Maaz, Hans-Joachim (2012) und Narziss bzw. Narzissmus


Die narzisstische Ge­sell­schaft

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz unternimmt in diesem Buch (Untertitel: Ein Psychogramm) eine Gesellschaftsanalyse auf der Grundlage des Begriffes „Narzissmus”. Er geht dabei auch auf den Mythos von Narziss ein. Dabei offenbart er einerseits ein grobes Unverständnis des eigentlichen Mythos. Andererseits hat er den Mythos nachhaltig verfälscht wiedergegeben. Schließlich ist er auch einer der Ersten (wenn nicht gar DER Erste), der völlig unkritisch einen in Wikipedia erfundenen Fake-Mythos in die „Fachliteratur” einführt.

Zeugung als Vergewaltigung

Für den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz sind seine Ausführungen zur Zeugung des Narziss per Vergewaltigung die Grundlage weitreichender Schlussfolgerungen:

„In der griechischen Mythologie ist Narziss der Sohn des Flussgottes Kephisos und der Nymphe Leiriope. Ovids Metamorphosen erzählen, dass Leiriope in den Sog des Flusses gerät und der Flussgott ihr Gewalt antut, als seine Wellen sie umschließen. So müssen wir die Zeugung des Narziss wohl als Vergewaltigung verstehen. Der Vater floss danach einfach weiter, so dass Narziss bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs.“

Maaz wird – aus der angeblichen Vergewaltigung folgernd, ohne jegliche Anknüpfung an den Mythos selbst – sowohl das Verhältnis von Vater und Sohn als auch das von Mutter und Sohn in ein schlechtes Licht rücken.

Gestörte Mütter –
Urgrund allen Übels

Bereits in seinem Buch über den (angeblichen) Lilith-Komplex (2003) wollte Maaz seinen Leserinnen und Lesern weismachen, dass der Ursprung aller Menschheitsprobleme in der schlechten Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind liegt. Fraglos können schlechte Mutter-Kind-Beziehungen gravierende Folgen für die Heranwachsenden haben. Bei Maaz verlieren aber offenbar alle weiteren möglichen Faktoren – zum Beispiel (stief-)väterliche Gewalt, sonstige Formen von Unterdrückung und Entwertung im sozialen Umfeld – komplett an Bedeutung.

Liegt beispielsweise doch einmal väterliche Gewalt als Problem vor, so hat Maaz rasch das dahinterstehende „mütterliche” Problem identifiziert (2003, S.104):

„Der autoritäre Vater ist immer muttervergiftet.“

Insofern verwundert es mich nicht, wenn er in seinem Narzissmus-Buch vor allem die Mutter-Beziehung des Narziss problematisiert.

Liriope: unsicher über
ihre mütterliche Aufgabe

„Leiriope war sich offensichtlich ihrer mütterlichen Aufgaben sehr unsicher. Sie hatte Angst, dass ihr Kind vorzeitig sterben könnte, und befragte den Seher Tiresias, ob es ihrem Sohn vergönnt sei, die Reife des Alters zu erleben. Tiresias antwortete auf ihre Frage: ‚Ja, wenn er sich fremd bleibt!‘ Anders übersetzt: ‚Wenn er sich selbst nicht erkennt‘. Hier diagnostiziert der Seher bereits eine schwere Beziehungsstörung zwischen Mutter und Kind. Narziss ist seiner Mutter fremd (Vergewaltigung!) und muss, um zu leben, sich selbst fremd bleiben.“

Schnell verdreht Maaz einer Mutter mal die Worte ein wenig im Mund. Er gibt vor, über die Motive Liriopes im Bilde zu sein, weshalb sie den Seher nach der Zukunft ihres Kindes befragt: Sie sei, Maaz zufolge, in Angst, „dass ihr Kind vorzeitig sterben könnte“, und offenbare damit ihre Unsicherheit in Bezug auf ihre mütterlichen Aufgaben. Aus meiner Sicht macht es jedoch einen Unterschied, ob die Mutter eine solche Angst tatsächlich erkennen lässt, oder ob man es einfach mal dabei belässt, dass sie sich, so das Original, erkundigt, „ob denn der die Zeit eines langen, reifen Alters sehn werde“.

