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Reingefallen

Hier eine Liste derjenigen Personen, die aus den Wikipedia-Pausanias-Fake-Mythos kritiklos hereingefallen sind. Die entsprechenden Textpassagen werden zitiert. und eine Erläuterung, wie sie das gemacht haben.

  • Klaus Schmeh (2007)
  • Miriam Meckel (2011)
  • Siegfried Saerberg (2011)
  • Hans-Joachim Maaz (2012)
  • Hilmar Klute (2012)
  • Jochen Peichl (2015)
  • Christa Holtei (2015)
  • Constantin Rauer (2015)
  • Raphael Bonelli (2016)
  • Antonius Weixler (2016)
  • Reinhard Haller (2017)
  • Mario Lochner (2020)

Nachgetragen (recherchiert vom Wikipedia-Autor „Mautpreller“ – vielen Dank!)

  • Christhard Rüdiger (2016)
  • Emanuel Jauk, Mathias Benedek , Karl Koschutnig, Gayannée Kedia & Aljoscha C. Neubauer (2017)

Klaus Schmeh (2007)

Klaus Schmeh, Informatiker und Sachbuchautor, schreibt:

„Der Sohn des Flussgottes Kephissos und einer Nymphe war von außerordentlicher Schönheit und fand selbst großen Gefallen an seinem Äußeren. Dies ging so weit, das Narziss sich mit der Zeit in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Als er sich eines Tages wieder einmal an einen See setzte, um seinen gespiegelten Anblick zu betrachten, fiel ein Blatt ins Wasser. Die dadurch entstandenen Wellen trübten das makellose Bild und verleiteten Narziss zu der Einschätzung, er sei auf einmal hässlich geworden. Dies schockierte den schönen Sagenhelden so sehr, dass er vor Schreck starb. Nach seinem Tod verwandelte er sich in eine Blume, die seither Narzisse genannt wird.“

Auf die Angabe, wo er diese Weisheit aufgeschnappt hat, verzichtet Schmeh vorsichtshalber.

Miriam Meckel (2011)

Im SPIEGEL-Artikel Nr. 38 von 2011 findet sich der Artikel „Weltkurzsichtigkeit“ von Miriam Meckel, ordentliche Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen. Ihr Beitrag war in der Kategorie Bester Essay für den Deutschen Reporterpreis 2011 nominiert. Meckel schreibt:

„Wie der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos genau ums Leben kam, verrät die griechische Mythologie nicht. Es gibt drei Versionen. (…) Die andere sagt, er starb, nachdem ein herabfallendes Blatt sein Spiegelbild im Wasser verzerrt hatte und er plötzlich erkannte, dass er hässlich war.“

Auch bei Meckel führt die Frage, woher diese Variante stammt, zu keinem Ergebnis: keine Quellenangabe.

Siegfried Saerberg (2011)

Siegfried Saerberg, Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Rauhes Haus, in Hamburg, schreibt:

Eine Variante berichtet, dass der in sein Spiegelbild vernarrte Narziss durch göttlichen Willen bestraft wird. Ein Blatt fällt ins Wasser und durch die aufkreisenden Wellen wird sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner zerstörten Schönheit stirbt Narziss.“

Eine belastbare antike Quelle für diese Denunzierung des Narziss führt Saerberg hier nicht an.

Hans-Joachim Maaz (2012)

Bei Hans-Joachim Maaz, dem ehemaligen Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale), dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT) und dem aktuellen Vorsitzenden des Choriner Instituts für Tiefenpsychologie und psychosoziale Prävention (CIT), lesen wir:

„Wie der Seher vorausgesagt hat, kommt Narziss im Prozess der Selbsterkenntnis zu Tode. (…) Bei Pausanias fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser und verzerrt das eigene Spiegelbild.“

Diese Darstellung – ausführlicher hier besprochen – fließt dann ein in das, was Maaz als die „wesentlichen Inhalte und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ auflistet, neben anderem auch „Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes“. Auch hier keine belastbare Quellenangabe.

Hilmar Klute (2012)

Hilmar Klute, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor, lässt sich über Narziss vernehmen:

Narziss verliebte sich in sein eigenes Antlitz, das er in einem See gespiegelt sah. Nun gibt es unterschiedliche Versionen, wie Narzissos an dieser Liebe zugrunde ging. … Eine andere Lesart sieht vor, dass Narziss den Anblick seines Konterfeis im Spiegel des Gewässers sehr wohl genoss ud sich durchaus eine Zukunft mit sich selbst hätte vorstellen können. Dann aber löste sich ein Blatt vom Baum, fiel in den See und erzeugte die bekannten Wellen, welche das glatte Antlitz des Göttersohns derart verzerrten, dass dieser davon ausging, plötzlich hässlich geworden zu sein. Auch diese Erkenntnis führte zum Messertod aus eigener Hand.“

So weit, so Klute.

Jochen Peichl (2015)

In der Version des Mythos von Jochen Peichl, Leiter des Institutes für hypno-analytische Teiletherapie (InHAT) in Nürnberg, heißt es (2015, S.72):

„Der Sohn [von Liriope = Narziss; K.S.] wächst als ungeliebtes Kind auf und ist selbst nicht in der Lage zu lieben, sondern er ist eitel, berauscht nur von seiner eigenen Schönheit. (…) Hierauf wird er durch die Göttin Aphrodite verflucht: Er möge sich selbst lieben und niemals glücklich sein – es ist sein Schicksal, sich unsterblich in sein Spiegelbild zu verlieben. Der Sage zufolge stirbt er, als er mal wieder am See sitzt, ins Wasser schaut und plötzlich ein Blatt ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner Hässlichkeit, stirbt er.“

Auch Peichl – ausführlicher hier besprochen – übernimmt hier sehr weitgehend den gefaketen Mythos, der wohl ziemlich eindeutig auf die deutsche Wikipedia zurückgeht.

