Otto Rank (1884-1939) und Narziss bzw. Narzissmus

Otto Rank (1884-1939)

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Ein Beitrag zum Narzissismus

Otto Rank greift in diesem Beitrag von 1911 als erster psychoanalytischer Autor den Begriff Narzissmus (Rank schreibt damals: „Narzissismus“) nicht nur auf, sondern gibt auch vor, ein wenig den mythologischen Hintergrund beleuchten zu wollen. Er bezieht sich dabei ausdrücklich auf den Beitrag von Wieseler, hatte also bereits damals den Mythos in sieben Varianten vorliegen. Rank missversteht jedoch – bewusst oder unbewusst – den Altphilologen.

Rank reißt auch die bis dahin vorliegende Begriffsgeschichte kurz an.

Erste Unkorrektheiten

Otto Rank leitet seinen Text ein mit den Worten:

„Seitdem Havelock Ellis zuerst die Aufmerksamkeit auf den pathologischen Zustand der Verliebtheit in die eigene Person als einer besonderen Form des Autoerotismus gelenkt hat, wurde diese Erscheinung, die Näcke einem Winke von Ellis folgend ‚Narzissismus’ nannte, von einzelnen Forschern gelegentlich gestreift.“

Schon hier ist Rank zweifach unkorrekt.

– Von der Sprachlogik her müsste es tatsächlich „Narzissismus“ heißen. (So heißt es im Englischen beispielsweise „narcissism“.) Aber Näcke, dem wir die Begriffsschöpfung verdanken, nennt das gemeinte Phänomen nun mal „Narcismus“ oder „Narzißmus“. Und diese Version hat sich im Deutschen erhalten.

Ellis geht eher nicht von einem „pathologischen“ Zustand aus.

Psychosexuelle Zusammenhänge

Rank zufolge sei im Hinblick auf den Narzissmus „nichts über Ursprung und den tieferen Sinn bekannt geworden“. Er behauptet:

„Der psychoanalytischen Forschung war es auch hier vorbehalten, ein erstes Licht auf die Genese und die vermutlichen psychosexuellen Zusammenhänge dieser eigenartigen Libidoeinstellung zu werfen, ohne daß es jedoch damit gelungen wäre, deren Bedeutung für das Seelen‑ und Liebesleben der Menschen ihrem vollen Umfang nach würdigen zu lernen.“

Hier verweist Rank auf die Untersuchungen zum „Narzissismus“ = „Verliebtheit in die eigene Person“. Er gelte innerhalb der Psychoanalyse als „ein normales Entwicklungsstadium“ und als ein „notwendige[r] Übergang vom reinen Autoerotismus zur Objektliebe“. So hatten es ja Isidor Sadger und Sigmund Freud 1910 formuliert.

Der Mythos – nach Rank

Auch auf den griechischen Mythos geht Rank hier ein (S.407):

„Diese Verliebtheit in das eigene unerkannte Ebenbild, welche den narzissistischen Einschlag in der Wahl des homosexuellen Liebesobjektes deutlich verrät, liegt auch der euboiisch‑boiotischen Sage von Narkissos zugrunde, der sich nach Ovid (Metam. III 402‑510) in sein eigenes, im Wasser geschautes Spiegelbild, das er für einen schönen Knaben hält, dermaßen verliebt, daß er dahinsicht [sic]. Der römische Dichter stellt diese quälende Selbstliebe, wie es scheint in freier Erfindung, als Strafe für die verschmähte Liebe der Echo dar, während Wieseler (Narkissos, Göttingen 1856) den Mythus auf die kalte Selbstliebe bezieht. Doch weist der Mythus auch homosexuelle Züge auf: Ameinias entleibt sich vor der Tür des Narkissos, als dieser ihm ein Schwert als Antwort auf seine Werbung schickt.“

Umformulierung des Mythos I

Warum behauptet Rank wohl, Ovid habe die Bestrafung des Narziss durch Selbstliebe „in freier Erfindung“ hinzugedichtet? Er zitiert hier ja ausdrücklich die Ameinias-Version von Konon. Und bei dem antiken Konon klingt zumindest ebenso an, dass Narziss bestraft worden sei, und zwar durch den Gott Eros. Die Bestrafung scheint also durchaus alter Bestandteil des Mythos zu sein. Wieso also?