Ovid selbst gibt uns übrigens Auskunft über Liriopes weitere Beweggründe: Sie hatte bei der Geburt des Narziss die Chance, als Erste den damals noch unbekannten Seher Teiresias auf die Probe zu stellen – und hatte sich dies nicht entgehen lassen. (Noch heute ist es nicht unüblich, gerade mit der Geburt eines Kindes ein Orakel zu erfragen: Aus Geburtsort, -tag und -stunde eines Menschen wird gerne seine Zukunft vorhergesagt. Das Wort Horoskop ist abgeleitet von (griech.) hora = die Stunde und skopéin = beobachten. „Horoskop” meint also: die (Geburts-)Stunde beobachten.)

Übersetzungsfeinheit

Eine kleine Feinheit zur Übersetzung: Das, was Maaz als „Anders übersetzt: (‚Wenn er sich selbst nicht erkennt‘) anbietet, findet sich quasi wörtlich in einer von Maazens Mythen-Quelle, bei Trenscényi-Waldapfel (S.173): „Wenn er sich selbst nicht erkennen wird.“ Das entspricht auch ziemlich wörtlich dem lateinischen Original („si se non noverit“). Das „anders übersetzt“ macht hier also eigentlich keinen Sinn, nur andersrum: „Anders übersetzt“ ist das „Ja, wenn er sich fremd bleibt!“ Genau das ist eine recht freie, abweichende „Übersetzung“. Auch diese sehr freie Übersetzung findet sich übrigens so wörtlich publiziert, und zwar in Hermann Breitenbachs Übersetzung der Metamorphosen (Artemis Verlag, 1958). Maaz selbst verweist jedoch nicht auf diese Quelle. Sie ist allerdings in dem Band übernommen, in dem sich Zwettler-Ottes Beitrag (2012) findet. Es gibt verschiedenen Berührungspunkte in den Publikationen der beiden.

Diagnose einer Mutter-Kind-Entfremdung

Aber nicht nur, dass Maaz hier entwertend über die Motive der Mutter spekuliert. Er möchte wohl auch etwas besonders Bedeutungsvolles aus den Worten des blinden Sehers heraushören:

„Der Seher [diagnostiziert] bereits eine schwere Beziehungsstörung zwischen Mutter und Kind. Narziss ist seiner Mutter fremd (Vergewaltigung!) und muss, um zu leben, sich selbst fremd bleiben.“

Soll etwa ein unausgesprochener Auftrag der Mutter an ihren Sohn bestehen, „sich selbst fremd bleiben“ zu müssen?

Gefahren des
Selbst-Bewusstseins

In gewisser Weise trifft die Prophezeiung ja auch ein. Hätte Narziss keine so ausgeprägte Selbst-Kenntnis gehabt, die ihm zu einem entsprechend starken Selbst-Bewusstsein verhalf, dann hätte er nicht so klar und eindeutig gespürt, dass er keine Lust hat auf eine Beziehung mit der hohlen Echo oder den männlichen Bewerbern. Vielmehr hätte er der einen oder anderen oder allen Liebeswerbungen nachgegeben und wäre so der tödlichen Bestrafung durch Nemesis entgangen. Und wäre er nicht so selbst-bewusst gewesen, seine Trauer um geliebte Angehörige bzw. um die eigene Vergänglichkeit wahrzunehmen, dann hätte er nicht daran zugrunde gehen müssen. Insofern kann ich also in gewisser Weise sagen, dass der Blinde dies korrekt gesehen hatte.

Doch was für ein Leben hätte ein weniger selbst-bewusster Narziss geführt? Hätte er sein Leben dann nicht schon viel früher verloren? Da Teiresias diese Problematik gar nicht vorhergesagt und thematisiert hat, lässt sich also auch sagen: In diesem Sinne war der Seher blind.

Mütterlicher Auftrag zur Selbst-Entfremdung?

