Suizid nach Missbrauch in der Therapie? – Wie lustig!

Narzissmus-Diagnose

Das Vorgehen von sogenannten Narzissmus-ExpertInnen – neben Prof. Otto F. Kernberg auch Gerhard Dammann und Benigna Gerisch – kann schon sehr speziell sein: Eine Frau wird in ihrer Therapie von ihrem (verheirateten) Therapeuten sexuell missbraucht und dann fallengelassen. Daraufhin nimmt sie sich das Leben. Ein Fall, den man vielleicht abhandeln könnte unter der Rubrik: „Katastrophale Therapeutenfehler.“ Aber: Weit gefehlt! Die Analyse dieses Falles konzentriert sich weitgehend auf das (angebliche) Problemverhalten des Opfers, der Patientin.

Narzissmus-Therapie oder
Bankrott-Erklärung?

In einem Vortrag von 1997 (1999 in einer Fachzeitschrift publiziert) berichtet Prof. Otto F. Kernberg von einer Frau, die als Kind Opfer sexualisierter Gewalt geworden war. Er handelt sie ab als „antisoziale Persönlichkeit“. Zwei weitere AutorInnen – Dammann & Gerisch (s.u.) – „diagnostizieren“ offensichtlich genau diesen Fall als pathologischen Narzissmus“ (2005, S.303). Was gibt es über das Schicksal dieser Frau zu bereichten?

Fortbildung bei den Lindauer
Psychotherapie-Wochen

In der Obhut von Kernbergs Klinik begann ein verheirateter Therapeut eine kurze Affäre mit dieser genannten Frau. Als er sie fallenließ, nahm sie sich das Leben. Während des Referats bringt Kernberg das Publikum, ein Plenum von über eintausend Fachleuten, zweimal zu herzhaftem Lachen. Es gehe um eine Frau, die (O-Ton, 1997) …

„… unter Inzest litt, dessen [sic] Vater sie sexuell missbrauchte, mit schweren Depressionen und Selbstmordversuchen, die ihren Therapeuten sexuell verführte. Sie rief ihn zu sich nach Hause unter Bedrohung schwerer [sic] Selbstmord [sic], empfing ihn im Negligé, und nur er konnte sie retten – ein junger Psychiater in Ausbildung mit schweren narzisstischen Problemen, und eh …“

Unterbrechung durch explosives Gelächter im Publikum. Erheiterte Nachfrage von Kernberg:

„Ist das hier ungewöhnlich?“

Erneut schallendes Gelächter.

„Und ehm – äh – hahh – und äh, äh – der – nach – sie schrieb – sie hatte ein Tagebuch, und sie hatte auch eine homosexuelle Freundin, sie beging Selbstmord, sandte das Tagebuch mit einer genauen Beschreibung des sexuellen Verkehrs mit ihrem männlichen Therapeuten dieser homosexuellen Freundin, die dann ein Gerichtsverfahren gegen den Therapeuten und gegen unser Spital einleitete. Also, Sie sehen, wie sie im Tode sich noch rrr… […ächte? K.S.], wie sie Opfer und Täter zugleich wurde.“

Lindauer Nobelpreisträgertagung

Dieser Vortrag fand im Jahr 1997 anlässlich der „Lindauer Psychotherapiewochen“ statt – und damit an einem der renommiertesten Orte des geistigen Austauschs: In der Inselhalle von Lindau treffen sich jährlich zu einem anderen Zeitpunkt junge NachwuchforscherInnen mit NobelpreisträgerInnen bei der „Lindauer Nobelpreisträgertagung“ zur Inspiration.

Die Tonaufnahme des Kernberg-Vortrags ist bis heute bei Auditorium Netzwerk käuflich zu erwerben. (In einem youtube-Video von mir sind Ausschnitte daraus zu hören; das genannte Fallbeispiel wird ab circa Min 18:30 referiert.) Meiner Ansicht nach handelt es sich hierbei um eine der schlimmsten Bankrott-Erklärungen psychotherapeutischen Verantwortungsbewusstseins.

