Merzeder, Christine (2015) und Narziss bzw. Narzissmus

Wie schleichen-des Gift

Christine Merzeder will mit ihrem Buch (Untertitel: Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen) angeblich solchen Menschen helfen, die sich von anderen bedrängen und ausnützen lassen. Sie offenbart dabei jedoch gegenüber dem sympathischen Narziss aus dem Mythos die klassische Verständnislosigkeit. Das lässt Zweifel aufkommen an ihrer Fähigkeit, ganz reale Menschen tatsächlich auch zu verstehen und ihnen gerecht zu werden. Gegenüber dem bedrängten und verfolgten Narziss ist sie jedenfalls frei von jedem Einfühlungsvermögen.

Ein Narzissmus-Opfer berichtet?

Christine Merzeder lässt in ihrem Buch anklingen, sie sei selbst das Opfer eines Narzissten (ihres Ehemannes) geworden. Allerdings findet sich in dem Buch keine Passage, in der sie von konkreten Begegnungen und deren Auswirkungen berichtet. Es bleibt bei der lapidaren Mitteilung, dass diese Erfahrungen sie beinahe das Leben gekostet hätten. Genauso dramatisch sei es ihrer Lehrmeisterin ergangen, Melanie Tonia Evans, von der sie eine hilfreiche Methode zur Gegenwehr gelernt habe: NARP = Narcistic Abuse Recovery Program = Programm zur Genesung von narzisstischem Missbrauch.

Extremer Narzissmus –
12 Jahre unbemerkt?

Merzeder hätte eigentlich schon gleich zu Beginn ihrer Ausführungen auffallen können, wie irrwitzig der Begriff Narzissmus ausgefallen ist. Denn sie schreibt:

„Nachdem ich im Jahr 2012 meinen, wie ich erst dann herausfand, untreuen, pornografiesüchtigen, kaltherzigen Ehemann Hals über Kopf – und keinen Tag zu früh – verlassen hatte (…)“.

Zunächst einmal: Merzeder will diese „zwölf Jahre lange Ehe mit einem extremen Narzissten“ „Hals über Kopf – und keinen Tag zu früh“ verlassen und sich zu diesem Zeitpunkt in einem „katastrophalen psychischen und körperlichen Zustand“ befunden haben. Ihr hätten „weder empfohlene Psychopharmaka noch das Therapieangebot von Psychologen“ geholfen. Ist ihr der extreme Narzissmus ihres Gatten tatsächlich erst nach 12 Jahren schlagartig klar geworden? Was genau war dann daran „extrem“? Kam diese Trennung also wirklich „keinen Tag zu früh“ – nicht vielmehr Jahre zu spät?

Narziss = untreu & pornografiesüchtig?

Dann aber: Wie kann Merzeder den Namen des Narziss missbrauchen, um einen „untreuen, pornografiesüchtigen“ Ehemann damit zu betiteln? Ist Narziss denn ein notorischer Fremdgänger, der jede sich ergebende sexuelle Affäre mitnehmen würde? Er wird doch als das krasse Gegenteil beschrieben. Der Autor Konon nennt ihn gar einen „Verächter des Liebesgottes“. Anderen antiken Autoren gilt er als Beispiel „lobenswerther Enthaltsamkeit“ (Wieseler, S.74). Insofern dürfte Narziss nichts von dem (angeblichen) Verhalten jenes Ex-Gatten haben.

Wie gut können wir uns denn überhaupt auf die Wahrnehmungsfähigkeit von Merzeder verlassen, wenn sie allen Ernstes Narziss mit einem „untreuen, pornografiesüchtigen“ Ehemann vergleicht? Nach ihrem Text weiß sie doch, dass Narziss sowohl Echo als auch Ameinias zurückweist. Oder wird hier etwa in einem Beziehungskonflikt mit dem beliebten Kampfbegriff Narzissmus hantiert? In der heutigen Zeit scheint dies recht beliebt geworden zu sein.

Nachweis der Expertenschaft?

Es bleibt auch insgesamt im Dunkeln, woher Merzeders Expertise stammt. Wie ist sie an die diversen Zitate von Menschen gelangt, die den Erfahrungshorizont aufspannen, von dem sie berichtet? Sie ist offenbar keine therapeutische Expertin, arbeitet jedoch, laut Klappentext, als Dozentin für Gerontologie und Gesundheitswissenschaft. Ihr Fachwissen bezieht sie darüber hinaus aus der Lektüre von AutorInnen wie Dammann, Haller, Kernberg, Maaz, Röhr und Wardetzki. Naht- und kritiklos reiht sie sich ein in die Kette derer, die die Gestalt aus einem übersichtlichen antiken Mythos zum Inbegriff von Bosheit und Niedertracht stempeln.