Maaz aber unterstellt, dass sich Narziss und seine Mutter aufgrund der angeblichen Vergewaltigung fremd sind. Damit bestehe eine „schwere Beziehungsstörung“ zwischen den beiden. Breitenbachs freie Übersetzung kommt Maaz für dieses Hirngespinst zupass: [Narziss] muss, um zu leben, sich selbst fremd bleiben.“ Ein gutgläubiges Publikum wird über diese irgendwie bedeutungsvoll klingende Phrase noch ein wenig grübeln und sie dann wohl abnicken, ohne sich über den genauen Sinn Rechenschaft abzulegen. Das wiederum mag – bewusst oder unbewusst – der Absicht des Autors dienen. Aber was genau, Herr Maaz, wollen Sie uns hier sagen? Meinen Sie, dass die Mutter von ihrem Kind verlangt, sich selbst fremd zu bleiben? Oder dass Narziss von allein die Gefahr spürt, der zerstörerischen Gewalt der Mutter ausgesetzt zu sein, wann immer er sich selbst verwirklichen würde? Denken Sie, eine zerstörerische Lilith enttarnt zu haben? Ist es also nur leeres Geschwätz, wenn Ovid von Narziss als von dem allseits geliebten Kind spricht?

Die verräterische Namensgebung

Aus der Sicht von Herrn Maaz war die Boshaftigkeit der Mutter jedenfalls von Anfang an latent vorhanden:

„Leiriope gab ihrem Sohn den Namen Narziss; das ist wortverwandt mit ‚Narkose‘. Aus der Wahl des Namens lassen sich die von Leiriope für ihren Sohn gewünschten [!!! – K.S.] Eigenschaften entnehmen: narkotisiert, unbeweglich, gelähmt, gefühllos. Die Unterdrückung des Fühlens, des Schmerzes wird damit Programm. Wer keinen Schmerz mehr empfindet, braucht auch keinen Trost, wirkt damit unabhängig und stolz, was die ‚Grandiosität‘ des Narzissmus erklärt.“

Natürlich gibt es Menschen, die sich aufgrund übelster Lebensumstände bereits in früher Kindheit bemühen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Das daraus resultierende unnatürliche, neurotische Verhaltensmuster entsteht dabei mit einer guten Absicht: Es soll dazu beitragen, dass ein Kind unter brutalen Bedingungen seelisch nicht VÖLLIG zerbricht. Doch bevor ein Therapeut irgendeiner Mutter unterstellt, sie habe ihrem Kind die Unterdrückung von Gefühlen und die Anpassung an miserable Verhältnisse abverlangt, sollten sich dafür konkrete Anhaltspunkte ergeben. Ansonsten wären solche Behauptungen fahrlässige Unterstellungen.

Der abwesende Vater

Wie die Mutter, so kommt auch der Vater bei der psychoanalytischen Zunft schlecht weg:

„Der Vater floss danach einfach weiter, so dass Narziss bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs.“

Es gibt hierfür keinerlei irgendwie verlässliche Überlieferung. Vielmehr lässt sich eher das Gegenteil von dem belegen, was Maaz über den Flussgott Kephisos behauptet.

Das Erschrecken
des Herrn Maaz

Bei Maaz lesen wir im Anschluss an die Schilderung vom Tod des Narziss:

„Zu Recht erschrecken wir über diesen Mythos bis heute: Das narzisstische Defizit, entstanden aus mangelnder Liebe, nimmt angesichts der Erkenntnis der Unerreichbarkeit der Liebe lebensbedrohliche, gar tödliche Züge an.“

Hier trifft Maaz eine Feststellung, die er mit einem rhetorischen „wir“ verbindet. Mit dieser Vereinnahmung soll das Publikum wohl für seine Thesen gewonnen werden. Ich selbst beispielsweise „erschrecke“ jedoch keineswegs über diesen Mythos, sondern empfinde, dass hier sehr schön menschliche Grunderfahrungen zum Ausdruck gebracht sind: die Möglichkeiten, an sozialen Beziehungen zu leiden.

