Peichl, Jochen (2017) und Narziss bzw. Narzissmus

Warum es auch gut ist, Narzisst zu sein

Hier werfe ich einen genaueren Blick auf die Sicht von Narziss und Narzissmus bei Jochen Peichl, der sich als Hypnotherapeut besonders auf suggestive Formulierungen versteht. Mit seinem professionellen Geschick versucht er offenbar, seine LeserInnenschaft zu verwirren.

Diese Verwirrungskunst möchte ich meinerseits wieder auflösen. Grundvoraussetzung zum Verständnis der Verdrehungen der Wirklichkeit des Mythos ist eine Kenntnis der antiken Quellen, die den Mythos in seinen sieben Varianten erzählen.

Irritierend bei Peichl ist für mich, dass er von seiner grundsätzlichen Arbeit her („Teilearbeit“) durchaus sehr sinnvolle Dinge macht. Andererseits scheint seine alte Ausbildung zum Psychoanalytiker nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein: Offenbar hat er deren seltsames Narzissmus-Konzept sehr weitgehend verinnerlicht. Sein Umgang mit einer so überschaubaren Geschichte wie dem Mythos von Narziss macht mich sehr skeptisch was seine allgemeine Fähigkeit anbelangt, Verständnis für fiktive oder reale Lebensgeschichten aufzubringen.

Peichl ist auch sehr großzügig darin, Gedanken von anderen abzuschreiben, ohne diese als Zitate deutlich zu machen. Einzelne seiner Plagiate, die mir aufgefallen sind, habe ich hervorgehoben.

Die Unmöglichkeit einer Liebe?

Verdammt zur Selbstliebe?

„‚Narzissus’ (…) [wurde] von Nemesis (…) dazu auf ewig verdammt […], sein eigenes Spiegelbild in einem Teich zu lieben. Dies geschah als Strafe dafür, die Liebe der Bergnymphe Echo verschmäht zu haben.“

Plagiat I

Das mit dem „auf ewig verdammt“ (was gar nicht so „ewig” war) und mit dem „Teich“ (statt Quelle) klingt, als hätte Peichl es von Behary (2009) abgeschrieben. Dort heißt es:

„Der Begriff ‚Narzissmus‘ stammt aus der griechischen Mythologie, in der es eine Geschichte über Narcissus gibt, dem es beschieden war, sich für alle Ewigkeit in sein Spiegelbild in einem Teich zu verlieben, weil er sich geweigert hatte, die Liebe der Nymphe Echo, einer jungen Bergnymphe, zu erhören.“

Unterschlagener Ameinias

In dieser Passage ist immerhin noch korrekt von der Bestrafung des Narziss die Rede. Der eigentliche Anlass für die Bestrafung ist bei Ovid jedoch die Beschwerde des sterbenden Ameinias, der sich wegen der fehlenden sexuellen Willfährigkeit des Narziss vor dessen Haustür mit einem Schwert das Leben genommen hatte. (Ameinias wird übrigens an dieser Stelle auch von Behary unterschlagen – obwohl sie von ihm weiß.) Die Göttin Nemesis erhörte die Klage des Ameinias und münzte sie in die Bestrafung des Narziss um. Echos Geschichte spielte hier als Motiv für die strafende Nemesis nur am Rande mit hinein.

Schleichende Umformulierung

Im nächsten Satz formuliert Peichl seine verkürzte Version dann noch ein wenig weiter um:

„Weil Narziss sich nicht nach der verführerischen Nymphe Echo, sondern nur nach seinem Bild im Wasser sehnte, es aber nicht umarmen und besitzen konnte, starb er voller ungestilltem Verlangen nach seinem eigenen Spiegelbild.“

Weil …

„Weil sich Narziss nicht nach der verführerischen Nymphe Echo … sehnte, …“ Ja, was genau leitet sich aus dieser mangelnden Sehnsucht nach Echo ab? Nach Peichl begründet sie – im Satz zuvor – die Bestrafung des Narziss. Und diese Bestrafung führt dann zwingend zu diesem unstillbaren Verlangen nach seinem Spiegelbild. Und dieses unstillbare Verlangen führt dann zu seinem Tod. Das ist die Logik des Original-Mythos nach Ovid. Narziss stirbt, weil er für eine Selbstverständlichkeit bestraft wird: für die Ablehnung einer Beziehung, an der er nichts hat.

Selbst schuld?

Aber jetzt, in seinem zweiten vermeintlichen Begründungssatz, lässt Peichl die Bestrafung einfach weg:

„Weil Narziss sich nicht nach der verführerischen Nymphe Echo, sondern nur nach seinem Bild im Wasser sehnte, (…) starb er”.

Hier wird jetzt suggeriert, dass Narziss die Echo vor lauter Selbstverliebtheit – wegen der Sehnsucht nach seinem Spiegelbild – nicht erhört hätte. Als hätte Narziss sich aus freien Stücken für diese Selbstverliebtheit entschieden und sie wäre ein Wesenszug von ihm. Der Nutzen für Peichls Konzept: Das würde dem Begriff „Narzissmus” – als eine solche Form der übersteigerten „Selbstverliebtheit” – seine natürliche Berechtigung verleihen.

Peichls neue Handlungslogik

Bei Narziss ist eine übersteigerte Selbstverliebtheit gar nicht vorhanden – jedenfalls noch nicht zum Zeitpunkt seiner Begegnung mit Echo. Er hat da lediglich sehr bewusst den näheren Kontakt zu einer hohlen Nymphe abgelehnt. Es macht einen sehr bedeutsamen Unterschied, ob ich sage (wohl mit Ovid, der sich jedoch ironisch verstellen muss): „Narziss hat sich nicht für Echo interessiert, weil sie ihm bei einer kurzen Begegnung nur nachgeplappert hat. An so einer hohlen Tussi hatte er kein Interesse! Das zeigt, dass er Beziehung ernst nimmt!” Oder ob ich an erster Stelle sogar noch sage: „Narziss hat sich nicht für Ameinias interessiert. Er steht halt nicht auf Männer.” Oder ob ich sage, wie es Peichl macht: „Narziss hat sich vor lauter Selbstverliebtheit nicht für die hübsche Echo interessiert. So ein eingebildeter Fatzke!”

