Hirigoyen, Marie-France (1999) und Narziss bzw. Narzissmus


Die Masken der Niedertracht

Die promovierte Medizinerin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen erläutert in ihrem Bestseller (Untertitel: Seelische Ge­walt im Alltag und wie man sich da­ge­gen wehren kann) unter anderem ihre Sicht auf Narziss bzw. den Narzissmus. Dabei offenbart sie ihre tiefe Verständnislosigkeit gegenüber dem eigentlichen Mythos. Das lässt dann für ihr Verständnis komplexer Lebensgeschichten nicht viel Gutes erwarten.

Perversion

Marie-France Hirigoyen erläutert zunächst das psychoanalytische Verständnis von Perversion als …

„… eine Abweichung im Verhältnis zum normalen Sexualakt, definiert als Koitus, der darauf gerichtet ist, durch vaginale Penetration zum Orgasmus zu kommen“.

Wenige Zeilen später formuliert sie ihre Vorstellung von der „narzisstischen Perversion“:

„Die narzißtische Perversion besteht im Sicheinstellen eines perversen Betragens bei einer narzißtischen Persönlichkeit.“

Perversität

Frau Hirigoyen lässt uns gleich darauf wissen, was sie selbst demgegenüber als „Perversität“ versteht:

„Perversität [bezeichnet] den Charakter und das Verhalten gewisser Personen, die von ganz besonderer Grausamkeit oder Bosheit zeugen.“ Und: „Perversität schließt eine Strategie der Ausnützung und anschließenden Zerstörung anderer mit ein; ohne irgendwelche Schuldgefühle. (.*.) Ein narzißtischer Perverser lebt aber nur der Befriedigung seines Zerstörungstriebs.“

In der Textlücke – (.*.) – findet sich der folgende Satz:

„Zahlreich sind die Psychoanalytiker, die behaupten, es gebe eine gewisse normale Perversität bei jedem Individuum: ‚Wir sind alle polymorph Perverse!‘“

Hat Hirigoyen ihren Freud so ungenügend studiert, dass sie dieses Zitat nicht eindeutiger zuordnen kann? Freud selbst behauptet (1905, S.64 bzw. S.102), dass wir Menschen „polymorph [= vielgestaltig; K.S.] pervers“ geboren würden. Kinder haben also die Aufgabe, sich von diesen vielgestaltigen „Perversionen“ wie Selbstbefriedigung, Homosexualität und – vor allem – der Neigung zum Inzest („Ödipuskomplex“) zu lösen. Sofern ihnen das nciht gelingt, haben sie sich die daraus resultierenden psychischen Probleme selbst zuzuschreiben. Das ist bei Freud mit „polymorph pervers“ gemeint.

Das Schwein, der Mensch

Isidor Sadger schreibt in einer Fallstudie zum Narzissmus (1910, S.115):

„Das Kind ist ja nach dem treffenden Ausspruch von Professor Freud ‚polymorph pervers’. Das ist nun genau das Bild unseres Grafen [Sadgers Fall von Narzissmus; K.S.], der eigentlich äußerst wenig sublimierte und dasselbe Schwein geblieben [ist], welches er als Kind physiologisch war.“

Der Mensch ist also – für die psychoanalytische Schule – von Geburt an ein Schwein. Wer es nicht schafft, sich rechtzeitig von diesen Schweinereien wie Homosexualität zu lösen, sie nicht beispielsweise „sublimiert“, entwickelt im späteren Leben psychische Störungen.

Jonglieren mit Begriffen

Bemerkenswert, wie Hirigoyen hier mit Begriffen jongliert. Mal spricht sie von Perversion, mal von Perversität. Mal grenzt sie das eine vom anderen ab, etwa wenn sie Perversion und Perversität definiert, mal setzt sie beides gleich, wenn sie etwa von „normaler Perversität“ spricht und in diesem Zusammenhang den Spruch bringt: „Wir sind alle polymorph Pervere!“ Das führt zwangsläufig zu erheblicher Verwirrung.

