Röhr, Heinz-Peter (1999) und Narziss bzw. Narzissmus

Narzißmus

Heinz-Peter Röhr greift gerne auf Grimm’sche Märchen zurück, um seine Sicht auf menschliche Probleme zu verdeutlichen. So auch in dem hier besprochenen Buch (Untertitel: Das innere Gefängnis). Röhr gibt darin zunächst einen der größten therapeutischen Sadisten – Prof. Otto F. Kernberg – als seinen Lehrmeister aus. Darüber hinaus offenbart er eine krasse Verständnislosigkeit gegenüber einem simplen Märchentext. In seiner Analyse demonstriert er zwischendurch, dass er auch von griechischen Mythen anscheinend nichts versteht – hier: vom Mythos von Orpheus. All diese Mängel lassen für seine Fähigkeit, die realen Lebensgeschichten von seinen PatientInnen wirklich zu verstehen, nicht viel Gutes ahnen.

Die Weisheit von
Märchen und Mythen

Ohne Zweifel finden sich in Märchen und Mythen kluge psychologische Analysen von alltäglichen Problemen. Diejenigen, die solche Geschichten hören und in vergleichbaren Problemen stecken, vermögen aus dem Anhören der Geschichten zweifachen Gewinn zu ziehen: Einerseits finden sie hier in Worte gefasst, was sie in ähnlicher Weise selbst erlebt haben. Damit können sie dann auch selbst das „zum Ausdruck bringen“, was sie seelisch belastet, sich also von einer Beklommenheit befreien. Andererseits finden sich in diesen Geschichten meist Beispiele für kreative Lösungsmöglichkeiten solcher Angelegenheiten. Daraus vermögen die ähnlich Betroffenen dann Anregung und Hoffnung zu ziehen.

Röhr behauptet hier nun:

„Wie in kaum einem anderen Märchen“ bilde sich in „Der Eisenofen“ „die grundlegende Problematik dieser Menschen ab, die auch als narzisstische Persönlichkeitsstörung bezeichnet wird.“

Das ist nun eine Behauptung, die sich vorzüglich überprüfen lässt. Dieses übersichtliche, gut zugängliche Märchen bietet allen Interessierten dieselbe Grundlage zur Einschätzung dieser Gestalt. Und ich behaupte: Hier existiert ein Musterbeispiel dafür, wie leicht die Lebensgeschichte eines (fiktiven) Menschen von einem Fachmann in gröbster Weise missverstanden werden kann, wie hier die Wirklichkeit geradezu auf den Kopf gestellt wird (Opfer-Täter-Umkehr).

Röhrs geistiger Ziehvater –

Gleich zu Beginn beruft sich Röhr auf einen theoretischen Ziehvater, auf Prof. Otto F. Kernberg. Dass ich das für keine gute Idee halte, können sich diejenigen denken, die meine Auseinandersetzung mit diesem Herrn Professor kennen.

– Prof. Otto F. Kernberg

Die folgenden Ausführungen habe ich an anderer Stelle vertieft. Grundlage ist vor allem der Artikel „Persönlichkeitsentwicklung und Trauma“ von 1999, dem ich speziell hier eine ausführlichere Analyse gewidmet habe. Es existieren auch einige Videos, in denen ich – angereichert mit Beispielen aus Originalaufnahmen – meine Positionen zu Kernberg und seinen theoretischen Hintergund erläutere.

Chronische Aggression

Chronische Aggression ist für Kernberg ein zentrales Merkmal schwerer Persönlichkeitsstörungen. Sie entstehe aus „oraler Gier“ und „oralem Neid“ an der Mutterbrust (in der „primärnarzisstischen Phase“). Im Fall eins Mannes mit solch einer chronischen Aggression gegenüber seiner Familie hat er diese Ursache schnell umkreist. Dass der Mann allerdings als Junge im Alter von 8 Jahren erleben musste, dass man in einem KZ seine ganze Familie vor seinen Augen umgebracht hatte, das hat – nach Kernberg – zu der chronischen Aggression nichts hinzugefügt. Der Junge hatte seinen Hass bereits in das KZ mit hineingebracht. Kind und Kommandant standen sich also auf Augenhöhe gegenüber.

Traumabehandlung

Hätte der Mann nicht als Säugling bereits so katastrophal versagt, so hätte ihm, nach Kernberg, mit seinem Schicksal leicht geholfen werden können (1999, S.6):

„das posttraumatische Streßsyndrom (PTSD) (…) tritt in ähnlicher Form auf als Folge schwerer Traumen durch Konzentrationslager, Krieg, Unfälle, Vergewaltigung, Geiselnahme, Terror, politischen Terror, Folter und anderer Formen schwerer körperlicher und sexueller Mißhandlung, besonders in der frühen Kindheit und in den ersten 10 bis 15 Lebensjahren. Die klinischen Charakteristika dieses Syndroms, das 2 bis 3 Jahre lang anhalten kann, sind akute Angstzustände, Einschränkung der Ich-Funktionen, Wutausbrüche, wiederkehrende Alpträume und Flash‑backs. (…) Bei der Behandlung dieses Syndroms steht eine Kombination von anxiolytischer [angstlösender; K.S.] Medikation und supportiver [unterstützender; K.S.] Psychotherapie mit einer stützenden und empathischen Einstellung des Therapeuten gegenüber dem Patienten im Vordergrund, verbunden mit dem Ermutigen, sich mit Situationen wieder auseinanderzusetzen, die aufgrund der Traumatisierung phobisch vermieden wurden.“

Soll heißen: Der Knabe wäre also mit 10 oder 11 Jahren mit der Sache durch gewesen, wenn er’s – wie gesagt – als Säugling nicht verbockt hätte.