Das Bild von Narziss
bei Maaz

In einer Aufzählung von „wesentlichen Inhalten und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ listet Maaz auf:

„das tragische Schicksal eines Menschen aufgrund früher Beziehungsdefizite; die hochmütige Abwehr von Liebesangeboten als Ausdruck der partnerschaftlichen Liebesunfähigkeit – Folge des frühen Liebesmangels; die tragische Unerfüllbarkeit einer echohaften (konarzisstischen) Liebe; die Notwendigkeit der illusionären Selbstspiegelung bei fehlender Liebe; die unstillbare süchtige Verliebtheit in eine Illusion; Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes; die Gefährlichkeit der Erkenntnis; die tödliche Gefahr der Selbstbezogenheit.“

Derartige Phänomene mögen existieren: frühe Beziehungsdefizite, Liebesunfähigkeit, illusionäre Selbstbespiegelung, Verliebtheit in Illusionen, Empfindlichkeit und Kränkbarkeit. Aber warum bloß legt Maaz all diese Merkmale in das Verhalten von Narziss hinein? Wenn er schon in eine so konkrete, überschaubare Geschichte etwas hineindeutet, obwohl dort meines Erachtens genau das Gegenteil enthalten ist: Wie beliebig sind dann seine Diagnosen in Bezug auf reale Menschen und ihre Hintergründe? (In meiner Praxis habe ich schon mehrfach mit Menschen zu tun gehabt, denen es nach der Konfrontation mit so haltlosen Unterstellungen eines Fachmanns unmittelbar schlechter ging als zuvor.)

Abraten von
Selbst-Erkenntnis?

Und wie sind am Ende der Liste seine zwei Warnungen vor der „Gefährlichkeit der Erkenntnis“ bzw. vor der „tödlichen Gefahr der Selbstbezogenheit“ einzuordnen? Will Maaz uns etwa, wie der blinde Seher Teiresias, von (Selbst-)Erkenntnis und Selbstbezogenheit abraten?

Unerklärlich abweisend?

Bei Maaz heißt es:

„Ein junger Mann, der hochmütig alle Liebesangebote ablehnt, ist zur tragischen Selbstliebe verdammt. Wir erfahren nicht, warum er sich so abweisend verhält.“

Anscheinend stellt sich Maaz hier einfach dumm. Obwohl er aus den von ihm zitierten Quellentexten erfahren haben müsste, dass jede Menge männliche Bewerber unter denjenigen sind, die sich um ein sexuelles Verhältnis mit Narziss bewerben, ist es er selbst, der seiner LeserInnenschaft dies verschweigt. Benötigt Maaz wirklich geistigen Beistand, um sich die Abweisung solcher „Liebesangebote“ durch Narziss erklären zu können? Es ist doch keineswegs „hochmütig“, wenn ein Mann einem anderen Mann auf dessen Beziehungswunsch entgegnet: „Sorry – aber ich bin halt nicht schwul!“

Maaz selbst spricht kurz zuvor noch von der „tragischen Unerfüllbarkeit einer echohaften Liebe“ (s.o.). Diese Einschätzung von Maaz wird von Narziss ganz offensichtlich geteilt. Er benötigt keine zehn Sekunden, um die Unmöglichkeit dieser Beziehung zu erkennen. Folglich lehnt er das Beziehungsansinnen von Echo strikt ab. Das jedoch stellt Maaz wiederum ausdrücklich in Frage:

„Ein junger Mann, der hochmütig alle Liebesangebote ablehnt, ist zur tragischen Selbstliebe verdammt. Wir erfahren nicht, warum er sich so abweisend verhält.“

Hätte Maaz hier tatsächlich eine – möglichst von Ovid selbst verfasste – Erläuterung benötigt? Etwa in der Art: „Also, liebes Publikum, wir haben jetzt gerade den Dialog zwischen Narziss und Echo gehört oder passender: den Monolog mit Echo. Dabei hat Narziss kein bisschen von Echo selbst erfahren; denn sie plappert nur Bruchstücke seiner Sätze nach. Verständlich, dass Narziss von einer Partnerschaft mit so einer Frau nichts hält.“ Konnte Maaz sich diese Erklärung für das „abweisende“ Verhalten des Narziss gegenüber Echo wirklich nicht selbst geben? Dabei hat er eben jenen Monolog mit Echo sogar Zeile für Zeile zitiert.

