Havelock Ellis (1859-1939) und Narzissmus

Fotografie von Havelock Ellis
Havelock Ellis (1859-1939)

Auto-Erotismus

So überschreibt der englische Sexualforscher Havelock Ellis im Jahr 1898 seinen Beitrag (Untertitel: Eine psychologische Studie), mit dem im Grunde die Geschichte des Narzissmus beginnt.

Ein Wegbereiter des Narzissmus

Ellis definiert „die Phänomene der spontanen geschlechtlichen Erregung ohne irgendwelche Anregung direkter oder indirekter Art seitens einer anderen Person“ als Autoerotismus. Er versteht darunter beispielsweise das Tagträumen mit sexuellem Inhalt.

Eine Narziss-ähnliche Tendenz

Und weiter heißt es:

„Um diese Zusammenfassung der Hauptphänomene des Auto-Erotismus zu vervollständigen, darf ich kurz die Tendenz erwähnen, die manchmal, vielleicht hauptsächlich bei Frauen, vorkommt, dass nämlich sexuelle Gefühle in der Selbstbewunderung absorbiert werden und dabei oft gänzlich verloren gehen. Diese Narziss-ähnliche Tendenz, deren normaler Keim bei Frauen durch den Spiegel symbolisiert ist, kommt – in geringerem Maß bei manchen weiblich gesonnenen Männern, aber anscheinend [insgesamt? K.S.] sehr selten bei Männern – losgelöst von sexueller Anziehungskraft gegenüber anderen Personen vor, welcher sie natürlich üblicherweise untergeordnet ist. Aber ge­le­gent­lich scheint sie bei Frauen für sich allein zu bestehen, ohne dass irgendeine Anziehung auf andere Personen ausgeübt wird.“

Versuch einer Deutung

Der Text ist mir nicht vollkommen klar verständlich. Ellis schreibt diese „Narziss-ähnliche Tendenz“ offenbar vor allem Frauen zu. Sie komme jedoch auch – in einem geringeren Ausmaß – bei feminin gesinnten Männern vor. Es fragt sich, was genau mit dem „geringeren Ausmaß“ gemeint sein soll: Quantität? Qualität? Jedenfalls komme das Phänomen insgesamt recht selten bei Männern vor. Charakteristisch dafür sei, dass es „losgelöst von sexueller Anziehungskraft gegenüber anderen Personen“ vorkomme. Sexuelle Gefühle seien „absorbiert“ bzw. sie würden „oft gänzlich verloren gehen“. Es fehle hier auch das Bedürfnis, auf andere Menschen anziehend wirken zu wollen.

Ellis’ Aussage über die Häufigkeit dieses Phänomens fällt mit „manchmal“ („sometimes“) und „gelegentlich“ („occasionally“) nicht sehr präzise aus.

Ein „normaler Keim“

Diese Lust an der Selbstbetrachtung gilt für Ellis anscheinend als „normal“ solange sie dem Bemühen um „sexuelle Anziehungskraft (…) untergeordnet“ sei. In Abweichung vom Normalen könnten sich Menschen jedoch in dieser Selbstbewunderung verlieren.

Ein einziges Fallbeispiel

Seine Auffassung erläutert Ellis mithilfe eines einzigen Fallbeispiels:

„Ein typischer Fall ist der einer Dame von 28, von sehr großen und feinen Proportionen, aktiv und gesund und intelligent, jedoch ohne deutliche sexuelle Hinneigung zum anderen Geschlecht; gleichzeitig ist sie nicht invertiert [= homosexuell], obwohl sie gerne ein Mann wäre, und sie weist einen gehörigen Grad von Verachtung gegenüber Frauen auf. Sie zeigt eine intensive Bewunderung für ihre eigene Person, besonders für ihre Schenkel; niemals ist sie glücklicher, als wenn sie sich allein und nackt in ihrem Schlafzimmer befindet, und, soweit es möglich ist, kultiviert sie Nacktheit. (…) Sie ist frei und sicher in ihrem Benehmen, ohne sexuelle Scheu, und während sie bereitwillig die Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer empfängt, unternimmt sie doch keinerlei Bemühungen, sie zu gewinnen, und hat niemals zu irgendeiner Zeit irgendwelche Gefühle erfahren, die stärker sind als ihr eigenes Vergnügen an sich selbst.“