Lustiger Suizid nach Missbrauch in der Therapie

Kernberg berichtet auch von einer Frau in seiner Klinik, die von ihrem (verheirateten) Therapeuten zu einer Affäre verführt, dann aber abrupt fallengelassen wurde. Sie hatte sich daraufhin das Leben genommen. Kernberg bringt sein Publikum bei der Fallschilderung zweimal zu herzhaftem Lachen. Er handelt dies nicht etwa ab unter der Rubrik „katastrophale Therapiefehler“ sondern als „Transformation des Opfers in einen Täter“. Damit ist die Patientin gemeint.

Sexuell erregende Triumphe

Eine „Tochter, die unter dem Alter von 10 Jahre ist“, erlebe die Vergewaltigung durch ihren Vater „in typischer Weise (…) als einen sexuell erregender [sic] Triumph über ihre Mutter“ und sie müsse „ihre [ödipale] Schuld tolerieren“.

Identifikation mit
inzestuösem Vater

Die vergewaltigte Grundschülerin müsse lernen, „sich (…) zu identifizieren (…) mit der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen Vaters“.

Gelungene Therapie

Kernberg sagt (und dabei klingt er sehr ernsthaft):

„Wenn alles gut geht [in der Therapie; K.S.], dann gibt es Momente, in denen wir sie [unsere KlientInnen; K.S.] am liebsten aus dem Fenster werfen würden, besonders wenn unser Büro im 80. Stock liegt, und dann langsam und freudevoll warten, bis wir unten ein leises ‚Plopp’ hören.“

Das Publikum lacht. Darauf Kernberg:

„Ich meine das ganz ernst!“

Da bin ich mir sicher.

Vorbildlich

Solcherlei gibt Kernberg mehrfach von sich und empfiehlt den Eleven seine Therapie-Prinzipien ausdrücklich zur Nachahmung. Gut möglich, dass Röhr 1997 bei diesem Vortrag bei den Lindauer Psychotherapiewochen dabei gewesen, gut aufgepasst und herzlich mitgelacht hat – so wie mehr als 1.000 weitere „Fachleute“. In seinem Narzissmus-Buch sagt Röhr nun so schön:

„In der Forschung werden unterschiedliche Konzepte zum Verständnis der narzißtischen Störung vorgelegt, die sich zum Teil widersprechen. In erster Linie orientiere ich mich an den systematischen Arbeiten von Otto Kernberg, die aus meiner Sicht die überzeugendsten für den Bereich früher Persönlichkeitsstörungen sind.“

Das lässt nichts Gutes für seine Therapien ahnen.

„Der Eisenofen“ nach den Gebrüdern Grimm

Ein Prinz im Bann einer Hexe

Nun aber zu dem „Eisenofen“: Dieses Märchen erzählt von einem Königssohn, der von einer Hexe dazu verdammt ist, in einem großen Eisen­ofen im Wald gefangen zu sein. „Da brachte er viele Jahre zu, und konnte ihn niemand erlösen.“

Eine Prinzessin in Not

Eines Tages gelangt eine Königstochter dorthin, die sich verlaufen hat und nicht mehr in das Schloss ihres Vaters zurückfindet. Sie ist bereits seit neun Tagen unterwegs, also ziemlich erschöpft und nervlich am Ende. Aus dem Ofen heraus wird sie gefragt, was denn mit ihr los sei. Sie erzählt von ihrer Not.

Eine schriftliche Abmachung

Die Stimme macht ihr daraufhin ein Angebot:

„Ich will dir wieder nach Hause verhelfen, und zwar in einer kurzen Zeit, wenn du willst unterschreiben zu tun, was ich verlange. Ich bin ein größerer Königssohn als du eine Königstochter, und will dich heiraten.“

Sie erschrickt zunächst, weiß nicht so genau, was sie mit diesem Eisenofen anfangen soll, lässt sich aber auf den Handel ein und unterschreibt. Er gibt ihr noch die Anweisung mit auf den Weg, bei ihrer Rückkehr ein Messer mitzubringen und damit ein Loch in das Eisen zu schrappen. Auf wundersame Weise gesellt sich nun ein Gefährte zu der Königstochter, der sie innerhalb von zwei Stunden nach Hause bringt.

