Rauchfleisch, Udo (2017) und Narziss bzw. Narzissmus

Narzissten sind auch nur Menschen

In seinem Buch (Untertitel: Wie wir mit ihnen klarkommen. Ein Ratgeber) bezieht sich Rauchfleisch immerhin auf alle sieben Varianten des Mythos. Und er hat offenbar auch meinen Artikel von 2008 gelesen. Aber auch er tut zumindest so – wie Marneros und Peichl – als hätte er mich nicht verstanden. Ihm fehlt jedes Verständnis für die Not des Narziss.

Begriffs-Kritik

Rauchfleisch konstatiert zu Beginn seines Buches:

„Sichtet man die Literatur zum Narzissmuskonzept, so stellt man fest, dass dem Begriff ‚Narzissmus‘ im Allgemeinen etwas sehr Negatives anhaftet. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird die Eigenschaft ,narzisstisch‘ für einen Menschen verwendet, der selbstverliebt und eitel ist. Eine solche Charakterisierung trifft zwar zum Teil zu. Sie beschreibt aber lediglich die Oberfläche, den im Verhalten eines solchen Menschen sichtbaren Teil seiner Persönlichkeit. Die dieser Persönlichkeitsstörung zugrunde liegende Selbstwertstörung wird mit der Beschreibung ‚selbstverliebt‘ und ‚eitel‘ jedoch nicht berücksichtigt.“

So weit, so gut. Er führt weiter aus, dass „unter diesem Etikett in der Fachliteratur zum Teil völlig verschiedene Phänomene behandelt [werden]. Deshalb rät er sogar zum vorsichtigen Gebrauch des Wortes „narzisstisch“. Immerhin. In diesem Zusammenhang:

„Deshalb spricht Schlagmann geradezu von einer ‚Sprachverwirrung von babylonischem Ausmaß‘.“

Doch der Autor leitet daraus keinerlei Konsequenzen ab, etwa ein Plädoyer für die Abschaffung dieses völlig unklaren Begriffes. Im Gegenteil: Er trägt sogar zu dessen Fortbestand bei.

Sieben Varianten
des Mythos

Rauchfleisch fasst die sieben Varianten des Mythos von Narkissos grob zusammen. Er versieht das mit dem fragwürdigen Zusatz, dass sich darin „viel von dem ab[bildet], was für Menschen mit einer narzisstischen Störung charakteristisch ist“. Diese Behauptung macht er inkeiner Weise plausibel.

Rückkehr zu den Quellen

Wenn Rauchfleisch von dem Mythos berichtet, dass „Narkissos als Kind zweier Wasserwesen, des Flussgottes Kephissos und der Quellnymphe Leiriope, im Tod gleichsam zu seinem Ursprung zurück[kehrt], dann erinnert das doch sehr an meine Arbeit von 2008. Dort hatte ich geschrieben (S.443):

„Die Eltern des Narziss sind Wasserwesen: Der Flussgott Kephissos und die Quellnymphe Leiriope. Der Ort seines Todes – zugleich derjenige seines Ursprungs – ist wohl mit Bedacht gewählt: Geburt und Tod sind eng miteinander verknüpft.“

Rauchfleisch gibt mich zwar an der genannten Stelle nicht als Quelle seiner Inspiration an, hat jedoch meinen Beitrag von 2008 immerhin in sein Literaturverzeichnis aufgenommen.

Zählung der Mythos-Varianten

In Bezug auf Pausanias, der von der Trauer des Narziss um den Tod der Zwillingsschwester erzählt, spricht auch Rauchfleisch von „einer ersten Version des Mythos“ und übernimmt damit meine Nummerierung von 2008. Meines Erachtens erschließt sich der psycho-logische Gehalt des Mythos tatsächlich am deutlichsten in der Pausanias-Version. Auch bei der Aufstellung der folgenden Versionen orientiert sich Rauchfleisch exakt an meiner Zählung (Version 2: Vater; Version 3: Mutter, …). Schade nur, dass er meinem Resümee der zwei Arten, an sozialen Beziehungen zu leiden, nicht folgen wollte.

Trauer um die Zwillingsschwester

So mag er auch beispielsweise die allzu natürliche Trauer eines jungen Menschen um seine Zwillingsschwester nicht wörtlich nehmen, sondern vermutet einen vermeintlich tieferen Hintergrund:

„In diesem Fall geht es im Mythos darum, dass ein geliebter Mensch als der eigenen Person gleich erlebt und eine Verschmelzung mit dieser Person (im Sinne eines Selbstobjekts) gesucht wird.“

Warum bemüht Rauchfleisch derart verwirrende, abstrakte Konstrukte, statt das Bild für sich sprechen zu lassen? Pausanias zufolge ist dem Narziss nämlich völlig klar, dass es sein eigenes Spiegelbild ist, das er zu greifen sucht. Es geht dabei nicht um Verschmelzen-Wollen, sondern um das vergebliche Festhalten-Wollen eines geliebten Menschen und um die tiefe Trauer darüber.

