Ovid (43 v.u.Z.-17 n.u.Z.)

Fotografioe der Bronzestatue von Ovid (Ettore Ferrari, 1887)
Ovid – Bronzestatue in Constanta, Rumänien, von Ettore Ferrari (1887)

Freigeist Ovid

Der römische Dichter Ovid hat die wohl bekannteste Fassung des Mythos von Narziss hinterlassen. Er äußert sich darin zur Zeugung des Narziss durch das Paar Kephisos und Liriope. Aus seiner Äußerung hierzu wird in der modernen psychologischen Literatur oft auf eine Vergewaltigung (im heutigen Sinne) geschlossen. Das scheint jedoch – wie an anderer Stelle ausgeführt – nicht so sehr eindeutig zu sein. Darüber hinaus vermute ich bei Ovid, dass er – nicht zuletzt aufgrund biografischer Erfahrungen – den Wert von Beziehungen sehr zu schätzen wusste, und dass seiner freigeistigen Einstellung das Erzwingen-Wollen von Beziehungen zuwider war. Genau diese Haltung durfte er jedoch unter seinem Kaiser Augustus nicht so lautstark publik machen. Entsprechende Stellungnahmen bedurften der ironischen Verstellung.

Autor der Metamorphosen

Die Erzählung vom schönen Jüngling Narziss hat in Ovids Fassung die größte Bekanntheit erlangt. In den Metamorphosen, entstanden in den Jahren 1 bis 8 n.u.Z., bereitet dieser Autor mythologische Stoffe auf, in denen es zu Verwandlungen kommt. So bleibt die Nymphe als gestaltloses Echo in den Bergen zurück, und aus Narziss geht am Ende die Narzisse hervor.

Biografisches

Tod des Bruders

Ovid entstammte dem Ritterstand. Er und sein um ein Jahr älterer Bruder schlugen die Ämterlaufbahn ein, wurden rhetorisch und juristisch ausgebildet. Der Bruder verstarb jedoch bereits mit 20 Jahren – „und ich begann einen Teil meiner selbst zu entbehren“ (online). Ovid dürfte also Verständnis gehabt haben für die Trauer eines 16-Jährigen, der seine Zwillingsschwester verloren hat. Nach einigen Jahren stellte Ovid seine öffentlichen Tätigkeiten ein, um Dichter zu werden. Seine aufgeklärte „Liebeskunst“ (16 v.u.Z.) machte ihn im alten Rom zum meistgelesenen Autor seiner Zeit.

Zwei Scheidungen

Schon in jungen Jahren hat er zwei Scheidungen vollzogen (online): „Als ich noch fast ein Knabe war, wurde mir eine nichtswürdige und nichtsnutzige Ehefrau gegeben, die nur kurz mit mir verheiratet war. Ihr folgte eine Gattin, die, obwohl man ihr nichts vorwerfen konnte, dennoch nicht beständig in meinem Ehebett bleiben sollte. Die letzte, die mir bis in mein fortgeschrittenes Alter geblieben ist, hat es erduldet, die Ehefrau eines Verbannten zu sein. Meine Tochter, die in ihrer frühen Jugend zweimal schwanger war, aber nicht von einem einzigen Ehemann, machte mich zum Großvater.“ Mag also sein, dass Ovid und seine Tochter aus eigener Erfahrung wussten, dass es gute Gründe geben kann, Beziehungen zu beenden, womöglich auch – wie Narziss in den letzten drei Varianten – unter ausdrücklicher Ablehnung jener, die diese Beziehungen vielleicht gerne aufrechterhalten hätten.

Ovid unter Augustus

Kaiserliche Doppelmoral

Der zu Ovids Zeit amtierende Kaiser Augustus hatte den Anspruch, sich nachhaltig in das Beziehungsleben seiner Untertanen einzumischen. Er ließ den Ehebruch sanktionieren (23 v.u.Z.), obwohl er sich selbst durch vielerlei ehebrecherische Liebschaften auszeichnete. [Die Daten aus dem Privatleben des Augustus entstammen den Wikipedia-Einträgen zu Augustus, Livia und Julia.] Darüber hinaus wollte er standesgemäße Heiraten erzwingen und den Kinderreichtum der oberen Stände fördern (18 v.u.Z.). Im Jahr 9 – also ein Jahr, nachdem Ovid die Metamorphosen beendet hatte und verbannt worden war – hatte Augustus ein Gesetz erlassen, wonach alle Frauen zwischen 20 und 50 Jahren und alle Männer zwischen 25 und 60 Jahren verheiratet sein mussten.

