Paul Näcke (1851-1913), Erfinder des Narzissmus

Fotografie von Paul Näcke
Paul Näcke (1851-1913)

Abbildung aus Theodor Kirchhoff (Hrsg.)
Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens.
Berlin: Julius Springer, 1924 p. 267
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27753672


Die sexuellen Perversitäten in der Irrenanstalt

Mit diesem Titel ist der Beitrag von Paul Näcke aus dem Jahr 1899 überschrieben, in dem er den Grundstein für den Begriff Narzissmus legt (in seiner Schreibart: Narcismus). Er greift dabei eine Anregung von Havelock Ellis auf. Die beiden Männer verfangen sich jedoch offensichtlich – wie vor allem aus der Rückschau deutlich wird – in einigen Widersprüchen, die sie nicht miteinander zu klären verstehen. Näcke ist en Mann, der unbefangen mit dem Thema Sexualität umzugehen versteht, dabei jedoch mit den absurden Thesen eines Sigmund Freud scharf ins Gericht geht.

Der Ausgangspunkt

1899 (a) will sich der Psychiater Paul Näcke „wirklich wissenschaftlich mit den Abweichungen des Geschlechtstriebs (…) beschäftigen“. Insgesamt 1.531 „Geisteskranke“ sind am 9. Juli 1898 in der Heil- und Pflegeanstalt Hubertusburg bei Leipzig untergebracht, 509 Männer und 1.022 Frauen. Diese sind die Objekte von Näckes Sexualforschung, die damals noch in den Kinderschuhen steckt. In seinem Beitrag will er entsprechende Absonderlichkeiten statistisch erfassen. Wie selbstverständlich verwendet er in diesem Zusammenhang den Begriff „Narcismus“, der von hier aus seinen Siegeszug um die Welt antritt.

Als „Perversitäten“ nennt Näcke hier den „Narcismus“ an dritter Stelle, zuvor Onanie und Exhibitionismus, danach Fetischismus, Kotschmiererei & Urintrinkerei, Renifleurs [(franz.) = Schnüffler, hier: z.B. an Kot und Urin], Homosexualität und Päderastie. Er ist offenbar bemüht um eine sachlich korrekten Beschreibung von Phänomenen des Geschlechtstriebs.

Was ist „Narcismus“?

Näcke äußert sich über Männer mit „Narcismus“ wie folgt:

„Auch Anklänge an Narcismus, der Selbstverliebtheit wären zu verzeichnen, und zwar bei 4 Kranken, bis auf einen Hebephreniker Alles Verrückte. Drei davon stehen sehr oft vor dem Spiegel, betrachten sich darin mit Wohlgefallen und sind, bis auf Einen, sehr eitel auf ihre Person, die sie nach Kräften herausputzen. Einer reißt sich jedes graue Haar aus oder lässt sich solche entfernen. Ein Vierter spricht sehr oft von seiner schönen Person, trotzdem er hierzu absolut keinerlei Grund hat. Diese Manifestationen gehen scheinbar über die gewöhnliche Eitelkeit schon hinaus, doch fehlt ein nachweisbarer sexueller Hintergrund.“

„Pseudo-Narcismus“

Im weiteren Text formuliert Näcke in Bezug auf ebendiese Männer:

„Unter den Männern trafen wir weiter einige Beispiele, die man zur Noth zum Narcismus gehörig bezeichnen könnte, doch fehlten die Zeichen der Wollust; damit ist der Akt nur als Pseudo-Narcismus kenntlich. Ich habe die Fälle auch nicht in die synoptische Tabelle [Synopse = Zusammenschau; K.S.] mit aufgenommen. Fälle von echtem Narcismus sind gewiss sehr selten und eine ganz eigene Verirrung. Ich möchte sie die schwerste Form des Auto-Erotismus (H. Ellis) nennen.“

Näcke will also den „Narcismus“ nicht in seine Statistik aufnehmen. Womöglich kommt ihm diese Störung zu selten vor. Womöglich liegt es aber auch daran, dass ihm hier das sexuelle Element zu sehr fehlt. Er spricht ja genau deshalb von „Pseudo-Narcismus“

„Echter Narcismus

Neben dem „Pseudo-Narcismus“ soll es aber auch den „echten Narcismus“ geben. So sagt Näcke zum „Narcismus“ bei Frauen:

„Narcismus ward nur bei einer periodisch Erregten beobachtet. Sie küsst sich nämlich, wenn sie im Sturme ist, die Arme und die Hand und sieht dabei ganz verliebt aus.“

Und im Zusammenhang mit den vier Männern formuliert er:

„Fälle von echtem Narcismus sind gewiss sehr selten (…) Die früher erwähnte Schwachsinnige gehört wahrscheinlich hieher [sic].“

Bei den Frauen konstatiert Näcke den „echten Narcismus“ also lediglich in einem von ca. 1.000 Fällen (= 0,1 %). Sogar in diesem einen Fall scheint er nicht ganz sicher zu sein („gehört wahrscheinlich hieher“).

Warum diese Unterscheidung?

In seinem Aufsatz von 1898 rechnet Ellis die „Narziss-artige Tendenz“ dem „Auto-Erotismus“ zu und definiert diesen wiederum als eine Form von „geschlechtlicher Erregung“. Und eben diesen Hauptaspekt von Ellis’ Definition scheint Näcke sehr ernst genommen zu haben. An Phänomenen des Geschlechtstriebs ist er interessiert, um seine Statistik zu erstellen. Nun beobachtet bei wenigen Männern „Anklänge“ an das von Ellis als „Narziss-artige Tendenz“ benannte Phänomen, aber keinerlei sexuelle Erregung. Für mich ist nachvollziehbar, dass er diese Symptomatik dann kurzerhand zu einem „Pseudo-Narcismus“ erklärt. Näcke bemüht sich hier offenbar, die genannte Ungereimtheit in den Aussagen von Ellis aufzulösen.

Anhand einer Stichprobe von 1500 AnstaltsinsassInnen beobachtet Näcke also den „echten Narcismus“ (in seinem Sinne) als ein äußerst seltenes Phänomen, und zwar sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Verständlich, dass er hier von der „schwersten Form des Auto-Ero­tis­mus“ spricht. Denn er definiert ja als wesentliches Merkmal des „Narcismus“, dass allein das Betrachten des eigenen Ichs zu sexueller Erregung führt.

Unklarheiten

In seinem zweiten Beitrag von 1899 (b) etikettiert Näcke das umkreiste Phänomen übrigens deutlich weniger dramatisch. Nicht mehr als die „schwersten Form des Auto-Ero­tis­mus“, sondern als dessen „klassischsten Fall“. Nicht sehr eindeutig ist er, wenn er sich das eine mal auf ein intensives Sich-Bespiegeln bezieht, das andere mal auf ein Sich-selbst-Küssen. Ellis greift jedoch – wie an anderer Stelle zitiert – einzelne Aspekte von Näckes Position bereitwillig auf und lässt sie in seine folgenden Publikationen einfließen.

Die Definition

In dem zweiten Beitrag von 1899 (b) nimmt Näcke kurz Bezug auf die Arbeit von Ellis (1898):

„Auf alle Fälle viel seltener als das Tagträumen ist der Narcismus, die Selbstverliebtheit. Hier ist die Grenze gegen blosse Eitelkeit zu ziehen und nur dort, wo das Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet ist, kann mit Fug und Recht von Narcismus gesprochen werden. Das wäre der klassischste Fall von ‚auto-erotism’ im Sinne von H. Ellis. Nach ihm soll Narcismus besonders bei Frauen sich finden, vielleicht weil der normale Keim dazu ‚is symbolized by the mirror.‘ Auch hier giebt es noch viel zu forschen, vor Allem aber einwandfreies Material herbeizuschaffen.“

Einmal mehr tritt Näckes Bemühen um ebenso greifbare wie eindeutige Fakten zu Tage.

Ein Mann mit „echtem Narcismus“

In einem Artikel von 1906, also sieben Jahre später, merkt Näcke an:

„So berichtete ich einmal von einer periodisch erregten Frau, die, wenn sie im Sturme war, sich Arm und Hand küßte und dabei ganz verliebt aussah. Diesen Fall rechnete ich zu den so überaus seltenen echten Fällen von Narzißmus. Es ist überhaupt der einzige Fall, der mir bisher aus einer Irrenanstalt bekannt wurde. Sexuell bedingt ist die Sache wahrscheinlich.“

Und weiter:

„Bezüglich des Narzißmus sah ich unterdes einen zweiten Fall. Ein junger Mann (…), den 29. Juni 1905 in Hubertusburg aufgenommen, spiegelte sich den 19. August in einer Fensterscheibe ab und küßte sein eigenes Spiegelbild. Am 11. Oktober bemerkt die Krankengeschichte: ‚Bespiegelt sich in den Fensterscheiben und lacht sein Bild an.’ Wahrscheinlich liegt hier ein sexueller Hintergrund vor. Man könnte solche Fälle auch Auto-Erotismus nennen (…).“

Für Näcke ist also der „echte (…) Narzißmus“ weiterhin ein extrem seltenes Phänomen. Bezüglich der weiblichen Vertreterin greift er auf die Arbeit von 1899 zurück. Er will unterdessen aber bei seinen männlichen „Irrsinnigen“ ebenfalls einen „echten“ Fall gefunden haben. Nach seiner eigenen Definition muss dabei die Selbstbetrachtung mit sexueller Erregung einhergehen. Hier genügt ihm jedoch anscheinend bereits das Anlachen des Spiegelbildes. Der Betroffene belässt es immerhin hier – anders als die Frau – tatsächlich beim bloßen „Betrachten“ des Körpers und küsst lediglich das Spiegelbild.

Diesen einen Fall findet Näcke bei rund 500 Männern. Das wären also circa 0,2 Prozent. Das Verhältnis von Männern zu Frauen läge damit bei circa 2:1.

(Um wieviel haben sich wohl innerhalb dieser sieben Jahre die Zahlen männlicher und weiblicher Irrsinniger erhöht, die Näcke beobachtet hat? Das würde die jeweiligen prozentualen Werte mehr oder weniger verringern.)

Näcke und Freud

Übertreibung der Sexualität

In dem Beitrag „Die moderne Übertreibung der Sexualität“ formuliert Näcke 1910 eine generelle Kritik an Freuds Auffassungen ([97], 122): Gegenüber der mit Freud einsetzenden Aufspürung von [Sexualität als Grundursache] von Nerven- und sogar Geisteskrankheiten“ habe eine „nüchterne Kritik“ eingesetzt. Er, Näcke, habe sich selbst stets darum bemüht, „die Sexualität in das rechte Licht zu setzen“. (Näcke hatte sich beispielsweise für einen toleranten Umgang mit Homosexualität eingesetzt.)

„Aus demselben Grund sehe ich mich jetzt veranlaßt, gegen die immer mehr überhand nehmende Neigung, in allem und jedem einen sexuellen Hintergrund zu sehen und schließlich das ganze Leben nur in Sexualität aufgehen zu lassen, wie viele (Bloch), Freud und seine Schule usw. es wollen, energisch Einspruch zu erheben.“

Zu den „Drei Abhandlungen …“

Über Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) sagt Näcke 1910 (a):

„Da hat nun Freud in einer ausgezeichneten Schrift, voll neuer Gedanken und Aperçus, die leider oft falsch oder nur halbwahr sind, die Entdeckung gemacht, daß (…)“

… zum Beispiel das (Daumen-)Lutschen eine sexuelle Bedeutung habe, worin Näcke dem Doktor Freud nicht folgt. Und er zitiert unter anderem zustimmend den Neurologen Max Isserlin mit dessen Kritik:

„Nun entgegnen immer die Anhänger Freuds, daß die Gegner gar nicht mitsprechen könnten, da sie die Methode ja gar nicht selbst angewandt und geprüft hätten. Isserlin aber hat völlig recht, daß man eine Methode, die an sich so subjektiv und unwissenschaftlich ist, wie eben die Psychoanalyse, gar nicht erst praktisch zu prüfen braucht.“

Zu „Über Psychoanalyse“

Näcke rezensiert 1910 (b) auch Freuds „Über Psychoanalyse. 5 Vorlesungen“:

„Insbesondere reitet er unentwegt auf seinen sexuellen Erlebnissen als ausschlaggebend herum und läßt andere ‚psychische Konflikte‘ höchstens nur unterstützend mitwirken, während wohl mit Recht manche seiner Schüler, z.B. Stekel, Groß[,] letztere in den Vordergrund stellen. Für Freud ist Sexualität alles. In seiner Bescheidenheit geht er so weit zu behaupten (p. 33), dass wer die durch unterdrückte usw. Sexualität bedingten ‚normalen‘ Sinnestäuschungen, Wahnideen, Charakterveränderungen nicht versteht, ‚auch nicht die leiseste Aussicht hat, die abnormen Bildungen krankhafter Seelenzustände anders als im laienhaften Sinne zu begreifen. Zu diesen Laien dürfen wir heute getrost fast alle Psychiater zählen.‘ “