Hier wird von Peichl also eine völlig neue Handlungslogik installiert. Mit ihr wird im Grunde dem Narziss die Verantwortung für das Geschehen zugeschoben. Ursache und Folge sind vertauscht. Nach Peichl ist hier die Selbstverliebtheit ursächlich für die Folge, die Ablehnung einer Beziehung zu Echo (und Ameinias?).

Peichl als Manipulator

Erster Schritt:
Eliminierung von Ameinias

Peichl blendet systematisch die Problematik der völlig unbegründeten, brutalen Bestrafung aus. Im ersten Schritt eliminiert er die Enttäuschung und den daraus resultierenden Suizid des Ameinias als Grund für die Einmischung der Nemesis. Die fehlende Begründbarkeit dieser Straf-Aktion ist dabei so offensichtlich, dass sich hieraus ein wichtiger erster Hinweis auf die ironische Absicht des Ovid ergibt. Der alte Römer wollte vermutlich mit dieser Erzählung dafür plädieren, dass Beziehungen freiwillig sein müssen – was er unter seinem Kaiser Augustus auf keinen Fall offen hätte propagieren dürfen.

Zweiter Schritt:
Vertauschung von Ursache
und Folge

Im zweiten Schritt soll nun die Selbstverliebtheit des Narziss der Grund gewesen sein, dass der schöne Jüngling die Echo (und wohl auch den Ameinias) abgewiesen hat. Und nicht umgekehrt. Peichl vertauscht Ursache und Folge.

Dritter Schritt:
Tragisches Scheitern

Peichl zitiert wörtlich meine Zusammenfassung der sieben Versionen vom Leiden des Narziss am Verlust geliebter Angehöriger bzw. an der Aufdringlichkeit ungeliebter Anderer und knüpft unmittelbar an dieses Zitat an:

„Die Tragik ist, dass Narziss und Echo sich nicht in Liebe vereinen und ein glückliches Paar werden können.“

Allein diese Kombination meiner Analyse mit seinen Schlussfolgerungen ist völlig verwirrend. Meiner Zusammenfassung des Gesamtthemas des Mythos wird diese völlig widersinnige Fortsetzung aufgepfropft. Echo ist eine unerträgliche Zumutung für Narziss. (Dieses Thema walzt Peichl selbst gleich in epischer Breite aus.) Diese Position greift Peichl mit meinem Zitat im Grunde auf und behauptet gleichzeitig und sinnwidrig, dass das Nicht-Zusammenkommen dieser beiden etwa Tragisches hätte.

Warum Peichl das hier macht, darüber kann ich nur spekulieren. Es gehört zum Handwerkszeug von Hypnotherapeuten, dass sie dann, wenn sie Menschen etwas suggerieren wollen, diese verwirren. Das lenkt den Verstand ab. Dieser versucht dann nämlich, die erzeugte Verwirrung aufzulösen. Und während der Verstand beschäftigt ist, sich Klarheit zu verschaffen, ist das Tor zum Bewusstsein unbewacht. Es ist offener für Suggestion. („Konfusionsmethode“; z.B. Bongartz & Bongartz, 1998)

Vierter Schritt:
Eine Paargeschichte

„Wenn ich mir in meiner Profession als Traumatherapeut die Paargeschichte anschaue, wird die Unmöglichkeit der Liebe schnell deutlich.“

Aus der kurzen Begegnung zwischen Echo und Narziss macht Peichl nun gleich eine „Paargeschichte“. Dabei dürfte diese Begegnung der beiden im Wald – wohl die einzige und letzte – so ungefähr 10 bis 15 Sekunden gedauert haben. Mehr nicht. Ist das für Peichl schon eine „Paargeschichte”? Oder ist das nur ein weiterer Aspekt von Peichls Verwirrungs-Bemühungen?

Fünfter Schritt:
Dramatisierung

Warum sollte nun zum Verständnis einer Sache, die überhaupt nicht besteht – eine „Paargeschichte“ zwischen Echo und Narziss – Peichls (angebliche) Qualifikation als Traumatherapeut erforderlich sein? Die Story dieses flüchtigen Sich-über-den-Weg-Laufens hat überhaupt nichts Dramatisches an sich: Narziss steht halt nicht auf Echo. Ist das ein Wunder? Warum liebt ein selbstbewusster, sozial eingebundener, hübscher junger Mann keine hohle Tussi? Für die Klärung einer solchen Frage benötigt man eigentlich – anders als Herr Peichl glaubt – keine ausgebildeten Spezialkräfte.

Disqualifikation als Traumatherapeut?

Aus meiner Sicht hat sich Herr Peichl als „Traumatherapeut” hier eigentlich disqualifiziert. Seine mangelnde Einfühlung in den später tatsächlich traumatisierten Narziss stellt ihm für den Umgang mit solchen Menschen kein gutes Zeugnis aus.

„Trauma“ des Narziss:
Zeugung durch Vergewaltigung

Peichl stellt fest, dass der Vater, der Flussgott Kephisos, die Mutter, die Quellnymphe Liriope, vergewaltigt und dann verlassen habe. (Dass dies keineswegs so simpel dargestellt werden kann, habe ich ausführlich dargelegt.) Daran anschließend problematisiert Peichl sogleich die Befragung des Teiresias und dessen Weissagung, dass Narziss alt werden könnte, wenn er sich selbst nicht erkennt:

„Was das für die Erziehung in der Kindheit bedeutet, können wir uns nur ausmalen: Du darfst nicht erfahren, ,erkennen‘, welcher Art dein Ursprung ist (Gewalt durch einen göttlichen Mann), wer du bist (ein Sohn eines Gottes), was du kannst, was deine Ziele im Leben sind. Kann so gesunde Selbstliebe und Selbstakzeptanz entstehen?“

Selbstbewusstsein trotz Horrorgeschichte?