Inhalt einer Fachzeitschrift

Es ist eine komplette Wirklichkeitsverkehrung: Das Opfer eines sexualisierten Übergriffs in der Therapie wird quasi zum rachsüchtigen „Täter“ erklärt. Beim Abdruck des leicht überarbeiteten Vortrags in der von Kernberg mitherausgegebenen Fachzeitschrift „Persönlichkeitsstörungen: Theorie und Therapie (PTT)“ 1999 ist dies ein Kernpunkt der Analyse: Die Fallgeschichte erscheint unter der Zwischenüberschrift „Transformation des Opfers in einen Täter“.

Nochmal zur Erinnerung: Ein verheirateter Therapeut hat mit einer Frau, die in der Kindheit sexualisierte Gewalt erfuhr, während ihrer Therapie in Kernbergs „Spital“ eine Affäre. Er schreibt ihr einen Liebesbrief. Dann bricht er aber plötzlich jeden weiteren Kontakt zu ihr ab. Daraufhin nimmt sie sich das Leben. In dem Vortrag bzw. in der publizierten Version wird nun die Betroffene aufgrund ihres Suizids – der eine Klage gegen Therapeuten und Klinik nach sich zog – zum „Täter“ erklärt. Zweimal muss das geneigte Publikum bei dieser undifferenzierten Darstellung lachen. Das Ganze nennt sich Fortbildung bzw. wird in der publizierten Form zur „Fachliteratur“ .

Wissenschaftlicher Beirat?

Kernberg saß lange Jahre im „Wissenschaftlichen Beirat“ der Lindauer Psychotherapiewochen, erst seit 2008 nicht mehr. Viele Jahre lang hatte ich anlässlich seiner Auftritte dort Veranstalter, MitdozentInnen, BürgermeisterInnen, StadträtInnen usw. angeschrieben, von denen ich – bis auf ganz wenige Ausnahmen – keine Resonanz bekam.

Präsident eines internationalen
Therapie-Verbandes?

Im selben Jahr 1997, in dem Prof. Otto F. Kernberg die obe zitierten Weisheiten in Lindau vorgetragen hatte, wurde er zum Präsidenten der „International Psychoanalytic Association“ (IPA) (= „Internationale Psychoanalytischen Vereinigung“) gewählt. Dieses Amt hat er sich anscheinend redlich verdient.

Wir lachen mit!

Sechs Jahr nach der Veröffentlichung von Kernbergs Suizidfall nehmen Gerhard Dammann und Benigna Gerisch offenbar das zitierte Beispiel zum Anlass, die Betroffene weiter zu diffamieren. Der Titel ihres Artikels lautet: „Narzisstische Persönlichkeitsstörung und Suizidalität: Behandlungsschwierigkeiten aus psychodynamischer Perspektive“ – auch online nachlesbar.

Dabei legen sie ein überraschendes Insider-Wissen an den Tag, von dem gänzlich unklar ist, wie sie es erlangt haben. Unter der Zwischenüberschrift: „Destruktiver Narzissmus – ein Sonderfall“ heißt es:

Re-Analyse

„Eine 34jährige Patientin mit einer destruktiv narzisstischen Persönlichkeitsstörung begann wegen Leeregefühlen, zeitweiligem Alkoholabusus, Beziehungsproblemen mit ihrer lesbischen Freundin und rezidivierenden suizidalen Phasen eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Nach bereits kurzer Zeit ging es ihr, ihrem Gefühl nach, viel besser, und sie setzte sich zum Ziel, mit ihrem Psychotherapeuten eine Affäre zu beginnen. Seine offensichtliche Unkorrumpierbarkeit, seine intakt erscheinenden Familienverhältnisse und die Tatsache, dass er für sie wie nicht erreichbar schien, reizten sie und ihren Neid dabei besonders. …

