Modena, Emilio (1983) und Narziss bzw. Narzissmus

Unter dem Banner des Narzissmus

Emilio Modena äußert sich in einem Artikel (Untertitel: Gedanken zu einem psychoanalytischen Bestseller) zu dem Konzept des Narzissmus. Er hat dabei vor allem die Absicht, die Autorin Alice Miller zu diskreditieren. Nebenbei skizziert er dabei auch noch seine Sicht auf den Mythos und offenbart dabei sein krasses Unverständnis des antiken Mythos. Er äußert allen Ernstes Verständnis für die Frustration des Ellops, der den Narziss getötet hatte, weil dieser sich nicht auf eine Beziehung mit Ellops eingelassen hatte.

Dabei war doch die Knabenliebe in Griechenland so verbreitet und Narziss ein so wunderschöner Knabe!? Meint jedenfalls mitfühlend – mit Ellops – Modena.

Alice Miller

Alice Miller hat mit ihren diversen Beiträgen – „Das Drama des begabten Kindes“ (1979), „Am Anfang war Erziehung“ (1980) oder „Du sollst nicht merken“ (1981) – letztlich das Thema „Narzissmus“ umkreist und die Therapiewelt dabei nachhaltig beeinflusst. Aus ihrer Sicht lassen sich Kinder durch die Erwartungen oder den Druck der Eltern allzu leicht dazu verleiten, ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigene Identität zu verleugnen, um ein Minimum an Zuwendung sicherzustellen. Ein Mensch kann dadurch sein aufrichtiges Selbstwertgefühl, sein „wahres Selbst“, im Verlauf negativer Prägungen verlieren.

Mit ihren Überlegungen hat Miller auch interessierten Laien ein Verständnis ihrer jeweiligen Lebensgeschichten ermöglicht. Ihre Bücher sind z.T. in sehr hohen Auflagen erschienen. Sie sind ein beeindruckendes, verständliches Plädoyer, elterliche Prägungen aus früher Kindheit kritisch wahrzunehmen. Sie hat es als Aufgabe der Betroffenen angesehen, sich ihre ursprünglichen Gefühle wieder einzugestehen und zum Ausdruck zu bringen.

Widerspruch zu Freud

Mit dieser Sicht hatte Alice Miller der klassischen Trieblehre Freuds – Stichwort „Ödipuskomplex“: das Kind bedrängt angeblich seine Eltern – radikal widersprochen. Wegen ihrer offenen Kritik an Freud wurde sie in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus der psychoanalytischen Gemeinschaft hinausgemobbt. Ein Diskurs über ihren Widerspruch gegen Freuds Lehre ist im Grunde bis heute nicht möglich.

Miller und Modena

Ein entschiedene Kritik an Alice Miller findet sich in dem genannten Artikel von Emilio Modena (1981). Genau diesen Artikel zitiert beispielsweise Hans-Joachim Maaz in seinem Buch über den „Narzissmus“. Vieles von dem Klugen, das Maaz von sich gibt, hatte viele Jahre vor ihm Alice Miller bereits formuliert. In den ohnehin sehr spärlichen Literaturangaben von Maaz findet sich nun jedoch ein Aufsatz, in dem diese kluge Frau nur in den Dreck gezogen und verhöhnt wird.

Modena im Original

Um einen Eindruck vom Stil dieses Modena-Textes zu geben, hier einige Ausschnitte, beginnend mit den ersten Sätzen der Abhandlung (S. 151):

„Das blaue Büchlein aus dem Hause Suhrkamp [gemeint ist: „Das Drama des begabten Kindes“; K.S.] ist nicht billig: man hat weder an Papier noch an der Machart gespart. Gediegenes Kunsthandwerk wird vorgeführt – und gut verkauft; im ersten Jahr sollen bereits über 50 000 Exemplare abgesetzt worden sein. Wer die tragische Jugend der Autorin als polnisch-jüdische Emigrantin kennt, mag ihr diesen Erfolg gönnen. Wer andererseits als politischer Gegner im Psychoanalytischen Seminar Zürich den selbstsicheren Konservatismus der Autorin erlebt hat (…) mag nicht unkritisch Beifall spenden.“

Wissenschaftlichkeit

Es folgt ein Lamento, dass in dem Buch nicht angegeben sei, dass Teile davon bereits zuvor andernorts veröffentlicht worden waren – was als gravierender Verstoß gegen wissenschaftliche Prinzipien (miss-)verstanden wird.