Wenn aus einer Zeugung durch Vergewaltigung, wie sie Peichl aus dem Mythos herausliest, ein Kind mit „gesunder Selbstliebe und Selbstakzeptanz“ hervorgeht, dann gehört dazu zweifellos eine gehörige Portion günstiger Begleitumstände. Nun ist Narziss aber auf jeden Fall ein prachtvolles Beispiel für „gesunde Selbstliebe und Selbstakzeptanz“. Offenbar hat sich weder die Art seiner Zeugung noch die Prophezeiung negativ auf ihn ausgewirkt. Narziss ist sich jedenfalls seiner Gefühle gegenüber seiner Zwillingsschwester, seinen Eltern und Freunden sicher. Genauso in Bezug auf Echo, Ameinias und Ellops. (Das folgt jedenfalls unmittelbar aus der Kenntnis des Mythos in seinen sieben Varianten, die Peichl aus meinem Artikel gewinnen konnte.) Gehen wir doch also einmal davon aus, dass es tatsächlich die Eltern waren, die ihrem Sohn ein solch vitales, kraftvolles Selbstbewusstsein vermittelt haben. Aber das wäre für Peichl natürlich nicht traumatisierend genug. Deshalb muss er wohl (fälschlich) den Aspekt der „Vergewaltigung” so betonen.

Trauma der Echo:
Der Konflikt mit Hera

Peichl kreidet der Hera zu Recht an, dass sie ihren Unmut an einem schwächeren Glied in der Beziehungskette auslässt, statt an ihrem treulosen Gatten. So weit, so gut. Aber können wir Hera wirklich jeglichen Grund absprechen, sich über Echos verräterisches Spiel zu ärgern? Willfährig hat sie sich von Zeus für seine Seitensprünge instrumentalisieren lassen. Dabei wollte sie die Göttermutter für dumm verkaufen.

Narziss und Echo

Plagiat II und ein Widerspruch

Peichl scheint bemüht zu sein, etwas Eigenes aus der Passage zu machen, die er in meinem Beitrag von 2008 vorgefunden hatte. Dort heißt es (S.445):

„Wer mag ihm [Narziss] allen Ernstes vorhalten, dass er eine Beziehung mit Echo ablehnt? Jeder Versuch eines Gesprächs mit ihr wird zum Monolog mit Echo.“

Peichl macht daraus – im Widerspruch zu seiner zuvor geäußerten Behauptung von der „Tragik“:

„Warum in aller Welt sollte sich Narziss in eine Frau verlieben, mit der jeder Versuch eines Gesprächs zum Monolog, zum Echo wird, ohne die Resonanz eines eigenständigen Gegenübers? Liebe Männer und Leser dieses Buches: Finden Sie so eine Frau begehrenswert, die nur nachplappert, was Sie gesagt haben?“

Dabei ist es nun weder ein reiner Monolog noch ein bloßes Echo. Aber natürlich auch kein Dialog. Sondern halt ein „Monolog mit Echo“. Und Peichl blendet bei seiner Übernahme meines Gedankens völlig den inhaltlichen Kern meiner Analyse aus: Wenn es doch so unmöglich ist, mit Echo wirklich in Kontakt und Austausch zu kommen, dann ist es doch frei von jeder Tragik, dass die beiden „sich nicht in Liebe vereinen und ein glückliches Paar werden können“. Tragisch wäre doch viel eher gewesen, wenn sich Narziss hätte breitschlagen lassen, eine solche Beziehung einzugehen. Das Scheidungsdrama wäre absehbar gewesen. Sie passen halt nicht zusammen. Na und? Darin liegt – jedenfalls für Narziss – überhaupt keine „Tragik“.

Plagiat III

An das obige Zitat aus meinem alten Beitrag schließt sich an:

„Es fehlt jede Resonanz eines eigenständigen Gegenübers.“

Peichl macht daraus, wie schon zitiert:

„… ohne die Resonanz eines eigenständigen Gegenübers“ – und setzt dann fort:

„Was beiden fehlt ist die Fähigkeit und Möglichkeit zur Resonanz auf den jeweils anderen – eine Fähigkeit, die gemeinsames Wachstum in Liebe erst ermöglicht. Beide sind Echo und nicht Resonanz: Er schaut in den Teich und erblickt sich selbst (visuelles Echo) und sie wird zu Stein und wirft das zurück, was an ihr abprallt (akustisches Echo).“

Narziss = Echo?

Aber kann es denn einen größeren Kontrast geben als den zwischen einer substanzlosen Echo und einem selbstbewussten Narziss?

Narziss ist jemand, der auf Echo, Ameinias und Ellops nicht einfach nur echo- oder spiegelhaft reagiert. Vielmehr quittiert er Beziehungswünsche von Menschen, die überhaupt nicht zu ihm passen, mit klarer Ablehnung. Er gibt nicht blind das zurück, was an ihn herangetragen wird. Narziss ist kein bloßes Echo. Er verfügt – im krassen Gegensatz zu Echo – über die Fähigkeit, eine persönliche und charakteristische Resonanz zu geben.

Rätselhafte Worte I (Fortsetzung der Verwirrung)

Peichl: „Was Narziss bräuchte, wäre die Suche nach einem Liebesobjekt, das[s – so im Original; K.S.] er nicht als einzigartig idealisieren und mit dem er verschmelzen möchte, so wie mit seinem eigenen Echo-Bild im Wasser.“

Für mich ein undurchdringbares Gedankendickicht. Was genau bräuchte dieser Narziss in Peichls Augen: das Liebesobjekt selbst oder die Suche danach? Fehlt ihm ein Objekt, das er nicht als einzigartig idealisieren muss und mit dem er verschmelzen oder mit dem er gerade nicht verschmelzen möchte?