Nun, wenn die Sehnsucht des Narziss nach seinem Spiegelbild tatsächlich bereits in den ältesten Quellen als eine Art „Bestrafung“ gefasst wäre, dann gehörte diese Selbstverliebtheit ja gar nicht zur Natur des Narziss. Sie wäre seinem Wesen also eigentlich fremd. In diesem Fall hätte die Psychoanalyse ein Problem. Wie sollte sie diesen Mythos dann für ihre Theorie vereinnahmen können, nach der es angeblich in der NATUR JEDES MENSCHEN liege, sich in sich selbst bzw. in seine eigenen Genitalien zu verlieben? Da hätte es ja einer strafenden Nemesis oder eines strafenden Eros ja überhaupt nicht bedurft. Narziss hätte sich vielmehr wie selbstverständlich von sich aus über die Quelle hängen müssen – wie auch alle anderen seiner Kameraden und Kameradinnen. Insofern passt es besser für das Konzept der Psychoanalyse, dieser Fassung des Mythos mit der Bestrafung ihre Ursprünglichkeit abzusprechen und sie als „freie Erfindung“ Ovids hinzustellen.

Umformulierung des Mythos II

Im Folgenden entstellt Rank auch Wieselers Sichtweise, wenn er schreibt, dass dieser „den Mythus auf die kalte Selbstliebe“ beziehe. Bei Wieseler heißt es zwar (S.74):

„Den Alten im Allgemeinen gilt Narkissos als Repräsentant harter Sprödigkeit, eitler oder kalter Selbstliebe, aber auch lobenswerther Enthaltsamkeit.“

Jedoch weist Wieseler dann in den weiteren Passagen den speziellen Bezug des Narziss zu Vergänglichkeit und Tod nach und hält dies für den zentralen Aspekt des Mythos. Dem Eros – gesehen „als die in Liebe vereinigende Kraft, welche in der Natur Leben hervorbringt“ (S.90) – stehe Narziss wegen seines Bezugs zu dem „in kalter Gleichgültigkeit erstarrenmachenden oder auflösenden Tod in der Natur“ als „Gegenpart“ gegenüber.

Wieseler weiß um die Versionen von der Sehnsucht nach der Schwester und der Suche nach den Eltern. Insofern musste für ihn das, was die „Alten“ dem Narziss an „kalter Selbstliebe“ zugeschrieben hatten, für Wieseler so etwas wie eine Fehldeutung gewesen sein.

Dass sich dieser Widerspruch auch dadurch auflöst, wenn man in dieser Passage die deutliche Ironie der „Alten“ – besonders bei Ovid – herausliest, das hatte Wieseler allerdings nicht in Betracht gezogen.

Der Aspekt der Kälte ist aus Wieselers Sicht jedenfalls eindeutig verbunden mit dem Tod. Aber Rank ignoriert den weiteren Wieseler-Text und bezieht sich nur auf den ersten Teil der Aussage: „Den Alten im Allgemeinen gilt Narkissos als Repräsentant harter Sprödigkeit, eitler oder kalter Selbstliebe“. Wieselers ausführlichen Widerspruch verschweigt Rank kurzerhand. Er unterstellt Wieseler somit, dieser habe sich das Urteil der „Alten“ zu Eigen gemacht und würde sich gleichfalls für diese Charaktereigenschaft des Narziss verbürgen.

Umformulierung des Mythos III

Wieseler erwähnt ausdrücklich, dass Narziss die Beziehungswünsche verliebter Männer ablehnt und in einer Version dafür sogar unmittelbar mit dem Leben bezahlen muss. Rank verliert kein einziges Wort darüber. Er verkehrt die Verhältnisse vielmehr klammheimlich in ihr Gegenteil. Dabei bleibt er in seiner Darstellung äußerst vage: „Doch weist der Mythos auch homosexuelle Züge auf.“ Ergo: Narziss hat mit Homosexualität zu tun. Basta.

Für die Zwecke der Freudianer muss der Mythos zurechtgebogen werden. Die Zurückweisung von männlichen Liebhabern passt natürlich überhaupt nicht ins psychoanalytische Konzept, wonach – spätestens seit 1909 – gerade Homosexuelle typische Vertreter des Narzissmus sein sollen.

Literatur

Rank, Otto (1911): Ein Beitrag zum Narzissismus. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For­schung, 1911, S.401-426

 

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