Spotnitz & Resnikoff (1954) und Narziss bzw. Narzissmus

Die Mythen von Narziss

(Englischer Originaltitel: The Myths of Narcissus)

Hyman Spotnitz und Philip Resnikoff geben in diesem Beitrag von 1954 die Anregung, mit dem psychoanalytisch geprägten Begriff Narzissmus den Mythos von Narziss einmal gründlich zu durchleuchten. Und sie behaupten, dass man all das, was Freud in diesen Begriff hineingelegt hat, mühelos in den Facetten des Mythos wiederfinden könne. (Sie sparen dabei lediglich die Begegnung des Narziss mit Echo vollkommen aus.)

Die beiden Autoren erlauben sich dabei in ihrer Arbeit eine Fülle von Verständnislosigkeiten, die ich hier ein wenig unter die Lupe nehme.

Eine (fiktive) Schlagzeile

Stellen Sie sich einmal folgende Schlagzeile vor:

Weil sie keine Beziehung mit ihm wollte:
Verehrer tötet 16-Jährige.

Junge Frau hatte die Tendenz, in denjenigen,
die mit ihr eine sexuelle Beziehung haben wollten,
Aggressionen auszulösen.

Stellen wir uns vor, es käme in heutiger Zeit zu einer solchen Zeitungsmeldung. Der obige Satz sollte wohl (hoffentlich!) einen Sturm der Entrüstung auslösen.

Opferbeschuldigung
als Wissenschaft

Da jedoch die genannte Formulierung von einem ehrwürdigen studierten Psychoanalytiker wie Hyman Spotnitz (1908-2008) stammt, gilt sie seit 1954 als Wissenschaft, als Fachliteratur, womöglich auch als als Prüfungsstoff für angehende PsychotherapeutInnen.

Und diesen Artikel, in dem dieser Satz zu finden ist, zitiert beispielsweise die Lehranalytikerin Sylvia Zwettler-Otte (1989) insgesamt zustimmend.

Also was denn nun? Sollten wir den zweiten Satz der obigen Schlagzeile für skandalös halten? Oder ist das die reine Wissenschaft?

Meine Anti-Narzissmus Kampagne

Seit über 20 Jahren versuche ich, mit Menschen über die Fragwürdigkeit des Begriffes „Narzissmus“ ins Gespräch zu kommen. Eine solche Opferbeschuldigung, wie hier dargestellt, ist – so behaupte ich – geradezu systematisch in diesem Begriff eingebaut. Aber viele Menschen, Fachleute und Laien, scheinen an diesem Begriff unbedingt festhalten zu wollen. Und so löst mein Ansinnen oft nur gehörige Aversionen aus.

Rückendeckung in neuester Zeit

In neuerer Zeit gab es hierzu von fachmännischer Seite – von Prof. Lammers, Hamburg – sehr vernünftige Äußerungen: In seinem Buch „Bin ich ein Narzisst?“ (2019) finden sich in der Einleitung zwei Zwischenüberschriften:

„Es gibt eigentlich keinen Narzissmus“ bzw.
„Kein Mensch ist ein Narzisst!“

Da kann ich Claas-Hinrich Lammers nur voll und ganz recht geben. (Leider wird er in gewisser Weise seiner eigenen Überlegung untreu, wenn er dann doch wieder von „Narzissmus“ bzw. „narzisstisch“ spricht.) Ein Satz von ihm, der mich ganz und gar begeistert hat und dem ich nur rückhaltlos zustimmen kann (2017):

„Ich würde mir für den Narzissmus-Begriff genau das wünschen, was mit der Hysterie passiert ist: seine Abschaffung und Zerlegung in verschiedene psychopathologische Probleme.“

Der Hysterie-Vergleich

Im 19. Jahrhundert wurden im Grunde alle „psychosomatischen Störungen“ mit „Hysterie“ bezeichnet. Der Begriff leitet sich ab von (griech.) Hystera = die Gebärmutter. In der Antike gab es die Vorstellung, dass diese „psychosomatischen Symptome“ durch ein Umherwandern der Gebärmutter im Körper verursacht würden. Das bedeutete automatisch, dass man nur bei Frauen solche „Hysterien“ erwartete.

Schon im 19. Jahrhundert hatten jedoch bereits kluge Mediziner – wie beispielsweise Theodor Meynert in Wien – geraten, eine passendere Begrifflichkeit zu wählen. Er schlug den Begriff „funktionelle Störung“ vor, dass also nur die „Funktion“ eines Organs beeinträchtigt sei, nicht aber das Organ selbst. Für Meynert konnten selbstverständlich auch Männer psychosomatische Symptome entwickeln. Das hat sich irgendwann durchgesetzt.

