen Griechenland der Antike muss ich dieser Tage oftmals denken. Die Corona-Krise betrifft nicht nur die Wirtschaft und die körperliche Gesundheit. Sie ist auch eine Krise des menschlichen Selbstbewusstseins. …“

Immerhin mach Pastor Niehus kenntlich, dass seine Mythos-Version irgendeinem Zitat entspricht. Was wäre ihm wohl durch den Kopf gegangen, wenn ihm bewusst gewesen wäre, dass die Geschichte, an die er da oftmals denken musste, gar nicht dem „heidnischen Griechenland der Antike“ entstammte, sondern der deutschen Wikipedia, also dem christlichen Abendland des Jahres 2005?

Michael Ermann (2020)

Michael Ermann schreibt (S. 20 f:)

„Eine andere Version stammt von Pausanias (110-180 n. Chr.), einem griechischen Philosophen und Literaten, der die Selbstliebe des Jünglings Narziss noch stärker betonte. Danach verweilte er an einem See und erfreute sich seines im Wasser gespiegelten Antlitzes. Als durch göttliche Fügung ein Blatt herabfiel und das Spiegelbild trübte, starb Narziss durch die Erkenntnis seiner vermeintlichen Hässlichkeit. Diese Version des Mythos enthält ein bedeutsames zusätzliches Motiv. Pausanias berichtet nämlich, dass Narziss seine Zwillingsschwester unter traumatischen Umständen verlor. Sie hatte ihm vollständig geglichen. Indem er sich in sein Spiegelbild verliebte, verleugnete er ihren Tod und schuf damit eine narzisstische Beziehungsform, mit der er dem Trauma begegnete.“

Auch Michael Ermann ist also den falschen Reizen des Pausanias-Fake-Mythos verfallen. Er hält die erfundene Wikipedia-Version offenbar für den Kern des Pausanias-Textes, dem er dann noch ein „bedeutsames zusätzliches Motiv“ zur Seite stellt, das tatsächlich jedoch den eigentlichen und wesentlichen Kern des Pausanias-Motives ausmacht. Die Deutungsapekte, die er sich dann hierzu zusammenreimt, sind ebenfalls mit der Wirklichkeit nicht in Deckung zu bringen: Bei Pausanias wird ausdrücklich nicht davon gesprochen, dass „er sich in sein Spiegelbild verliebte“, sondern davon, dass durch sein Spiegelbild – das er als solches erkennt – die Erinnerung an die Zwillungsschwester wachgerufen wird. Er hat auch ganz offenbar ihren Tod nicht verleugnet, sondern war sich dessen schmerzlich bewusst.

(Den Hinweis auf Prof. Ermanns Text verdanke ich dem Wikipedia-Autor „Mautpreller“.)

Thomas Seemann und Marlou Lessing (2020)

In einem Beitrag von Thomas Seemann (wohl für die Fotos zuständig) und Marlou Lessing wird der Wikipedia-Pausanias-Fake-Mythos sogar ins ostfriesische Platt übersetzt. Dort heißt es unter der Rubrik „Pagels-Planten 2020” (Ernst Pagels war – nicht nur laut Wikipedia – ein bekannter Gärtner in Ostfriesland) zu „März-Plant: Narzissen — Oosterklocken”:

„Ehrn Naam hett de Plant ut de antike Saag: De junge Halvgott Narziss weer stolt op sien egen Schöönheit un wull nix vun weten, sik mit anner aftogeven, de in em verleevt weern. To Straaf hebbt de Götter över em verhangt, dat he sik in sien egen Spegelbild in’t Woter verleven dä. Vun dor an gifft’t ünnerscheedlich Utdüden: Entweder verdrinkt Narziss in dat Woter, un an’t Över blifft bloots en Bloom stahn, orr he warrt lebennig in en Bloom verwannelt. In de Narziss. Welk seggt ok, dat, wieldess Narziss noch sien Spegelbild anhimmel, en Blödenblatt in’t Water full un Narziss vunwegen de Rippels miteens dach, he weer hässlich — un vör Schreck den Hartslag kreeg un doodbleev. Op jeden Fall is düsse Schöönheitsanbederie gewaltig överdreven.”

Damit ist natürlich zu befürchten, dass der Pausanias-Fake-Mythos sich auch im ostfriesischen Platt fest einnistet.

Fritz Gerlinger (2020)

Der von Fritz Gerlinger in die Welt gesetzte Unsinn über den Narziss-Mythos ist so vielfältig, dass ich auf seinen Text hier ausführlicher eingehe.