Erstaunliche Innen-Einsichten

… Bald sah sie nur noch in diesem Ziel, ihn zu gewinnen, den einzigen Grund[,] in die Therapiestunden zu kommen. Die Patientin unternahm relativ drastische und eindeutige Anstrengungen, um den Therapeuten zu verführen, bis ihr dieses schließlich auch gelang. (…) Allerdings beendete der Therapeut bereits nach kurzer Zeit die Beziehung zu ihr, aus Angst davor, seinen familiären Rückhalt zu verlieren, aber auch infolge eigener ethischer Bedenken, nachdem er bereits zuvor die Therapie beendet hatte. Die Patientin geriet daraufhin in eine schwere Krise, fühlte sich verraten, weggeworfen und von ihrem Therapeuten missbraucht. Sie unternahm dringliche Versuche, ihn als Liebhaber oder zumindest als Therapeut zurückzugewinnen. Nachdem diese Versuche nicht fruchteten, tyrannisierte sie ihn mit Telefonterror. Schließlich suizidierte sie sich und hinterließ einen Abschiedsbrief an ihre geschockte Freundin, aus dem hervorging, dass sie von ihrem Therapeuten sexuell missbraucht worden sei, was sie dadurch belegte, dass sie dem Schreiben den einzigen Liebesbrief, den sie von dem Psychotherapeuten erhalten hatte, beilegte.“

Opfer-Täter-Umkehr?

Holla! Dem Therapeuten werden hier „ethische Bedenken“ und „offensichtliche Unkorrumpierbarkeit“ attestiert, während der Klientin unterstellt wird, sie sei lediglich in die Therapie gekommen, um den Therapeuten „zu gewinnen“ und habe ihn nach ihrem Scheitern mit „Telefonterror tyrannisiert“. Ist das nicht – gelinde gesagt – etwas einseitig, wenn nicht gar so etwas wie eine Opfer-Täter-Umkehr?

Die AutorInnen erläutern nicht, wie sie zu ihren Einsichten in die inneren Prozesse der Betroffenen gekommen sind. Zudem fehlen biografische Angaben, wonach die Betroffene – Kernberg zufolge – als Kind sexualisierte Gewalt erlebt hatte. Immerhin wird konstatiert, dass sich die Klientin am Ende „verraten, weggeworfen und von ihrem Therapeuten missbraucht“ gefühlt hatte. Es bleibt jedoch unklar, ob und auf welche Weise sie in dieser Krise ernsthafte Unterstützung erhielt.

Destruktiver Narzissmus?

In einer Art Zusammenfassung heißt es am Ende dieses Abschnitts über diesen „Sonderfall“ von „destruktivem Narzissmus“:

„Patienten mit ‚antisozialen Persönlichkeitsstörungen‘ sind interessanterweise insgesamt relativ wenig von Suiziden bedroht, obwohl sie ja unter der möglicherweise stärksten Form einer narzisstischen Pathologie leiden.“

Hier wird deutlich, welch großen Rahmen der Begriff Narzissmus im (Un‑)Verständnis solcher Fachleute aufspannt: von der gesunden Selbstliebe bis zur antisozialen Persönlichkeit.

Destruktiver Hass
gegen sich selbst?

In ihrer Fallanalyse schreiben Dammann und Gerisch:

„Dieser von Otto F. Kernberg beschriebenen Patientin war es offensichtlich unerträglich, die unabhängige Existenz des Analytikers und die eigene bedürftige Abhängigkeit von ihm anerkennen zu müssen, was sich in dem intensiven Neid zeigt. Statt sich damit auseinanderzusetzen, suchte sie jedoch im Agieren Bestätigung, wobei der Therapeut sich auf eine dramatische, skandalöse und suizidbegünstigende Art und Weise mit der Patientin verstrickt hatte, eine Gefahr, die gerade bei diesen Patienten besonders groß ist. Der Suizid ist hier Ausdruck des destruktiven Hasses gegen andere und gegen sich selbst.“

Ob der Halbsatz, dass sich der Therapeut auf „dramatische, skandalöse und suizidbegünstigende Art und Weise mit der Patientin verstrickt hatte“ aufrichtig kritisch gemeint ist? Warum wurde er dann von Sätzen eingerahmt, die das Opfer weiter diffamieren?

