Missverständnisse zwischen Ellis und Näcke

Verwirrte Pioniere

Havelock Ellis hatte zwar Medizin studiert, aber nie als Arzt praktiziert. Seinen Unterhalt verdiente er als Privatgelehrter. Ellis wie auch seine Frau Edith waren gegenüber Sexualität offen eingestellt. Laut seiner Autobiografie (1940) tolerierten er und seine Gattin gegenseitig intime Verhältnisse zu anderen Menschen – mal mehr, mal weniger gelassen.

Paul Näcke hingegen war ein bedeutender, seit vielen Jahren praktizierender und wissenschaftlich arbeitender Psychiater.

Näckes Widersprüche

Näcke greift die Anregung von Ellis auf, ohne gänzlich mit Ellis übereinzustimmen. Er scheint eine widerspruchsfreie Vorstellung von dem Narziss-artigen Phänomen entwickeln zu wollen, das gleichzeitig dem Auto-Erotismus zugehören soll. Dabei prägt Näcke den Begriff „Narcismus“ und reserviert ihn für eine sehr spezielle und seltene „Perversität“: Allein das Betrachten des eigenen Körpers sei in solchen Fällen mit (sexueller) Erregung verbunden. Das lässt sich – als reines Phänomen – noch ungefähr mit dem mythologischen Narziss verbinden, als er sich im Zustand der Bestrafung befindet.

Aus Näckes Fallgeschichten von „echtem Narcismus“ ergeben sich jedoch auch Widersprüche zu seiner Definition. Bei der Frau beschreibt er gar keine Bespiegelung oder Selbstbetrachtung, sondern nur das Küssen von Arm und Hand. Bei dem Mann wird immerhin vom Küssen des Spiegelbildes gesprochen. In beiden Fällen ist die (vermeintliche) sexuelle Erregung nur sehr vage umschrieben. Das eigentümliche Phänomen ist also auch von Näck noch keineswegs klar definiert

Freud und Näcke

Troz der großen Unklarheit in der Definition bezieht sich Freud in seiner zentralen Abhandlung zum Narzissmus von 1914 bereits im ersten Satz auf Näcke:

„Der Terminus Narzißmus entstammt der klinischen Deskription und ist von P. Näcke 1899 zur Bezeichnung jenes Verhaltens gewählt worden, bei welchem ein Individuum den eigenen Leib in ähnlicher Weise behandelt wie sonst den eines Sexualobjekts (…)“.

Über das Verhältnis von Paul Näcke zu Sigmund Freud lässt sich noch etwas mehr sagen. Dafür gibt es eine Extra-Seite.

Ellis zu Näcke

Die Urheber-Frage

Ellis‘ Artikel von 1927 kam anscheinend zustande, weil er um Aufklärung über die Urheberschaft des zunehmend populären Begriffes „Narzissmus“ gebeten wurde. Sein Verhältnis zu Näcke charakterisiert er dabei folgendermaßen (133):

„Ich stand über viele Jahre mit Dr. Paul Näcke, dem Leiter der Irrenanstalt bei Hubertusberg nahe Leipzig, in freundschaftlicher Beziehung, und er pflegte mir seine Publikationen zuzusenden, wenn sie erschienen, und ich ihm die Meinigen; er würde meine in Deutsch für medizinische Periodika zusammenfassen, und ich seine im englischen Journal of Mental Science.“

Was die Urheberschaft des Begriffes „Narzissmus“ angeht ist Ellis recht differenziert:

„Man wird bemerken, dass Näcke den Begriff ‚Narcismus‘ vorbringt, ohne irgendeinen Anschein zu erwecken, eine Neuigkeit zu erfinden, sondern offensichtlich einfach als eine Übersetzung meiner ‚Narziss-artigen Tendenz‘. So scheine also ich für die erste allgemeine Beschreibung dieser psychologischen Haltung und für die Beschwörung des Narcissus verantwortlich zu sein; der ‚ismus‘ wurde von Näcke hinzugefügt. Es scheint korrekt, mir die Beschreibung dieser Verfassung als einem normalen Zustand mit krankhaften Zuspitzungen zuzuschreiben, aber der Begriff sollte nur mir in Verbindung mit Näcke zugeschrieben werden, obwohl Näcke selbst ihn so gebraucht hat, als wäre es mein Begriff.“

Er beschließt diese Passage mit den Worten:

„Die Sache ist trivial, dennoch ein wenig kompliziert, nur erklärungsbedürftig, da verschiedene Menschen den Wunsch geäußert haben, den präzisen Ursprung eines Begriffes zu kennen, der seither so weite Verbreitung gefunden hat.“

Näckes Persönlichkeit –
aus der Sicht von Ellis

Ellis gibt hier seine Einschätzung von Näckes Persönlichkeit wieder:

„Er war ein Mann von energischem und bahnbrechendem Intellekt, der viel gute Arbeit entlang verschiedener Richtungen leistete, dabei jedoch nicht von einem besonders originellen Charakter. Er konnte schnell Ideen aufnehmen und ausarbeiten, wenn auch oft in kritischem Geist, die andere aufgebracht hatten.“

Das ist nicht gerade sehr schmeichelhaft, was Ellis hier über Näcke von sich gibt. Post mortem attestiert Ellis seinem Kollegen, er sei „kein besonders origineller Charakter“ gewesen und habe sich die Gedanken anderer schnell unter den Nagel gerissen. Das mag darauf hinweisen, dass Ellis über Näckes Formulierungs-Eingriffe doch eher unglücklich war. Allerdings hatte er zu Näckes Lebzeiten und auch noch viele Jahre nach seinem Tod niemals dessen Formulierungen offen und unmissverständlich zurückgewiesen.

Ellis‘ Mutmaßungen über
die Rezeptionsgeschichte

Ellis stellt auch Mumaßungen darüber an, wie der Begriff wohl an die Freudsche Schule in Wien gelangt sein konnte. Er geht dabei wie selbstverständlich davon aus, dass „natürlich“ Näckes Beiträge von 1899 (a, b) den Psychoanalytikern an erster Stelle „in die Hände gefallen“ sein müssten. Darin seien seine eigenen Gedanken von 1898 auch weitgehend richtig wiedergegeben.

Wir Nachgeborenen haben den Vorteil, dass uns heute die veröffentlichten Protokolle der Mittwoch-Gesellschaft vorliegen. Und dort wird (wenn auch in anderem Zusammenhang) sogar von Freud im Jahr 1908 eine Passage in der Abhandlung von Ellis (1900 od. 1907) erwähnt (Protokolle, Bd. 2, S.72). Nur eine Seite vor der erwähnten Textstelle findet sich die Abhandlung von Ellis zu der „Narziss-ähnlichen Tendenz“, in der er selbst (jedenfalls ab der Ausgabe von 1907) einen Hinweis auf den „Narzissmus“-Begriff von Näcke gibt. Hingegen findet sich in den Protokollen nirgends ein Hinweis auf die Arbeit von Näcke zum Thema. Das muss auch nicht wundern, wenn man das Verhältnis von Näcke und Freud betrachtet.

Späte Richtigstellung

Ellis widerspricht in seinem Beitrag von 1927 erstmals seinem (längst verstorbenen) Kollegen Näcke klipp und klar (S.138, FN17):

„Autoerotismus in meinem Sinne ist keine Perversion.“

Und er zitiert die Passage, in der Näcke den „Narcismus“ definiert – „… und nur dort, wo das Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet ist, kann mit Fug und Recht von Narcismus gesprochen werden“ – und kommentiert direkt im Zitat in eckigen Klammern:

„[Ich hatte das nicht gesagt und kann die Darstellung nicht akzeptieren.]“

Aus meiner Sicht ist Ellis hier nicht sehr aufrichtig. Er hatte sich zunächst den Formulierungen Näckes weitgehend und scheinbar bereitwillig angepasst. In einer späteren Publikation hatte er seinem Kollegen Näcke sogar sehr weitgehend zugestimmt (s.u. – Hermann Rohleder).

Näckes Vorgehen –
aus meiner Sicht

Als Ellis mit seinem (unklaren) Konzept von einer „Narziss-artigen Tendenz“ an die Öffentlichkeit tritt, bittet er Näcke offensichtlich um Diskussion und Verbreitung. Dass dieser dann mitformuliert, geschieht wohl in bester Absicht. Näcke versucht anscheinend, ein wenig Logik in die Betrachtung hineinzubringen: Ellis führt mit vagen Formulierungen ein Phänomen ein, das er dem Autoerotismus zurechnet. Also darf doch auch sexuelle Erregung nicht fehlen. Anhand seiner Fälle von circa 1500 „Irrsinnigen“ vergegenwärtigt sich Näcke, wo er „Anklänge“ an ein solches Phänomen beobachtet, das er in Anlehnung an Ellis „Narcismus“ nennt. Er erläutert exakt seine Datenbasis. Hieraus kann er Häufigkeiten abschätzen. Er hat damit auch begründbare Vorstellungen von der Verteilung dieses Symptoms über die Geschlechter gewonnen. Das klingt zumindest nach Wissenschaft und ist erheblich präziser als Ellis.