Ein vermeintliches Anliegen

In ihrem Buch beschreibt Hirigoyen recht unsympathische Menschen, zumeist Männer, und ermutigt jene, die in Beziehung zu diesen Menschen stehen, zumeist Frauen, sich gegen schlechte Behandlung effektiv und konsequent zu wehren. Das ist ein ehrenwertes Anliegen. Dabei greift sie jedoch völlig unkritisch auf den Begriff des Narzissmus zurück und verlässt sich dabei auf die Kompetenz von Otto F. Kernberg, der – wie an anderer Stelle gezeigt – gegenüber seinen KlientInnen geradezu sadistisch auftreten kann:

„Die narzißtische Persönlichkeit wird im allgemeinen wie folgt beschrieben (d.h. sie weist mindestens fünf der folgenden Eigenschaften auf): die Person hat eine großartige Meinung von ihrer eigenen Bedeutung; verzehrt sich in Phantasien von grenzenlosem Erfolg, von Macht; glaubt, etwas ‚Besonderes‘ und Einzigartiges zu sein; hat ein übermäßiges Bedürfnis, bewundert zu werden; meint, ihr stehe alles zu, man schulde ihr alles; beutet in zwischenmenschlichen Beziehungen den anderen aus; es fehlt ihr an Empathie; beneidet häufig die anderen; legt überhebliche Haltung und Verhaltensweisen an den Tag. Die Beschreibung, die Otto Kernberg von der narzißtischen Pathologie gegeben hat, kommt dem sehr nahe, was man heute als narzißtische Perversion definiert: ‚… Größenideen … egozentrische Einstellung … Mangel an Einfühlung und Interesse … [Gieren] nach Bewunderung und Anerkennung … starker Neid auf andere … Mangel an Gefühlstiefe … Fehlen echter Gefühle …‘“

Demonstrierte Verständnislosigkeit I …

Das, was Hirigoyen an monsterhaftem – durchaus vorkommendem – Verhalten beschreibt, setzt sie nun mit dem griechischen Mythos in Beziehung:

„Ein Narziß, im Sinne des Narziß bei Ovid[,] ist jemand, der glaubt[,] sich zu finden, indem er sich im Spiegel betrachtet. Sein Leben lang sucht er sein Spiegelbild im Blick des anderen. Der andere existiert nicht als Individuum, sondern als Spiegel. Ein Narziß ist eine leere Schale, die kein Eigenleben hat; er ist ein ‚Pseudo‘, der zu täuschen sucht, um seine Leere zu tarnen. Sein Lebenslauf ist der Versuch, dem Tod aus dem Weg zu gehen. Er ist jemand, der nie als menschliches Wesen anerkannt wurde und der gezwungen war, sich ein Spiegelbild zu entwerfen, um sich der Illusion hinzugeben, zu existieren. Wie ein Kaleidoskop wiederholt und vervielfacht er sich dieses Spiel der Spiegel, doch vergebens; dieses Individuum hat keinen Boden unter den Füßen.“

… vs. die Wirklichkeit
des Mythos I

Da Hirigoyen mit keiner Silbe näher auf den Mythos eingeht, wissen wir nicht, wie sie zu solchen Weisheiten über Narziss gelangt ist, mit denen sie das konventionelle Unverständnis gegenüber dem griechischen Jüngling bedient und anreichert. Der Mythos erzählt jedenfalls das Gegenteil: Narziss legt keinen Wert auf Echo. Er benötigt keine Bewunderung durch Ameinias oder Ellops. Er ist zunächst mit seiner Lebenssituation – Zwillingsschwester, Eltern und Freunde, mit denen er herzlich verbunden ist und zur Jagd geht – vollkommen im Reinen, bis dann das Schicksal in Form des Todes die geliebten Angehörigen hinwegrafft bzw. bis andere sich ihm aufdrängen. Erst dann beginnt sein Problem.