Der erste Bruch
der Abmachung

Die Freude im Schloss ist groß. Die Prinzessin selbst ist jedoch zunehmend betrübt wegen ihrer Abmachung mit dem Eisenofen und erzählt schließlich ihrem Vater davon. König und Prinzessin entwickeln gemeinsam den Plan, stattdessen die hübsche Müllers­tochter zum Eisenofen zu schicken. Gesagt, getan: Mit einem Messer wird die Stellvertreterin zum Ofen entsendet. Weisungsgemäß schrappt sie daran herum, 24 Stunden lang, aber ohne jeden Erfolg. Am Ende verrät die junge Frau auch noch, dass sie die Müllerstochter ist. Der Prinz im Eisenofen besteht darauf, dass sie die echte Prinzessin schickt.

Der zweite Bruch
der Abmachung

Das Entsetzen im Königshaus ist groß, und die Prinzessin bricht in Tränen aus. Da fällt Vater und Tochter ein, dass es ja noch eine richtig fesche Schweinehirtentochter gibt. Der wird eine Stange Geld geboten – und so macht auch sie sich voller Elan auf den Weg und ans Werk. Aber auch sie schrappt vierundzwanzig Stunden lang vergebens und offenbart am Ende ebenso ihre wahre Identität. Mit Nachdruck fordert der Prinz im Eisen­ofen, dass nun endlich die echte Königstochter kommen solle. Er werde sich weiterhin an seine Zusagen halten. Komme die Prinzessin jedoch nicht, dann – so droht er – „‚(…) sollte im ganzen Reich alles zerfallen und einstürzen und kein Stein auf dem andern bleiben.‘“

Widerwillige Vertragserfüllung – mit schönen Aussichten

Das Elend im Schloss ist gewaltig. Erneut bricht die Prinzessin in Tränen aus, aber es bleibt ihr jetzt nichts anderes übrig, als sich selbst mit einem Messer auf den Weg zum Eisenofen zu machen. Nach nur zwei Stunden hat sie schon ein kleines Loch geschabt, so dass sie ins Innere blicken kann. Zu ihrem Entzücken erspäht sie „einen so schönen Jüngling, ach, der glimmerte in Gold und Edelsteinen, daß er ihr recht in der Seele gefiel.“ Die Aussicht auf eine offensichtlich richtig gute Partie motiviert aufs Äußerste – und recht bald ist das Loch so groß, dass der Königssohn hindurchgelangt.

„Da sprach er ‚du bist mein und ich bin dein, du bist meine Braut und hast mich erlöst.‘“

Die zweite Abmachung –
und ein erneuter Bruch

Daraufhin will der Prinz die Prinzessin in sein Reich führen, aber die Königstochter hat noch eine Bitte: Sie will zuvor noch einmal zu ihrem Vater gehen, um sich von ihm zu verabschieden. Der Königssohn ist einverstanden, stellt aber eine Bedingung:

Sie „sollte nicht mehr mit ihrem Vater sprechen als drei Worte, und dann sollte sie wiederkommen.“

Abermals gibt die Prinzessin ihre Zusage, die sie jedoch erneut bricht, indem sie daheim mehr als drei Worte spricht.

Ohne großes Gezeter:
Die Konsequenz des Prinzen

„Da verschwand alsbald der Eisenofen und ward weit weg gerückt über gläserne Berge und schneidende Schwerter; doch der Königssohn war erlöst, und nicht mehr darin eingeschlossen.“

Als die Königstochter merkt, dass der Prinz nicht mehr da ist, dämmert ihr, dass sie es gründlich vergeigt hat.

Die Läuterung der Prinzessin

Nun beginnt die Prinzessin, sich ins Zeug zu legen, um mit ihm in Kontakt zu kommen. Dabei muss sie etliche Hindernisse überwinden und Aufgaben erledigen, ist sich aber für nichts mehr zu schade. Am Ende hat sie auch noch eine Konkurrentin zu überwinden. „(…) die wollte er [der Prinz; K.S.] heiraten, denn er dachte, sie [die Prinzessin; K.S.] wäre längst gestorben.“ Zwei Nächte verbringt die Prinzessin an der Seite des schlafenden Prinzen und versucht unter lautem Wehklagen, ihn an seine Befreiung aus dem Eisenofen zu erinnern. Er jedoch ist durch einen Schlaftrunk so betäubt, dass er nichts mitbekommt. Am nächsten Morgen aber berichtet ihm ein Diener von der nächtlichen Klage der Prinzessin. In der dritten Nacht „ließ der Prinz den Schlaftrunk vorbeilaufen“.

Der Prinz hält weiterhin
sein Wort

Die Prinzessin kann sich ihm nun zu erkennen geben. Und „so sprang der Königssohn auf und sprach ‚du bist die rechte, du bist mein, und ich bin dein.‘“ Und wenn sie nicht gestorben sind, dann …

Röhrs Deutung

Oh Herr, bestätige mir
meine Vorurteile

Das also die Geschichte vom Eisenofen – und nun zu Röhrs Interpretation. Er meint tatsächlich, hier „wie in kaum einem anderen Märchen“ in der Person des Prinzen das Musterbeispiel einer „narzisstisch gestörten Persönlichkeit“ vor sich zu haben. Seine Abhandlung ist ein weiteres Paradebeispiel dafür, dass theoriegeleitete Voreingenommenheit in jede fiktive oder reale Lebensgeschichte alles Mögliche hineindeuten kann.