„Frage: Warum erhält sie den Anspruch auf begriffliche Präzision, auf Wissenschaftlichkeit aufrecht, wenn es ihr anscheinend vor allem um Katharsis mit dem Publikum (und den Patienten), um mitfühlendes Erleben zu tun ist? (…) Inhaltlich stellt das Büchlein eine gelungene Mixtur aus journalistischer Kolportage, wissenschaftlichen Arbeiten Dritter und Gartenlaubenromantik dar.“

Auch wenn sich nach Millers Tod herausgestellt hat, dass sie offensichtlich gegenüber ihrem eigenen Sohn Martin überhaupt nicht das umgesetzt hat, was sie in ihren Büchern propagiert, besteht an dem großen Wert ihrer umfangreichen Arbeit für mich überhaupt kein Zweifel.

Modena in der Praxis

Ein Beispiel für Modenas Besserwisserei gegenüber seinen PatientInnen (S. 153):

„Eine eigene – literarisch interessierte – Patientin warf mir unlängst während der Abschlussphase ihrer Analyse vor, ich hätte sie nie verstanden, ich müsse das Büchlein der Frau Miller lesen, da sei genau beschrieben, wie ihre Mutter mit ihr umgesprungen sei – dabei waren beide Eltern dieser Analysandin ausgesprochen lieb und fürsorglich zu ihrer kleinen ‚Prinzessin‘ gewesen.“

Modena ist sich also in seiner Selbstherrlichkeit sicher, sehr viel besser als die Betroffene selbst zu wissen, was sie erlebt hat und was nicht.

Mutter-Kritik

Warum nur ist der ansonsten so mutter-kritische Maaz beim Lesen dieses Satzes nicht hellhörig geworden? Begreift er nicht, dass hier offensichtlich in einer völlig missratenen Therapie die Not einer Patientin kein bisschen verstanden wurde? Wie kann gerade jemand wie Maaz ein solches Machwerk in seine Literaturliste aufnehmen? Er will doch sonst angeblich den Menschen, die zu ihm kommen, helfen, ihre berechtigte Wut über das in der Kindheit erlebte Elend zum Ausdruck zu bringen.

Alice Miller = frauenfeindlich?

Modena über das „Drama des begabten Kindes“ (S. 158):

„ich habe seit langem keine derart frauenfeindliche Schrift mehr gelesen. Alle Empathie gehört dem Kind, kein Quentchen der Mutter. (…) Vom Drama der Mütter, die ihre Kinder lieben, aber nicht auf eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verzichten wollen, von ihren Ängsten und Schuldgefühlen kein Wort. Dafür das überfließende Mitgefühl für das von der Erziehung frustrierte Kind.“

Das ist also, was den Frauenversteher Modena so sehr an diesem Buch erzürnt: „das überfließende Mitgefühl für das von der Erziehung frustrierte Kind“, „dass alle Empathie dem Kind gehört“. Miller hat in der Tat wiederholt an vielen Beispielen plastisch und deutlich herausgearbeitet, auf welche Arten Kinder durch brutale Formen der „Erziehung“ nicht nur „frustriert“, sondern massiv traumatisiert worden sind.

Alice Miller – eine
alternde Konservative?

In seiner Schlusstirade lässt sich Modena vernehmen (S. 161):

„Darf man hinter dem Drama des begabten Kindes vielleicht das Drama einer alternden Konservativen vermuten, die die Welt nicht mehr versteht? Die ihre Patienten nicht mehr versteht und darum das Gefühlhafte, das Irrationale als ‚wahres Selbst’ fetischisiert? Die ihre jungen Kollegen nicht mehr versteht und sie deswegen aussperren muß? Tatsache ist, daß man das blaue Erfolgsbüchlein nicht ernst zu nehmen braucht, sehr wohl aber als ideologisches Produkt ernst nehmen muß.“

Hämisch-neidische Fehleinschätzung

Millers Bücher seien geeignet, „eine reaktionär-bürgerliche Tendenz innerhalb der Psychoanalyse … zu propagieren und zu vereinheitlichen.“

Falsch, Herr Modena: Zigtausende von LeserInnen haben sich durch Millers Bücher ein Verständnis ihrer kindlichen Leidensgeschichten erarbeiten können. Ihre eigene Fehleinschätzung, Herr Modena, ist hingegen wohl nicht allzu vielen Menschen bekannt geworden. Ihren ekelhaften Text braucht man natürlich auch als Analyse „nicht ernst zu nehmen, sehr wohl aber als ideologisches Produkt“. Er zeigt, auf welch massiven Widerstand die Aufklärung über frühkindliche Traumatisierungen durch gesellschaftlich gebilligte Methoden der Erziehung gestoßen war, . Kluge und einfühlsame Menschen wie Alice Miller wurden deswegen massiv angefeindet – beispielsweise von einem Kleingeist wie Ihnen, Herr Modena.