Eine von Otto F. Kernberg beschriebene Patientin

Die Autoren geben zwar an, es handele sich um eine „von Otto F. Kernberg beschriebene Patientin“. Einen Absatz zuvor beziehen sie sich auf Kernbergs „Severe Personality Disorders“ von 1984. Von den dort (wörtlich) von A bis Z aufgelisteten Fallbeispielen wird jedoch kein solcher Suizid mit entsprechenden Begleitumständen angeführt. Jedoch könnte den Patientinnen L bis N im weiteren Verlauf ihrer Behandlung durchaus das geschilderte Elend widerfahren sein.

Auch in den beiden anderen Kernberg-Werken, auf die sich die AutorInnen beziehen, ist eine entsprechende Falldarstellung nicht zu finden. Vielmehr sind die Parallelen zu dem von Kernberg 1997 vorgetragenen und 1999 veröffentlichten Beispiel nicht zu übersehen. Dort wird die Geschichte jedoch nicht annähernd so detailreich beschrieben wie bei Dammann und Gerisch.

Persönliche Bekanntschaft?

Haben die AutorInnen also die Patientin persönlich gekannt? Welches Quellenmaterial stand ihnen zur Verfügung? Wir wissen es nicht. Klar ist nur, dass sie wie Kernberg geneigt sind, eine Frau zu diffamieren und zu verhöhnen, die sich nach einer krassen psychotherapeutischen Fehlbehandlung das Leben genommen hat.

Umgang mit Therapie-Fehlern: Opferbeschuldigung vs. Selbstkritik

Auch hier ist der Begriff Narzissmus ein beliebtes Konzept, um den Betroffenen jegliche Verantwortung für ein Geschehen zuzuschieben – auch oder gerade wenn ein übler Therapeutenfehler hineinspielt.

Eine verantwortungsbewusste therapeutische Wissenschaft sollte das eigentliche Problem – das therapeutische Fehlverhalten – in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellen. Daraus erwüchse der psychotherapeutischen Zunft ein wesentlich größerer Gewinn als in der boshaften Opfer-Täter-Umkehr durch die Diagnose „destruktiver Narzissmus“.

Ethik in der Psychotherapie?

Macht und Machtmissbrauch
in der Psychotherapie …

Ist dieses Fallbeispiel nicht in doppeltem Sinne ein Ausdruck von „Macht und Machtmissbrauch in der Psychotherapie“?
Im April 2016 wurde im Internet ein Vortrag des Psychoanalytikers Dr. A. zum Thema „Macht und Machtmissbrauch in der Psychotherapie“ angekündigt. Dr. A. ist Vorstandsmitglied in einem „Ethikverein“. Der Verein wirbt bei Fachleuten um Mitgliedschaft mit der Aussicht, „die fachprofessionelle und wissenschaftliche Diskussion über Ethik in der Psychotherapie und Fehlerkultur mitzugestalten.“ Das Beratungsangebot des „Ethikvereins“ wird in der Einladung zu dem Vortrag als „professionell und methoden- und verfahrensübergreifend“ beschrieben wird, richtet sich an Menschen, die sich in ihrer Psychotherapie schlecht behandelt fühlen.

… und mein Anliegen

Diesen Vortrag wollte ich nun zum Anlass nehmen, um unter anderem den Umgang mit der als pathologischen Narzisstin abgestempelten Frau zur Diskussion zu stellen. Sie hatte sich ja schließlich das Leben genommen, nachdem ihr Therapeut sie zunächst für eine Affäre benutzt, dann aber wieder fallengelassen hatte.