Wut, Hass, Neid …

Zu allem, was Röhr schreibt, könnte ich wieder voranstellen, dass es zweifellos Menschen mit entsprechenden Mängeln und Persönlichkeitsstörungen gibt. Aber es ist grotesk, entsprechende Verhaltensweisen an dem Beispiel von Narziss oder dem Prinzen im Eisenofen ablesen zu wollen. Und das wiederum macht klar, wie leicht psychologisches Fachpersonal das Verhalten von Menschen willkürlich so oder so deuten kann. So schreibt Röhr beispielsweise im Kapitel „Wut, Haß und Neid“:

„Gerade Wut, Neid und Haß sind meist die dominierenden und alles andere übertünchenden Gefühle des Menschen, der dem Bild des Königssohns im Eisenofen entspricht. Er schaut voller Neid auf andere, denen es eventuell besser geht. Allein die Zufriedenheit eines anderen Menschen kann zu starken Haß und Neidgefühlen führen. Dies wird geleugnet, da Neidischsein bedeuten würde, schwach zu sein, nicht perfekt, sondern klein und bedürftig. Daher können Neidgefühle nicht zugelassen werden, der innere Schmerz würde noch verstärkt. So sucht ein solcher Mensch nach Möglichkeiten, das Positive zu zerstören. Er verbreitet eine negative, aggressive Stimmung, regt sich über alles Mögliche auf, versucht die Laune seiner Mitmenschen herunterzuziehen, sieht nur negativ beziehungsweise prangert die Fehler anderer an, um mit den eigenen Verstimmungen nicht mehr allein zu sein.“

Da wird nun von Neid und Hass gesprochen, gleichzeitig davon, dass womöglich das „Neidgefühl nicht zugelassen“ werde – was wohl heißen soll: Auch, wenn da kein Neid wahrzunehmen ist, dann ist er womöglich irgendwo versteckt.

… vs. gelassene Konsequenz

Dabei sind tatsächlich so gut wie keine Zeichen von Wut, Hass oder Neidgefühl im Handeln dieses Prinzen zu belegen. Nur einmal bewirkt er mit der Androhung negativer Konsequenzen für das Königreich, dass die Prinzessin sich endlich an die Abmachung hält. Ansonsten zeigt er das Gegenteil von Hass und Neid: Dreimal hintereinander ist die Königstochter nicht in der Lage, sich an eine Abmachung mit ihm zu halten, dem sie ihre Rettung verdankt. Zweimal bleibt der Prinz im Ofen relativ gelassen, ist nach wie vor bereit, sein Versprechen zu halten. Nach dem dritten Mal aber verschwindet er einfach. Er macht der wortbrüchigen Prinzessin keine Szene, wird auch nicht ausfällig. Er zieht sich lediglich zurück und ist dann nur noch schwer erreichbar. Mit dieser Frau will er eigentlich nichts mehr zu tun haben. Es sei denn, sie beweist nun, dass es ihr wirklich ernst ist.

Die tiefen Gefühle
der Prinzessin …

Ebenso leichtfertig, wie Röhr ungute Gefühle in das Handeln des Prinzen hineindeutet, so deutet er auch gute oder „tiefe“ Gefühle in die Prinzessin hinein:

„Der Eisenofen-Mensch fühlt sich magisch angezogen von einer Frau, die fähig ist, tiefe Gefühle zu zeigen. So kann sie zum Beispiel traurig sein und weinen, etwas, was der Mensch im Eisenofen schon lange nicht mehr vermag.“

… über missglückte Betrugsversuche

Die „tiefen Gefühle“ von Traurigkeit zeigt die Prinzessin allerdings nur, weil es misslungen ist, den Prinzen mit Müllers- und Schweinehirtentochter hinters Licht zu führen. Die Verzweiflung der Prinzessin erreicht ihren Höhepunkt, als sie sich dazu genötigt sieht, nun schließlich selbst – ihrer mit Unterschrift besiegelten Zusicherung gemäß – den Königssohn zu erlösen. Kaum zu glauben, dass der Prinz von ausgerechnet diesen Gefühlen „magisch angezogen“ gewesen sein könnte. (Nebenbei: Diese Gefühlsausbrüche bekommt der Prinz gar nicht mit, weil er zu dieser Zeit noch im Eisenofen eingesperrt ist.)

Erst am Ende der Geschichte, als die Prinzessin zweimal die Möglichkeit hat, die Nacht an der Seite des in tiefen Schlaf versetzten Königssohns zu verbringen, ist sie wohl aufrichtig traurig, weil sie ihn nicht erreicht. Und beim dritten Mal, als er wach bleiben und ihre Liebeserklärung vernehmen kann, ist er sofort bereit, sein Heiratsversprechen einzulösen, ihr also sogar noch eine vierte Chance einzuräumen.