Als Rächerin bevorzugt Peichl hier die (gänzlich unpassende) Göttin Aphrodite. Dies wird wohl nicht erst bei Wikipedia erfunden, aber darüber zumindest fleißig mit verbreitet.

Christa Holtei (2015)

Die aus Düsseldorf stammende Schrifstellerin und Übersetzerin Christa Holtei erdichtet:

„Er legte den Kopf schräg, wie immer, wenn er in Betrachtungen über ein mögliches Bildmotiv versunken war. Vielleicht kam de Boer eher noch als Narziss infrage, der gerade sein eigenes Spiegelbild im Wasser bewundert. Man könnte den Narziss auch einmal nach der Erzählung des Griechen Pausanias malen – ein Blatt ist vom Baum gefallen, kreisförmig breiten sich kleine Wellen über die glatte Oberfläche, verzerren das Spiegelbild und Narziss verzweifelt an seiner vermeintlichen Hässlichkeit. Am Ufer müsste eine einzelne Blume stehen, eine Narzisse als Symbol für den nahenden Tod des Jünglings.“

Damit nimmt auch Holtei an der Verzerrung des Bildes von dem sympathischen Jüngling Narziss teil.

Constantin Rauer (2015)

Und bei Constantin Rauer, Habilitant am Institut für Philosophie der Universität Tübingen, lesen wir:

„Nach Pausanias wiederum betrachtete Narziss selbstverliebt sein Spiegelbild, als die Götter ein Baumblatt in den See fallen ließen, was Wellen schlug und sein Selbstbild in ein Zerrbild verwandelte. Entsetzt von seiner Hässlichkeit, sei Narziss zu Tode erschrocken.“

Rauer setzt vertiefend fort:

„Der Narziss-Mythos zeigt, dass das Spiegelbild kein Ebenbild sein kann. Dies liegt – worauf Pausanias hinwies – zunächst einmal an der Natur und Eigenart des Spiegels selbst. Wasserspiegel, Metallspiegel oder Glasspiegel reflektieren ein jeweils anderes Spiegelbild von einer Person, desgleichen konvexe und konkave Spiegel, verkleinernde und vergößernde, matte und scharfe. … Die Selbstwahrnehmungspsychologie zeigt, dass ein Alter sich selbst als jung betrachten kann, wohingegen ein Junger über sein Alter klagt; eine Schöne meint hässlich, eine Hässliche schön zu sein usw.“

Diese Ausführungen lassen sich nicht auf den antiken Pausanias beziehen, denn der hatte nur von einem Wikipedia-Schreiber eine entsprechende Spiegelbild-Verzerrungs-Geschichte untergeschoben bekommen.

Literatur

Bonelli, Raphael M. (2016): Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. München, Kösel

Eschenbach, Ursula (1985): Vom Mythos zum Narzißmus. Vom Selbst zum Ich. The­ra­peu­tische Konzepte der Ana­ly­tischen Psychologie C.G. Jungs. Fellbach, Bonz Verlag

Haller, Reinhard (2017): Nie mehr süchtig sein. Leben in Balance. Wals bei Salzburg, Eco­win Verlag

Holtei, Christa (2015) Das Spiel der Täuschung: Düsseldorf 1834. Düsseldorf, Droste Verlag GmbH

Klute, Hilmar (2012): Wir Ausgebrannten: Vom neuen Trend, erschöpft zu sein. München, Diederichs Verlag

Lochner, Mario (2020): Was ich mit 20 gerne über Geld, Motivation und Erfolg gewusst hätte. München, Finanzbuch Verlag

Maaz, Hans-Joachim (2012): Die narzisstische Ge­sell­schaft. Ein Psycho­gramm. München, CH Beck

Meckel, Miriam (2011): „Weltkurzsichtigkeit“, SPIEGEL Nr. 38, S. 120f

Mugerauer, Roland (1994): Narzißmus: eine erzie­he­rische Herausforderung in pä­dagogischen und sozialen Praxis­feldern. Marburg, Tec­tum Verlag

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta

Rauer, Constantin (2015): Das Bild des Menschen von der Steinzeit bis heute. In: Menschenbild(n)er – Bildung oder Schöpfung. Hg. S. Almann, K. Berner, A. Grohmann. Lit Verlag Berlin 2015, S. 41-60. (In: Villigst Profile. Schriftenreihe des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst, Bd. 18. Hgg. von Knut Berner und Friederike Faß)

Saerberg, Siegfried (2011): Stoff und Kristall – Blinde Schönheit und Identität. in: Christian Mürner & Udo Sierck (Hrsg.): Behinderte Identität? Neu-Ulm, AG SPAK Bücher

Schmeh, Klaus (2007): Das trojanische Pferd: klassische Mythen erklärt. Planegg, Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co. KG

Wardetzki, Bärbel (2009): Eitle Liebe. Wie nar­zisstische Beziehungen schei­tern oder gelingen können. München, Kösel

Weixler, Antonius (2016): Poetik des Transvisuellen. Carl Einsteins ‚écriure visionnaire‘ und die ästhetische Moderne. Berlin u.a., Walter de Gruyter

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