In fünf Fällen von auffälliger Selbstbespiegelung unterscheidet er – je nach Vorliegen von „Zeichen der Wollust“ – zwischen „echtem Narcismus“ und „Pseudo-Narcismus“. (In letztere Kategorie würde Näcke wohl auch Ellis’ Fallbeispiel einsortieren.) Und er definiert: „(…) nur dort, wo das Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet ist, kann mit Fug und Recht von Narcismus gesprochen werden.“ Wohl in dem Bemühen, Klarheit zu schaffen, greift er beherzt in Ellis’ begriffliche Skizze ein.

All das hat Ellis anscheinend nicht recht geschmeckt. Aber damit rückt er erst viele Jahre später heraus, als Näcke ihm schon längst nicht mehr darauf antworten kann.

Vorläufige Anpassung …

Zu Näckes Lebzeiten klingt Ellis noch ganz anders. In allen Beiträgen nach 1898 kommt er den Ausführungen von Paul Näcke entgegen und passt sein Konzept bereitwillig an:

  • Aus Näckes „schwerster“ dann „klassischster“ Form von „Auto-Erotismus“ wird bei Ellis die „ex­trem­ste“ Form [im Englischen: „extreme“].
  • Mit Blick auf seine ursprüngliche Behauptung, dass das Phänomen vor allem bei Frauen auftrete, schränkt Ellis nun ein: „(…) obgleich das nicht ganz feststeht“. Hier ist er wohl beeinflusst von Näckes Statistik, die ein häufigeres Vorkommen des Narzissmus bei Männern belegt.
  • Dass sich die sexuelle Erregung dabei „oft gänzlich“ in der Selbstbewunderung „verliert“, wird von Ellis auf „ganz oder teilweise“ abgeschwächt. Nach Näcke müsse ja das Betrachten des eigenen Körpers „von Zeichen der Wollust“ (1899a) bzw. „von deutlichen Zeichen des Orgasmus“ (1899b) begleitet sein. Womöglich hatte ja Näcke mit einer Nachfage Ellis zu dem späteren Eingeständnis veranlasst, gar nicht nach dem Vorliegen von Masturbation gefragt zu haben. Insofern könnte also doch sexuelle Erregung mit im Spiel gewesen sein.

… und unmittelbare Revanche?

Was aber hat es mit Ellis‘ Behauptung auf sich (nur 1900, danach in den deutschen Ausgaben nicht mehr), dass dieses Phänomen „selten“ vorkomme – „ausser bei Irrsinn“? [In der englischen Ausgabe findet sich hinter dem „ausser“ noch ein relativierendes „vielleicht“.] Näcke hatte doch auch bei den „Irrsinnigen“ nur ausgesprochen selten „Narcismus“ beobachtet. Übt Ellis hier eine Art Revanche? „Wenn Näcke meinen Text missversteht, dann verdrehe ich seinen Text eben auch mal ins blanke Gegenteil!“

Hermann Rohleder

In der vierten Auflage von Ellis’ Werk von 1922 heißt es:

„Die am besten beobachteten Fälle von Narzißmus gibt aber Rohleder, der dafür den gewichtigen Namen ‚Auto­mono­sexualismus‘ gewählt hat und annimmt, daß dieser Zustand vorher noch nicht beobachtet worden ist. (H. Rohleder, Der Automonosexualismus, [mit dem Untertitel: Eine bisher noch unbeobachtete Form des menschlichen Geschlechtslebens; K.S.] Heft 23 der Berliner Klinik, März 1907. In den beiden Fällen, die Rohleder untersucht hat, waren es Männer, die sexuell erregt wurden beim Anblick ihrer eigenen Körper, sei es im Spiegel oder in natura, auf die aber andere Personen gar keinen oder nur geringen sexuellen Reiz ausübten.“

Rohleder berichtet auch vom Küssen des Spiegelbildes. Sein Konzept von diesem Phänomen scheint Näckes Definition von „Narcismus“ ziemlich nahe zu kommen.