Zwang zur Überlegenheit …

Trotzdem spart Röhr nicht an weiteren Unterstellungen in Bezug auf den Prinzen:

„Er spürt seine Überlegenheit, denn eine gleichberechtigte Beziehung könnte er nicht ertragen. Daher sucht er jemanden, der abhängig ist, der sich klein und unterlegen fühlt. Nur so kann er sich sicher fühlen, denn hinter einer großartigen Fassade ist er selbst erschreckend klein und verletzlich.“

… vs. gelassene Souveränität

Wo genau wird erkennbar, dass dieser Eisenofen-Prinz keine gleichberechtigte Beziehung ertragen könnte? Wo genau wird deutlich, dass er selbst „erschreckend klein und verletzlich“ ist? Dieser junge Mann war lange Zeit in einem blöden Ofen eingekerkert. Da hat er offensichtlich gelernt, auch auf sich allein gestellt zurechtzukommen. Als sich nun der Kontakt zu einer Frau ergibt, die ebenfalls für diese Begegnung dankbar sein könnte – heute würde man sicherlich von einer Win-win-Situation sprechen –, da trifft er eine erste Vereinbarung mit ihr. Diese wird von der Prinzessin jedoch zweimal gebrochen, bevor sie sich – unter Druck gesetzt – zur Einhaltung entschließt. Diese Kränkung steckt der Mann im Ofen erst mal locker weg. Dann aber bricht die Frau auch die zweite Vereinbarung. Da hat er keine Lust mehr und entzieht sich. Zu Recht. Er ist nämlich weder abhängig noch klein und gebrechlich. Er ist unabhängig und stark.

Niemand ist gut genug …

„Menschen mit dem Eisenofen-Syndrom träumen häufig von idealer Partnerschaft, dabei ist letztlich niemand gut genug.“

… vs. klares, beständiges Beziehungsangebot

Dabei begegnet uns in dem Märchen eindeutig ein Mann, der in seinem Beziehungsangebot völlig klar ist – selbst über drei Enttäuschungen hinweg. Wo ist da etwas von „letztlich [ist] niemand gut genug“ zu entdecken?

Zwischen Idealisierung
und Entwertung …

Und Röhr fabuliert fröhlich weiter:

„Eisenofen-Menschen pendeln zwischen Idealisierung und Entwertung. Dies ist auch im Märchen zu erkennen. Während der Phase der Annäherung ist die Königstochter die einzige, die ihn erlösen kann. Nachdem sie jedoch nicht absolut den Erwartungen entspricht – im Bild des Märchens: mehr als drei Worte sagt –, erfolgt die Entwertung, sie wird ohne Kompromisse, unerbittlich und erbarmungslos, verlassen.“

… vs. der Wert von Absprachen

Welchen Stellenwert, so fragt sich, hat die Verlässlichkeit von Zusagen in Röhrs Beziehungswelt? Liegt darin nicht eine zentrale Qualität? Es ist keineswegs so, dass die Partnerin „absolut“ seinen Erwartungen entsprechen müsste. Es ist nur so, dass er ihr nach dem dritten Bruch einer Absprache die Beziehungszusage kündigt. Aus meiner Sicht hat das nichts mit einer willkürlichen „Entwertung“ seinerseits zu tun. Die Prinzessin selbst hat unter Beweis gestellt, dass sie nicht so „wertvoll“ ist, wie vom Prinzen ursprünglich gehofft.

Sehnsucht nach Bewunderung …

„Wie sich noch zeigen wird, fehlen dem Königssohn viele Fähigkeiten, die es ihm ermöglichen würden, sich auf eine Beziehung einzulassen. So ist er zunächst nicht wirklich an einem anderen Menschen interessiert, sondern an dem schönen Gefühl der Verliebtheit. Er will sich sonnen in Bewunderung und Bestätigung, die er dringend benötigt zur Stabilisierung seines brüchigen Selbstwertgefühls.“

… vs. seiner Herkunft bewusst

Wie kommt Röhr bloß auf den gerade zitierten Unsinn? Der Prinz erhält die Bewunderung der Prinzessin doch ohne sein Zutun. Sie ist diejenige, die ihn toll findet, weil er so funkelt von Gold und Edelstein. Er kann ja nichts dafür, dass er „ein größerer Königssohn als [sie] eine Königstochter“ ist. Vermutlich sagt er das nicht, um zu prahlen, sondern um die Prinzessin zu beruhigen: Mit ihm macht sie auf jeden Fall eine „standesgemäße“ Partie, ist sogar diejenige, die hinzugewinnt.

(Dass der Prinz sich hier als „Königssohn“ bezeichnet, lässt sich geradezu als Ausdruck von Bescheidenheit verstehen, dass er betont, sein Potenzial nicht einfach sich selbst, sondern seiner Herkunft zu verdanken.)

Als er jedoch merkt, dass sie ihn zum dritten Mal hintergangen hat, macht er sich auf und davon. Eine solche Behandlung hat er nicht nötig. Er ist nicht abhängig von ihrer Bewunderung. Dazu ist sein Selbstwertgefühl viel zu stabil.