Das Verschweigen
der Männer

Nur lauter Mädchen

Während von manchen PsychoanalytikerInnen die Homosexualität des Narziss betont wird, verschweigen andere wiederum – wie beispielsweise Maaz –, dass Männer ihn begehren. So schreibt Maaz:

„Als Narziss zu einem schönen Jüngling herangewachsen war, warfen viele Mädchen ein Auge auf ihn, aber er wies alle Liebe hartherzig und hochmütig zurück.“

Immerhin arbeitet Maaz über mehrere Zeilen hinweg den stumpfsinnigen Monolog des Narziss mit Echo heraus, bis zum letzten Satz des Jünglings: „‚Ich sterbe lieber, als der Deine zu sein!‘“ Die jungen Männer, von denen Ovid ausdrücklich spricht, enthält Maaz uns jedoch vor. (Wieso denn bloß?)

„… eine verschmähte Verliebte“

Und dann fährt er fort:

„Auf diese Weise entzog sich Narziss auch anderen Nymphen, bis eine verschmähte Verliebte schließlich ihre Hände gen Himmel erhob und flehte: ‚So soll er denn sich selbst lieben, auf dass er niemals in der Liebe glücklich sei!‘“

Maaz gibt also eine grob verfälschte Version des Mythos wieder. Erst hat er Stück für Stück die männlichen Verehrer des Narziss entfernt, die bei Ovid eigentlich nicht zu übersehen sind. Und schließlich ist es bei Maaz nicht mehr Ameinias, der sich bei den Göttern über die fehlende Erwiderung seiner Liebe durch Narziss beschwert, sondern eine unglücklich verliebte Unbekannte, die ihrer Enttäuschung Luft macht.

Die Quellen

Trenscényi-Waldapfel

Das Vorgehen von Maaz an dieser Stelle ist schon ausgesprochen speziell. Beim Überprüfen seiner Quellen finde ich bei Trenscényi-Waldapfel (S.172-174), dass er sich tatsächlich ganz auf die Mädchen beschränkt:

(…) viele Mädchen warfen ein Auge auf ihn“.

Das wird von Maaz fast wörtlich übernommen. Und dort findet sich auch, dass „eine verschmähte Verliebte (…) flehte“.

Eine Quelle für das Mythenverständnis von Maaz
Eine der Mythenquellen von Maaz bei seiner Narzissmus-Interpretation: Imre Trencsényi-Waldapfel

Nun könnte man ja glauben, Maaz habe nunmal die Sicht von Trenscényi-Waldapfel übernommen. Doch wenn es um die angebliche Vergewaltigung Liriopes geht, die Maaz ebenfalls propagiert, kann er sich nun gerade nicht auf Trenscényi-Waldapfel berufen. Denn hierzu formuliert dieser sehr neutral:

[der] Nymphe Leiriope, [der] Gemahlin des Flusses Kephisos, (…) war ein herrliches Söhnchen geboren, Narkissos.“

Winfried Schindler

Die (angebliche) „Vergewaltigung” findet sich hingegen bei Winfried Schindler, Maazens zweiter Quelle zum Mythos (S.35):

„Von ihrem Vater, dem Flussgott Cephisus vergewaltigt, wird die Quellnymphe Liriope Mutter eines Knaben, den sie Narziss nennt.“

[Hier hat Schindler die Schändlichkeit der Tat noch getoppt, indem er Kephisos zu Liriopes Vater macht. An anderer Stelle (S.54) hat er das übrigens nicht wiederholt. Ich selbst kenne aber auch keine Quelle, aus der das hervorginge.]

Bereits im folgenden Satz schreibt Schindler, das Ovid’sche Original korrekt zitierend, dass Narziss „von vielen Männern und Frauen begehrt“ wird. Er verheimlicht auch nicht, dass der Ruf nach Vergeltung von einem dieser verschmähten Männer ausgeht. Und ausführlich zitiert er Konons Version, weshalb Maaz dort sogar den Namen dieses verschmähten Liebhabers – Ameinias – hätte erfahren können.

Eine zweite Quelle für das Mythenverständnis von Maaz
Eine zweite Quelle für das Mythenverständnis von Maaz bei seiner Narzissmus-Interpretation: Wolfgang Schindler

Wie kommt’s

Und da Maaz auch Modenas Aufsatz als Literaturquelle nennt, müsste er eigentlich nicht nur ein zweites Mal über Ameinias, sondern auch über Ellops gestolpert sein. Fällt Maaz denn nicht auf, dass er mit Trenscényi-Waldapfel womöglich ungenaue Sekundärliteratur verwendet? Oder pickt er sich gezielt jene Texte heraus, die seiner eigenen Absicht am nächsten kommen? Von dem einen übernimmt er, dass es nur Mädchen waren, die dem Narziss nachstellten und die Götter nach ihrer Abweisung um Rache baten, von dem anderen Liriopes Vergewaltigung.