Abgesehen von diesen Unklarheiten: Die Sehnsucht des Narziss nach dem eigenen Abbild geht nicht auf ein Bedürfnis von ihm selbst, sondern auf eine Bestrafung durch Nemesis zurück. Außerdem will Narziss nicht mit diesem Spiegelbild „verschmelzen“, sondern es festhalten. Es ist der aussichtslose Versuch, der natürlichen Vergänglichkeit zu trotzen.

Rätselhafte Worte II (Fortsetzung der Verwirrung)

Im Anschluss an das obige Zitat folgt:

„Die Nymphe Echo vermag das nicht zu leisten, weil sie im gleichen Problem verfangen ist wie er.“

Was genau soll dieses „das“ sein, das Echo angeblich nicht zu leisten vermag? Ist es die Fähigkeit, ein „Liebesobjekt“ zu sein, das nicht als einzigartig idealisiert werden muss, mit dem man verschmelzen oder gerade nicht verschmelzen möchte? Inwiefern sollte das „Liebesobjekt“ es „leisten“ können, idealisiert zu werden oder auch nicht, Verschmelzungswünsche zu wecken oder auch gerade nicht?

Abgrenzungsfähigkeit

Gegen Verschmelzung und Symbiose in Beziehung gibt es ein wichtiges Mittel: Abgrenzung. Wenn hier also eine Eigenschaft ins Spiel kommen soll, die in der Macht des „Objektes“ liegt, dann müsste das so etwas wie „Abgrenzungsfähigkeit“ sein. Und diesbezüglich ist doch sehr eindeutig, wer darüber verfügt und wer nicht. Und dabei wird deutlich, dass Peichls Behauptung, wonach Echo „im gleichen Problem verfangen“ sei wie Narziss, die (fiktive) Wirklichkeit ins totale Gegenteil verkehrt.

Eigenständigkeit

Ein weiterer Grund, Peichls Analyse als grotesk zu verwerfen: Echo ist zwingend auf andere angewiesen, um überhaupt irgendwie Stellung beziehen zu können. Sie kann erst dann jeweils das von anderen Gesprochene nachplappern. Nur so kann sie selbst einen Gedanken, eine Absicht oder einen Wunsch zum Ausdruck bringen. Narziss hingegen verfügt über ein breites Spektrum an Möglichkeiten, ein eigenes Profil zu zeigen. Seinen eigenen Willen vermag er klar und deutlich kundzutun.

Die Möglichkeit,
feste Standpunkte einzunehmen

„Für eine heilsame Entwicklung beider“, so Psychotherapeut Peichl, „wäre also Resonanz unerlässlich – dass sich jenes andere Objekt, das man/frau begehrt, zugleich als eins erweist, das nicht mit ihm/ihr identisch ist, sondern dem er/sie real-sinnlich begegnen und mit ihm/ihr eine wirkliche Beziehung aufnehmen kann. Das wäre Resonanz und nicht Echo.“

In Bezug auf Narziss ist wohl ziemlich klar, dass er diese Bedingung für „heilsame Entwicklung“ erfüllt. Er ist in der Lage, sich gegenüber anderen klar zu positionieren. Im Fall von Echo, Ameinias und Ellops geschieht das in Form einer eindeutigen Abfuhr. Im Fall von Zwillingsschwester, Vater, Mutter und Gefährten zeigt er einen eindeutigen Kontaktwunsch.

Echo hingegen würde auf jedes „Ich liebe dich!“ wahllos „Liebe dich!“ antworten. Und jedes Schweigen eines Verstorbenen würde sie mit Schweigen beantworten. Das ist der Unterschied.

Plagiat IV

Bei Behary findet sich (2009):

„Weil Narcissus sich nach dem Bild, das er im Teich gespiegelt sah, nur sehnen, es sich aber nie wirklich zu eigen machen konnte, welkte er schließlich dahin und verwandelte sich in eine Blume – eine wunderschöne Blume. Die bewegende Tragödie, die in diesem Mythos beschrieben wird, vermittelt uns die Moral, daß wahre Schönheit und Lieblichkeit erblühen, wenn die zwanghafte und übermäßige Selbstliebe erlischt.“

Peichl macht daraus:

„(…) und eine Narzisse erblühte an dieser Stelle. Die dargestellte Tragik in diesem Mythos soll uns den moralischen Wert nahebringen, dass wahre Schönheit und Liebreiz dort in Liebe erblühen, wo exzessive und zwanghafte Selbstliebe überwunden sind. Eine schöne Geschichte fürwahr, aber für mich voller Widersprüche.“

Jammern über
selbst produzierte Widersprüche

Tja, und dabei hatte Peichl sich doch so redlich bemüht, etliche dieser vermeintlichen „Widersprüche“ auszubügeln: die männlichen Bewerber, die Unerträglichkeit der Echo, die völlig unangemessene Bestrafung, die von Ovid nur ironisch gemeint gewesen sein kann. Jetzt aber ist er mit diesem Rumpf-Mythos, den er selbst so entstellt hat, erst recht unzufrieden – nach dem Motto: „Ich habe mir da jetzt meine eigene Version von dem Mythos zusammengebastelt, aber die gefällt mir nicht. Also hat die Geschichte keinen Sinn!“

Wie macht Peichl „Therapie“?

Da liegt doch die Frage nahe, wie Peichl mit seinen KlientInnen umgeht. Wenn diese ihm ihre Lebensgeschichte erzählen: Zimmert er sich daraus etwa auch seine ganz eigene Geschichte zurecht um sagt dann: „Also, das ist ja voller Widersprüche, was Sie mir da erzählen! Damit kann ich nichts anfangen …“ Oder würde er sich bemühen, diese vielleicht nur scheinbaren Widersprüche zu VERSTEHEN?