Näcke darf sich sogleich mit zu den Angegriffenen zählen:

„Ein schönes Kompliment für Letztere, während Freud offenbar von Psychosen nichts versteht! Fast alle Psychiater und Neurologen haben sich gegen die kritiklose und phantastische Lehre Freuds erhoben und erst neulich ist sie in der südwestdeutschen Vereinigung der Psychiater arg mitgenommen worden. Hoche hielt dort einen sehr interessanten Vortrag über eine ‚psychische Epidemie unter Ärzten‘ durch Freuds Lehre und sprach sehr scharfe Worte. Die Grundlagen der Lehre sind, wie kürzlich erst Isserlin es klassisch nachwies, so unsichere, daß man gar nicht erst die Methode zu prüfen braucht und auch die Resultate sind nichts weniger als sehr glänzend. Freuds Lehre ist eine Mode und wird als solche hoffentlich bald von der Bildfläche verschwinden.“

Korrespondenz Näcke – Freud

Schon im Jahr 1907 kam eine wohl von Näcke ausgehende kurze Korrespondenz mit Freud zustande. Die zwei Briefe Freuds sind publiziert. Er zeigt sich von Näckes Kritikpunkten unbeeindruckt.

Obwohl Näcke recht unverkrampft und offen mit dem Thema Sexualität umgeht, spricht er sich – mit den besten Gründen – gegen Freuds zwanghafte Sexualisierung aller Ursachen psychischer und psychosomatischer Störungen aus.

Freuds Bezug auf Näcke

Freuds greift in seiner Abhandlung zum Narzissmus von 1914 ausgerechnet auf Näckes Arbeit von 1899 zurück, also auf die Ausführungen von einem seiner ausgesprochenen Gegner, und reklamiert, hierin die Anregung für seine Ausführungen zum Narzissmus gewonnen zu haben. Dies wäre von Näcke sicherlich mit beißendem Spott quittiert worden, hätte er zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung noch gelebt. Aber Näcke kann sich gegen diese unsinnige Vereinnahmung nicht mehr zur Wehr setzen, weil er bereits unter der Erde liegt.

Fazit

So also lautet die Definition von Narzissmus, wie ihn sein Urheber im Jahr 1899 verstanden wissen wollte:

„… und nur dort, wo das Betrachten des eigenen Ich’s oder seiner Theile von deutlichen Zeichen des Orgasmus begleitet ist, kann mit Fug und Recht von Narcismus gesprochen werden.“

Mit Freuds Ideen hätte Näcke wohl niemals in Verbindung gebracht werden wollen. Hätte er zum Zeitpunkt ihrer Publikation noch gelebt, so hätte er dies sicherlich mit einen unmissverständlichen Widerspruchquittiert.

 

Literatur

Gröger, Helmut (1990): Sig­mund Freud an Paul Näcke. Erst­veröffentlichung zweier Brie­fe. In: Luzifer Amor, Heft 6, 3. Jg., S.144-163

Näcke, Paul (1899 a): Die sexuellen Perversitäten in der Irrenanstalt; in: Psychiatrische en Neurologische Bladen (1899), Bd. 3, S.122-149

Näcke, Paul (1899 b): Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen Sexualität. in: Archiv für Psy­chiatrie und Nerven­krank­hei­ten (1899), Bd. 32, S.356-386

Näcke, Paul (1906): Der Kuß bei Geisteskranken In: All­ge­mei­ne Zeitschrift für Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Me­dizin (1906), Bd. 63, S.106-127

Näcke, Paul (1910 a): Die moderne Übertreibung der Sexu­alität. In: Archiv für Krimi­nalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 29, S.120-139

Näcke, Paul (1910 b): Re­zen­sion zu S. Freud: „Über Psy­cho­analyse“ (1910). In: Archiv für Krimi­nal­anthro­po­lo­gie und Kriminalistik. Bd. 29, S.356f

Näcke, Paul (1910 c): Rezension zu H. Ellis: Ge­schlecht und Gesell­schaft (1910). In: Archiv für Krimi­nal­an­thropologie und Krimi­na­listik. Bd. 29, S.367

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