Über den Autor ist im Netz zu finden, dass er 1983 „in einem beschaulichen schwäbischen Dorf zur Welt“ kam. Und: „Schon früh entwickelte er ein großes Interesse für den menschlichen Verstand und die zwischenmenschliche Kommunikation. In seiner Arbeit beschäftigt er sich viel mit der menschlichen Psyche und hat im Laufe der Zeit einige interessante Beobachtungen machen können, die er nun gerne mit Lesern sämtlicher Altersgruppen teilen möchte.“ Na, das klingt ja total interessant. Allerdings weiß ich jetzt nicht wirklich, woher die Expertenschaft des Herrn Gerlinger denn nun rührt. In seinem Buch „Der Narzissmus. Wie Du den Umgang mit Narzissten erlernst und Dein Leben nicht von ihnen bestimmen lässt“ überbietet er die für diese Liste hier typische Ignoranz für den eigentlichen Mythos ganz erheblich.

Bei Gerlinger heißt es:

„Die Geschichte von Narziss ist aus den ‚Metamorphosen’ von Ovid als Dichtung und aus den Schriften von Pausanias überliefert.“

Nun gut. Dabei schreibt Gerlinger zwar später auch über Ameinias, verschweigt uns hier jedoch die Quelle dieser Version: Konon. Darüber hinaus werden auch Probus, Pomponius Sabinus, Vibius Sequester und zwei namentlich nicht bekannte römische Dichter hier unterschlagen.

Die Art, wie sich Gerlinger die Begegnung des Narziss mit Echo zurechtlegt, hat schon beinahe die Qualität eines neuen Fake-Mythos:

„Echos Werben konnte Narziss nicht vernehmen, da sie selbst verflucht und nur in der Lage war, die an sie gerichteten Worte zu wiederholen. Sie machte sich dennoch die Mühe, mit seinen Worten zu jonglieren, bis Narziss sie verstand und ihre Liebe trotzdem zurückwies.“

Dass Narziss Echo „verstanden“ hätte, das ist ein frommer Wunsch des Autors. Narziss ist von Echo getäuscht. Als er imWald steht und das Echo von Echo hört, da hofft er, dass er ein Lebenszeichen seiner Freunde vernimmt. Diese Hoffnung wird aber zunichte gemacht, als sich ihm diese komplett hohle Nymphe an den Hals wirft. Dass Echo hier eine rücksichtslose Grenzüberschreitung begeht, bei der man nichts zu „verstehen“ hat, sondern nur schnellstens Reißaus nehmen kann, das ist Gerlinger während seiner vielfältigen Beschäftigung „mit der menschlichen Psyche“ anscheinend noch nicht klar geworden.

„Amainias wiederum litt so stark an seiner Liebe zu Narziss, dass er das Schwert, das dieser ihm schenkte, zur Selbsttötung nutzte. Bevor er das tat, rief er jedoch noch verzweifelt die Götter an, seinen Tod zu rächen. Diese Bitte wurde ihm durch Nemesis erfüllt, die als Göttin der Rache und des gerechten Zorns bekannt war. Sie strafte bei Missachtung, Hybris und Selbstüberschätzung. So bekam auch Narziss sein Fett weg und wurde mit einer übersteigerten Selbstliebe bestraft.“

Schön und gut, dass sich Gerlinger um einen saloppen Schreibstil bemüht („bekam sein Fett weg“). Das führt aber in Bezug auf den Mythos nur zu noch mehr Verwirrung: Hier sollen wir es also mit einem Ameinias zu tun haben, der von Narziss ein Schwert „geschenkt“ bekommt. Doch wohl nicht etwa nach dem Motto: „Du kriegst zwar nicht meinen Schwanz – aber nimm doch mein Schwert. Das kannst du dir ja auch irgendwo reinstecken.“

Nach meiner Deutung ist es an dieser Stelle gerade umgekehrt: Ameinias ist ein erwachsener Päderast, der den jugendlichen Narziss zum Krieger sozialisieren will. Das kann eine erotische Beziehung einschließen. Dazu überreicht er dem Narziss ein „Geschenk“ in Form militärischer Ausrüstung, beispielsweise ein Schwert. Der Jugendliche kann – nach kodifiziertem Ritual – dieses Beziehungsansinnen jedoch zurückweisen. Er gibt dazu das „Geschenk“ an den Geber zurück. Ganz einfach. Bei Nicht-Gefallen Schwert zurück.

„Bei Pausanias ist der Mythos von Narziss noch einmal etwas anders überliefert. Während Narziss sich bei Ovid nicht selbst erkennt, verkörpert er bei Pausanias durchaus schon die übersteigerte Selbstliebe. Hier betrachtet Narziss sich im Wasser und genießt seinen Anblick, bis sich eines Tages ein Laubblatt auf das Wasser legt und Wellen erzeugt. Diese verzerren und trüben das Abbild. Narziss ist dadurch so stark über die eigene Hässlichkeit irritiert, dass er an dieser Vorstellung zugrunde geht.“

Hier greift jetzt Gerlinger auf den typischen Unsinn zurück, wonach Pausanias diese blödsinnige Blattgeschichte in die Welt gesetzt hätte. Hat er aber nicht.