Absurde Forderungen …

„Man sollte meinen“, fährt Röhr fort, „das weitere Drama wäre über­flüssig – warum die absurde Forderung, mit dem Vater lediglich drei Worte reden zu dürfen? Wieder ist es erforderlich, sich in den Königssohn im Eisenofen hineinzufühlen, um die inneren Kämpfe und Nöte zu verstehen. Die drei Worte, die die Prinzessin sagen darf, sind viel zu wenig, um alles das mitzuteilen, was es zu sagen und zu berichten gäbe, und so muß sie scheitern, will sie nicht gänzlich jedes menschliche Gefühl opfern. Drei Worte, die nicht einmal für den Abschied reichen würden, sind eine extreme Forderung, die unsinnig und völlig übertrieben ist.“

Ja, das Einfühlen in den Prinzen im Eisenofen ist nicht Röhrs Stärke. Zunächst gleich einmal eine ganz prinzipielle Einlassung. Danach werde ich auch auf das eingehen, was er da fälschlich herausfühlt.

Exkurs: Scheinbar Unsinniges
in Märchen und Mythen

Bei Märchen und Mythen ist es nach meinem Verständnis so, dass sie eine – meist symbolisch verpackte – Weisheit vermitteln. Wenn darin etwas scheinbar „Unsinniges“ vorkommt, dann hat es etwas zu bedeuten. Verlangt also der eindeutige Held des Märchens drei Worte, mehr nicht, so verbirgt sich dahinter etwas Sinnvolles und Wichtiges.
Die drei Worte könnten so etwas symbolisieren wie Entschlossenheit. Sage kurz und bündig, was du willst, und verzichte auf Begründungen und Rechtfertigungen: „Ich liebe ihn!“ – „Ich heirate ihn!“ – „Wir gehören zusammen!“ – „Ich ziehe fort!“ Basta! Eine solche Entschiedenheit – so meine Deutung – ist das, was der Prinz erwartet – zu Recht.

Aufgabe der Prinzessin:
Abgrenzung vom Vater

Denn wie wir als LeserInnen wissen, dass der Vater bereits zweimal seine Tochter in ihrer Wortbrüchigkeit gegenüber ihrem Zukünftigen ermuntert und unterstützt hat. (So ist es womöglich auch dem Prinzen aus dem Gespräch mit der Prinzessin nicht verborgen geblieben.) Diese Tochter muss lernen, sich klar von ihrem Vater abzugrenzen, um ihren eigenen Weg gehen zu können. Der Schwiegersohn hat das klar erkannt.

Aus meiner Praxis kenne ich etliche Fälle, in denen sich Eltern in das Beziehungsleben ihrer Kinder massiv einmischen, weil sie, die Eltern, nicht loslassen können und wollen. Das Sich-frei-Machen von Bevormundung durch das Elternhaus ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil einer gelingenden Beziehung. Und in manchen Familien liegt genau hier ein Problem. Meines Erachtens schildert „Der Eisenofen“ so einen Fall.

Unsinnige Mythen …

Röhr ist aber gerade so richtig in Fahrt, will mit den „unsinnigen“ und „völlig übertriebenen“ Ansprüchen in Märchen und Mythen aufräumen. Diese angeblich absurde Forderung des Prinzen lässt ihn an eine Parallele im griechischen Mythos denken:

„Sie erinnert an die griechische Sage von Orpheus, der in der Unterwelt nach seiner Geliebten Eurydike suchen darf. Als er sie gefunden hat, darf er sich aber nicht nach ihr umdrehen, um sie anzuschauen. Seine Liebe ist zu stark, als daß er sich an diese Anweisung halten kann. Er dreht sich um und verliert sie damit. Sein Drama ist von nun an noch leidvoller, denn jetzt hat er die Trennung von der Geliebten verschuldet.“

In dieser ungenauen Zusammenfassung lässt sich dieser Mythos mit der vermeintlich „unsinnigen Forderung“ des Hades, des griechischen Gottes der Unterwelt, natürlich nicht verstehen.

… vs. sinnvolle Deutung

Orpheus und Eurydike

Als leidenschaftlicher Freund griechischer Mythen will ich den Zusammenhang etwas näher erläutern: Ja, Orpheus, der berühmt ist für seinen wunderschönen Gesang und sein herrliches Lyra-Spiel, verliert seine geliebte Frau Eurydike, mit der er frisch vermählt ist. Sie wurde von einer Giftschlange gebissen. Orpheus begibt sich daraufhin in die Unterwelt, um Hades mit seiner Kunst zu betören.

Lohn für einen begnadeten Künstler …

Orpheus hat tatsächlich Erfolg! Hades ist so angetan von seinem Gesang und Spiel, dass er ihm einen Wunsch erfüllt. Er gestattet ihm, seine Eurydike wieder mit zurück in die Oberwelt zu nehmen. Allerdings knüpft er diese Erlaubnis an eine – in Röhrs Augen anscheinend „völlig übertriebene“ und „unsinnige“ – Forderung: Auf dem Rückweg ins Leben müsse Orpheus vorangehen und dürfe sich die ganze Zeit nicht nach Eurydike umsehen. Überglücklich macht sich Orpheus mit der Geliebten auf den Weg.

… durch „Unachtsamkeit“ verspielt?