Material zu meinen weiteren Positionen stellte ich über Links zu Artikeln aus der „Sexuologie“ (2011) („Missbrauchsopfer? – Selbst schuld! Zu Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie.“) und der „psychoneuro“ (2007) („Sexueller Missbrauch – Opferbeschuldigung als Psychotherapiestrategie?“) sowie dem Aufruf zur Einführung eines „Runden Tisches Psychotherapie-Opfer“ (2013) zur Verfügung. Darin untersuche ich diverse Beispiele von Opferbeschuldigung in der Psychotherapie und die daraus resultierenden Schäden für die Betroffenen. In dem Anschreiben an den Referenten verband ich meinen Diskussionsbeitrag „mit der Hoffnung, dass sich damit vielleicht eine längerfristige Kooperation mit Ihnen ergeben könnte“.

Diskussionsbereitschaft? – Fehlanzeige!

Auf mein Schreiben hin erhielt ich eine rüde Abfuhr eben jenes Herrn Dr. A. – unter anderem gespickt mit dem Vorwurf, ich würde „mit dem Prügel wild und völlig undifferenziert auf die Psychoanalyse einschlagen“. Diesen Vorwurf konmnte ich nciht nachvollziehen – und so formulierte ich noch am selben Tag meine Antwort. Ich bat Herrn Dr. A. erneut um eine Stellungnahme zu dem konkreten Fallbeispiel (Suizid nach Missbrauch in der Therapie), da er sich bislang mit keiner Silbe dazu geäußert hatte. Und am Schluss: „Deshalb weiterhin mein Angebot: Lassen Sie uns doch in Bezug auf eine Bekämpfung von Machtmissbrauch in der Psychotherapie zusammenarbeiten.“ Darauf erhielt ich keine Antwort mehr.

Kontaktbereitschaft

Einige Tage später schrieb ich die übrigen Mitglieder des „Ethikvereins“, die Mitglieder von dessen „wissenschaftlichem Beirat“ sowie sogenannte Kooperationspartner des Ethikvereins an und machte sie auf die Angelegenheit aufmerksam. Meine Frage am Ende lautete:

„Sehen Sie eine Möglichkeit, den Referenten[Dr. A.; K.S.] zu einem etwas ernsthafteren Umgehen mit ethischen Fragen zu Macht und Machtmissbrauch in der Psychotherapie zu motivieren? Sehen Sie eine Möglichkeit, mein Anliegen aufzugreifen und zu unterstützen?“

Kontaktabbruch

Die Reaktionen aus dem „Ethikverein“ selbst waren wenig ermutigend. In der Antwort der Vorsitzenden Frau Dr. B. heißt es, nur floskelhaft auf mein Anliegen eingehend:

„Der Ethikverein, für den ich hier als Vorsitzende im Namen aller spreche, hat sich in seiner letzten Sitzung mit Ihrem Anliegen eingehend auseinandergesetzt.“

Keine Erläuterung dazu, wie diese Auseinandersetzung aussah. Aber das Ergebnis folgt gleich im nächsten Satz:

„Wir sind einstimmig zu der Auffassung gelangt, dass wir eine nähere Kooperation nicht eingehen möchten.“

Erkennen der Wirklichkeit

Da ich erkenne, dass hier also offensichtlich jede weitere Diskussion überflüssig ist und reine Energieverschwendung wäre, antwortete ich unter anderem:

„Für einen ‚Ethikverein‘ ist das wohl eher dürftig. Wäre es nicht besser, Sie lösten sich auf?“

Zudem kündigte ich an, in Zukunft auf das offensichtliche Desinteresse des „Ethikvereins“ an ethischer Thematik im Umfeld von Psychotherapie hinzuweisen.

Solidarität unter Fachverbänden

Herr Dr. A. vertrat 2016 den „Ethikverein“ in einem institutionalisierten „Verbändetreffen gegen Grenzverletzungen und sexuellen Missbrauch in Psychotherapie und psychosozialer Beratung“. Dabe ist es das Ziel diesen halbjährlichen Treffen, dass VertreterInnen entsprechender Berufs- und Fachverbände zu dem Thema austauschen. Auch der „Ethikverein“ ist in diesem Gremium vertreten, wie erwähnt durch Dr. A. Ebenfalls in diesem Gremium vertreten ist Frau Dr. B, und zwar als Repräsentantin eines weiteren Verbandes.