„Die Verzweiflung verbrennt Narziss, so dass aus seiner Asche die Narzisse wächst. Diese steht als Blume symbolisch für die Fruchtbarkeit und Frische, ist aber auch eine Todesbotschaft. In Verbindung mit Narziss repräsentiert die Blume tiefes Verlangen und Zuwendung und gilt auch als Gewächs, das rund um den Eingang der Unterwelt blüht.“

In diesem bunten Wirrwarr geht die Bedeutung der Narzisse als Symbol der Erstarrung und des Todes, als Blume der Persephone, als das Leiden an der Vergänglichkeit ziemlich verloren. Das hat mit „Fruchtbarkeit und Frische“ nichts zu tun, ist vielmehr das genaue Gegenteil.

„Was all diese Deutungen gut aufzeigen, ist das Symptom der Selbstüberschätzung, das auch heute Gültigkeit hat. Narziss liebt weniger sich selbst als das Bild, das er von sich selbst gewonnen hat. Und dieses ist in der Regel völlig verzerrt. Er ist nicht fähig, zwischen sich und diesem Spiegelbild eine Verbindung herzustellen, die harmonisch verläuft und das Selbstwertgefühl stärkt. Das grenzt ihn automatisch auch von anderen Menschen ab, so dass er den Blick immer nur auf sich selbst und kaum auf andere richtet.“

Was auch immer diese Pseudo-Begründung erklären soll: Es sind ein paar hohle Phrasen, die sich aber noch nicht mal irgendwie plausibel anhören. Wenn Narziss – angeblich – das Bild, das er von sich selbst gewonnen hat, liebt, und dieses Bild gleichzeitig „völlig verzerrt“ sein soll, dann dürfte er doch durch das vom Blatt verzerrte Bild gar nicht so erschüttert sein. Auch das weitere Gemurmel lässt jedes substanzielle Verständnis des übersichtlichen Mythos und seiner Dynamik vermissen. Um die Geschichte zu verstehen, müsste sich Gerlinger schon mit den Original-Quellen ein wenig mehr auseinandergesetzt haben.

Heinz Jürgen Aubeck (2008/2021)

Heinz Jürgen Aubeck, der in München Politische Wissenschaften, Soziologie, Psychologie und Amerikanistik studiert hat (M.A., Dr.-Titel ohne nähere Bezeichnung), schreibt in seinem Buch „Homosexuell – und das ist (nicht?) gut so!“ (Erstauflage 2008; Überarbeitete Neuauflage 2021) auf S. 284:

„Nach einer anderen Version (von Pausanias) verweilte er an einem See, um sich seines im klaren Wasser widerspiegelnden Ebenbildes (das ihn an seine schöne geliebtem, verstiorbene Zwillingsschwester erinnerte) zu delektieren, woraufhin ein durch göttliche Fügung ins Wasser gefallenes Blatt über die erzeugten Wellen sein Spiegelbild derart böse verzerrte, dass er schockiert durch seine optisch getrübte Erscheinung, seine vermeintliche Hässlichkeit, starb und er dann an dieser Stelle in eine Narzisse verwandelt wurde.“

Immerhin bringt Heinz Jürgen Aubeck das Kunststück fertig, den gänzlich unsinnigen Wikipedia-Fake-Mythos mit der überaus plausiblen, echten Pausanias-Fassung zu verbinden.

Sabine L. Koch (2021)

Sabine L. Koch schreibt in ihrem Buch: „Narzissmus verstehen. Narzisstischen Missbrauch erkennen” (6. Auflage, Books on Demand Norderstedt):

„Es gibt verschiedenen Versionen seines Todes. Nach Ovid verschmachtete Narkissos, weil er sich nicht von seinem geliebten Spiegelbild im Wasser losreißen kann; nach Pausanias stirbt er im Glauben, dass er hässlich sei (als Wasserwellen sein Spiegelbild verzerrten), nach Konon stürzt er ins Wasser, um seinem Spiegelbild nahe zu sein, und ertrinkt. Sein Leichnam verwandelte sich in eine Narzisse.“

Auch hier wird dem Pausanias die wikipedianische Fake-Produktion angelastet.

Florian Teichmann (o.J.)

Florian Teichmann, diplomierter Künstler (Malerei) lässt sich auf seiner Webseite vernehmen:

„Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narkissos an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Eine weitere Version berichtet: Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild; nicht erkennend, dass es sein eigenes ist, will er sich mit diesem Spiegelbild vereinigen und ertrinkt.“

Auch hier wird der Pauasanias-Fake-Mythos zum eigentlichen Inhalt des Narziss-Mythos erhoben und nur mit vagen (und falschen) Angaben zu einer anderen Variante ergänzt.