Entweder hat Maaz die gröbsten Widersprüche in zwei knappen Texten nicht bemerkt, oder aber er blendet bewusst Elemente des originalen Mythos aus, damit es keine inhaltliche Kollision mit seinem Narzissmus-Verständnis gibt: Es fiele ihm vermutlich eher schwer, den Vorwurf der Beziehungsunfähigkeit gegen Narziss zu erheben mit der Begründung, dieser habe die Avancen zweier Männer abgelehnt.

Wikipedia:
Neue Version – echt antik?

Als erster in dem hiesigen Reigen von AutorInnen, deren Texte zum Narzissmus des Narziss ich unter die Lupe nehme, pflanzt Maaz eine besonders krasse Neuschöpfung des Mythos in die Fachliteratur ein und macht sie dadurch hoffähig:

„Wie der Seher vorausgesagt hat, kommt Narziss im Prozess der Selbsterkenntnis zu Tode. (…) Bei Pausanias fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser und verzerrt das eigene Spiegelbild.“

Diese Darstellung fließt dann ein in das, was Maaz als die „wesentlichen Inhalte und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ auflistet, neben anderem auch „Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes“.

Diese angeblich von Pausanias stammende Version entspricht in keiner Weise einem Original-Mythos. Maaz hat hier wahrscheinlich von Wikipedia abgeschrieben, ohne es kenntlich zu machen. Die näheren Umstände zu diesem Fake-Mythos habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Es ist schon ärgerlich, dass Maaz hier zwar Pausanias nennt, aber über dessen zentralen Beitrag – die Version mit dem Tod der Zwillingsschwester – kein einziges Wort verliert.

(Un-)Logik von Begriffen

Bemerkenswert auch ein von Maaz in seinem Narzissmus-Buch geschaffener Begriff. Als das Gegenteil von „Größenselbst“ definiert er hier das „Größenklein“. Dass jemand sein eigenes Selbst in übertriebener Weise als schwach und fehlerhaft wahrnimmt – schön und gut. Aber wie kommt Maaz dazu, einen solch paradoxen Begriff wie „Größenklein“ einzuführen? Mein Verstand wehrt sich vehement gegen diesen erstmal vollkommen sinnwidrigen Ausdruck. Der Sinn für die Erschaffung eines solchen Begriffes muss aus meiner Sicht von einer Meta-Ebene aus erfasst werden – und kann wohl nur darin liegen, Verwirrung zu stiften. Der Begriff „Größenklein“ dient einer hypnotischen Absicht. Das Publikum muss – um Maaz weiter folgen zu können – seinen Verstand ausschalten und auf den Glaubensmodus umswitchen. Das erhöht dann dessen Bereitschaft, die weiteren Botschaften gläubig anzunehmen und zu verinnerlichen. Solche Verwirrungstechniken werden beispielsweise in der Hypnoseausbildung gelehrt.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Maaz bezieht sich in seiner Narziss-Analyse auf den Mythos von Ovid bzw. auf die bei Wikipedia erfundene Version des Pseudo-Pausanias. Ein Hinweis auf die Sehnsucht nach Zwillingsschwester, Vater und Mutter fehlt – obwohl die von ihm zitierte Literatur (Schindler, Modena) deutlich darauf eingeht. Maaz erlaubt sich sogar eine drastische Verfälschung des Mythos, indem er die Männer, die Narziss begehren, einfach verschweigt, den um Rache plärrenden, abgewiesenen Ameinias ebenso wie den Mörder Ellops.

