Malkin, Craig (2017) und Narziss bzw. Narzissmus

Der Narzissten-Test

Craig Malkin tritt mit seinem Buch (Untertitel: Wie man übergroße Egos erkennt … und überraschend gute Dinge von ihnen lernt) dazu an, die guten Seiten des Narzissmus hervorzuheben. Dieser besteht für ihn „in dem Drang, sich als etwas Besonderes vorzukommen.“ Die gute Wirkung davon: Es treten weniger Depressionen und Ängste auf. Immerhin. Aber auch er interessiert sich nicht wirklich für den Gehalt des antiken Mythos. Auch er beweist hier ein gehöriges Maß an Verständnislosigkeit.

Der Mythos – nach Malkin

Narziss – über den Göttern stehend

Auch Malkin reimt sich, ähnlich wie all die anderen AutorInnen, zunächst mal eine eigene Version des Mythos zurecht. Narziss sei „von allen Seiten“ bewundert worden, von Jung und Alt, Frauen und Männern.

„Schon bald wurde sein kalter Stolz so legendär wie seine Schönheit. Jeder Verehrer wurde herzlos abgewiesen. Narziss schien zu glauben, er stehe über der Liebe und der Welt der Menschen – ja sogar der Götter.“

Antike Quellen und Grundlagen für seine Deutung benötigt Malkin anscheinend nicht. Und auch er kann sich offenbar nicht vorstellen, dass es für jemanden höchst anstrengend sein dürfte, von Krethi und Plethi, Hinz und Kunz, Göttern und Göttinnen heiß und innig verehrt – sprich: sexuell begehrt – zu werden.

Die überlebenswichtige Abgrenzung eines 16-Jährigen, der zu dieser Zeit in seinen sozialen Kontakten – Zwillingsschwester, Eltern und Freunden – vollauf ausgelastet ist, wird von Malkin als ein Sich-sogar-über-die-Götter-Stellen missverstanden. Für Psycho-Logik scheint also auch er nicht allzu viel übrig zu haben.

Echo: Warnung oder Ablenkung?

Nach Malkin sieht es folgendermaßen aus:

„Hera hatte die sonst so redselige Echo dafür bestraft, dass jene ihre Nymphenschwestern gewarnt hatte, mit denen sich Heras Gatte Zeus vergnügte.“

Für viele der hier zitierten AutorInnen scheint es legitim zu sein, den Mythos einfach mal ein wenig zu verändern und neu zu erzählen. Damit wird jedoch die ursprüngliche Aussage verschleiert. Die antike Version (Ovid) schildert nämlich eingehender, worin Echos Verfehlung bestand:

Hera (= Juno) hätte „oft in den Bergen die unter ihrem Juppiter [= ihrem Gatten Zeus] liegenden Nymphen erwischen können: Schlau hielt jene [Echo] dann hin durch lange Gespräche die Göttin, bis die Nymphen entflohen. Als Juno das merkte, da sprach sie: ‚Über die Zunge, mit welcher du mich gefoppt hast, sei dir nur wenig Macht noch gegeben; du darfst nur ganz kurz sie gebrauchen‘, und sie macht wahr, was sie droht; nur am Schluss von Gesagtem verdoppelt jene die Laute und trägt die Worte zurück, die sie hörte.“

Echo hatte also nicht etwa bloß einen kurzen, vielleicht spontanen Warnruf ausgestoßen. Nein. Sie hatte sich regelrecht zur Komplizin des Zeus gemacht. Mit rhetorischem Geschick hatte sie dessen Gattin in langatmige Gespräche verwickelt. Mich wundert daher nicht, dass Hera stinkwütend auf dieses Früchtchen wurde. Dieses nahm es offenbar mit der Treue nicht so ganz ernst – es ging ja nicht um ihre eigene Beziehung. (Aber wehe, Echo selbst gelingt es einmal nicht, einen Angebeteten zu halten! Dann ist das Leid groß!)