So wandte ich mich nun per E-Mail an die im Internet aufgeführten RepräsentantInnen der einzelnen Fachverbände und verwies neben anderen Fällen auf das hier erörterte Fallbeispiel. Die Angeschriebenen zeigten sich zum Teil entsetzt über die geschilderten Beispiele. Von dieser Auseinandersetzung berichtete ich in einem Beitrag für den Rundbrief der „Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie“ (GEP), in deren Vorstand ich damals noch saß. Von Seiten der GEP wollte man mich offiziell als deren Vertreter zu dem „Verbändetreffen“ entsenden.

Anregungen

Die Mitglieder des Verbändetreffens schrieb ich erneut an und unterbreitete Vorschläge für weitere Aktivitäten, zum Beispiel:

die Erstellung und Veröffentlichung „einer ‚roten Liste‘ psychologisch-psychotherapeutischer ‚Fachpublikationen‘, in denen in unangemessener und schädlicher Weise ‚Grenzverletzung‘ bzw. ‚(sexualisierte) Gewalt‘ behandelt wird. Kriterien für eine Aufnahme in diese ‚rote Liste‘ könnten sein: Propagieren oder Bagatellisieren von grenzverletzendem Therapeutenverhalten; Beschuldigen von Betroffenen bzw. unangemessenes Fokussieren auf deren ‚eigenen Anteil‘; Verharmlosen sexualisierter Übergriffe (z.B. Eltern-Kind-Inzest, Vergewaltigung) (…). Gegen indizierte Darstellungen könnte das Verbändetreffen ausdrücklich Position beziehen.“

Ablehnung

Kurz darauf lehnte es Frau C. als eine Art Sprecherin des „Verbändetreffens“ ab, mich als Vertreter der GEP dorthin einzuladen und mein Anliegen persönlich vortragen zu lassen. Zwar komme mir das Verdienst zu, uns auf drei kritisch zu beurteilenden Äußerungen von Psychoanalytikern aufmerksam gemacht zu haben, was uns auch zu besonderer Wachsamkeit für die Zukunft sensibilisiert hat.“ Dennoch seien meine „– einzeln korrekte – Ausführungen z. B. in den Briefen der letzten Wochen pauschal gehalten und dahingehend unausgewogen, dass sie widersprechende andere, sehr verbreitete psychoanalytische Positionen völlig verschweigen. Eine solche Haltung ist an sich – selbst wenn von guten Absichten getragen – in kollegialer Hinsicht ethisch fragwürdig und nicht geeignet, eine sachliche Debatte zu ermöglichen.“

Dabei wird kein einziger Satz, der „widersprechende andere, sehr verbreitete psy­cho­ana­ly­ti­sche Positionen“ belegen könnte, konkret zitiert, keine einzige Literaturstelle angegeben. Und niemals habe ich auch nur eine einzige unmissverständliche Kritik von PsychoanalytikerInnen an den 1997/99 vorgetragenen bzw. publizierten Fallbeispielen des angeblichen Narzissmus-Experten Kernberg vernommen.

Offene Kritik →
Aberkennung der Approbation?

Wenige Tage später äußerte Herr Dr. A. in einem Schreiben an die Psychotherapeutenkammer des Saarlandes. Er wollte „berufsrechtliches Verfahren“ gegen mich einleiten lassen, weil sich ihm „die Frage stellt“, ob ich „zur Ausübung des Approbationsberufes eines Psychologischen Psychotherapeuten ausreichend geeignet“ sei.