Yoga-Vidia (o.J.)

In einem Wiki-Eintrag von Yoga-Vidia zum Thema „Narzisstische Liebe“ ist zu lesen:

Die Göttin Nemesis hörte diesen Ruf [des Ameinias] und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Als Narziss sich in unberührter Natur bei einer Wasserquelle hinsetzte, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild.

Wie es weitergeht, dazu gibt es verschiedene Versionen:

1. Ovid erzählt, dass Narziss erkannte, dass seine Liebe zu sich selbst unerfüllbar war. So verschmachtete er vor seinem Ebenbild zu Tod – und wurde nach seinem Tod zur Narzisse. Hier kann man durchaus eine Grundlage für Anorexie sehen. Manche Formen der Anorexie, Magersucht, können auf narzisstischer Liebe beruhen – mangelnde echte Selbstliebe, aber narzisstische Liebe zur eigenen Vorstellung, die nicht liebbar ist.

2. Der Dichter Pausanias schreibt, dass Narziss in Liebe zu seinem Selbstbild entbrannte und deshalb immer wieder sein Spiegelbild in einem See anschaute. Eines Tages fiel ein Blatt ins Wasser, das Spiegelbild wurde durch die Wellen getrübt. Narziss dachte, er wäre hässlich geworden, und starb. Hier kann man auch wieder ein Krankheitsbild sehen: Narzisstische Liebe ist die Liebe zu einem perfekten Bild von sich selbst. Wenn das Selbstbild mit dem Ideal nicht übereinstimmt, kommt große Trauer – die zum inneren Tod, zur inneren Absterben führen kann.

3. Eine dritte Version sagt, dass Narziss sich in sein im Wasser gespiegeltes Bild verliebt. Er will sich mit seinem Selbstbild im Wasser verschmelzen – und ertrinkt im Wasser.“

Markus Thiele (o.J.)

Markus Thiele, approbierter psychologischer Psychotherapeut & Webseiten-Autor lässt sich über den Narziss aus dem Mythos aus:

Der griechischen Mythologie zufolge war Narziss der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leiriope. Auf seine Mitmenschen übt er eine unglaubliche Anziehungskraft aus, sodass sich viele in ihn verlieben. Doch aus Stolz und Überheblichkeit weist er alle zurück. Seine Überheblichkeit wird mit grenzenloser Selbstliebe gestraft. Als er sich eines Tages an einer Wasserquelle niederlässt, um seinen Durst zu stillen, verliebt er sich in sein Selbstbild. Das Ende seiner Geschichte wird kontrovers diskutiert:
1. Er versucht sein Spiegelbild zu erreichen und merkt, dass das nicht möglich ist. Vor lauter Sehnsucht stirbt er und verwandelt sich in eine Narzisse.
2. In dem Moment, als Narziss ins Wasser sieht, fällt ein Blatt in den Fluss und verzerrt sein Spiegelbild. Schockiert darüber, dass er hässlich ist, stirbt er.
3. Ohne zu erkennen, dass es sich um sein Spiegelbild handelt, beugt Narziss sich ins Wasser, um dem Objekt seiner Liebe nah zu sein und ertrinkt.“

Auch dieser Autor hat hiermit bewiesen, dass er unkritisch und ohne Überprüfung unsinnige Fake-Mythen zu übernehmen versteht.

Werner Stangl (o.J.)

Werner Stangl, Betreiber des Blogs „Was Sie immer schon über Psychologie wissen wollten …“ lässt sich zu dem Unterpunkt „Der Narzissmus – Eine Persönlichkeitsstörung“ vernehmen:

„Der Mythos des Narziss Nárkissor (Narziss) war der alten griechischen Sage nach der schöne Sohn des Flussgottes Kephisos und der Leiriope. Da von der Damenwelt umworben und entsprechend hochmütig, wies er auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Deshalb bestrafte ihn Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns (auch Aphrodite wird in der griechischen Mythologie als die Rächerin Echos angeführt). Narziss entwickelt darob eine unstillbare Liebe zu seinem Spiegelbild, das er im Wasser sieht. Über das Ende des „ersten Narzissten“ gibt es zwei Versionen. Die erste besagt, dass durch eine göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fällt und das Spiegelbild Narziss‘ trübt. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, stirbt Narziss. Er wird in eine Narzisse verwandelt.Überlieferung zwei lautet: Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild, will sich mit ihm vereinigen und ertrinkt bei diesem Versuch.“

Auch Stangl hält es anscheinend nicht für nötig, irgendwelche Angaben zu den Quellen seiner Weisheiten zu machen.

Jochen Mai (o.J.)