Unpassende Mythen oder mangelndes Verständnis?

„Schon als sie sich begegnen, haben diese beiden missbrauchten ‚Kinder‘ [Echo und Narziss; K.S.] keine Chance – und das soll eine Parabel für wahre und beständige Liebe sein? Ich halte das nicht für eine pädagogisch wertvolle Geschichte, sondern für eine etwas seltsame Moral.“

Möglicherweise hat Peichl die „Moral“ der Geschichte ja auch bloß nicht verstanden. Denn wer hat je behauptet, dass es sich hierbei um „eine Parabel für wahre und beständige Liebe“ handelt? Warum greift er nicht einfach auf das zurück, was er in meinem Artikel (2008, S.448) unter der Zwischenüberschrift „Und die Moral von der Geschicht’“ lesen konnte und zwei Seiten zuvor wörtlich zitiert hat?

Dieser Mythos erzählt unter anderem von dem Leiden an der Aufdringlichkeit anderer, die bei Abweisung psychische und physische Gewalt ausüben. Warum diffamiert er skrupellos antikes Kulturgut? Warum missversteht er ein einfaches Gleichnis? Dieses Missverständnis hat eine mehr als hundertjährige Tradition und wurde ihm in seiner Ausbildung vermutlich eingetrichtert. Meinen erläuternden Text dazu von 2008 liest er zwar, die dort enthaltenen Einsichten ignoriert er jedoch konsequent. Nur einzelne Formulierungen schlachtet er für sich aus. Und am Ende konstatiert er naserümpfend: Das, was er sich zurechtgebogen hat, halte er „nicht für eine pädagogisch wertvolle Geschichte“. Noch dazu habe sie „eine etwas seltsame Moral“. Das liegt aber nicht an dem Mythos selbst, sondern an Peichls unpassender Zusammenfassung.

Plagiat V und
erneuter Widerspruch

Das mit der „etwas seltsamen Moral“ steht dabei übrigens im Widerspruch zu dem, was Peichl an anderer Stelle über seine (angebliche) generelle Sicht auf die Funktion von Mythen und Märchen sagt:

„Griechische und römische Mythologien oder auch Märchen aus unserem Sprachraum hatten von jeher eine pädagogische und heilsam-tröstliche Aufgabe, waren in ihnen doch die allgemeinen menschlichen Erfahrungen wie Liebe, Leid, Verlust, Bösartigkeit usw. in gefällige Geschichten für das Volk gekleidet.“

Das wiederum ähnelt auffällig der einleitenden Passage meines Artikels von 2008 (S.443):

„Seit Jahrtausenden lassen sich Menschen von Bildern, Symbolen und Texten ansprechen und berühren, die zeitlos aktuelle, allgemein menschliche Erfahrungen – z.B. von Liebe, Verbundenheit, Selbstbehauptung, aber auch von Bedrängnis, Boshaftigkeit, Trauer, Tod u.a. – zum Ausdruck bringen. Entsprechende Texte haben – nach dem Arzt Aristoteles – heilsame, reinigende Wirkung, weil das Publikum zum entlastenden Ausdruck von Gefühlen und Impulsen angeregt wird (= Katharsis). Die Geschichte von Narziss offenbart eine solch heilsame, tröstliche Psycho-Logie.“

Hätte sich Peichl ein wenig um ein echtes Verständnis des schönen Mythos bemüht, dann hätte er sich seine Phrase über den „nicht (…) pädagogisch wertvollen“ Mythos mit „einer etwas seltsamen Moral“ sparen können.

Trivialisierung

Bei mir ist das, was ich sage, sehr ernst gemeint. Niemals käme ich auf den Gedanken, Mythen so zu trivialisieren wie es Peichl offenbar für lustig hält:

„Die Götter und Göttinnen wurden im Altertum darin so ,menschlich‘ dargestellt, dass man heute glauben könnte, wir hätten es mit einem ,Käfig voller Narren‘ oder einer Direktübertragung von ,Big Brother‘ direkt vom Olymp, dem Götterberg in Griechenland, zu tun.“

Was genau hält Herrn Peichl davon ab, meiner Interpretation von 2008 zu folgen und den Narziss-Mythos als zeitloses Gleichnis über das Leiden an sozialen Beziehungen zu verstehen? Das reicht über lukrativ vermarkteten, telegen inszenierten Exhibitionismus à la „Big Brother“ weit hinaus.

Noch mehr Verwirrung

„Noch einmal Markus Frauchinger: ‚In diesem Zusammenhang wäre es übrigens verlockend, der vom Auge dominierten Gefallsucht des Narzissmus eine als ‚Echoismus‘ zu bezeichnende Neigung, sich selbst gerne reden zu hören, gegenüberzustellen.‘“

Ein weiteres Musterbeispiel von fehlendem Symbolverständnis und Begriffsverwirrung in Peichls Werk. Er übernimmt hier offenbar zustimmend diese Aussage von Frauchinger. Beide Herren sind offenbar äußerst unbefangen darin, Aussagen und Deutungen in die Welt zu setzen, ohne sie im Geringsten einer Plausibilitätsprüfung zu unterziehen.

Gefallsucht

Fangen wir an mit der angeblichen „Gefallsucht“ des Narziss. Der june Mann legt doch überhaupt gar keinen Wert darauf, anderen – wie beispielsweise Echo, Ameinias oder Ellops – zu GEFALLEN!

Echo – VOR oder NACH der Bestrafung?

Von Frauchinger / Peichl wäre erst einmal klarzustellen: Beziehen wir uns auf die Echo VOR der Bestrafung oder auf die Echo NACH der Bestrafung?