Doch dieser Weg zieht sich dahin, ein Ende ist nicht in Sicht. Orpheus sorgt sich um Eurydike, zumal er von ihr gar nichts mehr hört. Als er sich vergewissern will und den Kopf wendet, ist es geschehen: Die Bedingung ist verletzt, Eurydike muss in der Unterwelt bleiben.

Und die Moral von der Geschicht‘ …

Was will uns diese Geschichte erzählen? Will sie davon berichten, dass der Gott der Unterwelt absurde Bedingungen für die Rückkehr ins Reich der Lebenden aufstellt? Wohl kaum.

Orpheus ist ein Künstler. Und es ist nicht ungewöhnlich für KünstlerInnen, dass sie geliebten Menschen, die sie an den Tod verloren haben, in ihrer Kunst ein Denkmal setzen. Und genau das ist aus meiner Sicht der zentrale Inhalt des Orpheus-Mythos: KünstlerInnen versuchen eventuell, in ihren Werken geliebte Verstorbene wieder auferstehen zu lassen. Dabei vermag sich für einen Moment das selige Gefühl einzustellen, die Verlorenen der Unterwelt entrissen zu haben. Doch kaum, dass genauer hingesehen wird, ist diese wieder Hoffnung zunichte gemacht.

Wilhelm Jensen, Friedrich Hölderlin

Ein Beispiel dafür ist der Schriftsteller Wilhelm Jensen. Er setzt offenbar seiner 18-jährig verstorbenen Kindheitsfreundin Clara Witthöfft in seinem gesamten Werk von über 150 Bänden ein Denkmal. In der Diele seines Sommerhauses in Prien habe ich noch Ende der 1990er Jahre die ursprüngliche Wanddekoration, den Abguss eines antiken Orpheus-Reliefs, vorgefunden. Auch Friedrich Hölderlin besingt in seinen Gedichten wiederholt die geliebte, früh verstorbene Gattin seines Arbeitgebers, die er Diotima nennt.

Röhrs fortgesetzte Verständnislosigkeit

Insofern ist es ziemlich unsinnig, wenn Röhr in diesem Zusammenhang meint:

„Sein [Orpheus’; K.S.] Drama ist von nun an noch leidvoller, denn jetzt hat er die Trennung von der Geliebten verschuldet.“

Es geht hier aber nicht um Schuld. Es geht hier auch nicht um „unsinnige Forderungen“.

Wahrhaftes Verständnis –

Es geht um hier Trauer, um Verzweiflung, um das Ringen mit der Endlichkeit, wie es auch der Narziss-Mythos ebenso schön umschreibt. Es geht hier um unerfüllbare Wünsche und Hoffnungen. Tot ist tot. Da führt kein Weg dran vorbei – auch keine noch so schöne Kunst.

– auch in der Psychotherapie

Aus meiner Sicht erfordert der Versuch, den wahrhaften, tieferen Sinn von Mythen und Geschichten zu verstehen, dass die innere Logik aufgespürt und plausibel gemacht wird. Nicht anders ist es in der Arbeit mit Menschen, die in eine Psychotherapie kommen: Wenn ich nicht den Sinn erfassen kann, der in einer Lebensgeschichte, in der Geschichte eines Symptoms, verborgen ist, dann kann ich auch die Symptomatik nicht oder nicht so gut auflösen.

Gigantische Besitzansprüche …

Röhr wird dem Szenario, das er da vor sich hat, in keiner Weise gerecht.

„Ein zentrales Problem wird durch seine Forderung, die Prinzessin dürfe nur drei Worte sprechen, deutlich. Hinter dieser Auflage verbirgt sich der gigantische Besitzanspruch, den der Mensch im Eisenofen hat. Im unmittelbaren Gegenüber mit der Geliebten kann er den eisernen Kasten zwar verlassen, aber sofort befürchtet er, das wiederzuerleben, was in seiner Kindheit so grausam weh getan hat, daß er sich in den Eisenofen zurückziehen mußte. Auf alles, was der Prinzessin an anderen Menschen gefällt oder wichtig ist, ist er krankhaft eifersüchtig. Er kann nicht ertragen, daß sie sich ihrem Vater immer noch eng verbunden fühlt, sie ihm nicht in einer Absolutheit gehört, daß er sicher sein könnte, nicht verlassen zu werden. Ohne den Schutz des Eisenofens steht er völlig klein, nackt und verletzlich da.“

… vs. Wunsch nach Verbindlichkeit und Entschlossenheit

Es geht bei den drei Worten nicht um „gigantische Besitzansprüche“, es geht nicht um „krankhafte Eifersucht“, sondern vermutlich um so etwas wie Entschlossenheit. Alle leichtfertigen Diffamierungen des Prinzen und alle naiven Parteinahmen für die Prinzessin und ihren Vater entsprechen überhaupt nicht der Dynamik des Geschehens und verhindern ein echtes Verständnis des Märchens.

Fehlende Selbstliebe …

Röhr behauptet weiter, „dem Eisenofen-Menschen“ fehle Selbstliebe.

„In ihm wohnen Wut, Haß, Kälte, Selbstablehnung. Er findet sich häßlich und kann nicht glauben, daß etwas Positives in ihm vorhanden ist.“

Über Wut, Hass und Kälte spekuliert auch der geistige Ziehvater Röhrs, Otto Kernberg, mit Vorliebe. Die Abhandlung von Röhr offenbart unübersehbar, wie leicht es einem Fachmann fallen kann, anderen Menschen Wut und Hass anzudichten.