Jochen Mai, Betreiber des Blogs „karrierebibel“, schreibt zum Stichwort „Narzissmus“:

Darüber, wie seine [des Narziss‘] Geschichte endet, herrscht Unklarheit. Es gibt drei unterschiedliche Versionen:

Er versucht sein Spiegelbild zu erreichen und merkt, dass das nicht möglich ist. Vor lauter Sehnsucht stirbt er und verwandelt sich in eine Narzisse.

In dem Moment, als Narziss ins Wasser sieht, fällt ein Blatt in den Fluss und verzehrt sein Spiegelbild. Schockiert darüber, dass er hässlich ist, stirbt er.

Ohne zu erkennen, dass es sich um sein Spiegelbild handelt, beugt Narziss sich ins Wasser, um dem Objekt seiner Liebe nah zu sein und ertrinkt.“

Auch hier werden Menschen, die auf diese Seite gelangen, in die Irre geleitet. Über seine „Karrierebibel“ schreibt der Autor:

„Karrierebibel.de ist eines der größten Job- und Bewerbungsportale mit rund 4 Mio. Lesern im Monat. Unsere Mission ist, Ihnen nicht nur ALLE, sondern auch DIE BESTEN Tipps zu liefern. Dazu geben wir Ihnen ein stetig wachsendes Kompendium an die Hand – unterhaltsam wie hilfreich.“

Den Pausanias-Fake-Mythos mögen manche wohl für unterhaltsam halten – hilfreich ist er sicher nicht.

Parfümerie Osswald (o.J.)

Auf der Webseite der Parfümerie Osswald in Zürich lässt sich nachlesen:

Angelehnt an die betäubende Wirkung ist auch der betörende Jüngling Narziss aus der Sage von Ovid, der sein Umfeld zu verführen, ja fast zu betäuben wusste, weil er von so ungewöhnlich reizvollem Erscheinungsbild war. Er wurde von Jünglingen und Mädchen umworben, jedoch wies er alle Verehrer zurück, zu stolz war er auf seine eigene Schönheit. Auch die Quellnymphe Echo verliebte sich in ihn, wobei er dies aber nicht bemerkte, da sie stets nur die zu ihr gesprochenen Worte erwidern konnte. Darauf wurde Narziss wegen seinem Verhalten von den Göttern mit unstillbarer Selbstliebe bestraft. Er verfiel in unendliche Liebe zu seinem eigenen Abbild, welches er im flachen Wasser widerspiegelnd voller Sucht anzuschauen pflegte. Eines Tages geschah es aber, dass ein Blatt ins Wasser fiel, welches Wellen warf, die Narziss‘ Spiegelbild verschwimmen liessen. Durch sein Spiegelbild schockiert und dem daraus entstandenen Glauben er sei hässlich, starb er und verwandelte sich in eine wunderhübsche Narzisse. – Nach anderen Überlieferungen soll Narziss selbstliebend vor seinem Ebenbild sitzend bis zum Tode verschmachtet sein und an seinem Sterbeort soll nicht sein Leichnam, dafür eine Narzisse gefunden worden sein. Wie dem auch sei, Narziss und die Narzissen haben eng miteinander zu tun. Was dies wohl bedeutet, wenn wir Narzissen geschenkt bekommen? Heisst das indirekt als höflicher Vorwurf, wir seien zu selbstverliebt? Oder liebt uns die Person, die uns die Blumen geschenkt hat so fest, wie Narziss sich selbst geliebt hatte? Oder will man einem damit unendlich langes Leben wünschen?“

Hier wird der Fake-Mythos nun geradezu dem Ovid zugeschrieben, womit – wenn es denn weiter abgeschrieben wird – für weitere Verwirrung sorgen kann. Darüber hinaus: Auf den Mythos bezogen würde man mit einem Strauß Narzissen wohl eher einen baldigen Tod wünschen.

Tchibo-Kaffee (o.J.)

Auch Tchibo-Kaffee, Hamburg, hat etwas zu Narziss zu sagen, und zwar in der Rubrik „Blumenlexikon“:

Welche Bedeutung haben Narzissen? Die Narzisse wird in zwei Sagen der griechischen Mythologie erwähnt: In Homers Raub der Persephone dient die duftende Narzisse Hades als Falle, um das Mädchen zu betören und fangen zu können. Bekannt ist aber vor allem eine Überlieferung des römischen Dichters Ovid, in der von dem schönen Jüngling Narziss berichtet wird: Als Strafe dafür, dass dieser die in ihn verliebte Quellnymphe Echo verspottet hatte, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild in der Wasseroberfläche. Als ein fallendes Blatt sein Spiegelbild trübte und es als hässlich erscheinen ließ, starb Narziss vor lauter Schrecken und wurde in eine Narzisse verwandelt. Daran angelehnt steht die Narzisse bis heute zum einen für Lebendigkeit und Fruchtbarkeit und zum anderen für Eitelkeit.“

Auch hier wird der unsinnige Fake-Mythos dem Ovid angehängt. Darüber hinaus wird Narziss zum Symbol von „Lebendigkeit und Fruchtbarkeit“ verkehrt. Dabei ist es sehr eindeutig, dass er (und die Blume) Erstarrung und Tod symbolisiert.

t-online (o.J.)