Suche nach Ideal-Objekten?

Dass Narziss nach dem vermeintlichen Vater und der vermeintlichen Mutter greift, fasst Rauchfleisch ebenfalls in seltsam abstrakter Weise als die „Suche nach einem Idealobjekt“ auf – was auch immer das heißen mag. Und in dem Griff nach sich selbst sieht er schließlich „im Sinne unserer modernen Narzissmustheorien die verhängnisvolle Situation eines Menschen, der die Erfüllung seiner Liebeswünsche in der Konzentration auf sich selbst sucht“ – und lenkt damit beharrlich von jener viel weniger abstrakten Sicht ab, wie ich sie formuliert hatte: das vergebliche Festhalten-Wollen und das Betrauern der eigenen Endlichkeit.

Liebeswünsche zweier Männer?

Rauchfleisch spricht auch die Thematik der „gleichgeschlechtlichen Liebe zweier Männer zu Narkissos“ an. Er bezieht sich dabei auf Ameinias und Ellops, die von Narziss mit ihren Beziehungswünschen abgewiesen werden. Unter Bezug auf Konon spricht Rauchfleisch davon, dass „sich Narkissos das Leben [nimmt], weil er die unerfüllte Sehnsucht nach dem eigenen Spiegelbild nicht erträgt.“ Das wird bei Konon zwar so gesagt, doch wird dort auch schon das Thema der angeblich gerechten Bestrafung wegen der vermeintlichen Verantwortung für den Tod des Ameinias angesprochen. Von der Symbolik her ließe sich das so übersetzen, dass die vermittelten Schuldgefühle bei Narziss bereits greifen und ihn leiden lassen. Und als hätte er daran nichts auszusetzen, als hätte er keinerlei Mitgefühl für den derartig unter Druck gebrachten Narziss, heißt es bei Rauchfleisch weiter:

„Im Zentrum dieser beiden Versionen des Mythos [hier ist die Version mit Ellops inbegriffen; K.S.] stehen, ähnlich wie in der Geschichte der von Narkissos verschmähten Nymphe Echo, die Zurückweisung der Liebeswünsche anderer Menschen.“

Kein Fünkchen Verständnis für Narziss, der von zwei Kerlen bedrängt und belästigt wird. Narziss ist für Rauchfleisch offenbar der Bösewicht, der die harmlosen „Liebeswünsche“ zweier Männer zurückweist. Wie garstig! Dabei gibt es doch viele plausible Erklärungen, warum ein Mensch sich den Avancen eines anderen Menschen verschließt. Dafür müsste Narziss im Fall von Ameinias und Ellops nicht mal zwingend heterosexuell sein.

Am Ende quittieren die Abgewiesenen es halt nachdrücklich mit einem Selbstmord auf der Türschwelle bzw. mit der Ermordung des Unerreichten. So what!?

Narziss = Narzissmus

Und unmittelbar an das letzte Rauchfleisch-Zitat anknüpfend:

„Die in den verschiedenen Versionen des Mythos thematisierten Motive finden sich in der einen oder anderen Weise auch in den modernen psychologischen Narzissmustheorien. Im Zentrum steht die Unfähigkeit der narzisstischen Person, die Liebe anderer Menschen anzunehmen und darauf mit eigenen Liebesgefühlen zu antworten.“

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Kann denn bei Echo, Ameinias und Ellops überhaupt von der „Liebe anderer Menschen“ gesprochen werden? Hätten diese Drei den Narziss wirklich geliebt, dann hätten sie ihn in Ruhe gelassen! Rauchfleisch kann doch nicht ernsthaft denken, Narziss hätte auf deren Zudringlichkeit „mit eigenen Liebesgefühlen (…) antworten“ sollen. Wie stellt er sich das vor? Vielleicht mit allen gleichzeitig, wo sie doch alle so schrecklich in „Liebe“ zu ihm entbrannt sind? Oder immer abwechselnd?

Mythenrezeption

Begriffsgeschichte
Rauchfleisch verzichtet gänzlich auf Hinweise zur verqueren Entstehungsgeschichte des Begriffs. Das ist bei ihm besonders bemerkenswert, weil er in seiner Arbeit unter anderem meinen Artikel erwähnt, in dem die seltsamen Zusammenhänge bereits recht ausführlich dargestellt sind, so auch die Tabelle zur Begriffsverwirrung zwischen Ellis, Näcke und Freud. Allerdings lassen sich natürlich leichter alle möglichen Lobeshymnen auf den Narzissmus und seine Entdeckung erdichten, wenn dieses Durcheinander ausgeblendet wird.

Literatur

Rauchfleisch, Udo (2017): Narzissten sind auch nur Menschen. Wie wir mit ihnen klarkommen. Ein Ratgeber. Ostfildern, Patmos