Unpassende Emotionen

Nun hat sich eben diese Echo in Narziss verguckt. Bedingt durch Heras Strafe muss sie abwarten, bis ihr Gegenüber eine passende Äußerung von sich gibt, die sie aufgreifen kann. In den sich dann einmal ergebenden Monolog des Narziss mit Echo deutet Malkin recht unpassende Emotionen hinein:

„‚Komm sofort heraus!‘, verlangte Narziss. ‚Heraus‘, gab Echo betrübt zurück. Narziss wurde wütend. Er fühlte sich verspottet und rief: ‚Zeige dich!‘. ‚Dich!‘, greinte Echo und sprang hinter den Büschen hervor. Sie streckte die Hände nach ihm aus und schlang ihre Arme um seinen Hals. Narziss blieb jedoch kaltherzig. ‚Geh weg!‘, brüllte er. ‚Eher möchte ich sterben, als dass ich der Deine würde!‘ ‚Der Deine würde!‘, gab Echo zurück. Gedemütigt und mit gebrochenem Herzen verschwand sie im Dickicht des Waldes. Der Kummer verzehrte ihren Leib, sie erstarrte zu Stein und ihr Echo blieb.“

Bei Ovid ist Narziss durch das Echo getäuscht. Deshalb glaubt er, etwas von einem seiner Freunde zu hören, die er im Wald bei der Jagd aus den Augen verloren hat. Sein Rufen ist eher fragend: „Wo seid ihr denn? Zeig dich doch!“ Das hat mit einem rüden Befehlston („Komm sofort heraus!“) und Wut nichts zu tun. (Ein Echo auf solch eine barsche Anweisung könnte dann auch nicht irgendwie „betrübt“ wirken.) Und die Abweisung der Echo ist auch nicht kaltherzig, sondern eher entsetzt: Er hofft auf ein Zusammenkommen mit einem seiner Freunde, und stattdessen will ihm eine hohle Nymphe – plötzlich und aus dem Nichts – einen Geschlechtsakt aufdrängen.

Malkins Inszenierung dieser Begegnung zwischen Narziss und Echo geht also am Geist des Original-Textes deutlich vorbei.

Der Ort des Suizids – Nebensache?

Über die Episode mit Ameinias schreibt Malkin:

„Auch ein Mann namens Ameinios empfand die Zurückweisung durch Narziss so schmerzlich, dass er sich in ein Schwert stürzte, nicht aber ohne zuvor die Rachegöttin Nemesis anzurufen. Und so verhängte Nemesis einen Fluch über Narziss, der jener Grausamkeit entsprach, die Narziss anderen zugefügt hatte. Narziss sollte selbst den Schmerz erleiden, den unerwiderte Liebe gebiert.“

Immerhin zitiert Malkin relativ ausführlich diese Begebenheit. Aber auch hier wird eine vermeintliche Kleinigkeit unterschlagen: Es macht schon einen Unterschied, ob sich Aminias – so Malkin – irgendwo das Schwert in den Leib rammt, oder ob er das direkt vor der Tür des Narziss inszeniert – so im Original von Konon. Natürlich hätte wohl auch jeder andere Suizid an jedem anderen Ort ebenso eine nachhaltige Wirkung auf Narziss gehabt. Aber die von Ameinias mit Bedacht gewählte Geste lässt – jedenfalls bei mir – sofort noch sehr viel mehr Mitleid mit Narziss aufkommen. Er ist eindeutig das Opfer übelster Schuldgefühlvermittlung. Nach dem Motto: Wenn ich jetzt schon nicht mehr weiterleben kann, dann soll auch dir wenigstens das Weiterleben vergällt sein.

Es kommt hier schon auf die richtige Persepktive an. Nicht: Ameinias ist das Opfer kaltherziger Zurückweisung. Sondern: Narziss ist das Opfer einer unberechtigten postmortalen Schuldzuweisung.

