Verwirrung? Na und!

Kritik als Alibi

Pseudo-Selbstkritik
und Suggestion

Selbst Freud gesteht in seiner Abhandlung von 1914 ein, dass es zu begrifflichen Unklarheiten gekommen sei. Er geht jedoch forsch in die Offensive (S.7):

„Gewiß sind Vorstellungen, wie die einer Ichlibido, Ichtriebenergie und so weiter, weder besonders klar faßbar noch inhaltsreich genug; eine spekulative Theorie der betreffenden Beziehungen würde vor allem einen scharf umschriebenen Begriff zur Grundlage gewinnen wollen. Allein ich meine, das ist eben der Unterschied zwischen einer spekulativen Theorie und einer auf Deutung der Empirie gebauten Wissenschaft.“

Spekulative Theorie vs. …

Hier unterscheidet Freud also die „spekulative Theorie” von einer „Wissenschaft”, die sich auf die „Deutung der Empirie” spezialisiert. Für ihn ist eine „Theorie”, die erst einmal ihre Grundbegriffe sauber zu definieren versucht, also „spekulativ”. Das „spekulativ” soll wohl für das Publikum einen negativen Beigeschmack erzeugen. Dabei sind ja tatsächlich Theorien in gewisser Weise „spekulativ”, weil sie ja in dem Fall, dass sie klar widerlegt werden könnten, ihren Geltungsanspruch verlieren würden.

… vs. Wissenschaft,
die die Empirie deutet …

Als Gegensatz hierzu arbeitet Freud eine angebliche „Wissenschaft” heraus, die auf „Deutung der Empirie” beruht. Und da hat er ja dieses glasklar beschriebene Phänomen „Narzissmus” (Ironie!), das der „klinischen Deskription” – also der „Empirie”entstammt. Und dieses angebliche, von seinen Entwicklern Ellis und Näcke völlig unterschiedlich verstandene Phänomen, dieses Objekt der sogenannten „Empirie”, wird jetzt eben von ihm, Freud, einer „Deutung” unterzogen. Und die Hirngespinste, die er dabei produziert, will er uns als „Wissenschaft” verkaufen.

… = Verkehrung der Wirklichkeit

Freud hat damit das Kunststück fertiggebracht, dass er uns seine komplett spekulative, willkürliche „Deutung” als „Wissenschaft” verkauft, wohingegen er eine auf exakte begriffliche Fassung bedachte Analyse als „spekulative Theorie” diffamiert. Die Wirklichkeit wird auf den Kopf gestellt.

„Die letztere [die die Empirie deutende Wissenschaft; K.S.] wird der Spekulation das Vorrecht einer glatten, logisch unantastbaren Fundamentierung nicht neiden, sondern sich mit nebelhaft verschwindenden, kaum vorstellbaren Grundgedanken gerne begnügen, die sie im Laufe ihrer Entwicklung klarer zu erfassen hofft, eventuell auch gegen andere einzutauschen bereit ist. Diese Ideen sind nämlich nicht das Fundament der Wissenschaft, auf dem alles ruht; dies ist vielmehr allein die Beobachtung. Sie sind nicht das Unterste, sondern das Oberste des ganzen Baues und können ohne Schaden ersetzt und abgetragen werden.“

Freuds Wissenschaft ist ja sehr großzüig: Sie neidet der theoretischen Spekulation ihre klaren Begriffe nicht. Sie begnügt sich mit Hirngespinsten, an denen sie weiter herumweben wird.

Die Grundlage von Freuds Wissenschaft sei also objektive Beobachtung. Diese müsste jedoch in Begriffen gedeutet werden, die „weder besonders klar faßbar noch inhaltsreich genug“ seien. Freud gelange dadurch eben nur zu „nebelhaft verschwindenden, kaum vorstellbaren Grundgedanken“.

Korrespondenz
mit Abraham

Freuds Zerknirschung

Diese nach außen hin so keck zur Schau getragene Selbstsicherheit in Bezug auf die „nebelhaft verschwindenden, kaum vorstellbaren Grundgedanken“ nimmt Freud – zumindest insgeheim – deutlich zurück. So beispielsweise in einem Brief an den deutschen Neurologen Karl Abraham vom 16.03.1914 (Abraham u.a., 1965, S.163):

„Ich schicke Ihnen morgen den Narzißmus, der eine schwere Geburt war und alle Deformationen einer solchen zeigt. Er gefällt mir natürlich nicht besonders, aber ich kann jetzt nichts anderes geben. Er bedarf noch sehr der Retouche.“