Ein Widerspruch

In seinen Ausführungen produziert Ellis meines Erachtens einen deutlichen Widerspruch. Einerseits stellt er seine Abhandlung unter die Überschrift „Auto-Erotismus“. Diesen hat er als eine Form von „geschlechtlicher Erregung“ definiert. Andererseits „vervollständigt“ er dann seine Liste von „auto-erotischen“ Phänomenen durch die „Narziss-ähnliche Tendenz“. Und bei dieser sollen nun – per Definition – die „sexuellen Gefühle (…) oft gänzlich verloren gehen“. Er illustriert dies durch das zitierte Fallbeispiel mit der angeblich gänzlich asexuellen Selbstbewunderung.

Also was jetzt? „Narziss-ähnliche Tendenz“ als Autoerotismus, oder nicht? Sexuelle Erregung oder nicht?

Modifikationen

In seinem Werk „Geschlechtstrieb und Schamgefühl“ (1900) heißt es (S.200):

„Die extremste Form des Auto-Erotismus besteht in der Neigung der geschlechtlichen Erregung, die vielleicht hauptsächlich bei Frauen (obgleich das nicht ganz feststeht) vorkommt: sich ganz oder teilweise in Selbstbewunderung zu verlieren. Diese Narciss-ähnliche Tendenz, deren normaler Ausdruck bei Frauen das sich im Spiegel Bewundern ist, findet man in geringerem Grade auch beim Manne; deutlich ausgeprägt ist sie manchmal bei Frauen, die eine Anziehungskraft für andere Personen besitzen, welcher Anziehungskraft diese Tendenz, normaler Weise natürlich, untergeordnet ist. In dieser extremsten Form, bei der allein der Name Narciss Anwendung finden darf, besteht eine verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen geschlechtliche Befriedigung oder Bewunderung seitens des anderen Geschlechts. Ein solcher Zustand scheint aber, ausser bei Irrsinn, selten zu sein. Seit ich die Aufmerksamkeit auf diese Form des Auto-Erotismus gelenkt habe, haben verschiedene Schriftsteller diesen Zustand besprochen, besonders Näcke [Zusatz ab 1907: …, der dem Winke folgend diesen Zustand Narzißmus nennt]. Unter 1500 Irrsinnigen fand Näcke ihn bei vier Männern und einer Frau“.

Fotografie des Buchcovers von "Geschlechtstrieb und Schamgefühl"
Buchcover von „Geschlechtstrieb und Schamgefühl“ von Havelock Ellis (1. Auflage, 1900)

Ein dreifacher Rückzieher

In diesem Text, der zwei Jahre nach der ursprünglichen Fassung erschienen ist, erklärt Ellis die „Narciss-ähnliche Tendenz“ nun also zur „extremsten Form des Auto-Erotismus“. Seine ursprüngliche Behauptung, dass sich das Phänomen vor allem bei Frauen finde, schränkt er hier (und in allen späteren deutschsprachigen Auflagen) ein: „obgleich das nicht ganz feststeht“. Und während er in der ersten Fassung nicht näher erläutert, was er mit dem „eigenen Vergnügen an sich selbst“ genau meint, macht er es in allen späteren (deutschsprachigen) Fassungen mit einem Zusatz deutlicher (1900, S.201):

„Ich muss noch hinzufügen, dass ich zu näherer Untersuchung dieses Falles keine Gelegenheit hatte, daher nicht mit Bestimmtheit behaupten kann, dass Masturbation nicht stattfand.“

Ellis ist also ursprünglich eindeutig von einer nicht-sexuellen Befriedigung bei dieser intensiven Selbstbetrachtung des eigenen Körpers ausgegangen. Nun ist er sich nicht mehr ganz sicher und scheint es auch nicht mehr nachprüfen zu können. Vielleicht hatten die Nachfragen aus seiner Leserschaft – beispielsweise von Paul Näcke – entsprechende Zweifel angestoßen.