Echo VOR der Bestrafung

Vor ihrer Bestrafung ist Echo eine Gestalt, die ihre Vielrednerei systematisch einsetzt, um Hera abzulenken. Sie macht das NICHT, weil sie sich selbst gerne reden hört. Sondern sie macht das, um eine Art Auftrag von Zeus zu erfüllen. Sie hat die Aufgabe, Hera in ein Gespräch zu verwickeln. Vermutlich tut sie bei einem solchen Job gut daran, auch die Gegenseite mal zu Wort kommen zu lassen. Ansonsten wäre einer Götter-Mutter solch eine „Unterredung“ vermutlich ziemlich bald zu blöd. Das würde den Erfolg der List gefährden.

Echo NACH der Bestrafung

Nachdem Hera sie nun bestraft hat – und eigentlich bekommen wir sie in dem Mythos nur so vorgestellt –, da hat Echo das Problem, dass sie jetzt nicht mehr eigenständig reden kann. Selbst dann, wenn sie sich jetzt selbst gerne reden hören würde – sie könnte es einfach nicht. Sie wäre jeweils auf Vorschwätzer angewiesen und könnte dann nur ein paar von deren letzten Worten wiederholen.

Sich selbst gerne reden hören

Menschen, die sich selbst gerne reden hören, wollen meist nichts von anderen vorgeschwätzt bekommen, um es lediglich zu wiederholen. Vielmehr texten sie andere zu, weil sie von der übergroßen Wichtigkeit dessen überzeugt sind, was sie da von sich geben. Solche Menschen würden die meisten „Narzissmus-ExpertInnen“ wohl als „narzisstisch“ bezeichnen.

Der Vorschlag, solche „Narzissten“ künftig „Echoisten“ zu nennen, sorgt nur für noch mehr Verwirrung. Denn die „Neigung, sich selbst gerne reden zu hören“ ist weder bei Narziss noch bei Echo zu beobachten.

Und noch mehr Verwirrung

Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung

Peichl beteuert zunächst, dass es um „diese Gruppe Menschen mit einer sogenannten ,narzisstischen Persönlichkeitsstörung‘ (…) nicht gehen [soll]. Diese Thematik sei bei Kohut und Kernberg „sehr genau, differenziert und sehr wissenschaftlich beschrieben“, aber eben leider „aus einer ganz bestimmten psychoanalyse-eigenen Perspektive: aus der Defizitperspektive.“ Und davon will Peichl sich ausdrücklich abgrenzen:

„Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung, und Menschen, denen die Diagnose ,Narzisstische Persönlichkeit‘ (F60.8 im ICD-10) gegeben wurde, sollten sich Hilfe bei meinen psychiatrischen und psychotherapeutischen Kolleginnen und Kollegen holen. (…) Darüber werden Sie von mir an dieser Stelle nichts weiter hören. Hier geht es ,um dich und mich‘ und damit auch um Sie und uns ‚Normalneurotiker‘, uns erwachsene Kinder von ,normalen Eltern‘.“

Narzissmus geht uns alle an

Im Widerspruch dazu – und Hypnotherapeuten erzeugen ja gerne Verwirrung – heißt es, er hoffe, in der Lage zu sein, „persönliche Fragen zum sogenannten Narzissmus zu beantworten und das alles mit einem Augenzwinkern und einer Prise Selbstironie.“

„So wie ich den Begriff Narzissmus in diesem Buch benutze, stammt er aus der Persönlichkeitspsychologie und nicht aus der Krankheitslehre der Psychiatrie oder Psychoanalyse. Das bedeutet, Narzissmus geht uns alle an und ist bei jedem von uns mehr oder weniger stark als Persönlichkeitsdimension ausgeprägt. Es handelt sich nicht um einen krankhaften Ausdruck von ,Gestörtheit‘.“

Sowohl als auch

Einerseits beteuert Peichl, er beschäftige sich „nicht mit dem malignen oder pathologischen Narzissmus, einer ernsthaften Störung der Persönlichkeit, die einer psychotherapeutischen oder psychiatrischen Behandlung bedarf. Dafür gibt es schon genug Lehrbücher der Psychiatrie und Psychotherapie.“

Andererseits wird er diesem Vorsatz noch auf derselben Buchseite untreu:

„Ich möchte überprüfen, wo die Grenzlinie zwischen gesunder Selbstliebe, Selbstbewusstsein und Narzissmus verläuft, ob es so etwas wie ‚guten‘ und ,bösen‘ Narzissmus gibt und ob es sinnvoll ist, so eine Begriffsbildung überhaupt zu benutzen.“

Wenn er die Frage stellen will, ob es so etwas wie bösen oder pathologischen Narzissmus („Stalin, Hitler, (…)“) überhaupt gibt, dann wird er sich mit dieser Thematik doch auch beschäftigen müssen. Wie will er denn diese Grenzziehung vornehmen, wenn er dort nicht hinsehen will?

Das ganze Hin und Her dürfte wieder einmal im Dienst seines Verwirrungsprogramms stehen.

Gleich = ungleich?
Ungleich = gleich?

Peichl wollte uns zuvor schon mal weismachen, dass sich Narziss und Echo im Grunde nicht unterscheiden, sondern gleich sind. Jetzt versucht er es mit einem sowohl als auch:

„Beide Protagonisten [Echo und Narziss; K.S.] sind im heutigen Verständnis einer Psychopathologie des Selbst akzentuierte Narzissten: Der eine leidet an zu viel Selbstbezug, der andere an zu wenig Selbstidentität – die zwei Gesichter des Narzissmus, wie wir bald sehen werden.“

Beide unterscheiden sich also. Zu viel Selbstbezug der eine. Zu wenig Selbstidentität die andere. Das seien – „wie wir bald sehen werden“ „die zwei Gesichter des Narzissmus“. Beides scheint also erneut wieder irgendwie „gleich“ zu sein. Die zwei Gesichter von ein und derselben Sache. Ein ziemlich monströser siamesicher Zwilling, den Peichl uns da als grazile Gestalt andrehen möchte.

