Marneros, Andreas (2013) und Narziss bzw. Narzissmus

Irrsal! Wirrsal! Wahnsinn!

Der griechische Psychiatrie-Professor Andreas Marneros will in seinem Buch (Untertitel: Persönlichkeit, Psychose und psychische Konflikte in Tragödien und Mythen) dem Fachwissen über seelische Erkrankungen nachgehen, das sich in den alten Tragödien und Mythen der Griechen aufspüren lässt. Im Grunde wäre das ein lohnenswertes Unterfangen, da die alten Geschichten aus meiner Sicht tatsächlich eine Fülle sensibler psychologischer Beobachtungen spiegeln. Gerade auch anhand des alten Mythos von Narziss lässt sich dies zeigten. Allerdings fehlt es Marneros hier offensichtlich an der nötigen Feinfühligkeit. Er kommt – völlig widersinnig – zu dem Schluss, dass sich Narziss bei seiner BERECHTIGTEN Ablehnung diverser Beziehungsangebote SCHULDIG gemacht habe.

Die Fiktion

Bei Marneros kommt Narziss selbst zu Wort, und zwar in einem fiktiven Dialog mit dem Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie, Peter Fiedler, Autor diverser Bücher über Sexualität, Persönlichkeitsstörungen und Stalking.

Narziss haben wir uns wohl in Marneros’ Fiktion als einen über zweitausend Jahre alten Geist eines 16-Jährigen vorzustellen.

Recht auf Selbstbestimmung …

Zu Beginn des Gesprächs mit ihm gibt sich Fiedler noch ganz einfühlsam, wenn er sagt, …

„…, dass die meisten Geschichten, die um dein vermeintliches Ende aufgeschrieben wurden, mehr dem lebendigen Geist der Autoren entsprungen sind, als dass sie den Kern der ursprünglichen Überlieferung bewahrt hätten.“

Dieser Einstieg stimmt mich bei der Lektüre zunächst hoffnungsvoll. Narziss widerspricht kurz darauf der These von seiner angeblichen Unnahbarkeit und Schroffheit:

„Würdest du dich auf eine noch so glühend bekundete Liebeswerbung einer Person einlassen, die zu nichts anderem fähig ist, als in Gesprächen immer nur die letzten deiner gesprochenen Worte nachzuplappern? Angesichts ihrer Echolalie wäre die Aufnahme und Ausgestaltung einer sinnvollen Intimbeziehung mit ihr nie möglich gewesen.“

Das ist doch wirklich plausibel. Und Narziss darf sogar auch noch seine Ablehnung einer Beziehung zu Ameinias begründen: „Und ich bin nicht schwul.“

Es wird darüber hinaus sogar das allgemeine Problem des Stalkings zur Sprache gebracht. So weit, so gut. Der Beginn dieser Ausführungen könnte eigentlich hoffnungsvoll stimmen.

… vs. unterlassene Hilfeleistung

Aber bereits hier fällt auf, dass diese beachtlich kritische Sichtweise – nach dem Skript von Marneros – von Peter Fiedler mit keiner Silbe anerkannt und bestätigt wird. Vielmehr muss Narziss kurz darauf sogar seine Schuld eingestehen: „unterlassene Hilfeleistung“ angesichts der Verzweiflung von Echo (und Ameinias). Für Marneros scheint darin ein ganz zentraler Aspekt des Mythos zu liegen.

Selbstbeschuldigung

Kurz darauf ergeht sich Narkissos in folgenden Selbstreflexionen:

„Mir wird genau in diesem Moment klar, dass mein Verhalten sowohl zum Tod von Echo als auch zum Tod von Ameinias beigetragen hat; Moral hin oder her. Gelegentlich ist man beteiligt und damit mitverantwortlich, auch wenn man sich selbst im Recht befindet. Und dieser Mitverantwortung kann man sich nicht entziehen. Das wird mir in diesem Moment selbst klar. Ich habe mich selbst erkannt.“

Holla! Da ist in meinen Augen ja sogar Wardetzkis krasses Unverständnis besser, wenn sie dem Narziss die Verantwortung für das Sterben von Echo und Ameinias aufbürdet. Bei ihr ist wenigstens auf einen Blick erkennbar, wie irrsinnig dieser Gedanke ist. Marneros jedoch vermittelt seine Schuldzuweisung ein gutes Stück subtiler und ist damit weitaus gefährlicher. Es ist sehr viel schwieriger, dem etwas entgegenzusetzen. Denn der Betroffene selbst formuliert ja dieses falsche [!] Schuldbekenntnis. Und der zum Gesprächspartner auserkorene Peter Fiedler schiebt am Ende sogar verstärkend nach:

„Also die Erkenntnis, dass du etwas falsch gemacht hast, hat dich verändert?“

Marneros legt dem Publikum also nahe, dass Narziss hier etwas „falsch gemacht“ habe, was in der Selbstbeschuldigung mündet,
er selbst habe „sowohl zum Tod von Echo als auch zum Tod von Ameinias beigetragen“.