Ellis mokiert sich hier über den von Rohleder für seine Beobachtung gewählten Begriff „Automonosexualismus“ als „gewichtigen Namen“. Und er sortiert Rohleders Beispiele, bei denen die Bespiegelungen – teils mit, teils ohne Masturbation – eindeutig von sexueller Erregung begleitet sind, kurzerhand unter der Rubrik „Narzißmus“ ein. Näcke und auch er hätten damit schon Jahre vor Rohleder ein solch spezielles Phänomen beschrieben, das dieser im Jahr 1907 als „bisher noch unbeobachtet“ anpreist.

Fehlende Abgrenzung

Hätte Ellis unter seiner „Narziss-artigen Tendenz“ Selbstbewunderung verstehen wollen, bei der sexuelle Erregung strikt „absorbiert“ sei, hätte er sich 1922 von Rohleder eindeutig abgrenzen können bzw. müssen. Das tut er jedoch nicht. Vielmehr versieht er Rohleders Beobachtungen unbeschwert mit dem von ihm und Näcke geschaffenen Etikett „Narcismus“.

Im Widerspruch dazu grenzt er sich 5 Jahre später auch von Näckes Formulierung, wonach „das Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet“ sein müsse, strikt ab: „Ich hatte das nicht gesagt und kann die Darstellung nicht akzeptieren.“

Automonosexualismus

Rohleder definiert den „Automonosexualismus“ (S.1f) als …

„… Trieb, der auf sich selbst und zwar, das ist das Charakteristische, auf sich selbst einzig und allein gerichtet ist.“

Er grenzt sich dabei ausdrücklich von Ellis‘ Begriff „Autoerotismus“ ab:

„Allerdings darf nicht geleugnet werden, dass letzterer Autor [Ellis, 1900/1901; K.S.] mit diesem Namen mehr Verwirrung als Klärung gestiftet hat, was er als solchen bezeichnet hat, sind ‚die spontanen geschlechtlichen Erregungen ohne irgend welche Anregungen, direkt oder indirekt, seitens einer anderen Person‘, (…)“

… – darunter auch Masturbation.

„Ein eigentlicher Autoerotismus, bei welcher der Betreffende selbst Mittel und Zweck zu gleicher Zeit ist, ist es nicht. Der Ausdruck Autoerotismus von Ellis ist also ein schlecht gewählter, nur verwirrender, eher möchte ich noch den Begriff Monosexualismus gebrauchen, jedoch auch er deckt nicht das, was ich beobachtete, denn jede Masturbation ist ein Monosexualismus, eine Alleinbetätigung in sexueller Beziehung wenigstens somatisch, zu welcher aber psychisch, in der Phantasie, noch ein zweites Wesen hinzukommt.“

Mag sein, dass in dieser Kritik ein Motiv für Ellis liegt, nun seinerseits im Jahr 1910 [3. amerikanische Auflage] bzw. 1922 [4. deutsche Auflage] gegenüber Rohleder so kleinlich herauszustreichen, dass dessen Beobachtung – salopp gesagt – ein alter Hut sei. Näcke und er hätten schon längst ein solches Phänomen beschrieben und benannt.

Rafaela …

Eigentlich wird erst durch Ellis‘ Beitrag von 1927 deutlich, was ihm beim Formulieren seiner Position von 1898 alles durch den Kopf gegangen ist. Aus der Rückschau berichtet er ausführlich über die Hintergründe: 1897 habe er den soeben erschienenen Roman „Genio y Figura“ von Juan Valera gelesen. Darin bekennt die Edel-Kurtisane Rafaela, was geschieht, wenn ihre Zofe Petronila sie nach dem Bad abgetrocknet hat. Wenn sie wieder allein sei, so heißt es im Roman, mache sie – angeregt von Petronilas Bewunderung ihrer Schönheit – …

„… etwas Kindisches, von dem ich kaum weiß, ob es harmlos oder lasterhaft ist. Ich weiß nur, dass es ein rein kontemplativer Akt ist, eine selbstlose Bewunderung von Schönheit; was ich mache, geschieht nicht aus grober Sinneslust, sondern aus ästhetischem Platonismus. Ich imitiere Narziss; und ich lege meine Lippen auf die kalte Oberfläche des Spiegels und küsse mein eigenes Abbild. Dies ist die Liebe zur Schönheit um der Schönheit Willen; es ist, in einem Kuss, der Ausdruck von Zuneigung gegenüber dem, was Gott in diesem körperlosen Spiegelbild hat offenbar werden lassen.“