Direkte Heiratspolitik

Heirat der Livia

In seinem unmittelbaren Umfeld mischte sich Augustus in Eheschließungen bzw. die dazu erforderlichen Scheidungen auch ganz direkt ein. Er selbst trennte sich im Alter von 24 Jahren (39 v.u.Z.) aus der Ehe mit seiner zweiten Frau Scribonia, die mit seiner Tochter Julia schwanger war, um sogleich die damals 19-jährige Livia Drusilla zu heiraten, die sich hierzu von ihrem deutlich älteren Gatten trennen musste, von dem sie gerade ihr zweites Kind erwartete. Der Zwangsgeschiedene habe sogar – hierzu genötigt oder in vorauseilendem Gehorsam – seine ehemalige Frau dem Kaiser zugeführt. Diese Ehe hatte bis zu Augustus’ Tod Bestand, wohl nicht zuletzt, weil Livia die zahlreichen Affären ihres Gatten tolerierte.

Die beiden Söhne aus Livias erster Ehe, Tiberius und Drusus, wuchsen zunächst bei ihrem Vater auf, fanden jedoch nach dessen Tod Aufnahme im Haus von Augustus. Drusus verstarb bereits mit 30 Jahren, Tiberius wurde von Augustus im Jahr 2 adoptiert und sein Nachfolger auf dem Kaiserthron.

Verheiratung der Tochter Julia

Augustus hat auch seine Tochter Julia dreimal verheiratet. Schon bei der zweiten Heirat mit Marcus Vipsanius Agrippa (21 v.u.Z.) musste sich dieser hierzu von seiner ersten Ehefrau trennen. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor. Nach dem Tod des Marcus Vipsanius verheiratete Augustus seine Tochter mit seinem Stiefsohn Tiberius. Dieser musste sich von seiner ersten Frau, die er sehr liebte, und die gerade mit seinem zweiten Kind schwanger war, scheiden lassen. Die erzwungene Ehe von Julia und Tiberius war nicht glücklich.

Gnadenlosigkeit

Offenbar wollte sich Julia aus der Beziehung lösen. Im Jahr 2 v.u.Z. wurde sie wegen unsittlichen Lebenswandels verbannt.

Ihrer Tochter, die ebenfalls Julia hieß und aus der Ehe mit Marcus Vipsanius stammte, wurde ebenfalls ein Ehebruch nachgesagt. Es gibt das Gerücht, dass Ovid hierbei ein Mitwisser gewesen sein soll. Er habe angeblich sein gastliches Haus, in dem unbeschwerte Geselligkeit gepflegt wurde, dafür zur Verfügung gestellt. Julia wurde – wie zuvor ihre Mutter – im Jahr 8 von ihrem Großvater Augustus in die Verbannung geschickt.

Ovids Verbannung

Im selben Jahr wie die Kaiser-Enkelin Juluia wurde auch Ovid verbannt. Die Gründe hierfür sind nicht geklärt. Es könnte eine Rolle gespielt haben, dass er sich einmal geweigert hatte, ein Epos zum Lob des Augustus zu verfassen, mit der Begründung, dass er wichtigere Aufgaben zu erledigen habe. Er schrieb damals an seiner „Liebeskunst“. Ebenso wird seine (angebliche) Mitwisserschaft um den Ehebruch der Kaiser-Enkelin als möglicher Grund genannt. Jedenfalls verbrachte er sein letztes Lebensjahrzehnt in Tomi (Constanta, Rumänien). Seine wiederholten Bitten und Eingaben, nach Rom zurückkehren zu dürfen, blieben unerfüllt – selbst nach Augustus’ Tod im Jahr 14.

Ovid und der Beziehungszwang

Eine Betrachtung des Ovid in seinem historischen Zusammenhang unterstreicht, dass es nicht ernsthaft in seiner Absicht gelegen haben kann, die Bestrafung des Narziss durch Nemesis als irgendwie berechtigt oder notwendig zu propagieren. Das wird schon in der Inszenierung offenkundig. Vielmehr lautet die augenzwinkernde Botschaft des Dichters: Beziehungen müssen freiwillig sein!

Wenn Narziss keine Lust hat auf die Beziehung mit einer blöden Echo, dann ist das in Ordnung. Wenn Narziss nicht auf Männer oder zumindest nicht auf Ameinias steht, dann ist auch das in Ordnung. Und wenn Picus mit Circe, Annaxarete mit Iphis oder Pomona mit Vertumnus keine Beziehung eingehen möchten, sieht Ovid darin auch kein Problem. Dasselbe Recht zur freien Beziehungswahl hätte natürlich auch für Nemesis und ihre Tochter Helena gelten sollen.