Begriffsgeschichte

Maaz gibt zur bizarren Entwicklungsgeschichte des Begriffes nur wenige Sätze von sich:

„Seit Sigmund Freud ist ‚Narzissmus‘ ein wichtiger Begriff für die Beschreibung gesunder und gestörter menschlicher Entwicklung. Es gibt inzwischen verschiedene Theorien zum Narzissmus, die hier nicht Gegenstand der Erörterung sein sollen.“

Er selbst beziehe sich „auf die moderne Theorie des Narzissmus von Heinz Kohut“. Und kurz darauf:

„Der Zürcher Psychoanalytiker Emilio Modena hat die Kohut’sche Narzissmus-Theorie in wenigen Sätzen gut zusammengefasst: …“

Da macht es sich Maaz natürlich leicht, wenn er sich für den konfusen Ursprung des Konzeptes gar nicht interessiert und gleich bei Kohut einsteigt – obwohl er im Narzissmus einen zentralen Begriff gefunden zu haben meint, um die Übel dieser Welt erklärbar machen zu können.

Kohut und Modena

Was gerade hier Zweifel aufkommen lässt an der Verständnisfähigkeit von Maaz: Modenas Äußerung über die Theorie von Kohut entstammt einem Sammelband, der die Theorie von Heinz Kohut (und Alice Miller, die sich auf Kohut bezieht) ausdrücklich entwerten und diskreditieren möchte. Einer der AutorInnen – Thomas v. Salis – spricht dort in abfälliger Weise von „Kohutismus“. Modena macht sich über Kohut geradezu lustig. Die von Maaz zitierte Passage, von der er sagt, dass Modena darin „die Kohut’sche Narzissmus-Theorie in wenigen Sätzen gut zusammengefasst“ habe, leitet Modena selbst mit folgendem Satz ein:

„Kohuts theoretische Anstrengung gipfelt in einem in sich geschlossenen System von großer Einfachheit:“

Modena meint dabei das „geschlossene System von großer Einfachheit“ keineswegs lobend, sondern im Sinne von: „wird der komplizierten Wirklichkeit in gar keiner Weise gerecht“. An anderer Stelle lässt Modena in Bezug auf Kohut und Miller anklingen, dass er sie – insbesondere Miller – für „‚terribles simplificateurs‘“ (schreckliche Vereinfacher) hält).

Eine weitere eingehende Auseinandersetzung mit Maaz findet sich hier.

Fazit

Maaz ist ein Autor, der in einer maximalen Art und Weise sein Publikum mit Falschinformationen zum Mythos überschüttet. Die unverzerrten Mythenreste und ihre Deutung durch Maaz lassen erkennen, wie sehr ihm jegliches Verständnis für diese schönen, übersichtlichen Geschichten fehlt. Das lässt für sein Umgehen mit weitaus komplexeren, realen Lebensgeschichten nichts Gutes erwarten.

 

Literatur

Maaz, Hans-Joachim (2003): Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit. München, CH Beck

Maaz, Hans-Joachim (2012): Die narzisstische Ge­sell­schaft. Ein Psycho­gramm. München, CH Beck

Modena, Emilio (1981): Unter dem Banner des Nar­zißmus. Gedanken zu einem psychoanalytischen Bestseller. In: Die neuen Narzißmus­theo­rien: zurück ins Paradies? Hrsg. vom Psychoanalytischen Semi­nar Zürich, Red. Gabi Döh­mann-Höh. Frankfurt a.M., Syndikat

Schindler, Winfried (2005): Ovid: Metamorphosen. Erkennungsmythen des Abend­landes. Europa und Narziss. Exem­plarische Reihe Literatur und Philosophie, Band 20. Annweiler am Trifels, Sonnenberg Verlag

Schlagmann, Klaus (o.J.): Beitrag zu Hans-Joachim Maaz – https://oedipus-online.de/wp-content/uploads/2019/05/Maaz-Unbehagen.pdf

Trencsényi-Waldapfel, Imre (1979): Die Töchter der Erinnerung. Götter- und Heldensagen der Griechen und Römer mit einem Ausblick auf die vergleichende Mythologie. (Aus dem Ungarischen über­setzt von Mirza Schüching.) Berlin, Rütten & Loening

Zwettler-Otte, Sylvia (2012): Narzissmus im Spiegel antiker Mythologie. In: Beate Erma­cora, Maren Welsh (Hg.): Der Spiegel des Narziss. Vom my­tho­logischen Halb­gott zum Mas­senphänomen. (Ka­talog der gleichnamigen Ausstellung, Galerie im Taxispalais, 1.12.12 – 10.2.13.) Köln, Snoeck Ver­lags­gesell­schaft mbH

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