Demonstrierte Verständnislosigkeit II …

„Der Narziß wird, da er keine Substanz hat, sich an den anderen ‚ankoppeln‘ und wie ein Vampir versuchen, ihm sein Leben auszusaugen. Da er unfähig ist zu echten Beziehungen, kann er das nur tun in einer ‚perversen Sphäre‘ von zerstörerischer Boshaftigkeit. Die Perversen empfinden eindeutig ein maßloses, ‚lebenswichtiges‘ Vergnügen am Leiden des anderen und an seinen Zweifeln, wie sie auch Vergnügen daran finden, ihn zu unterjochen und zu demütigen. Alles beginnt und erklärt sich mit dem hohlen Narziß, Spiegelbild anstelle eines Selbst und innen hohl; wie ein Roboter, der Leben imitiert, die Gestalt oder alle Leistungen des Lebens zu bieten scheint, aber ohne Leben ist. Die sexuelle Liederlichkeit oder die Bosheit sind nur die unvermeidlichen Folgen dieses leeren Gebäudes. Wie die Vampire muß sich der leere Narziß von der Substanz anderer ernähren. Wenn das Leben nicht da ist, muß man versuchen, sich eines zu verschaffen oder, wenn das nicht gelingt, es zerstören, damit nirgends Leben sei.“

… vs. die Wirklichkeit
des Mythos II

Obwohl die Autorin über Narziss referiert, erkenne ich in ihren Ausführungen am ehesten das Verhalten von Echo, Ameinias und Ellops wieder. Es ist Echo, die offenbar „keine Substanz“ hat, kein eigenes Leben, und die deshalb andere benötigt, um sich mit Leben zu füllen und Gespräche führen zu können. Es ist Ameinias, der in „zerstörerischer Boshaftigkeit“ bei seinem Selbstmord noch die Götter anfleht, sie mögen den Narziss bestrafen, weil er ihm nicht willfährig gewesen ist – was dann auch geschieht und mit dem Tod des Narziss endet. Es ist Ellops, der wie ein „Vampir“ dem Narziss das Leben nimmt, weil er ihn offenbar niemand anderem gönnen mag. Und dass „sexuelle Liederlichkeit“ nichts ist, was Narziss angedichtet werden kann, wurde bereits mehrfach erwähnt.

Demonstrierte Verständnislosigkeit III …

In dieser berechtigten Abscheu gegenüber irgendwelchen monströsen Perversen, die sich auszeichnen durch Missachtung, Gefühlskälte, Empathielosigkeit, Rachsucht und anderes mehr, erklärt Hirigoyen – mir nichts, dir nichts – Narziss, diese unschuldige mythologische Figur, zum Inbegriff derartiger Ausbeutung:

„Der Narziß braucht das Fleisch und die Substanz des anderen, um sich aufzufüllen. Aber er ist unfähig, sich von dieser fleischlichen Substanz zu ernähren, weil er nicht einmal über einen Anfang von Substanz verfügt, der ihm erlaubte, die Substanz des anderen aufzunehmen, einzufangen und zu eigen zu machen.“

… vs. die Wirklichkeit
des Mythos III

Wenn Hirigoyen so leichtfertig das eigentliche Opfer zum vampiristischen Täter erklärt, wie unbefangen wird sie dann auch in der Einschätzung anderer Menschen ein Fehlurteil abgeben?

Was ich nicht bezweifle, ist, dass es Menschen gibt, die ohne Skrupel lügen und intrigieren, die es darauf anlegen, andere zu unterdrücken, auszubeuten, sie ihrer Vitalität zu berauben, zu versklaven und auszupressen, ohne Rücksicht auf deren Gesundheit. Aber warum benutzt Hirigoyen zur Bezeichnung eines solchen Verhaltens ausgerechnet den Namen dieses selbst-bewussten fiktiven griechischen Jünglings von 16 Jahren, der – je nach Version – nichts weiter tut, als (vergeblich) mit dem Tod geliebter Angehöriger zu hadern oder (vergeblich) der Aufdringlichkeit anderer zu entrinnen versucht?