Narziss und der Pfau

Unbeschwert übernimmt Merzeder die – angeblich gelungene – Illustration des „Narzissten“ durch den Pfau, der auf die Frage, warum er denn eine so unscheinbare Henne geheiratet habe, antwortet: „Weil ich und meine Frau mich abgöttisch lieben.“ Ihr zufolge ist dieser Vogel ein „lupenreiner Narzisst“. Dabei hat dieser aufgeblasene Gockel überhaupt nichts mit Narziss zu tun. Narziss pfeift ausdrücklich auf die Bewunderung seines ganzen Umfelds. Er legt darauf keinen Wert, empfindet es vielmehr als lästig.

Als der selbstbewusste 16-Jährige in eine Quelle schaut und verzweifelt versucht, sich selbst in dem dort wahrgenommenen Spiegelbild zu fassen, unterliegt er einer göttlichen Bestrafung. Diese Bestrafung erfolgte deshalb, weil er die Beziehungsangebote einer hohlen Tussi und eines aufdringlichen Kerls abgelehnt hatte. Und das soll ihn nun zum Inbegriff eines Menschen machen, der geradezu süchtig ist nach Anerkennung und Bewunderung? Es hat sich tatsächlich eingebürgert, Menschen, die ständig ihre Bewunderer brauchen, mit Narziss zu vergleichen. Dass dieser mit seinem Handeln genau das Gegenteil verkörpert, scheint jene, die in diesem Sinne von Narzissmus sprechen, nicht zu stören – auch Merzeder nicht.

Widerspruch

Abgesehen davon verstrickt sie sich in einen Widerspruch, indem sie an anderer Stelle schreibt:

„Narziss gilt als Verkörperung einer Selbstliebe, doch tatsächlich kann er sich selbst genauso wenig lieben wie andere. In ein Abbild – den schönen Schein – vernarrt, ist es ihm unmöglich, zu sich selbst oder gar zu anderen eine Liebesbeziehung aufzubauen. Damit ist er das Musterbeispiel eines Narzissten.“

Zuvor wird noch der aufgeblasene Pfau aufgrund seiner Antwort („Weil ich und meine Frau mich abgöttisch lieben“) als „lupenreiner Narzisst“ ausgemacht. Jetzt aber soll dem „Musterbeispiel eines Narzissten“ jegliche Selbstliebe abgehen. Ja, was denn nun?

Merzeder und der Mythos

Liebesgeständnis?

„In der griechischen Mythologie ist Narziss ein junger Mann, dessen Schönheit Menschen betört und Götter zum Schwärmen bringt. Zu seinem großen Kreis von Bewunderern gehört auch die Bergnymphe Echo. Eines Tages folgt sie heimlich Narziss, der auf einer Jagd seine Gefährten verliert und allein durch einen Wald streift. Bei dieser Gelegenheit gesteht sie dem Angebeteten ihre Liebe, doch Narziss, der niemandem Liebe schenken kann, weil er selbst keine bekommen hat, weist die hübsche Tochter der Erdmutter Gaia grob zurück. Zutiefst verletzt zieht sich Echo in die Wälder zurück und versucht dort in der Einsamkeit ihren Kummer zu überwinden.“

Dass es sich hier um ein Liebesgeständnis der Echo gegenüber Narziss handelt, könnte Merzeder von Haller abgeschrieben haben, ohne ihn zu zitieren. Diese Interpretation wird aber ebenso wie die Behauptung, Narziss könne niemandem Liebe schenken, dem eigentlichen Gehalt der Erzählung in keiner Weise gerecht.

Flucht vor emotionaler Nähe?

Auch der folgende Satz konstruiert einen völlig neuen Mythos:

„Die Bergnymphe verliebt sich in eine Person, die vor emotionaler Nähe flieht und weder sich selbst noch andere lieben kann – der Inbegriff eines Narzissten.“

Narziss flieht nicht vor „emotionaler Nähe“, sondern vor dem hohlen Geplapper einer oberflächlichen Nymphe. Das ist doch sein gutes Recht, oder?

Unproblematischer Rachewunsch?

Merzeder gibt korrekt wieder, dass „einer der Verschmähten sich aus Kummer über die Abweisung selbst [tötet], nicht jedoch ohne zuvor die Götter zu bitten, seinen Tod zu rächen.“ Dass Narziss dann stirbt, weil eine Göttin diese boshafte Bitte tatsächlich erhört, wird von Merzeder jedoch nicht problematisiert. Dabei vertritt sie in ihrem Buch doch den Anspruch, Menschen bei der Gegenwehr gegen Zudringlichkeiten und Grenzverletzungen unterstützen zu wollen. Warum dann nicht auch den offensichtlich bedrängten Narziss?