Auch t-online meldet sich zu Narziss zu Wort, und zwar unter der Rubrik „heim-garten“:

Hat Narzissmus etwas mit Narzissen zu tun? Der Begriff Narzissmus geht auf eine alte griechische Sage um den jungen Narziss zurück. Nachdem er die Liebe der Quellnymphe Echo verspottete, wurde er dafür von den Göttern mit extremer Selbstliebe bestraft. Als er eines Tages sein Spiegelbild im Wasser bewunderte, kräuselte sich die Oberfläche und verzerrte sein Spiegelbild. Im Glauben, er sei hässlich, starb Narziss an einem Schock und verwandelte sich an derselben Stelle in eine Narzisse.“

t-online verzichtet hier auf das Blatt und lässt das Wasser sich einfach von selbst kräuseln, und damit den Narziss in einen Schok verfallen.

Botanischer Garten Marburg (o.J.)

Der sich für den botanischen Garten Marburg engagioerende Verein klärt nicht nur über Narzissen, sondern – vermeintlich – auch über Narziss auf:

Eines Tages setzte Narziss sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser und die so erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild – schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich (wegen der Wellen, die sein Spiegelbild verzerrten), starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. (Pausanias 9.31,7)“

Immerhin wird hier korrekt – damit steht dieser Text hier geradezu als einzigartig da! – auf die Quelle des Unsinns verwiesen:

Der Text basiert auf dem Wikipedia-Artikel und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.“

Förderkreis Stadtpark-Botanischer Garten Gütersloh e.V. (o.J.)

Der Förderkreis Stadtpark-Botanischer Garten Gütersloh e.V. unter dem Vorsitz von Daniela Toman schreibt:

„Woher stammt der Name „Alpenveilchen-Narzisse“? „Narzisse“ leitet sich vom griechischen „narkein“ für „betäuben“ ab (daher auch „Narkose“) und bezieht sich auf den intensiven Duft. Untrennbar verbunden ist die Pflanze mit der griechischen Sage von Narziss. Der Schönling hatte sich beim Betrachten seines Spiegelbilds im Wasser unsterblich in sich selbst verliebt. Woran er starb, darüber sind die Chronisten uneins. Einige behaupten, aus Gram über die Unerfüllbarkeit seiner Liebe. Andere schildern einen tödlichen Schock, den er erlitt, als ein herabfallendes Blatt sein Spiegelbild in Wellen versetzte und verzerrte und ihn die vermeintliche Erkenntnis traf, hässlich zu sein. Wieder andere ließen ihn beim Versuch ertrinken, sein eigenes Spiegelbild zu umarmen. Einig sind sich aber alle darin, dass dort, wo er sein Leben aushauchte, eine Narzisse wuchs – sonst könnte uns sein Schicksal ja an dieser Stelle ganz egal sein.“

Ja, an sich könnte dem Förderkreis Botanischer Garten Gütersloh das Schicksal des Narziss egal sein. Nun hat er sich jedoch selbst in dieses Schicksal mit eingemischt, indem er zur Verbreitung von absurden Falschaussagen mit beigetragen hat. Schade.

Diverse Geschäfte für Gartenbedarf (o.J.)

Diverse Geschäfte für Gartenbedarf – u.a.
Ulrich und Alexander Spengler, Dillingen,
Späth Betriebs GmbH, Villingen-Schwenningen,
Blumenland Halmer, Meßkirch und
grün erleben Baumer, Oberviechtach
preisen ihre Narzissen an mit einem Verweis auf den – bei Wikipedia erfundenen und in die Welt gesetzten – Mythos:

Narzissen (Narcissus) gelten als die Frühlingsblume schlechthin. Zudem sind sie pflegeleicht und strahlen mit der Sonne um die Wette.
Die Narzisse gilt als Symbol für Sterben und Wiedergeburt. Sie steht aber auch für Eitelkeit und übersteigerte Selbstliebe. Laut eines griechischen Mythos war der Jüngling „Narziss“ unsterblich in sein Spiegelbild verliebt. Täglich betrachtete er es im Wasser des Sees. Eines Tages fiel ein Blatt ins Wasser und verzerrte sein Spiegelbild. Schockiert von der Erkenntnis er sei hässlich, starb er. Anstatt seines Körpers fand man eine strahlend gelbe Narzisse.“

Karin Schindler (o.J.)