Maaz und Modena,
Kohut und Miller

Der Modena-Text wird also von Maaz in die ärmliche Literaturliste seines „Narzissmus“-Buches aufgenommen. Es fehlt hingegen jeglicher Hinweis auf Alice Miller selbst. Es ist auch recht grotesk, dass Maaz in seinem „Narzissmus“-Buch (S.11) sagt, er beziehe sich auf die Narzissmus-Theorie von Heinz Kohut und dann fortfährt:

„Der Zürcher Psychoanalytiker Emilio Modena hat die Kohut’sche Narzissmus-Theorie in wenigen Sätzen gut zusammengefasst: …“.

Kohutismus

Auch Alice Miller hat sich auf Kohut bezogen. Der ganze Sammelband, in dem Modenas Text erschienen ist, widmet sich jedoch der Aufgabe, die Theorie Kohuts (und Millers) zu entwerten und zu diskreditieren. Man spricht dort in abfälliger Weise von „Kohutismus“.

Modena, der – wie zitiert – Alice Miller in übelster Weise schmäht, macht sich auch über Kohut lustig. Das, was Maaz an der genannten Stelle von Modena zitiert, leitet Modena selbst mit folgendem Satz ein:

„Kohuts theoretische Anstrengung gipfelt in einem in sich geschlossenen Systemvon großer Einfachheit: … “

– und dann die von Maaz als „gut zusammengefasst“ ausgegebene Passage. Modena meint dabei das „geschlossene System von großer Einfachheit“ keineswegs lobend, sondern im Sinne von: „wird der komplizierten Wirklichkeit in gar keiner Weise gerecht“.

Schreckliche Vereinfacher?

An anderer Stelle (S. 157) lässt Modena in Bezug auf Kohut und Miller anklingen, dass er sie – v.a. Miller – für „‘terribles simplificateurs‘“ (schreckliche Vereinfacher) hält. Auch dieses Detail lässt meines Erachtens sehr an der Verständnisfähigkeit von Maaz zweifeln, dass er sich aus solcher Quelle eine „gute Zusammenfassung“ herausklaubt, während er die eigentlich interessanten Texte – beispielsweise diejenigen von Miller – verschweigt.

Wieselers Mythensammlung

Emilio Modena kommt immerhin das Verdienst zu, dass er ziemlich massiv auf die Mythensammlung von Wieseler hinweist und diese auch offensichtlich gelesen hat. Seine Art der Verarbeitung dieser Erkenntnis ist jedoch wieder einmal „typisch“.

Trauer um geliebte Angehörige = Depression?

Modenas Erklärung für die verschiedenen Versionen des Mythos:

(…) im Bauernvolk der Böotier … [wusste man] von der Vielfältigkeit der Ätiologie [= Entstehungsgeschichte; K.S.] der narzißtischen Störung. So wird die depressive Verstimmung des Narkissos einmal mit dem Verlust der Zwillingsschwester, einmal mit der Suche nach der Mutter oder dem Vater erklärt.“

Modena glaubt hier von „depressiver Verstimmung“, also von etwas Krankhaftem reden zu müssen, anstatt in der natürlichen, nachvollziehbaren Trauer um den Verlust naher Angehöriger, der Zwillingsschwester bzw. der Eltern, einen angemessenen Ausdruck von lebendigen Gefühlen zu erkennen.

Gewalt bei Ablehnung
von Beziehung =
gut nachvollziehbar?

Modena lässt auch keinerlei Verständnis für das Gewaltopfer Narziss erkennen.