Gleiches mit Gleichem vergolten?

Und diese demonstrative Inszenierung sollten wir im Kopf behalten, wenn wir sie in Worte fassen. Wenn Malkin behauptet, die Bestrafung durch Nemesis [entsprach] jener Grausamkeit, die Narziss anderen zugefügt hatte“, dann frage ich mich: Tickt Malkin noch ganz richtig? Wenn Narziss nun mal nicht auf diesen Kerl steht, dann ist es doch eine SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT, dass er zu dem Flehen des Ameinias „NEIN!“ sagen darf. Was gibt irgeneiner Göttin dann das Recht, diesen Menschen auf eine Weise zu verhexen, dass er nun mit seinem Beziehungswunsch zwingend scheitern MUSS, zwingend ins Leere greifen MUSS? Narziss wollte doch gar nicht, dass Ameinias ohne Beziehung bleibt. Wenn er sich erfolgreich an einen anderen Kerl rangeschmissen hätte, dann hätte Narziss doch gar nichts dagegen einzuwenden gehabt. Aber halt bitte nicht an ihn.

Aber da ist es doch irrsinnig zu behaupten: Die angebliche „Grausamkeit“ des Narziss gegenüber Ameinias (und Echo) habe nun derjenigen entsprochen, mit der er seinerseits bestraft wurde! Wie fatal, wenn einem Psychologen so sehr aus dem Blick gerät, was denn nun in einer Situation „gerecht“ oder „ungerecht ist“. Wie will man mit solch einer Blindheit die Dynamik von zwischenmenschlichen Prozessen zuverlässig erfassen?

Kein Blick für Ironie?

Ganz offensichtlich kann sich Malkin – trotz seiner leicht kritischen Haltung zur Diffamierung des Narzissmus – nicht von seinen Vorurteilen gegenüber Narziss lossagen. Deswegen komt er natürlich auch nicht auf die Idee, dass die Bestrafung des Narziss – ausgerechnet durch Nemesis! – von Ovid ironisch gemeint gewesen sein könnte. Dazu hätte es auch einer etwas breiteren Auseinandersetzung mit diesem antiken Autor und seinen Texten bedurft.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Malkin erwähnt neben Echo ausdrücklich auch den zudringlichen Ameinias, was darauf schließen lässt, dass er von dieser Version gehört hat. Die Quelle seiner Erkenntnis verrät er jedoch nicht. Zwillingsschwester, Eltern und Ellops kommen bei ihm dagegen nicht vor. Auch Wieseler taucht in seiner Literaturliste nicht auf.

Begriffsgeschichte

Havelock Ellis

Über die Entstehung des Begriffes Narzissmus berichtet Malkin:

„Havelock Ellis [sprach] davon, dass Patienten, die sich buchstäblich in sich selbst verliebten, ihren Körper mit Küssen bedeckten und übermäßig masturbierten, an einer ‚Narziss-artigen‘ Krankheit litten.“

Diese Passage könnte er von Dammann abgeschrieben oder sich aus anderer schlechter Sekundärliteratur zusammengeklaubt haben. Um das Original von Ellis von 1898 hat er jedenfalls einen großen Bogen gemacht. Sonst wüsste er nämlich, dass sich dieser in diesem anstoßgebenden Beitrag nur auf ein einziges Fallbeispiel bezieht. Und dabei denkt Ellis weder an ein Küssen des Körpers noch an Masturbation überhaupt, geschweige denn an „übermäßige“ Masturbation.

Darüber hinaus hatte Ellis das beschriebene Phänomen gerade NICHT als Krankheit aufgefasst. Das unterstreicht er ausdrücklich in seiner späten Stellungnahme von 1927.

Paul Näcke

Auch Näcke hakt Malkin recht förmlich und inhaltslos ab:

„Ein Jahr später schrieb der deutsche Arzt und Psychiater Paul Näcke über ähnliche sexuelle Perversionen und prägte den prägnanten Begriff ‚Narzissmus‘.