Und am 06.04.2014, auf eine Antwort von Abraham:

„Daß Sie auch den Narzißmus bei mir abnehmen, rührt mich tief und bindet uns noch inniger aneinander. Ich habe da ein sehr starkes Gefühl von Unzulänglichkeit.“

Abrahams Trost

Abraham reagiert auf diese Selbstzerknirschung Freuds mit dem Bemühen, den großen Meister wieder aufzurichten. Sein Lob bleibt dabei – wie könnte es anders sein – sehr allgemein und unkonkret (Abraham u.a., 1965, S.165):

„Warum Sie mit dem ‚Narzißmus‘ unzufrieden sind, sehe ich nicht recht ein. Ich finde die ganze Arbeit glänzend, und in allem vollkommen überzeugend. Ich will nicht genauer auf den Gedankengang eingehen, sondern nur eines herausheben, nämlich die ganz besonders gelungene Analyse des Beobachtungswahnes, seiner Beziehung zum Gewissen etc. Praktisch besonders wertvoll sind die Ausführungen über das Ichideal. Diese Ausführungen lagen mir schon lange im Sinn, und bei jedem Satz, den ich las, konnte ich schon den weiteren Inhalt ahnen.“

Was hätte er auch anderes sagen sollen? Jeder strengere Lektor wäre bei Freud rasch in Ungnade gefallen.

Fishing for compliments

Am 06.04.2014 antwortet Freud:

„Daß Sie auch den Narzißmus bei mir abnehmen, rührt mich tief und bindet uns noch inniger aneinander. Ich habe da ein sehr starkes Gefühl von Unzulänglichkeit.“

Wenn diese Selbstkritik wirklich ernst gemeint gewesen wäre, dann hätte er seinen Unsinn einfach zurückgenommen. So aber wird deutlich: Es war nichts als „fishing for compliments“.

Wilfried Gottschalch (1988)

Als gläubiger Freud-Anhänger zitiert Wilfried Gottschalch eine ähnliche Passage aus Sigmund Freuds „Selbstdarstellung“ von 1925, die er folgendermaßen zusammenfasst:

„Sigmund Freud hielt in der Psychologie klare Grundbegriffe und scharf umrissene Definitionen ebenso wie in den Naturwissenschaften nicht nur für überflüssig, sondern auch für unmöglich. ‚Zoologie und Botanik haben nicht mit korrekten und zureichenden Definitionen von Tier und Pflanze begonnen, die Biologie weiß noch heute den Begriff des Lebenden nicht mit sicherem Inhalt zu erfüllen. (…) Die Grundvorstellungen oder obersten Begriffe der naturwissenschaftlichen Disziplinen werden immer zunächst unbestimmt gelassen, vorläufig nur durch den Hinweis auf das Erscheinungsgebiet erläutert, dem sie entstammen, und erst durch die fortschreitende Analyse des Beobachtungsmaterials klar, inhaltsreich und widerspruchsfrei werden‘ (GW XIV, S. 84). Was Freud hier für die Psychologie und die Naturwissenschaften sagt, gilt auch für die Sozialwissenschaften, wo diese nicht in dogmatische Glaubenslehren verwandelt werden.“

Hier unterscheidet Gottschalch also zwischen den guten, undogmatischen Sozialwissenschaften, in denen „klare Grundbegriffe“ für „überflüssig (…) und unmöglich“ gehalten werden, von jenen Sozialwissenschaften, die nur „dogmatische Glaubenslehren“ zu bieten haben. Aber müssen nicht gerade Wissenschaften mit unklarem Begriffsinventar zwangsläufig zu einer reinen Glaubenslehre verkommen? Gottschalch scheint hier auf Freuds Suggestion hereingefallen zu sein.

Fraglos liegt es in der Natur von Wissenschaft, dass junge Begriffe zunächst deutlich undifferenzierter sind. Doch nach Jahrzehnten ihres Bestehens sollten sie an Format und Klarheit gewonnen haben. Sonst haben sie ihren wissenschaftlichen Zweck meines Erachtens verfehlt. Wahr-Nehmungen, die mit unklaren Begriffen beschrieben werden, müssen verzerrt und somit falsch sein. Geradezu zwangsläufig müssen sie in unüberprüfbaren, substanzlosen Phrasen münden.