Ellis ist jetzt über drei Dinge seiner ursprünglichen Darstellung von 1898 offenbar etwas verunsichert: Hat diese „Narziss-ähnliche Tendenz“ denn nun eine größere Nähe zur Normalität, oder ist sie eher absonderlich oder „extrem“ oder pathologisch? Kommt dieses Phänomen tatsächlich öfter bei Frauen als bei Männern vor? Und ist dabei wirklich jede sexuelle Erregung absorbiert – oder geschieht das nur „ganz oder teilweise“?

Bezug auf Paul Näcke und ein „Missverständnis“

Ellis schiebt 1900 noch eine Passage nach, die er in späteren (deutschsprachigen) Fassungen weglässt:

„In dieser extremsten Form, bei der allein der Name Narciss Anwendung finden darf, besteht eine verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen geschlechtliche Befriedigung oder Bewunderung seitens des anderen Geschlechts.“

Und er setzt hinzu (wie auch in späteren Übersetzungen):

„Ein solcher Zustand scheint aber, ausser bei Irrsinn, selten zu sein. Unter 1500 Irrsinnigen fand Näcke ihn bei vier Männern und einer Frau.“

Ellis bezieht sich hier auf einen Aufsatz von Paul Näcke aus dem Jahr 1899. Darin hatte Näcke die gedankliche Anregung von Ellis aufgegriffen. Dessen „Narziss-ähnliche Tendenz“ hatte er quasi mit dem heute so allgewaltigen Begriff „Narzissmus“ übersetzt. Gleichzeitig hatte er jedoch eine sehr spezielle eigene Definition gegeben (vgl. den Beitrag zu Näcke).

Allerdings hatte Näcke gerade auch bei seinen „Irrsinnigen“ diesen – von ihm definierten – „Narcismus“ nur äußerst selten vorgefunden. Ellis hingegen erklärt nun bezüglich der Häufigkeit des „Narcismus“, er sei – nach Näcke – selten, „außer bei Irrsinn“. Das ist kurios, denn Näcke hat eindeutig genau das Gegenteil gesagt. Das kommt eigentlich auch schon in den von Ellis korrekt genannten Zahlen zum Ausdruck.

Jahre später

Im Jahr 1927, fast dreißig Jahre später, gilt das Narzissmus-Konzept schon längst als sehr wichtige psychoanalytische Erkenntnis. Nun widerspricht Ellis dem inzwischen längst verstorbenen Näcke sehr viel vehementer. Vielleicht ist er dabei mit davon beeinflusst, dass 1920 Sigmund Freud erstmals ausdrücklich Ellis als Urheber des Begriffes Narzissmus erwähnt. Ursprünglich – in seiner ersten Narzissmus-Abhandlung von 1914 – hatte sich Freud ausdrücklich auf Näcke bezogen.

Ellis scheint sich übrigens weder Paul Näcke noch Sigmund Freud innerlich irgendwie verbunden gefühlt zu haben. In seiner Autobiografie von 1940 wird nur Paul Näcke – in anderem Zusammenhang – einal kurz erwähnt.

Fazit

Kurz gefasst verteht Havelock Ellis unter Narzissmus den Hang zur intensiven Betrachtung im Spiegel, bei dem „eine verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen geschlechtliche Befriedigung oder Bewunderung seitens des anderen Geschlechts [besteht].“ Entsprechende VertreterInnen scheinen jedenfalls „ohne deutliche sexuelle Hinneigung zum anderen Geschlecht“ zu sein und „gleichzeitig (…) nicht invertiert“. „Ein solcher Zustand scheint aber (…) selten zu sein.“

 

Literatur:

Ellis, Havelock (1898): Auto-Erotism: A Psychological Study. In: The Alienist and Neurologist (1898), 19, 260-299

Ellis, Havelock (1900, 1. A): Geschlechtstrieb und Schamgefühl. Leipzig, Georg H. Wigand’s Verlag

Ellis, Havelock (1907, 3. A): Geschlechtstrieb und Schamgefühl. Würzburg, A. Stuber

Ellis, Havelock (1922, 4. A): Ge­schlechtstrieb und Schamge­fühl. Leipzig, Ver­lag von Curt Kabitzsch

Ellis, Havelock (1927): The Conception of Narcissism. In: The Psychoanalytic Review (1927). Vol. 14, Nr. 2, 129-153

Ellis, Havelock (1940): My life. London u.a., William Heineman LTD

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