Ihm scheint „das gemeinsame Motiv in der Bestrafung des Jünglings für seine Sprödigkeit zu liegen. Narkissos zog es vor, auf die Jagd zu gehen und in den Wäldern umherzustreifen, statt dem Liebesgott zu dienen: er war ein Wilder, ein Rebell. Und wenn man weiß, daß in seiner Heimat Thespeia in Böotien die Knabenliebe allgemeiner Brauch war – Eros war dort als wichtige Gottheit gefeiert –, kann man verstehen, daß die erwachsenen Männer gekränkt sein mußten, als gerade ein Jüngling von ausgesuchter Schönheit ihnen seine Dienste versagte.“

In einer Gesellschaft, in der die Knabenliebe fest institutionalisiert ist, verdienen also jene in ihrem Gekränkt-Sein verstanden zu werden, die sich darüber ärgern, dass ein besonders schöner Jüngling „ihnen seine Dienste versagte“. Die daraus resultierende Gewalt des Ellops scheint für Modena damit erklärlich. Ist es dann auch legitim, bei der Ermordung einer jungen Frau in einer Kultur mit etablierter Heterosexualität erläuternd darauf zu verweisen, dass sie ja, trotz ihrer Jugend und besonderen Schönheit, den Männern ihre „Dienste versagte“? Das wäre aus meiner Sicht Opfer-Täter-Umkehr in Reinform.

Persönliches

Der Ursprung dieser verqueren Sichtweise ist vermutlich in der persönlichen Geschichte Modenas zu suchen, die er in dem Beitrag darlegt. Es klingt an, dass er in seiner Kindheit oft massiver Gewalt ausgesetzt war. Aus diesem Erleben heraus könnte er sich den mächtigen Tätern angepasst haben, indem er heute mit ihnen gemeinsame Sache macht, indem er dem Opfer – gerade weil er selbst als Kind dieses Opfer war – die Verantwortung bzw. Schuld für das Geschehen zuschiebt. Eine solche Verhaltensstrategie lässt sich durchaus als Ausdruck eines machtlosen kindlichen Bewältigungsversuchs, gleich dem Stockholm-Syndrom, verstehen. Es taugt aber keineswegs dafür, Menschen eine auf Selbstverwirklichung ausgelegte Strategie zur Behauptung gegenüber gewaltsamen Tätern beizubringen. Herrn Modena scheint die Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte während seiner Ausbildung zum Analytiker offenbar gründlich misslungen zu sein. Er gibt seine eigenen Defizite, nun in Verbundenheit mit den TäterInnen, an die Opfer weiter. Das psychoanalytische Narzissmus-Konzept kommt ihm hier sehr entgegen.

Das Stockholmsyndrom

Das Stockholm-Syndrom bezeichnet ein Verhaltensmuster von Gewaltopfern: Aus einem Überlebensreflex heraus passen sie sich den übermächtigen TäterInnen an und fühlen sich ihnen dadurch im Laufe der Zeit sogar besonders verbunden. In dem namengebenden Fall hatten zwei Bankräuber in Stockholm fünf Bankangestellte für mehrere Tage als Geiseln genommen. Nach ihrer Befreiung kritisierten die Geiseln das Handeln der Polizei; eine von ihnen verlobte sich später mit einem der inhaftierten Täter.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Modena ist aus meiner Kenntnis der erste Psychoanalytiker, der vollständig auf die Versionen zu Echo, Ameinias und Ellops, Zwillingsschwester, Mutter und Vater verweist. Dass er diese Varianten gründlich missverstanden hat, wurde hoffentlich deutlich.

Begriffsgeschichte

Modena verzichtet gänzlich auf irgendwelche Hinweise zur verqueren Entstehungsgeschichte des Begriffs.

Fazit

Modena ist erschreckend unfähig, sich in Bezug auf die Begegnung zwischen Narziss und Ellops in das Gewaltopfer – Narziss – einzufühlen. Stattdessen bringt er Verständnis für den Mörder Ellops auf. Damit verliert Herr Modena in Bezug auf die Verständnisfähigkeit gegenüber menschlichen Problemen im Umfeld von Gewalt und Unterdrückung in meinen Augen jegliches Vertrauen. Jeder vernünftige Mensch mit entsprechenden Problemen sollte einen großen Bogen um seine Praxis machen.

Seine Haltung zu Gewaltopfern spiegelt sich auch in der hämischen Abwertung der Texte von Alice Miller.

Literatur

Modena, Emilio (1983): Unter dem Banner des Nar­zißmus. Gedanken zu einem psychoanalytischen Bestseller. In: Die neuen Narzißmus­theo­rien: zurück ins Paradies? Hrsg. vom Psychoanalytischen Semi­nar Zürich, Red. Gabi Döh­mann-Höh. Frankfurt a.M., Syndikat (S.151-164)

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