Und zwei Seiten weiter:

„Es war deshalb unvermeidlich, dass ich[Ellis; K.S.] mich, als ich im realen Leben die Bekanntschaft mit einer Frau machte, die in hohem Maß diese Eigenschaften[von Rafaela; K.S.] besaß, des Bildes von Narcissus entsann. Diese Frau, vollkommen gesund, von niemandem als nicht normal angesehen, sehr geschäftstüchtig, habe ich 1898 (…) in dem frühesten Artikel, dem ich den Titel ‚Auto-Erotismus‘ gab, als extremen Typ dieser[Narziss-artigen; K.S.] Tendenz beschrieben. Sie lebt noch heute, fast 30 Jahre später, ist noch unverheiratet und nun in der Lage, sich aus dem Geschäftsleben auf ein Landgut zurückzuziehen, das sie in ihrer Heimat erworben hat.“

… und ein weiterer Widerspruch

Statt im Nachhinein für mehr Klarheit zu sorgen, wird durch Ellis’ Ausführungen die Verwirrung jedoch noch größer.

Bei der „narzisstischen“ Selbstbewunderung sollten ja ursprünglich (1898) sexuelle Erregung und auch jegliches Bestreben, auf andere Menschen (körperlich) anziehend zu wirken, fehlen. Nun mangelt es der Romanfigur Rafaela – nach ihren schriftlichen Bekenntnissen, aus denen die Erzählung im letzten Drittel besteht – nicht an sexuellen Beziehungen und erotischer Leidenschaft. Hier könnte also das Betrachten im Spiegel letztlich durchaus „der sexuellen Anziehungskraft für andere Personen untergeordnet“ gewesen sein. Damit würde es wiederum den Kriterien der von Ellis als leicht abnorm definierten „Narziss-artigen Tendenz“ gerade nicht entsprechen. Vielmehr müsste er es dann in seinem Sinne als eher „normales“ Sich-Bespiegeln klassifizieren.

Andereseits verneint Ellis bei Rafaelas Selbstbespiegelung ausdrücklich sexuelle Erregung. Somit ist auch hier – wie bei seinem realem Fallbeispiel – unangemessen, von einem Randphänomen des „Auto-Erotismus“ zu sprechen, den er wiederum als „unwillkürliche Äußerung des Geschlechtstriebes“ versteht.

Näcke zu Ellis

Soweit erkennbar zeigt sich Näcke stets solidarisch mit Ellis. Gleich zu Beginn seines Artikels von 1899 (b) erläutert er, wie sehr Ellis durch die Veröffentlichung eines Werkes über Homosexualität in England unter Druck geraten sei. Dort hatte der private Verkauf des Buches einen Richter auf den Plan gerufen. Dieser habe das „obscöne Werk“ als geeignet angesehen, „‚die Moral der Unterthanen Ihrer Majestät zu verderben‘“. Näcke nennt dies eine „für die gebildete, namentlich wissenschaftliche Welt beschämende Angelegenheit“, die Ellis „viel Ärger und Unkosten“ eingetragen habe.

In einer Zeitschrift bespricht er auch Ellis’ Werk „Geschlecht und Gesellschaft“. Dort würden Themen aufgegriffen wie „Mutter und Kind, die geschlechtliche Aufklärung, die Nacktkultur, die Wertung der Geschlechtsliebe, die Keuschheit, die Enthaltsamkeitsfrage und endlich die Sexualethik. (…) Kein Gebildeter sollte dies Buch ungelesen sein lassen, da es höchst wichtige soziale und aktuelle Fragen betrifft.“ Nachdem er sich von Ellis’ Befürwortung der Nacktkultur ein wenig distanziert hat, appelliert er: „Doch ist die alberne Prüderie von heute zu bekämpfen“. Ein Beispiel für Näckes unbefangenen Umgang mit Nacktheit und Sexualität.

Verrat?

