Wikipedia und Narziss bzw. Narzissmus

Narziss

Neue Version – echt antik?

Der Wikipedia-Artikel zum Stichwort „Narziss“ in der Fassung vom 28.07.2005 lautet:

„Der Sage nach wies der vielfach Umworbene [Narziss; K.S.] auch die Liebe der Nymphe Echo zurück. Dafür wurde er von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er in unstillbare Liebe zu seinem eigenem [sic] im Wasser widergespiegelten Abbild verfiel. Damit erfüllte sich das Dictum des Sehers Teiresias, wonach er ein langes Leben nur haben werde, wenn er sich nicht selbst kennen lerne. [*] Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt (Pausanias 9.31,7).“

An der markierten Stelle ([*]) hat knapp zwei Wochen später, am 10.08.2005, ein in Wikipedia nicht mehr aktiver „Georgios“ eingefügt:

„Eines Tages setzte er sich an den See um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, Woraufhin, durch Göttliche fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so, durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte, Geschockt von der Vermeintlichen Erkenntniss, er sei hässlich (wegen der Wellen die sein Spiegelbild verzerrten) starb Er.“

Der Inhalt dieses Einschubs blieb unbeanstandet. Die Rechtschreibfehler wurden am 18.10.2005 verbessert. Über weitere Veränderungen hat sich bis heute (17.10.2019) folgende Version ausgebildet:

„Pausanias überliefert: Eines Tages setzte sich Narziss an den See, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen, woraufhin durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser fiel und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild trübte. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, starb er. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt.[7]“

In Fußnote [7] dann der Hinweis: „Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9.31.7.“

Diese Ergänzung ist schlicht und einfach falsch. Einen solchen Text gibt es bei Pausanias NICHT. Hier wurde also ein alter Mythos – seine Facetten sind hier ausführlich dargestellt – gründlich verfälscht. In Wikipedia schreibt sich irgendjemand etwas zurecht, das er vor eine seriöse Quellen­angabe setzt. Und solcher Unsinn sickert dann ins öffentliche Bewusstsein.

Reingefallen

Kritiklos hereingefallen sind auf diesen Unsinn von Wikipedia die hier aufgeführten zwölf AutorInnen:

  • Klaus Schmeh (2007)
  • Miriam Meckel (2011)
  • Siegfried Saerberg (2011)
  • Hans-Joachim Maaz (2012)
  • Hilmar Klute (2012)
  • Jochen Peichl (2015)
  • Christa Holtei (2015)
  • Constantin Rauer (2015)
  • Raphael Bonelli (2016)
  • Antonius Weixler (2016)
  • Reinhard Haller (2017)
  • und Mario Lochner (2020)

Klaus Schmeh (2007)

Klaus Schmeh, Informatiker und Sachbuchautor, schreibt:

„Der Sohn des Flussgottes Kephissos und einer Nymphe war von außerordentlicher Schönheit und fand selbst großen Gefallen an seinem Äußeren. Dies ging so weit, das Narziss sich mit der Zeit in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Als er sich eines Tages wieder einmal an einen See setzte, um seinen gespiegelten Anblick zu betrachten, fiel ein Blatt ins Wasser. Die dadurch entstandenen Wellen trübten das makellose Bild und verleiteten Narziss zu der Einschätzung, er sei auf einmal hässlich geworden. Dies schockierte den schönen Sagenhelden so sehr, dass er vor Schreck starb. Nach seinem Tod verwandelte er sich in eine Blume, die seither Narzisse genannt wird.“

Auf die Angabe, wo er diese Weisheit aufgeschnappt hat, verzichtet Schmeh vorsichtshalber.

Miriam Meckel (2011)

Im SPIEGEL-Artikel Nr. 38 von 2011 findet sich der Artikel „Weltkurzsichtigkeit“ von Miriam Meckel, ordentliche Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen. Ihr Beitrag war in der Kategorie Bester Essay für den Deutschen Reporterpreis 2011 nominiert. Meckel schreibt:

„Wie der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos genau ums Leben kam, verrät die griechische Mythologie nicht. Es gibt drei Versionen. (…) Die andere sagt, er starb, nachdem ein herabfallendes Blatt sein Spiegelbild im Wasser verzerrt hatte und er plötzlich erkannte, dass er hässlich war.“

Auch bei Meckel führt die Frage, woher diese Variante stammt, zu keinem Ergebnis: keine Quellenangabe.

Siegfried Saerberg (2011)

Siegfried Saerberg, Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Rauhes Haus, in Hamburg, schreibt:

Eine Variante berichtet, dass der in sein Spiegelbild vernarrte Narziss durch göttlichen Willen bestraft wird. Ein Blatt fällt ins Wasser und durch die aufkreisenden Wellen wird sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner zerstörten Schönheit stirbt Narziss.“

Eine belastbare antike Quelle für diese Denunzierung des Narziss führt Saerberg hier nicht an.

Hans-Joachim Maaz (2012)

Bei Hans-Joachim Maaz, dem ehemaligen Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale), dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT) und dem aktuellen Vorsitzenden des Choriner Instituts für Tiefenpsychologie und psychosoziale Prävention (CIT), lesen wir:

„Wie der Seher vorausgesagt hat, kommt Narziss im Prozess der Selbsterkenntnis zu Tode. (…) Bei Pausanias fällt durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser und verzerrt das eigene Spiegelbild.“

Diese Darstellung – ausführlicher hier besprochen – fließt dann ein in das, was Maaz als die „wesentlichen Inhalte und Konsequenzen für meine Interpretation des Narzissmus“ auflistet, neben anderem auch „Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes“. Auch hier keine belastbare Quellenangabe.