Stalking oder nicht?

Narziss selbst hat zuvor noch sagen dürfen:

„Genau das aber – nämlich von zum Teil wildfremden Personen gestalkt zu werden – ist mir damals passiert. Es gab nicht gerade wenige Personen, die mich angesichts meiner vermeintlichen Schönheit nicht nur umworben, sondern wie Ameinias geradezu zwanghaft verfolgt haben.“

Was aber sollte wohl eine Stalking-Beratung in solch einem Fall empfehlen? Doch wohl: „Keinen Kontakt mehr!“ Bloß nicht dem Stalker zum tausendsten Mal eine Absage erteilen. Denn genau das ist es, was Stalker wollen: Kontakt. Ihre Aufdringlichkeit würde dadurch belohnt und somit verstärkt.

Stalkingberatung – eisernes Schweigen

Nach dem Skript von Marneros kommt der vermeintliche Stalkingexperte Fiedler jedoch nicht zu dieser naheliegenden Handlungsempfehlung. Vielmehr beschränkt er sich zunächst aufs Schweigen. Während Narziss auf anderthalb Seiten über seine angebliche Schuld reflektiert, lauten die Regieanweisungen zwischen solchen Abschnitten:

„Es entsteht eine Pause, die Peter Fiedler ihm gerne lässt, (…) und schweigt dann beredt, bis Narkissos das Gespräch weiterführt.“ – „Peter Fiedler schweigt einfach weiter, denn er spürt, dass Narkissos mit seiner Beichte noch nicht am Ende ist …“ – „Wieder tritt eine längere Pause des gemeinsamen Schweigens ein.“ – „Nochmals eine beredte Pause des Nachdenkens, die Peter Fiedler nicht unterbricht.“

… und unspezifisches Nachfragen

Erst nach diesem ausgiebigen Schweigen des Experten sieht das Drehbuch erste unspezifische Nachfragen vor:

„Fiedler: Also die Erkenntnis, dass du etwas falsch gemacht hast, hat dich verändert? Was jedoch hätte man anderes tun können, als du es damals jeweils für dich entschieden hattest?“

Nun lässt Marneros diesen Narziss das Urteil über sich selbst sprechen:

„Narkissos: Man nennt mein Vergehen von damals bei euch heute – glaube ich – ‚unterlassene Hilfeleistung‘. Das ist ein guter Begriff für meine unterlassene Mitverantwortung. Sowohl Echo als auch Ameinias befanden sich in einer Notsituation. Dass ich mich einfach der Beziehung zu ihnen entzogen habe, sprich: gar nichts getan habe, das war zu wenig. Fiedler: Und was hättest du tun können? Narkissos: Ich hätte ihnen wenigstens versuchsweise helfen können, einen Ausweg aus ihrer Not zu finden, und zwar sogar ohne mich ihren intimen Beziehungswünschen mir gegenüber zu beugen. Erst wenn sie sich dann meiner Hilfe zwecks Neuorientierung in ihrem Leben verweigert hätten, wären sie für sich selbst verantwortlich. Ich jedoch habe gar nichts in dieser Richtung unternommen. Und das war mein Fehler.“

Bemerkenswert, wie hier ein Fachmann wie Marneros im medizinisch-therapeutischen Umgang mit Menschen den gesunden Menschenverstand völlig ausblendet. In Analogie: Bis vor etlichen Jahren wurde von medizinischen Fachleuten ähnlich unbeschwert propagiert, dass bei einem Klinikaufenthalt von Kindern deren Kontakt zu ihren Eltern auf ein Minimum zu beschränken sei. Die fatalen Folgen sind heute noch regelmäßig Thema in meiner Praxis.