Welche Position Näcke – gerade auch in dem offensichtlichen Missverstehen mit Ellis – vertrat, wird der LeserInnenschaft vorenthalten. Warum auch immer.

Sigmund Freud

„Richtig berühmt aber“, so Malkin weiter, „machte den Terminus erst der Gründervater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, in seiner bahnbrechenden Abhandlung ‚Zur Einführung des Narzissmus‘ von 1914. Freud befreite den Begriff von seiner sexuellen Konnotation (eher ungewöhnlich für ihn) und beschrieb Narzissmus stattdessen als eine notwendige Entwicklungshase der Kindheit.“

Auch diesen Absatz scheint Malkin unbelastet jeglicher Originalliteratur-Lektüre verfasst zu haben. Ansonsten hätte er wohl feststellen müssen, wie diffus und unklar die Sicht des alten Freud geriet. Zudem ist mir schleierhaft, wie Malkin behaupten kann, Freud habe „den Begriff von seiner sexuellen Konnotation“ befreit. Denn in einer seiner frühesten Äußerungen über den Narzissmus (1909) beschreibt Freud diesen als „Verliebtheit in die eigene Person (= in die eigenen Genitalien)“. „Perverse und Homosexuelle sind für Freud Paraderepräsentanten des Narzissmus.

Zudem jubelt Malkin das unverständliche Narzissmus-Gemurmel seines Lehrers zur „bahnbrechenden Abhandlung“ hoch. Auch das lässt sich freilich gut behaupten, wenn man keine Zeile davon gelesen hat. In Malkins Literaturliste sind Ellis, Näcke und Freud jedenfalls nicht aufgeführt.

 

Fazit

Narzissten haben in Malkins Welt durchaus ihre Stärken. Für den jungen Mann aus dem Mythos bringt der Autor jedoch kein wirkliches Verständnis auf. Und damit hat auch er belegt, wie leicht er an kleinen, übersichtlichen (fiktiven) Geschichten scheitern kann. Für die komplexeren, realen Lebensgeschichten verheißt das nichts Gutes.

 

Literatur

Dammann, Gerhard (2012): Narzissmus – Wichtige psycho­dynamische Konzepte und ihre Auswirkungen auf die klinische Praxis. In: Dammann, Gerhard; Sammet, Isa; Grim­mer, Bern­hard: Narziss­mus. The­orie, Di­a­gnostik, The­rapie. Stuttgart, Kohlham­mer

Ellis, Havelock (1898): Auto-Erotism: A Psychological Study. In: The Alienist and Neu­ro­logist, 1898, 19, S.260-299

Ellis, Havelock (1927): The Conception of Narcissism. In: The Psychoanalytic Review (1927). Vol. 14, Nr. 2, S.129-153

Freud, Sigmund (1914): Zur Einführung des Narzißmus. Wien, Internationaler psycho­analytischer Verlag

Malkin, Craig (2017): Der Narzissten-Test. Wie man übergroße Egos erkennt … und überraschend gute Dinge von ihnen lernt. Köln, Du­Mont

Näcke, Paul (1899 a): Die sexuellen Perversitäten in der Irrenanstalt; in: Psychiatrische en Neurologische Bladen (1899), Bd. 3, S.122-149

Näcke, Paul (1899 b): Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen Sexualität. in: Archiv für Psy­chiatrie und Nerven­krank­hei­ten (1899), Bd. 32, S.356-386

Ovid (2018): Meta­mor­phosen. Herausgegeben und über­setzt von Niklas Holzberg. Reihe: Sammlung Tusculum. Berlin, Verlag De Gruyter

Wieseler, Friedrich (1856): Narkissos. Eine kunst­my­thologische Abhandlung nebst einem Anhang über die Narcissen und ihre Beziehung im Leben, Mythos und Cultus der Griechen. Göttingen, Die­terich

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