Sidney Pulver (1972)

Die „Unzulänglichkeit“ des durch eine schwere Geburt deformierten Sprösslings „Narzißmus“ ist auch späteren Autoren aufgefallen. Unter anderem eröffnet der US-amerikanische Psychiater Sidney Pulver 1972 einen Artikel mit der Feststellung (Pulver, 34):

„In der umfangreichen Literatur über den Narzißmus besteht wahrscheinlich nur über zwei Tatsachen allgemeine Übereinstimmung: erstens, daß das Konzept zu den wichtigsten Erkenntnissen der Psychoanalyse gehört; zweitens, daß dieses Konzept sehr verwirrend ist.“

Ein „sehr verwirrend[es Konzept], das zu den „wichtigsten Erkenntnissen der Psychoanalyse“ gehört? Was sagt das über den Autor und seine Zunft aus?

Siegfried Zepf und
Bernd Nitzschke (1985)

Siegfried Zepf, seines Zeichens Lehranalytiker (DPG) am Saarländischen Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie, und der Psychoanalyse-Historiker Bernd Nitzschke konstatieren 1985 (S.865f):

„man [ist] zunächst erstaunt über die Vielfalt der klinischen Phänomene, die von verschiedenen Autoren als ‚narzißtisch’ bezeichnet werden. Der Schlaf, das Daumenlutschen des Kindes, das strahlende junge Mädchen vor dem Spiegel, welches sich schön macht, der Wissenschaftler, der über die Verleihung des Nobelpreises stolz ist, gelten ebenso als ‚narzißtisch’ wie die höchste Sublimierung und die tiefste psychotische Regression. In manchen Fällen wird der Narzißmus für eine Erhöhung der männlichen Potenz verantwortlich gemacht, in anderen für ihre Abnahme. Man erkennt den Narzißmus in der Frigidität ebenso wie in der weiblichen Anziehungskraft. (…) Vielfach wurde versucht, das Konzept von Verwirrung und Konfusion zu reinigen. In den verschiedenen theoretischen Bemühungen gelang es jedoch nicht, die im klinischen Alltag als ‚narzißtisch’ bezeichneten Phänomene konsistent mit der Empirie und innerhalb der psychoanalytischen Metapsychologie widerspruchsfrei, d.h. auch in Übereinstimmung mit anderen psychoanalytischen Konzepten, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.“

Joachim Wutke (1998)

1998 wiederholt Joachim Wutke diese Klage in einem Internet-Reader der Fachrichtung Psychologie an der Universität des Saarlandes zum Thema „Narzißmus“:

„Die begrifflichen Unschärfen und Ungereimtheiten haben Konsequenzen: das Konzept des Narzißmus ist heute innerhalb der Psychoanalyse (und auch außerhalb) weniger denn je eindeutig bestimmt, es wird gelegentlich sogar höchst mißverständlich benutzt, es ist theoretisch nicht eindeutig geklärt[,] und es werden viel zu viele Phänomene unter diesen Begriff subsumiert. (…) Die Unbestimmtheiten erstrecken sich sowohl auf den theoretischen wie deskriptiven oder auch metaphorischen Gebrauch.“

In den Texten zum Narzissmus des Narziss wird immer wieder deutlich, dass sich diese Begriffsverwirrung bis in die jüngste Zeit fortsetzt. Vielfach unreflektiert und ohne jegliche Einfühlung in das „Objekt“ der entsprechenden Deutung.

 

Literatur

Abraham, Hilda C. & Freud, Ernst L. (Hg.) (1965): Sigmund Freud – Karl Abra­ham. Briefe 1907 – 1926. Frank­furt a.M., S. Fischer Verlag

Freud, Sigmund (1914): Zur Einführung des Narzißmus. Wien, Internationaler psycho­analytischer Verlag

Freud, Sigmund (1925): Selbstdarstellung. In: GW, Bd. 14 (Reprint von 1955), 33-96, London, Imago Publishing

Gottschalch, Wilfried (1988): Narziß und Ödipus. Anwen­dung der Narzißmus­theorie auf soziale Konflikte. Heidelberg, Ro­land Asanger Verlag

Pulver, Sydney (1972): Narzißmus. Begriff und meta­psychologische Konzep­tion. In: Psyche, 1972, 26, S.34-57

Wutke, Joachim: Narzissmus-Reader. (http://www.cops.uni-sb.de/joachim/reader/narziss/TOP­FRAME.htm) Download vom 18.08.1998

Zepf, Sigfried & Nitzschke, Bernd (1985): Zur Kritik der Narzißmus-Theorie von Otto Kernberg. Psyche, 10, S.865-976

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