Jetzt hier: Ein Psychiater der heutigen Tage empfiehlt allen Enrstes einem Stalking-Opfer zu überlegen, wie es denjenigen, die ihm nachstellen, seine Hilfe anbieten kann, „einen Ausweg aus ihrer Not zu finden“, ihnen „Hilfe zwecks Neuorientierung in ihrem Leben“ zu leisten.

Ergebnis: Unterlassene Hilfeleistung

Das Skript von Marneros zwingt Narziss also, sich selbst „unterlassener Hilfeleistung“ zu bezichtigen. Im Grunde ließe sich dieser Vorwurf vielmehr an den fiktiven Peter Fiedler richten, der dem Stalking-Opfer Narziss jede wirksame Unterstützung verweigert.

Beziehung zu
Echo und Ameinias?

Woran nur macht Marneros fest, dass Narziss sich „einfach der Beziehung zu ihnen [Echo und Ameinias; K.S.] entzogen“ habe? Hatte dieser denn je eine „Beziehung“ zu Echo, zu jener verhexten Nymphe, die wie aus dem Nichts auftaucht und ihm einen „coitus“ aufdrängen möchte? Stiftet diese flüchtige Begegnung im Wald etwa bereits eine „Beziehung“, für die Narkissos irgendeine Art von Verantwortung hätte? Und ist das Verhältnis von Narkissos zu Ameinias, der beharrlich um den schönen Jüngling wirbt, etwa eine „Beziehung“? Das Ansinnen des wohl ein gutes Stück älteren Ameinias, Narziss in das Kriegshandwerk einzuführen, wird von diesem abgelehnt. Narziss hält dabei den gesellschaftlich gebilligten Kodex ein. „Bei Nichtgefallen: Schwert zurück!“ Ameinias aber bricht die Regeln, indem er einfach nicht aufhört. Wie kann man da auf den Gedanken kommen, Narziss habe sich „einfach der Beziehung zu ih[m] [Ameinias] entzogen“? Er habe nichts getan, um Ameinias zu retten? Weiß Marneros denn, mit welchen und wie vielen Worten Narziss bereits den beharrlich werbenden Verehrer dazu bewegen wollte, von ihm abzulassen und „einen Ausweg aus seiner Not zu finden“? Muss man Ovid oder Konon vorwerfen, dass sie die wiederholten Werbungen des Ameinias und die konsequenten Absagen des Narziss nicht so erzählenswert fanden?

„Beziehung” zu Ellops?

Vorsichtshalber erwähnt Marneros die Episode mit Ellops erst gar nicht, obwohl er um sie gewusst haben sollte, denn neben Wieseler findet sich auch mein Artikel von 2008 in seiner Literaturliste, den er Peter Fiedler zudem zitieren lässt. Marneros’ Meinung würde mich ja doch interessieren: Was hätte Narziss wohl aus seiner Sicht tun sollen, um der Ermordung durch Ellops zu entgehen? Hätte er auch ihm „wenigstens versuchsweise“ helfen sollen, „einen Ausweg aus seiner Not zu finden“? Wie genau hätte das ausgesehen, dem Ellops „Hilfe zwecks Neuorientierung in seinem Leben“ zu gewähren? Hätte Narziss ihm – den Dolch womöglich schon am Hals – noch irgendwelche Lebensweisheiten mit auf den Weg geben sollen, um dann am Ende trotzdem auszubluten?

Opfer werden
zu Tätern erklärt

Bei Ellops ist es besonders drastisch, aber auch bei Ameinias und Echo ist es ausreichend deutlich: Es wäre grotesk, die Täter, die Verfolger, zu Opfern zu machen. Aber Marneros macht genau das. Er erklärt die StalkerInnen zu Notleidenden, während Narziss, das Opfer dieser Nachstellungen, zum Täter gestempelt wird. Dabei erfolgt der Vorwurf, Narziss habe eine irgendwie geartete Hilfeleistung unterlassen. Welch befremdliche Sichtweise.

Beispiel Mia aus Kandel

Übertragen wir diese doch mal auf die Realität. Hätte man der oben beschriebenen ehemaligen Gymnasiastin sagen sollen, dass sie ja wenigstens hätte versuchen können, ihrem Verehrer, der sich das Leben genommen hat, aus seiner Not herauszuhelfen, ohne eine Beziehung einzugehen, und dass sie da offensichtlich zu wenig getan habe? Und was ist mit der im Dezember 2017 getöteten Mia aus Kandel? War es ihr Fehler, dass sie ihrem Ex-Freund keinen Ausweg aus seiner Not geboten hat? Das ist Opferbeschuldigung par excellence. Das ist das Contergan der Psychotherapie.