Verwirrung stiften

Merzeder stiftet Verwirrung. Sie unterscheidet zunächst zwischen „positivem“, „negativem“, „malignem“ (= bösartigem) und „pathologischem“ Narzissmus, was sie aber sofort wieder aushebelt, indem sie schreibt:

„Negative Narzissten – oder schlicht ‚Narzissten‘ – sind (…)

Werden Beispiele für „negative Narzissten“ anfangs auf allerhöchster Ebene verortet – „in den Reihen von Politikern und Wirtschaftsbossen, auf den bunten Seiten der Yellow Press oder in Reality-Sendungen“ –, geht Merzeder dazu über, dass „bei genauerem Hinsehen (…) wohl jeder in seinem Umfeld Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen“ entdecken kann. Und schließlich: (…) narzisstische Züge wird jeder an sich entdecken.“ Folglich auch negativ narzisstische Züge, womit die Analyse menschlicher Probleme nach und nach zu einem „Wir sind alle gleich – und damit auch an allem selbst schuld!“ gedreht wird.

Narziss – Sadist, Serienmörder, Amokläufer?

Mit dem Zusatz „bösartig“ oder „maligne“ wird der selbstbewusste 16-Jährige nach und nach zum Urbild eines Monsters erklärt (Merzeder):

„Der maligne Narzissmus ist der Narzissmus der Diktatoren, Sadisten, Serienmörder und Amokläufer, aber auch der Mobber, Verleumder, zynischen Chefs und brutalen Erzieher.“

Opfer beschuldigen

Es ist doch geradezu logisch, dass dasselbe begriffsgesteuerte Unverständnis nun auch Lebensgeschichten von realen Menschen entgegengebracht wird. Vorurteilsbasierte, auf falschen Begriffen aufgebaute Analysen führen nur allzu leicht zu katastrophalem Missverstehen sowie völlig unangemessenem Bewerten von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Leiden. An diesen Stellen wird das therapeutische Geschäft geradezu kriminell: Es kommt zu einer systematischen Schädigung von Betroffenen durch Opferbeschuldigung in der sogenannten Therapie.

Solche Fehlanalysen lassen sich vor allem anhand der Therapievorstellungen des Präsidenten der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“, Otto F. Kernberg erläutern. Dieser Freud-Nachfolger legt im Umgang mit seinen KlientInnen einen regelrechten Sadismus an den Tag. Merzeder beispielsweise bezieht sich, wie viele andere hier zitierte AutorInnen auch, völlig unkritisch auf ihn:

„Die Aussichten, einen malignen Narzissten erfolgreich therapeutisch zu behandeln, schätzt selbst der berühmte Psychoanalytiker und Narzissmusforscher Otto Kernberg als sehr begrenzt ein.“

Das wird dieser „berühmte (…) Narzissmusforscher“ allerdings kaum zuverlässig beurteilen können.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Merzeder erwähnt neben Echo ausdrücklich den zudringlichen Ameinias, was darauf schließen lässt, dass sie von dieser Version gehört haben muss. Die Quelle ihrer Erkenntnis verrät sie jedoch nicht. Zwillingsschwester, Eltern und Ellops kommen bei ihr dagegen nicht vor. Auch Wieseler taucht in ihrer Literaturliste nicht auf. Merzeder übernimmt offenbar aus der Sekundärliteratur – womöglich von Haller – die Formulierung, wonach Echo „dem Angebeteten ihre Liebe [gesteht], die dazu beiträgt, die falsche Sicht anderer zu festigen.

Begriffgeschichte

Von dem krausen Durcheinander bei der Schöpfung des Begriffes Narzissmus berichtet uns Christine Merzeder nichts. Es genügt ihr anscheinend, sich bei ihrer Auseinandersetzung mit diesem für sie so zentral gewordenen Begriff ganz auf die Vorarbeit ihrer illustren KollegInnenschaft zu verlassen.

 

Fazit

An Merzeders Verständnisfähigkeit gegenüber dem übersichtlichen Mythos muss schwer gezweifelt werden. Da sie anhand dieser eindeutigen und wenig komplexen Geschichte das Opfer nicht von den TäterInnen zu unterscheiden versteht, muss die Treffsicherheit ihrer Analysen in Bezug auf reale, komplexe Lebensverhältnisse erst recht bezweifelt werden.

Literatur

Merzeder, Christine (2015): Wie schleichendes Gift. Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen. München, Scorpio

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