Insofern wirkt es auf mich fast wie Verrat an der gemeinsamen Sache, wenn Ellis sich von dem mit Näcke bearbeiteten und geformten Begriff „Narzissmus“ 1927 so strikt distanziert. Seinen Disput mit Näcke über Widersprüchlichkeiten und unterschiedliche Positionen hätte Ellis besser noch zu dessen Lebzeiten offen ausgetragen.

Womöglich hätten sie sich ja darauf einigen können, das Phänomen der Selbstbespiegelung mit sexueller Erregung als Automonosexualismus der weiteren Forschung Rohleders anheimzugeben. Die aus „ästhetischem Platonismus“ begründete Selbstbespiegelung ohne jegliche sexuelle Erregung hätten sie hingegen als „Rafaelaismus“ ganz Ellis zur gesonderten Erkundung überlassen können.

Vermutlich wären dann beide Begriffe – ohne Schaden für die Menschheit – nach kurzer Zeit sang- und klanglos im Papierkorb der Wissenschaftsgeschichte gelandet. Und der Welt wäre ein absurdes Narzissmus-Konzept erspart geblieben.

Fazit

Die beiden Urheber des „Narzissmus“ waren sich ziemlich uneinig darin, was darunter eigentlich zu verstehen sei. Lediglich in zwei Punkt stimmten sie überein: Es handele sich um ein Phänomen, das sie bislang nur selten beobachten konnten, und zwar das intensive Betrachten des eigenen Körpers, das den jeweiligen Menschen ganz und gar in seinen Bann zu ziehen vermag. Und dieses Phänomen habe nichts mit Homosexualität zu tun. In allen weiteren Merkmalen driften die beiden „Experten“ auseinander.

Ist das Phänomen eher harmlos (Ellis) oder eine „Perversität“ (Näcke)? Muss es dabei jeweils zu einem Orgasmus kommen? Ellis: Nein! Näcke: Ja! Betrifft es eher Frauen (Ellis) oder Männer (Näcke)? Soll es sich auf ein reines Betrachten des eigenen Körpers oder seiner Teile beschränken (Ellis), oder darf es auch Berühren, Küssen und Streicheln sein (bei Näcke unklar)? Dieses Durcheinander muss eigentlich stutzig machen.

Warum bloß stören sich die damaligen Vertreter der Freud’schen Psychoanalyse nicht daran, als sie sich des Begriffes „Narzissmus“ ab 1910 zunehmend bemächtigen?

 

Literatur:

Ellis, Havelock (1898): Auto-Erotism: A Psychological Study. In: The Alienist and Neu­ro­logist, 1898, 19, 260-299

Ellis, Havelock (1900, 1.A): Geschlechtstrieb und Scham­ge­fühl. Leipzig, Georg H. Wi­gand’s Ver­lag [1901 wurde diese Aus­gabe bei A. Stuber unver­ändert als 2. Auf­la­ge herausge­bracht]

Ellis, Havelock (1907, 3.A): Ge­schlechtstrieb und Schamge­fühl. Würzburg, A. Stuber

Ellis, Havelock (1922, 4.A): Ge­schlechtstrieb und Schamge­fühl. Vierte, ergänzte und er­wei­terte Auflage. Leipzig, Ver­lag von Curt Kabitzsch

Ellis, Havelock (1927): The Conception of Narcissism. In: The Psychoanalytic Review (1927). Vol. 14, Nr. 2, 129-153

Ellis, Havelock (1940): My life. London u.a., William Heineman LTD

Freud, Sigmund (1914): Zur Einführung des Narzißmus. Wien, Internationaler psycho­analytischer Verlag

Näcke, Paul (1899 a): Die sexuellen Perversitäten in der Irrenanstalt; in: Psychiatrische en Neurologische Bladen (1899), Bd. 3, S. 122-149

Näcke, Paul (1899 b): Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen Sexualität. in: Archiv für Psy­chiatrie und Nerven­krank­hei­ten (1899), Bd. 32, 356-386

Näcke, Paul (1906): Der Kuß bei Geisteskranken In: All­ge­mei­ne Zeitschrift für Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Me­dizin (1906), Bd. 63, 106-127

Näcke, Paul (1910): Rezension zu H. Ellis: Ge­schlecht und Gesell­schaft (1910). In: Archiv für Krimi­nal­an­thropologie und Krimi­na­listik. Bd. 29, 367

Nunberg, Her­mann; Federn, Ernst (Hg.) (1976-1981): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereini­gung (Bd. I-IV): Frank­furt a.M., S. Fischer Verlag

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