… vs. selbstbewusste Souveränität

Aber wo bitteschön zeigt denn der Königssohn die geringsten Anzeichen für Wut, Hass, Kälte oder Selbstablehnung? Ich erkenne in seinem Handeln nichts als selbstbewusste Souveränität.

Selbstgefällige Klassifizierung

Darum schert sich Röhr nicht und dichtet weiter:

„Entweder versucht er [der „Eisenofen-Mensch“; K.S.], andere zu dominieren, zu unterwerfen, oder er wertet sie gnadenlos ab. Wenn er einen anderen Menschen idealisiert, dann nur, um sich mit seiner vermeintlichen oder tatsächlichen Überlegenheit zu identifizieren. Wird er von dem gerade noch idealisierten Menschen auch nur geringfügig gekränkt, erfolgt die Entwertung prompt und radikal. Entweder du bist so, wie ich dich haben will, oder du hörst auf zu existieren! (…) Es fällt dem Menschen im Eisenofen schwer, seine Verletzlichkeit zuzugeben, er wird versuchen, seine Schwächen zu verbergen, er wird leugnen, daß Neid in ihm als starkes Gefühl vorhanden ist. Mit Hilfe seines starken Mißtrauens wird er sich vor echter Anteilnahme oder Liebe schützen. Sich schwach und bedürftig zu fühlen, Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung zu haben, erscheint unerträglich, da dies bedeutet, von einem anderen Menschen abhängig zu sein. Dagegen wird er sich wehren müssen.“

Fraglos zeichnet Röhr das Bild von einem Typ Mensch, den es durchaus gibt. Auf den Prinzen aus dem Eisenofen aber passt es ganz und gar nicht.

Das Eisenofensyndrom …

Trotzdem präsentiert uns Röhr, basierend auf seiner fantasievollen Interpretation des Märchens, eine Wortneuschöpfung, die das Zeug hätte, ein ähnliches Verwirrungspotential zu entfalten, wie es der Begriff Narzissmus bereits erreicht hat: das Eisen­ofen-Syndrom.

„Gerade Menschen mit dem Eisenofen-Syndrom sind oft unversöhnlich. Einmal gekränkt bedeutet für sie lebenslängliche Feindschaft. Innerlich lassen sie andere Menschen einfach sterben. Sie tendieren dazu, die Welt in zwei Lager zu teilen, in die, die für sie, beziehungsweise diejenigen, die gegen sie sind: schwarz oder weiß. Alles oder nichts ist oft die Devise. So wie sie im Grunde wenig Zuneigung zu sich selbst spüren, fällt es ihnen schwer, großzügig und tolerant mit ihren Mitmenschen umzugehen, Fehler zu verzeihen und Unzulänglichkeiten zu akzeptieren. Sie suchen und finden die Schwächen anderer mit traumwandlerischer Sicherheit und scheuen sich nicht, dieses Wissen radikal für die eigenen Zwecke auszunutzen.“

Noch mal: Ja, derartige Menschen gibt es. Aber sie stellen nur das Gegenteil des Prinzen im Eisenofen dar.

… vs. die Eisenofenprinzen-Souveränität

Jedoch beweist gerade der Prinz im Eisenofen seine Unempfindlichkeit gegen Kränkungen. Zwei davon steckt er locker weg und ist zur Versöhnung bereit. Erst nach der dritten Kränkung wendet er sich entschlossen und ohne großes Gezeter ab. Als die Prinzessin aufrichtiges Bemühen beweist, ist er aber sofort bereit, sein ursprüngliches Beziehungsangebot zu erneuern.

Fazit

Bei Röhrs Darstellung wird überdeutlich: Wenn psychologisch geschulte Fachleute sich in den Kopf gesetzt haben, es bei ihrem Gegenüber mit einem „Narzissten“ zu tun zu haben, dann deuten sie skrupellos und von oben herab alle möglichen unsympathischen Eigenschaften in diesen Menschen hinein. Den Märchengestalten können solche Psycho-Attacken nichts anhaben; sie bleiben sie selbst und für jedermann weiterhin zugänglich. Geraten hingegen reale Menschen in die Hände solcher Narzissmus-„ExpertInnen“, kann es für sie schlimme psychische und psychosomatische Folgen haben.

Literatur

Kernberg, Otto F. (1997): Per­sönlichkeits­ent­wick­lung und Trauma. Audio-Auf­nahme des Vortrags bei den Lindauer Psycho­therapie-Wo­chen 1997. Au­di­torium Netz­werk

(Hörprobe – youtube, ab Minute 18:40)

Kernberg, Otto F. (1999): Per­sönlichkeits­ent­wick­lung und Trauma. In: Persönlich­keits­störungen – The­orie und Therapie (PTT), 1999, Jg. 3, Heft 1, S.5-15

Röhr, Heinz-Peter (1999): Narzißmus. Das innere Gefängnis. München, dtv

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