Auf der Seite „Lebensart im Markgräflerland“ schreibt Karin Schindler aus Müllheim unter der Überschrift „Fühlingsanfang – die Narzissen blühen“:

Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. (Quelle: Wikipedia)

Hier wird immerhin korrekt auf die Quelle des Unsinns verwiesen.

Michael Lahanas (o.J.)

Auf der Seite „Hellenicaworld” schreibt Michael Lahanas:

„Der Sage nach wies der vielfach Umworbene auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich das Dictum des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur dann haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. Eines Tages setzte er sich an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte – geschockt von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich (wegen der Wellen, die sein Spiegelbild verzerrten), starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7).”

Mit diesem kritiklosen Abschreiben von Wikipedia hat Michael Lahanas den griechischen Mythen keinen Gefallen getan.

Barbara und Andreas Schlemmer (o.J.)

Auf der Webseite der Praxis für Psychotherapie Barbara und Andreas Schlemmer, Saarwellingen, wird ebenso kritiklos die Fake-Mythos-Version von Wikipedia verbreitet. Immerhin geschieht das unter Bezug auf die Quelle des Unsinns – auf Wikipedia.

Jens Niermann (o.J)

Jens Niermann schreibt für den „Bibelgarten Werlte”

„Mythologie Die Mythologie erzählt von dem schönen Jüngling Narziss, dessen Antlitz die Frauen reihenweise in den Bann zog. Der Sage nach setzte Narziss sich an den See, um sich an seinem Spiegelbild zu erfreuen. Durch göttliche Fügung fiel ein Blatt ins Wasser, und die so erzeugten Wellen trübten sein Spiegelbild. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Diese Sage prägte den Begriff Narzissmus für selbstverliebte Charaktere.”

Auch Jens Niermann lässt im „Bibelgarten Werlte“ ein unsinniges Gerücht wachsen und gedeihen.

Quizlet.com (o.J.)

Bei Quizlet.com lautet die Antwort auf die Frage: ‚Erkläre den Begriff Narzissmus’:

„Der Begriff ‚Narzissmus’ geht auf die griechische Mythologie zurück: Narziss, der schöne Sohn des Flussgottes Kephisos, weist die Liebe der Nymphe Echo zurück, die sich daraufhin umbringt. Als Strafe wird er von der Göttin Nemesis dazu verurteilt, ein Leben lang in sein eigenes Spiegelbild verliebt zu sein. Stundenlang sitzt er am Ufer eines Sees und betrachtet sich im Wasser. Eines Tages fällt ein Blatt in den See und trübt durch die Wellen sein Spiegelbild. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, bricht Narziss zusammen und stirbt. Nach seinem Tod wird er von den Göttern in eine Narzisse verwandelt.“

Auf dieses Wissens-Quiz sollte man sich nicht vorbehaltlos verlassen, da hier nicht nur allein die Pausanias-Wikipedia-Fake-Mythos-Version zum Tod des Narziss zitiert wird, sondern auch gleich noch ein neuer Echo-Fake-Mythos geschaffen wird, der besagt, dass sich die Nymphe umbringt.

Raphael Haumann (o.J.)

Raphael Haumann schreibt auf seiner kritischen Webseite „viaveto“ unter der Rubrik „Nieten in Nadelstreifen“:

„Narzissos ist in der griechischen Mythologie der schöne Sohn eines Flußgottes und einer Wassernymphe. Er verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild und war daraufhin unfähig, Liebe für andere zu empfinden. Pausanias erzählt über seinen Tod: Eines Tages setzte sich Narzissos an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Nicht nur, dass hier unkritisch ein Fake-Mythos von Wikipedia übernommen worden ist, es wird auch noch die Handlungslogik der Geschichte verdreht: Die (ungerechte) Bestrafung des Narziss ist DIE FOLGE davon, dass er keine „Liebe“ für Echo und Ameinias empfunden hatte. Wie hätte das auch für einen gesunden, selbstbewussten jungen Mann gehen sollen? Liebe zu einer hohlen Nymphe? Liebe für einen aufdringlichen Kerl?

Markus Frauchinger (o.J.)

