Wardetzki, Bärbel (2009) und Narziss bzw. Narzissmus

Eitle Liebe

In diesem Buch (Untertitel: Wie nar­zisstische Beziehungen schei­tern oder gelingen können) geht Wardetzki auch auf den Mythos von Narziss ein

In diesem Buch geht die Psychologin und Ratgeberautorin Bärbel Wardetzki an verschiedenen Stellen auf den Mythos von Narziss ein.

Zeugung durch Vergewaltigung

Sie thematisiert – jedoch eher nebenbei – zu Beginn die angeblich problematische Situation bei der Zeugung des Narziss:

„Dem Mythos nach ist Narziss ein wunderschöner Jüngling, der vom Flussgott Kephissos und der Nymphe Leiriope durch Vergewaltigung gezeugt wurde. Der Seher Teiresias, den Leiriope um Rat fragte, prophezeite Narziss ein langes Leben, aber nur, wenn er sich niemals wirklich kennt.“

Trotziger Stolz

Über Narziss selbst berichtet Wardetzki:

„Seine Schönheit zog Männer und Frauen an, deren Liebe er aber zurückwies. Er war ‚von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt‘ und unfähig, Liebe zu geben und zu empfangen. Narziss öffnete niemandem sein Herz, auch denen nicht, die ihn liebten. Aber er wehrte nicht nur ihre Liebe ab, er brachte seine Verehrer und Verehrerinnen auch um ihr Leben. So siechte die Nymphe Echo vor Liebeskummer dahin und zerbrach an der Zurückweisung durch Narziss. Ameinios, seinem aufdringlichen Bewerber, schickte Narziss ein Schwert, mit dem sich dieser erstach.“

Suiziddrohung
und Beziehung

Hier ist Wardetzki direkt bei einer ganz brisanten Stelle angekommen. Hat sie in ihrer Praxis jemals mit Menschen zu tun gehabt, die mit Suiziddrohungen zu einer „Beziehung” erpresst werden sollten? Aus meiner Praxis weiß ich jedenfalls: Für die Opfer dieser Erpressung ist das die Hölle!

In dem schlimmsten mir bekannten Fall wollte ein 18-jähriger Gymnasiast mit Suiziddrohungen eine 17-jährige Mitschülerin zur Fortsetzung einer kurzen Beziehung nötigen. Die junge Frau ließ sich nicht darauf ein. Daraufhin verschwand der junge Mann für mehrere Monate. Ein Förster fand seine sterblichen Überreste schließlich im Wald. Es war eindeutig Freitod. Das zog der jungen Frau komplett den Boden unter den Füßen weg. An Abitur war nicht mehr zu denken. Ihre Verzweiflung kompensierte sie mit Drogen. Monate verbrachte sie in der Psychiatrie. Aus diesen Erfahrungen sind eine Fülle von Traumatisierungen mitsamt dysfunktionalen Reaktionsmustern zurückgeblieben. Das ganze Geschehen hat auch nach über 40 Jahren noch erhebliche Macht über sie.

Gemäß ihrem Buch müsste Wardetzki in solch einem Fall sagen: „Ja, Sie haben Ihren Verehrer um sein Leben gebracht! Sie müssen Ihre Schuld tolerieren!“ Unfassbar, solch eine Verständnislosigkeit! Das ist Opfer-Täter-Umkehr in Reinform.

Egozentrische Oberflächlichkeit?

Wardetzki schreibt über Narziss:

„Bis zum Schluss drehte sich alles ausschließlich um ihn, die anderen waren nur Staffage.“

Welche Belege aus dem Mythos kann sie denn für diese Behauptung anführen? Und wie kommt sie darauf, dass seine Beziehungen „hauptsächlich auf Bewunderung und Äußerlichkeiten“ beruhten?

„Ihnen [den Beziehungen; K.S.], so fährt Wardetzki fort, „fehlt die Tiefe, die Narziss durch Ablehnung jeglicher Liebe und Nähe selbst verhindert. Er zieht sich stattdessen – in narzisstischer Manier – auf sich selbst zurück.“

Narziss legt doch gerade keinen Wert auf Bewunderung durch andere, soviel wir wissen, was ihm dann wiederum von den abgeblitzten BewerberInnen angekreidet wird. Er konzentriert sich vielmehr auf den liebevollen Kontakt zu Zwillingsschwester, Eltern und ein paar Freunden. Noch dazu haben wir es hier mit einem 16-jährigen Jugendlichen zu tun. Erwartet Wardetzki da – über die familiären und gewachsenen freundschaftlichen Beziehungen hinaus – ernsthaft besondere „Tiefe“ im Kontakt mit anderen? Woher nimmt sie die Zuschreibungen von „Ablehnung“ und „Verhinderung von Nähe“? Müssen sich denn ihrer Meinung nach alle Menschen auf alle Beziehungsangebote einlassen, jedes bisschen aufgedrängte „Liebe“ freudig aufgreifen? Bekommt man andernfalls von ihr den Stempel aufgedrückt, man zöge sich „in narzisstischer Manier“ auf sich selbst zurück?

Was will mein Echo ausdrücken?