Passendere Vorbilder

Warum wird das angeprangerte Verhalten nicht mit einem anderen Namen belegt? Hitlerismus oder Stalinismus würden sich anbieten, wenn diese Namen nicht schon „besetzt“ wären. Warum wird nicht der Name von Zeitgenossen verwendet, deren Verhalten von Gier, Egozentrismus, Machtstreben und Skrupellosigkeit geprägt ist – Bill Gates, Amancio Ortega, Warren Buffett, Carlos Slim Helú, Jeff Bezos, Marc Zuckerberg, Larry Ellison, Michael Bloomberg –, die, offenbar nachweislich (Mausfeld, S.101), genauso viel Vermögen an sich gerafft haben, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt? AutorInnen wie Hirigoyen lenken – bewusst oder unbewusst – von den tatsächlichen Gewaltverhältnissen in dieser Welt ab, indem sie zur Bezeichnung von deren UrheberInnen, statt sich konkret auf solche zu beziehen, eine harmlose mythologische Figur bemühen. Das ist natürlich nur möglich, wenn sämtliche Quellentexte dazu völlig verdreht werden. Und genau das halte ich für immens gefährlich, weil sich die Masse aufgrund dieser Täuschung weiter an der Nase herumführen lässt. Diejenigen, die uns tatsächlich unterdrücken und ausbeuten, werden nicht als UrheberInnen der Gewalt erkannt und benannt.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Hirigoyen scheint sich in ihrem Buch ausschließlich auf Ovid zu beziehen. Für sie ist „ein Narziß, im Sinne des Narziß bei Ovid (…) jemand, der glaubt (…)“, gefolgt von Schmähungen und Missverständnissen angesichts der angeblich schon bei Ovid verbürgten – aber in den antiken Quellen nicht aufzufindenden – Perversität des 16-Jährigen.

Begriffsgeschichte

Hirigoyen ordnet den Narzissmus geradezu ausführlich in seinen theoretischen Zusammenhang ein:

„Freud [erklärt] in den ersten Zeilen von ‚Zur Einführung des Narzißmus‘, er habe den Ausdruck von P. Näcke entlehnt (1899), der ihn gebraucht hätte, um eine Perversion zu beschreiben. In der Tat hat Näcke wirklich das Wort Narzißmus geprägt, aber um zu Gedanken von H. Ellis Stellung zu nehmen, der 1898 als erster ein perverses Verhalten in Verbindung mit dem Mythos von Narziß beschrieben hatte.“

Das ist falsch: Ellis fasst die „Narziss-artige Tendenz” als ein Unterphänomen des „Autoerotismus”. Und hierzu schreibt er 1927 ausdrücklich:

„Autoerotismus in meinem Sinne ist KEINE Perversion.”

Doch für diesen aufschlussreichen Zusammenhang zwischen Ellis und Näcke hat sich auch Hirigoyen nicht wirklich interessiert, sonst hätte sie die Original-Quellen womöglich gesichtet und das dort herrschende Chaos ein wenig aufgedröselt.

 

Fazit

Einer Autorin, die so unbedarft eine leicht überschaubare (fiktive) Lebensgeschichte des massiv bedrängten Narziss missversteht, wird auch gegenüber den sehr viel komplexeren Lebensgeschichten von realen Menschen nicht zu mehr Verständnis in der Lage sein.

 

Literatur

Hirigoyen, Marie-France (1998 – dt. 1999, 2006): Die Masken der Nie­der­tracht. Seelische Ge­walt im Alltag und wie man sich da­ge­gen wehren kann. München, dtv

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