Der Psychologe Markus Frauchinger aus Bern stellt auf seiner Webseite http://www.narzissmus-psychotherapie.ch/narzissmus.htm dar:

„Nárkissor [sic] (Narziss) war der alten griechischen Sage nach der schöne Sohn des Flussgottes Kephisos und der Leiriope. Da von der Damenwelt umworben und entsprechend hochmütig, wies er auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. (…) Ueber das Ende des ‚ersten Narzissten’ gibt es zwei Versionen. Die erste besagt, dass durch eine göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fällt und das Spiegelbild Narziss‘ trübt. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, stirbt Narziss. Er wird in eine Narzisse verwandelt.“

Frauchinger rechnet auf seiner Webseite zu seinen „Spezialitäten und Diagnosen“: „Narzisstische Krise d.h. Kränkung, Wut, Sich-nicht-wahrgenommen, nicht-respektiert, nicht-beachtet oder nicht-ernstgenommen fühlen u.ä.“

Da hätte der arme Narziss aus dem Mythos ja allen Grund gehabt, einmal in der Berner Praxis vorbeizukommen: „nicht-wahrgenommen, nicht-respektiert, nicht-beachtet oder nicht-ernstgenommen“ – auch von dem „Experten“ Frauchinger selbst.

Hiermit ist zunächst einmal die Liste der Reingefallenen zu Ende. Wer noch auf weitere Beispiele stößt, darf sie mir gerne mitteilen: Ich nehme sie dann in die Liste mit auf.

__________________

Literatur

Barazon, Ronald (2015): Narziss erkennt die Störung seines Spiegelbilds nicht. In: Salzburger Nachrichten, 16. Februar 2015

Bonelli, Raphael M. (2016): Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. München, Kösel

Endriss, Lilo (2015): Ignoranzfallen am Arbeitsplatz: Subtile seelische Gewalt aufdecken – Betroffene stabilisieren. Wiesbaden, Springer Gabler

Ermann, Michael (2020): Narzissmus. Vom Mythos zur Psychoanalyse des Selbst. Aus der Reihe „Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik”, Stuttgart, Kohlhammer

Haller, Reinhard (2013): Die Narzissmusfalle. Anlei­tung zur Menschen- und Selbst­­kennt­nis. Wals bei Salzburg, Eco­win Verlag

Haller, Reinhard (2017): Nie mehr süchtig sein. Leben in Balance. Wals bei Salzburg, Eco­win Verlag

Holtei, Christa (2015) Das Spiel der Täuschung: Düsseldorf 1834. Düsseldorf, Droste Verlag GmbH

Klute, Hilmar (2012): Wir Ausgebrannten: Vom neuen Trend, erschöpft zu sein. München, Diederichs Verlag

Kupka, Mahret Ifeoma & Matthias Wagner (Hrsg.) (2017): SUR/FACE_Spiegel. Berlin, Revolver Publishing

Lochner, Mario (2020): Was ich mit 20 gerne über Geld, Motivation und Erfolg gewusst hätte. München, Finanzbuch Verlag

Maaz, Hans-Joachim (2012): Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. München, CH Beck

Meckel, Miriam (2011): „Weltkurzsichtigkeit“, SPIEGEL Nr. 38, S. 120f

Mohr, Joachim (2016): Was wäre die Welt ohne … Spiegel. In: SPIEGEL Wissen 1 / 2016

Pausanias (1998): Beschreibung Griechenlands: ein Reise- und Kulturführer aus der Antike. Auswahl, Übersetzung aus dem Griechischen und Nachwort von Jacques Laager. Zürich, Manesse Verlag

Pausanias (2001): Reisen in Griechenland. Auf­grund der kommentierten Übers. von Ernst Meyer hrsg. Von Felix Eckstein und Peter C. Bol. Bd. 3: Delphoi. Bücher VIII-X. Düsseldorf u.a., Artemis & Winkler

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta

Rauer, Constantin (2015): Das Bild des Menschen von der Steinzeit bis heute. In: Menschenbild(n)er – Bildung oder Schöpfung. Hg. S. Almann, K. Berner, A. Grohmann. Lit Verlag Berlin 2015, S. 41-60. (In: Villigst Profile. Schriftenreihe des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst, Bd. 18. Hgg. von Knut Berner und Friederike Faß)

Russi, Florian (2016): Die Liebe in Mythen und Sagen. Weimar, Bertuch-Verlag

Saerberg, Siegfried (2011): Stoff und Kristall – Blinde Schönheit und Identität. in: Christian Mürner & Udo Sierck (Hrsg.): Behinderte Identität? Neu-Ulm, AG SPAK Bücher

Schmeh, Klaus (2007): Das trojanische Pferd: klassische Mythen erklärt. Planegg, Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co. KG

Stemmer-Lück, Magdalena (2009): Verstehen und behandeln von psychischen Störungen: psychodynamische Konzepte in der psychosozialen Praxis. Stuttgart, Kohlhammer

Weixler, Antonius (2016): Poetik des Transvisuellen. Carl Einsteins ‚écriure visionnaire‘ und die ästhetische Moderne. Berlin u.a., Walter de Gruyter

Wiedemann, Günther J. (2016): Die Liebe zu den Menschen schließt die eigene Person nicht aus. In: Der Klinikarzt 2016; 45(06): 271

2 Antworten auf „Reingefallen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.