In der Hysterie-Analogie würde das für den Begriff „Narzissmus“ bedeuten: Heutige Fachleute würden weiterhin behaupten, dass psychosomatische Störungen nur durch ein Umherwandern der Gebärmutter entstünden. Ihre Publikationen würden sie noch mit einigen gefaketen Ultraschall-Bildern „belegen“.

Das, was ich damit meine, lässt sich unter der Rubrik „DiffamiererInnen“ nachlesen.

Alltagsgebrauch
und Wissenschaft

Natürlich können Menschen für ihren Alltagsgebrauch an einem Begriff wie „Hysterie“ festhalten und überzeugt sein, sie wüssten genau, was damit gemeint sei. Für eine „Wissenschaft“ macht es jedoch durchaus Sinn, unklare Begriffe rigoros abzuschaffen – wie Lammers es vorschlägt.

Beim „Narzissmus“ haben offenbar viele Fachleute und Laien die Überzeugung, sehr genau zu wissen, was denn nun „Narzissmus“ ist und was nicht. Das ist offenbar der Grund, warum sie so unerschütterlich daran festhalten wollen.

Wie ist es wirklich?

Selbstbetrachtung
mit Orgasmus?

Vermutlich kennen die Wenigsten die Narzissmus-Definition von Paul Näcke, der diesen Begriff 1899 erfunden hat: Man könne nur da „mit Fug und Recht“ von „Narcismus“ sprechen, wo „das Betrachten des eigenen Ichs oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet“ sei. Hatte er damit recht? IST es nur dann „Narzissmus“, wenn das Betrachten von sich selbst unmittelbar zum Orgasmus führt?

Verliebtheit in die
eigenen Genitalien

Oder hatte Isidor Sadger recht, der den Begriff im Jahr 1910 wohl erstmals für die Psychoanalyse reklamierte, als er schrieb:

„Der Narzismus ist (…) die Verliebtheit in die eigene Person, hinter welcher sich die in die eigenen Genitalien verbirgt“.

Wer kennt diese Definition und folgt ihr, dass also „Narzissmus“ in einer „Verliebtheit in die eigenen Genitalien“ besteht?

Von Größenwahnsinnigen
bis Frauen und Müttern?

Hatte Sigmund Freud recht, wenn er als typische Repräsentanten des „Narzissmus“ benannte: Größenwahnsinnige und Schizophrene, Primitive und Kinder, Homosexuelle und Perverse sowie Frauen und Mütter? Wer kennt und folgt dieser „Definition“, wonach „Narzissmus“ ein Verhaltensmuster IST, das von dem gerade genannten Personenkreis verkörpert wird?

Was denn nun?

Und IST denn „Narzissmus“ nun „krankhaft“ oder IST er „normal“? HAT der „Narzissmus“ zwangsläufig mit Sexualität zu tun oder HAT er das ausdrücklich nicht? IST „Narzissmus“ denn selten oder IST er häufig? IST er nun eher ein Merkmal von Frauen – oder von Männern?
Folgen wir hier Näcke? Oder Ellis? Oder Miller? Oder Kohut? Oder Kernberg? Oder Freud? Oder Zepf? Oder Wutke? Oder van de Spijker? Oder Modena? Oder Wardetzki? Oder Röhr? Oder Asper? Oder Lammers? Oder, oder, oder …

Wer sich länger mit der entsprechenden Fachliteratur auseinandersetzt, wird feststellen, dass die Vorstellungen von dem, was nun unter „Narzissmus“ oder „narzisstisch“ zu verstehen sein soll, sehr unterschiedlich ausfällt. All diese Unklarheiten werden gerne unter den Teppich gekehrt. Man müsste ja ansonsten vielleicht feststellen, dass man gar nicht wirklich weiß, was nun genau „Narzissmus“ eigentlich genau IST.

Ein Eingeständnis
der Unklarheit

In der „Wissenschaft“ gibt es durchaus Vertreter, die offen eingestehen, dass der Begriff ziemlich unklar ist. So schreibt beispielsweise Joachim Wutke (1998):

„Die begrifflichen Unschärfen und Ungereimtheiten haben Konsequenzen: das Konzept des Narzißmus ist heute innerhalb der Psychoanalyse (und auch außerhalb) weniger denn je eindeutig bestimmt, es wird gelegentlich sogar höchst mißverständlich benutzt, es ist theoretisch nicht eindeutig geklärt[,] und es werden viel zu viele Phänomene unter diesen Begriff subsumiert. (…) Die Unbestimmtheiten erstrecken sich sowohl auf den theoretischen wie deskriptiven oder auch metaphorischen Gebrauch.“

Narzissmus – nur als Selbstbespiegelung gedacht?

In Diskussionen höre ich manchmal, dass sich der Begriff „Narzissmus“ ja nun lediglich darauf beziehe, dass sein zentraler Ursprung darin liegt, dass Narziss sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und dabei zu der Überzeugung gelangt, dass ihn nichts so sehr fasziniert wie er selbst.