„Persönlichkeitsdimension“

Ist diese vermeintliche Differenzierung des Narzissmus in unterschiedliche Ausprägungen einer „Persönlichkeitsdimension“ überhaupt gewinnbringend? Warum der Umweg über die fiktive Lebensgeschichte eines griechischen Jünglings, die Tausende Jahre zurückreicht und recht eindeutig ziemlich spezifische menschliche Grunderfahrungen spiegelt?

Warum nicht „Menschismus“?

Würde sich hier nicht – bei der von Peichl so breit angelegten Verwendung des Begriffes Narzissmus – ein neutraleres Wort wie „Menschismus“ empfehlen? Peichl könnte dann sagen, dass wir alle „menschistisch“ sind, auf einer Skala von 0 bis 10, und dann die einzelnen Werte definieren. Er könnte den Bogen von „offensiv menschistisch“ über „gesund menschistisch“ bis „defensiv menschistisch“ aufspannen. (Und natürlich gäbe es – nur am Rande erwähnt – auch „bösartig menschistisch“.) Warum nicht eine bereichernde Begrifflichkeit einführen, bei der dann bestimmt alle wissen, was gemeint ist oder gemeint sein könnte. Sie ließe sich dann mit einem jeweils passenden Attribut zu verknüpfen, zum Beispiel „offen“ oder „verdeckt“, „offensiv“ oder „defensiv“, „gesund“ oder „krankhaft“, „gut“ oder „bösartig“, „zu viel“ oder „zu wenig“, „visuell“ oder „akustisch“ …

Und sollte „menschistisch“ dann nicht am Ende sinnvollerweise als komplett überflüssiges Beiwort gestrichen werden?

Verkaufsschlager
per Modewort

Aber psychologische Ratgeber verkaufen sich wohl besser, wenn sie an ein Modewort anknüpfen. Mit „ein paar ,Hammerthesen‘ zum Thema ,Sind wir alle Narzissten?‘“ will Peichl, so seine eigenen Ausführungen, Gesprächsstoff liefern für die „nächste Stehparty“. Wenn diese Hammerthesen erst mal richtig einschlagen, dann wird das Buch garantiert zum Kassenschlager … Peichl gibt auch schon mal eine „Kurzzusammenfassung“ seines Werkes:

„1. Ich will den Begriff (das Schimpfwort!) ,Narzisst‘ oder ,Narzisstin‘ ent-pathologisieren: Es geht mir mehr darum: ,Darf ich mich auch mal besonders fühlen?‘
2. Die gesunde Form der Selbstliebe, Selbstachtung usw. ist das Gegenteil von Narzissmus. Narzissmus ist die ungesunde Form der Selbstliebe.“ (Es folgen weitere Punkte.)

Und ein paar Seiten weiter:

„Dass es so etwas wie einen guten Narzissmus geben muss, legt schon das Bibelwort nahe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Völlige Unklarheit

Es ist schon sehr beachtlich: Peichl hat schon nach wenigen Seiten ganz widersprüchliche Aussagen vorgelegt zu dem, was Narzissmus nun IST oder auch NICHT IST:

„Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung“ – das sagen zumindest Peichls KollegInnen, und darauf will er nicht so genau eingehen oder gar widersprechen. Kurz verweist er auf die „bösartigen Formen narzisstischer Persönlichkeiten – hierfür würden sich Stalin, Hitler, Pol Pot oder Kim Jong-il usw. sicher gut eignen“.

– Dann: „Narzissmus geht uns alle an und ist bei jedem von uns mehr oder weniger stark als Persönlichkeitsdimension ausgeprägt“ – auf der oben dargestellten Skala von 0 bis 10. Demnach handelt es sich bei Narzissmus „nicht um einen krankhaften Ausdruck von ,Gestörtheit‘“.

– Und gleichzeitig: „Narzissmus ist das Gegenteil von gesunder Selbstliebe“ oder auch: „Narzissmus ist die ungesunde Form der Selbstliebe“.

– Dicht daneben findet sich: „Dass es so etwas wie einen guten Narzissmus geben muss, legt schon das Bibelwort nahe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Bei diesem Wirrwarr fragt sich: Was genau will der Peichl denn nun?

Verwirrung ansprechen

Wie bereits gesagt: Verwirrung ist ein Zustand, den Hypno-Therapeuten gerne bewusst herbeiführen (Bongartz & Bongartz, 1998). Als Hypnotherapeut hat Peichl auch gelernt, dass er die Irritationen, die er selbst bewusst auslöst, offensiv ansprechen sollte. So kokettiert er gleich zu Anfang:

„Aber was will der Peichl denn dann?‘ höre ich Sie schon ungeduldig fragen und mit den Fingern trommeln.“

Ja, genau diese Frage stelle ich mir. Und nein, Peichls Antwort auf diese Frage brauche ich nicht. Denn ich erwarte gar nicht mehr, dass er ernsthaft zu einer Klärung beitragen kann und will. Bereits auf seinen Eingangsseiten wird klar, dass er – bewusst oder unbewusst – darauf zusteuert, bei seinem Publikum heillose Verwirrung zu stiften.

Diejenigen, die sich nicht dagegen wehren, geraten in eine Art Trance, in der sie für Peichls Suggestionen offen sind. Es wäre interessant, sein Publikum nach der Lektüre der ersten Seiten zu fragen, was es denn nun unter Narzissmus versteht. Ziemlich sicher würden die Aussagen der Leute hierzu sehr unterschiedlich ausfallen. Dennoch hätten vermutlich etliche LeserInnen den Eindruck, sehr genau zu wissen, was Peichl gemeint hat.