Die beiden Julias oder Tiberius und seine erste Frau könnten die Botschaft sehr gut verstanden haben. Ovid durfte sie damals bloß nicht lauthals hinausposaunen.

Ironie

Oberflächlich betrachtet lässt Ovid also auf die angebliche Anmaßung des Narziss, Beziehungsanträge abzulehnen, göttliche (augusteische) Strafe folgen. Indirekt drückt er damit jedoch genau das Gegenteil aus.

Ovid hatte mitbekommen, wie der mächtigste Mann der damaligen Welt sich in fremde Beziehungsangelegenheiten einmischte. Mir erscheint überaus plausibel, dass er in die Metamorphosen eine passende Botschaft an Augustus eingearbeitet hat. Unter dessen autoritärer Herrschaft musste er sich jedoch mit solch ketzerischen Positionen bedeckt halten, um es sich mit seinem strengen Kaiser nicht zu verscherzen. Also MUSSTE er geradezu mit dem Stilmittel der Ironie [eironeia (griech.) = Verstellung, Vortäuschung] arbeiten. Am Ende aber konnte er der Verbannung dennoch nicht entgehen.

Wie erkennt man Ironie?

Beim gesprochenen Wort kann sich Ironie durch Mimik oder Tonfall des Sprechenden verraten. Wie aber lässt sich eine ironische Vortäuschung in einem Schriftstück erkennen?

Wenn sich verbale Mitteilung und Handlungsmitteilung einer Person widersprechen, so habe ich in meiner Ausbildung gelernt, dann ist auf die Handlungsmitteilung in der Regel mehr Verlass. Ich kann dann davon ausgehen, dass die Worte täuschen.

Die Handlung …

Auf Narziss angewendet: Allein von der Logik her betrachtet – es haben sich viele VerehrerInnen in Narziss verliebt. Wie also sollte er jemals seine (vermeintliche) Schuld vermeiden, zahlreiche BewerberInnen nicht zu erhören? Seine bestrafte Handlung besteht am Ende in nichts anderem, als dass er das eindeutige Angebot einer dämlichen Gans zu sofortigem Geschlechtsverkehr ablehnt ebenso wie das Beziehungsangebot des Ameinias. Was Narziss damit zum Ausdruck bringt, ist eine pure Selbstverständlichkeit. Ovid kann nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, dass Narziss zu diesen Beziehungswünschen kurz und knapp „Nein!“ gesagt hat. Umso mehr sollte dies in unserem Kulturkreis in heutiger Zeit gelten.

… und ihre Benennung

Diese Selbstverständlichkeit klassifiziert Ovid jedoch, scheinbar missbilligend, als „dura superbia“ = „hartherzigen Hochmut”. Die verbale Bewertung dieser Situation stellt damit das genaue Gegenteil von dem dar, was jeder gesunde Mensch hier empfinden muss.

Auflösung des Widerspruchs

Da sich einerseits das gesunde Empfinden gegenüber dieser Handlung des Narziss und andererseits deren offizielle Bewertung völlig widersprechen, ist hier auf die Handlungsmitteilung mehr Verlass: Narziss ist vollkommen berechtigt, so zu handeln, wie er es getan hat. Die Behauptung des „kaltherzigen Hochmuts” entspricht einer ironischen Verstellung Ovids.

Nemesis

Und wer es nicht glauben möchte, möge sich fragen, warum sonst er wohl gerade Nemesis hier als Rächerin gewählt hat – und gerade nicht Aphrodite oder Artemis, wie es in heutigen Interpretationen fälschlich behauptet und beispielsweise über Wikipedia verbreitet wird (vgl. die Ausführungen zu Nemesis in der Rubrik Fake-Mythen).

Fazit

Es ist also ein durch und durch emanzipatorischer Mythos, der uns von Ovid erzählt wird.

 

Literatur

 

Ovid (1985): Liebes­kunst. Ars Amatoria. Latei­nisch-deutsch. He­raus­ge­geben und übersetzt von Niklas Holzberg. München und Zürich, Artemis Verlag

Ovid (2018): Meta­mor­phosen. Herausgegeben und über­setzt von Niklas Holzberg. Reihe: Sammlung Tusculum. Berlin, Verlag De Gruyter

Ovid (o.J.): Tristia 4, 10. Übersetzt von Ulrich Schmitzer

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