Hierauf lässt sich antworten, dass dies spätestens mit der Arbeit des oben erwähnten Hyman Spotnitz (und seines Co-AutorsPhilip Resnikoff) im Jahr 1954 ausdrücklich beendet ist. Schon den Psychoanalytikern der ersten Stunde – beispielsweise Otto Rank, 1911 – war Friedrich Wieselers Mythensammlung zu Narziss (1856) bekannt, aus der sich insgesamt sieben verschiedene Varianten des Mythos herauslesen lassen.

Spotnitz und Resnikoff machen es sich nun ausdrücklich zur Aufgabe, all die verschiedenen Versionen vom Leben und Sterben des Narziss mit der psychoanalytischen Begriffsdefinition in Deckung zu bringen. (Lediglich das Verfolgt-Werden des Narziss durch die Nymphe Echo erwähnen die Autoren nicht.)

Vermissen geliebter Angehöriger =
inzestuöses Begehren?

Spotnitz und Resnikoff erlauben sich aus meiner Sicht etliche kuriose Fehldeutungen. Weil Narziss beim Blick in das Wasser an seine kurz zuvor verstorbene Zwillingsschwester erinnert wird und sie vergeblich zu ergreifen und festzuhalten versucht, wird ihm das als inzestuöses Begehren ausgelegt – und nicht etwa Ausdruck der Verzweiflung über den Tod des geliebten, innig verbundenen Zwillings. Dasselbe, als er bei seinem Blick ins Wasser durch sein Spiegelbild wohl an seine Mutter, die Quellnymphe Liriope, erinnert wird. Auch hier soll das vergebliche Greifen nach dem Spiegelbild im Wasser für die psychoanalytische „Wissenschaft“ das inzestuöse Begehren des Narziss belegen, anstatt das Verzweifeln über den Verlust eines geliebten Elternteils.

Ein Höhepunkt der Verständnislosigkeit

Der Höhepunkt der Verständnislosigkeit spiegelt sich jedoch in dem Satz, den ich im folgenden zitiere und mit dem ich diesen Beitrag eingeleitet habe. Spotnitz und Resnikoff resümieren dabei, dass Narziss in den verschiedenen Varianten auf unterschiedliche Weise ums Leben komme. Einer dieser Varianten stammt von dem römischen Autor Probus. Nach ihm wird Narziss – wie in der obigen Schlagzeile aufgegriffen – von Ellops, einem zurückgewiesenen „Verehrer“, getötet. In diesem Zusammenhang schreiben die Autoren nun:

„Bemerkenswert, dass Narziss, ein hübscher Jugendlicher mit der Fähigkeit, in anderen Schaulust hervorzurufen, dazu tendierte, aggressive Impulse in denjenigen auszulösen, die mit ihm sexuelle Beziehungen haben wollten.“

Hier wird doch von den beiden Autoren tatsächlich das (angebliche) Fehlverhalten von Narziss thematisiert, der doch eindeutig das Objekt der Gewalt. Bei Probus hingegen geht es um das Verbrechen des Ellops, der als das Subjekt der Gewaltausübung fungiert.

Diese Formulierung läuft auf ein neoliberales „Selbst schuld!“ hinaus. Als ginge es vor allem um die Frage: Was hat das Opfer dazu beigetragen, dass es so weit kam?

Geht es hier wirklich um die bemerkenswerte Tendenz von attraktiven Menschen, aggressive Impulse in denjenigen auszulösen, die mit ihnen sexuelle Beziehungen haben wollen? Oder geht es hier doch eher um ein spezifisches, nicht zu bagatellisierendes, unmissverständlich zu benennendes Verbrechen?

Mir scheint jedenfalls sinnvoll, in so einem Fall unmissverständliche Klarheit zu schaffen.

Literatur

Lammers, Claas-Hinrich (2017): Narzissmus. Selbst­­ver­liebter Westen. Inter­view für spektrum.de (online)

Lammers, Claas-Hinrich & Eismann, Gunnar (2019): Bin ich ein Narzisst? Oder einfach nur selbstbewusst? Stuttgart, Schattauer

Spotnitz, Hyman; Resnikoff, Philip (1954): The Myths of Narcissus. In: The Psychoanalytic Review, 1954, 41, 2, S.173-181.

Sylvia Zwettler-Otte (1989): Narzissmus im Spiegel antiker Mythologie. In: Günther Bartl, Friedrich Pesendorfer (Hg.): Strukturbildung im therapeutischen Prozess. Wien, Literas Universitätsverlag

Wutke, Joachim: Narzissmus-Reader. (http://www.cops.uni-sb.de/joachim/reader/narziss/TOP­FRAME.htm) Download vom 18.08.1998

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