Narzissmus –
jetzt erst recht!

Die fiktive Selbstreflexion des Narziss nimmt Marneros übrigens zum Anlass, den Begriff des Narzissmus zu bestätigen. Anknüpfend an die Selbstbezichtigung des Narziss – „Das war mein Fehler“ – heißt es:

„Insofern hat eine Kernidee eurer Theorien über die nach mir benannte Persönlichkeitsstruktur oder meinetwegen auch das prototypische Persönlichkeitsmerkmal, den ‚Narzissmus‘, durchaus ihre Berechtigung, zum Beispiel immer dort, wo von einem ‚Mangel an Empathie‘ die Rede ist.“

Zwar darf Fiedler drei Absätze später noch ein Zitat von Schlagmann einwerfen, wonach in Bezug auf den Narzissmus eine „Sprachverwirrung von babylonischem Ausmaß“ herrsche, aber Marneros hat ja nun gerade Narziss selbst aussprechen lassen, dass dieses Konzept auf jeden Fall seine Berechtigung habe – „zum Beispiel immer dort, wo von einem ‚Mangel an Empathie‘ die Rede ist“. Hiermit wird der munteren Begriffsverwirrung sogleich weiter Tür und Tor geöffnet. Denn der „Mangel an Empathie“ soll ja nur ein „Beispiel“ sein, für das ihm selbst zufolge ein Etikettieren mit Narzissmus statthaft ist. Das könnte die Unverständlichkeit des Gemurmels in der Residenz des Nebukadnezar II. weiterhin mächtig verstärken …

Nebukadnezars Residenz

König Nebukadnezar II. residierte von ca. 640-562 v.u.Z. in Babylon und war als Bauherr für den dortigen Turmbau verantwortlich. Dieser missfiel dem lieben Gott anscheinend dermaßen, dass er ihn durch eine Sprachverwirrung der Arbeiter sabotierte.

Marneros und die Mythen

Marneros hat sein Versprechen, wonach er sich mit seiner intimen Kenntnis der griechischen Sprache den Texten aus Mythen und Dramen verstehend nähern werde, aus meiner Sicht in keiner Weise erfüllt. Weder bei Narziss noch bei Ödipus und anderen Dramen-Figuren des Sophokles. Offenbar kommt auch Marneros von jenen Deutungsmustern nicht los, die traditionell den Opfern von psychischer Gewalt, Bedrängnis oder Stalking Schuldgefühle vermitteln, was die Betroffenen völlig unnötig schädigt.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Neben der Episode mit Echo erwähnt Marneros zwar kurz die Liebe zur Zwillingsschwester, aber den zentralen Aspekt dabei, dass sie jung verstorben ist, lässt er außen vor ebenso wie die Suche nach Vater und Mutter. Und während er ausdrücklich auf die Bedrängnis durch Ameinias eingeht, verschweigt er die Ermordung durch Ellops. Dabei hatte Marneros auch diese Informationen nicht nur in dem Text von Wieseler, sondern auch in Form meines Beitrags von 2008 – in dem alle Varianten aufgeführt sind – vorliegen.

Begriffsgeschichte

Auch Marneros verzichtet gänzlich auf Hinweise zur verqueren Entstehungsgeschichte des Begriffs. Bei ihm ist dies besonders bemerkenswert, weil er in seiner Arbeit unter anderem meinen Artikel erwähnt, in dem die seltsamen Zusammenhänge bereits recht ausführlich dargestellt sind, so auch die Tabelle zur Begriffsverwirrung zwischen Ellis, Näcke und Freud. Allerdings lassen sich natürlich leichter alle möglichen Lobeshymnen auf den Narzissmus und seine Entdeckung erdichten, wenn dieses Durcheinander ausgeblendet wird.

Fazit

Literatur

Marneros, Andreas (2013): Irrsal! Wirrsal! Wahnsinn! Persönlichkeit, Psychose und psychische Konflikte in Tragödien und Mythen. Stuttgart, Schattauer

Wardetzki, Bärbel (2009): Eitle Liebe. Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können. München, Kösel

Wieseler, Friedrich (1856): Narkissos. Eine kunstmythologische Abhandlung nebst einem Anhang über die Narcissen und ihre Beziehung im Leben, Mythos und Cultus der Griechen. Göttingen, Dieterich (online)

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