Anfälligkeit für
Fake-Mythen

Fotografie des Buchcovers von: Narzisstische Verletzungen der Seele heilen (Jochen Peichl, 2015)
Buchcover von: Narzisstische Verletzungen der Seele heilen (Jochen Peichl, 2015)

In Peichls Version des Mythos von 2015 (S.72) heißt es:

„Der Sohn [von Liriope = Narziss; K.S.] wächst als ungeliebtes Kind auf und ist selbst nicht in der Lage zu lieben, sondern er ist eitel, berauscht nur von seiner eigenen Schönheit. (…) Hierauf wird er durch die Göttin Aphrodite verflucht: Er möge sich selbst lieben und niemals glücklich sein – es ist sein Schicksal, sich unsterblich in sein Spiegelbild zu verlieben. Der Sage zufolge stirbt er, als er mal wieder am See sitzt, ins Wasser schaut und plötzlich ein Blatt ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner Hässlichkeit, stirbt er.“

Peichl übernimmt hier sehr weitgehend einen gefakten Mythos, der wohl ziemlich eindeutig auf die deutsche Wikipedia zurückgeht. (Die Zusammenhänge habe ich an anderer Stelle ausführlich dargestellt.) Das ist wohl kein Wunder bei jemandem, der offenbar sowieso kein echtes Interesse für den Mythos aufbringt.

Aber nicht nur, dass Peichl hier – wie etliche seiner KollegInnen – auf Wikipedia hereinfällt (natürlich ohne die Quelle seiner Weisheit ordentlich zu zitieren). Darüber hinaus bevorzugt er hier als Rächerin ganz offensichtlich die (gänzlich unpassende) Göttin Aphrodite. Dies ist eine Dummheit, die wohl nicht erst bei Wikipedia erfunden, aber darüber zumindest fleißig mit verbreitet worden ist.

Neben Nemesis wird schon im ersten Wikipedia-Eintrag zu „Narziss“ vom 04.10.2003 auch Aphrodite als alternative Rächerin gehandelt. Bei Eschenbach (1985) und Mugerauer (1994) – also lange vor Wikipedia – fand ich die bislang ältesten Stellen, an denen dies so gesagt wird. Während Eschenbach keine Quelle für ihre Version offenbart, bezieht sich Mugerauer bei seiner Behauptung – soweit mir ersichtlich: fälschlicherweise – auf Ovid. Am ehesten eignet sich wohl der Text des Konon, um auf einen alternativen Rachegott zu schließen, nämlich auf den Liebesgott Eros. Das bleibt bei Konon aber letztlich unklar. Eros lässt sich jedoch auf keinen Fall mit Aphrodite gleichsetzen.

Am 27.03.2010 wird „Aphrodite“ von einer/m „RE probst“ – ohne Quellenangabe – durch Artemis ersetzt. Diese Version hat sich einige Zeit gehalten. Aktuell ist Artemis wieder gestrichen und Aphrodite ist wieder im Rennen.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

In den Ausführungen oben ist wohl deutlich geworden, dass ich Peichls Umgang mit dem Mythos für ausgesprochen schlampig, verständnislos und geradezu bewusst manipulativ halte. Mir ist nicht klar, wem genau er damit einen Gefallen tun will.

Begriffsgeschichte

Obwohl Peichl in zwei Büchern den Begriff Narzissmus als zentrale Analyse-Kategorie verwendet, verzichtet er gänzlich auf Hinweise zu dessen verquerer Entstehungsgeschichte. Das ist besonders bemerkenswert, weil er in seiner Arbeit ja unter anderem meinen Artikel erwähnt, in dem die seltsamen Zusammenhänge bereits recht ausführlich dargestellt sind, so auch die Tabelle zur Begriffsverwirrung zwischen Ellis, Näcke und Freud. Natürlich lassen sich alle möglichen Lobeshymnen auf den Narzissmus und seine Entdeckung erdichten, wenn dieses Durcheinander ausgeblendet wird.

 

Fazit

Peichl verdreht mit großer Unbefangenheit einen alten, therapeutisch wertvollen Mythos. Dass er sich dabei unbefangen der Arbeiten anderer bedient und daraus vermeintlich eigene Formulierungen macht, das hätte bei manchen Politikern womöglich bereits zu einem Rücktritt geführt. Darüber hinaus: Seine wohl in Hypnose-Seminaren erworbene Leichtigkeit, in seinen Äußerungen Verwirrung zu erzeugen, mag ihn als Hypnotherapeuten auszeichnen. Jedoch ist dies für echte Aufklärung im Rahmen eines Sachbuches völlig ungeeignet. Vielmehr reiht er sich damit womöglich nur in die Reihe derjenigen Fachleute willfährig ein, die sich der Verwirrung und Manipulation der Massen im Dienst der Mächtigen dieser Welt angedient haben. Damit lässt er sich als einer der Experten identifizieren, vor denen uns Rainer Mausfeld – zu Recht! – ausdrücklich warnen möchte.

 

Literatur

Behary, Wendy (2009): Der ‚Feind‘ an Ihrer Seite. Wie Sie im Umgang mit Ego­zen­trikern überleben und wachsen kön­nen. (Originaltitel: Disar­ming the Narcissist, 2008). Pader­born, Junfermann

Bongartz, Walter & Bongartz, Bärbel (1998): Hypnosetherapie. Göttingen u.a., Hogrefe Verlag

Eschenbach, Ursula (1985): Vom Mythos zum Narzißmus. Vom Selbst zum Ich. The­ra­peu­tische Konzepte der Ana­ly­tischen Psychologie C.G. Jungs. Fellbach, Bonz Verlag

Mausfeld, Rainer (2018): Warum Schweigen die Lämmer? Wie Elitedemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Frankfurt a.M., Westend

Mugerauer, Roland (1994): Narzißmus: eine erzie­he­rische Herausforderung in pä­dagogischen und sozialen Praxis­feldern. Marburg, Tec­tum Verlag

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta

Peichl, Jochen (2017): Warum es auch gut ist, Narzisst zu sein. München, Kösel

Schlagmann, Klaus (2008): Zur Rehabilitation von Narziss. Mythos und Begriff. In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration. 34/2008, 443-464 (online)

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