„Herr Schlagmann hat sich in der Folge an verschiedene Institutionen im Bereich Ethik gewandt, Zitate aus meiner privaten Mail verwendet und dabei mich (…) in ein völlig unangemessenes Bild gerückt.“

Interessant. Zitate aus den „privaten Mails“ von Dr. A vermögen ihn in ein „völlig unangemessenes Bild“ (oder vielleicht Licht) zu rücken. Dabei offenbaren die Mail-Auszüge doch lediglich, dass er sich beharrlich weigert, zu einem der schlimmsten Fälle unethischen Therapeutenverhaltens mit nur einer einzigen Silbe Stellung zu nehmen. Vielmehr beschränkt er sich auf Beschimpfungen meiner Person. Und nun als Höhepunkt: Sein Bemühen, mit die Approbation entziehen zu lassen.

Von der Kammer um Stellungnahme gebeten, rekapitulierte ich die Geschehnisse noch einmal ausführlich. Daraufhin wies die Kammer alle Anschuldigungen gegen mich zurück.

Mehr als 20 Jahre Opfer-Beschuldigungs-Kritik

Seit über 20 Jahren bemühe ich mich in Tausenden E-Mails und Briefen darum, Freuds und Kernbergs Thesen zur Debatte zu stellen. Wenn überhaupt, dann erhielt ich oft nur floskelhafte Antworten: Ich hätte wohl meine eigene Problematik nicht aufgearbeitet. Von Therapie verstünde ich offenbar nichts. Meine Kritik sei antisemitisch motiviert. Die meisten Reaktionen sind im Wortlaut auf meiner anderen Webseite nachzulesen (vgl. www.oedipus-online.de).

Es kommt mir so vor, als reagierten meine KollegInnen auf all meine warnenden Hinweise nur mit einem Achselzucken. Kein Anzeichen, sich ernsthaft mit dem Inhalt der Kritik auseinanderzusetzen, obwohl mit dem psychoanalytisch geprägten Begrif Narzissmus systematische Opferbeschuldigung betrieben und seit über einhundert Jahren schwerer Schaden angerichtet wird.

Kernberg hat das Kunststück vollbracht, die ganze Fragwürdigkeit der psychoanalytischen Theorie in einem einzigen Aufsatz von ca. 10 Seiten zu bündeln. Der Gesamtinhalt dieses ungeheuerlichen Referats wird von mir an anderer Stelle ausführlich analysiert. Mir scheint deutlich, dass es Kernberg hier darauf anlegt, seinem Fachpublikum suggestiv die alte Freudsche Operbeschuldigungs-These erneut unterzujubeln – mit allen erdenklichen rhetorischen Tricks.

 

 

Literatur

Dammann, Gerhard & Ge­risch, Benigna (2005): Nar­ziss­tische Persönlichkeits­stö­rung und Suizidalität: Be­hand­­lungs­schwierigkeiten aus psy­cho­dynamischer Perspek­ti­ve, in: Schweizer Archiv für Neu­rologie und Psychiatrie, 156, 6, S.299-309 (online)

Kernberg, Otto F. (1984): Schwere Persönlich­keits­störun­gen. Stuttgart, Klett-Cotta

Kernberg, Otto F. (1997): Per­sönlichkeits­ent­wick­lung und Trauma. Audio-Auf­nahme des Vortrags bei den Lindauer Psycho­therapie-Wo­chen 1997. Au­di­torium Netz­werk (online-Bestellung)

Kernberg, Otto F. (1999): Per­sönlichkeits­ent­wick­lung und Trauma. In: Persönlich­keits­störungen – The­orie und Therapie (PTT), 1999, Jg. 3, Heft 1, S.5-15

Schlagmann, Klaus (2007): Sexueller Missbrauch. Opferbeschuldigung als Psychotherapiestrategie? In: psychoneuro (2007), Heft 9, S.361-365 (online)

Schlagmann, Klaus (2009): Brief an die Mitglieder von „Runder Tisch – sexueller Kindesmissbrauch“ (online)

Schlagmann, Klaus (2011): Missbrauchsopfer? – Selbst Schuld! Zu Risiken und Nebenwirkungen von Psycho­the­rapie. In: Sexuologie. Zeit­schrift für Sexualmedizin, Sex­ual­­therapie und Sexual­wis­sen­schaft. 18, 2011, 3-4, S.193-200 (online)

 

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