Als sich Wardetzki über die Begegnung zwischen Narziss und Echo auslässt, schreibt sie:

„Auch Narziss ist nicht im Kontakt mit ihr [Echo; K.S.]. Er geht nicht auf sie ein, nimmt weder Rücksicht auf sie, noch interessiert er sich für das, was sie ausdrücken will. Es geht ihm nur um sich. Auch er hat seine Realität, seine Befürchtungen, was sie wohl von ihm will, und kann kein wirkliches Echo, keine wirkliche Zuneigung aushalten, geschweige denn annehmen.“

Was genau will Wardetzki uns denn damit sagen, dass Narziss nicht auf Echo eingeht und sich nicht für das interessiert, was diese ausdrücken will? Stellen wir uns doch mal vor, Narziss erhält bei allem, was er sagt, permanent ein Echo von Echo. Sollte er da ernsthaft so etwas denken wie: „Aaahh! Das ist ja interessant! Was Echo wohl damit ausdrücken will?“ Da bleibt einem das Lachen glatt im Halse stecken, oder? Konversation mit einem Echo? Wie stellt Wardetzki sich das vor? Mich triebe ein solches „Gespräch“ vermutlich in kürzester Zeit in den Wahnsinn. Würde Wardetzki trotzdem ernsthaft von mir erwarten, solche Art von Zuwendung als „wirkliches Echo“, „wirkliche Zuneigung“ auszuhalten und anzunehmen? „Was will mein Echo wohl ausdrücken?“ Völlig absurde Fragestellung.

Artemis als Rächerin

Fraglos lässt Ovid mit Bedacht die Göttin Nemesis als strafende Instanz auftreten. Wardetzki bezieht sich jedoch lieber auf eine andere Göttin:

„Die Göttin Artemis rächte diesen Freitod [von Ameinias] und strafte Narziss mit ‚unerfüllbarer Selbstliebe‘.“

Dabei hätte die Göttin der Jagd sicherlich gar nichts gegen sexuelle Enthaltsamkeit einzuwenden gehabt. Sie konnte mächtig sauer werden, wenn eine Frau aus ihrem Gefolge ihre Jungfernschaft verlor. Kallisto beispielsweise wird von Artemis gnadenlos verstoßen, nachdem diese trotz heftigster Gegenwehr von Göttervater Zeus überwältigt und geschwängert wurde. Und den jungen Aktaion bringt sie um sein Leben, weil er sich in eine Höhle verirrt und sie dort beim Nacktbaden überrascht hat. Zudem gehört der eingeschworene Junggeselle Hippolytos zu ihren glühendsten Verehrern. Kaum vorstellbar, dass sich Artemis für eine Aufforderung des Ameinias, den Narziss wegen mangelnder sexueller Willfährigkeit zu bestrafen, hergibt.

Bei dieser falschen Wiedergabe des Mythos bezieht sich Wardetzki vermutlich unkritisch auf v. Ranke-Graves, der in seiner „Griechischen Mythologie” Artemis als Rachegöttin ins Spiel gebracht hatte.

Begriffsbewusstsein

Mythenrezeption

Wardetzki scheint sich in ihrem Buch überwiegend auf Ovid zu beziehen, daneben erwähnt sie auch noch kurz Ameinias. Wieseler wird nicht als Quelle genannt, also auch nicht die Sehnsucht nach der Zwillingsschwester bzw. nach Vater und Mutter.

Ausdrücklich nennt Wardetzki als Quelle ihrer Weisheiten auch Renger. In deren Zusammenstellung verschiedener Texte sind diese oben genannten Versionen alle zu finden. Auch die bezeichnende Variante mit der Ermordung des Narziss wird erwähnt. Der Mörder wird von Renger – unter Bezug auf eine Probus-Ausgabe von Georg Christian Thilo & Hermann Hagen, 1887 – „Euppo“ genannt. Wieseler hatte sich für „Ellops” entschieden. Er nennt dabei weitere Lesarten des Namens (S.6): Eupo, Euippo, Epope, Epopeo, Ellope. Wie auch immer der Mörder genau geheißen haben soll: „Von dem Namen des Mörders weiß man anderswoher gar nichts.“ Sprich: In sonstigen Mythen taucht ein Mensch mit einem solchen Namen nicht mehr auf.

Begriffsgeschichte

Obwohl Bärbel Wardetzki so gerne mit dem Begriff „Narzissmus” hantiert, interssiert sie sich jedoch nicht für die bizarre Begriffsgeschichte. Das könnte ja auch die Unbefangenheit im Umgang damit ein wenig trüben.

 

Fazit

Die Verständnislosigkeit, die Wardetzki diesem übersichtlichen Mythos entgegenbringt, ist erschreckend. Die Erpressung zu einer Beziehung mittels Suiziddrohung wird dem Opfer angelastet! Für das abweisende Verhalten des Narziss gegenüber seinem aufdringlichen Umfeld hat Wardetzki nur Kritik übrig, anstatt Partei für den Bedrängten zu ergreifen. Das lässt für Wardetzkis Umgang mit realen, komplexeren Lebensgeschichten wenig Gutes erwarten.

Literatur

Ranke-Graves, Robert v. (1984): Griechische Mytho­lo­gie. Quellen und Deutung. Ro­wohlt Taschenbuch

Renger, Almut-Barbara (Hg.) (1999): Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Leipzig, Reclam

Wardetzki, Bärbel (2009): Eitle Liebe. Wie nar­zisstische Beziehungen schei­tern oder gelingen können. München, Kösel

Wieseler, Friedrich (1856): Narkissos. Eine kunst­my­thologische Abhandlung nebst einem Anhang über die Narcissen und ihre Beziehung im Leben, Mythos und Cultus der Griechen. Göttingen, Die­terich (online)

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