Hilmar Klute (2012)

Hilmar Klute, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Autor, lässt sich über Narziss vernehmen:

Narziss verliebte sich in sein eigenes Antlitz, das er in einem See gespiegelt sah. Nun gibt es unterschiedliche Versionen, wie Narzissos an dieser Liebe zugrunde ging. … Eine andere Lesart sieht vor, dass Narziss den Anblick seines Konterfeis im Spiegel des Gewässers sehr wohl genoss ud sich durchaus eine Zukunft mit sich selbst hätte vorstellen können. Dann aber löste sich ein Blatt vom Baum, fiel in den See und erzeugte die bekannten Wellen, welche das glatte Antlitz des Göttersohns derart verzerrten, dass dieser davon ausging, plötzlich hässlich geworden zu sein. Auch diese Erkenntnis führte zum Messertod aus eigener Hand.“

So weit, so Klute.

Jochen Peichl (2015)

In der Version des Mythos von Jochen Peichl, Leiter des Institutes für hypno-analytische Teiletherapie (InHAT) in Nürnberg, heißt es (2015, S.72):

„Der Sohn [von Liriope = Narziss; K.S.] wächst als ungeliebtes Kind auf und ist selbst nicht in der Lage zu lieben, sondern er ist eitel, berauscht nur von seiner eigenen Schönheit. (…) Hierauf wird er durch die Göttin Aphrodite verflucht: Er möge sich selbst lieben und niemals glücklich sein – es ist sein Schicksal, sich unsterblich in sein Spiegelbild zu verlieben. Der Sage zufolge stirbt er, als er mal wieder am See sitzt, ins Wasser schaut und plötzlich ein Blatt ins Wasser fällt und sein Spiegelbild verzerrt. Schockiert von seiner Hässlichkeit, stirbt er.“

Auch Peichl – ausführlicher hier besprochen – übernimmt hier sehr weitgehend den gefakten Mythos, der wohl ziemlich eindeutig auf die deutsche Wikipedia zurückgeht.

Als Rächerin bevorzugt Peichl hier die (gänzlich unpassende) Göttin Aphrodite. Dies wird wohl nicht erst bei Wikipedia erfunden, aber darüber zumindest fleißig mit verbreitet.

Christa Holtei (2015)

Die aus Düsseldorf stammende Schrifstellerin und Übersetzerin Christa Holtei erdichtet:

„Er legte den Kopf schräg, wie immer, wenn er in Betrachtungen über ein mögliches Bildmotiv versunken war. Vielleicht kam de Boer eher noch als Narziss infrage, der gerade sein eigenes Spiegelbild im Wasser bewundert. Man könnte den Narziss auch einmal nach der Erzählung des Griechen Pausanias malen – ein Blatt ist vom Baum gefallen, kreisförmig breiten sich kleine Wellen über die glatte Oberfläche, verzerren das Spiegelbild und Narziss verzweifelt an seiner vermeintlichen Hässlichkeit. Am Ufer müsste eine einzelne Blume stehen, eine Narzisse als Symbol für den nahenden Tod des Jünglings.“

Damit nimmt auch Holtei an der Verzerrung des Bildes von dem sympathischen Jüngling Narziss teil.

Constantin Rauer (2015)

Und bei Constantin Rauer, Habilitant am Institut für Philosophie der Universität Tübingen, lesen wir:

„Nach Pausanias wiederum betrachtete Narziss selbstverliebt sein Spiegelbild, als die Götter ein Baumblatt in den See fallen ließen, was Wellen schlug und sein Selbstbild in ein Zerrbild verwandelte. Entsetzt von seiner Hässlichkeit, sei Narziss zu Tode erschrocken.“

Rauer setzt vertiefend fort:

„Der Narziss-Mythos zeigt, dass das Spiegelbild kein Ebenbild sein kann. Dies liegt – worauf Pausanias hinwies – zunächst einmal an der Natur und Eigenart des Spiegels selbst. Wasserspiegel, Metallspiegel oder Glasspiegel reflektieren ein jeweils anderes Spiegelbild von einer Person, desgleichen konvexe und konkave Spiegel, verkleinernde und vergößernde, matte und scharfe. … Die Selbstwahrnehmungspsychologie zeigt, dass ein Alter sich selbst als jung betrachten kann, wohingegen ein Junger über sein Alter klagt; eine Schöne meint hässlich, eine Hässliche schön zu sein usw.“

Diese Ausführungen lassen sich nicht auf den antiken Pausanias beziehen, denn der hatte sie nur von einem Wikipedia-Schreiber untergeschoben bekommen.

Raphael Bonelli (2016)

Zu jenen, die ebenso kritiklos auf Wikipedia oder andere hereingefallen sind, gehört auch der Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychosomatische Medizin, Raphael Bonelli:

„In anderen Versionen wiederum verzerrt ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild, worauf Narcissus durch die vermeintliche Erkenntnis, hässlich zu sein, stirbt.“

Hier ist mitzuerleben, wie auch Bonelli – ausführlicher hier besprochen – daran mitwirkt, die selbstbewusste Gestalt aus dem griechischen Mythos zur Witzfigur herabzuwürdigen.

Antonius Weixler (2016)

Bei Antonius Weixler, Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich
neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, heißt es in Fußnote 224:

In der Version von Pausanias wird zudem das Motiv des verzerrenden Spiegels eingeführt, denn Narziss stirbt hier an der fälschlichen Annahme, hässlich zu sein, nachdem ein Blatt in das Wasser gefallen war und die Wellen sein Spiegelbild verzerrten (vgl. hierzu Kuhn 3. Aufl. 2011: 375ff).

Auch wenn Weixler hier anscheinend versucht, für diese Blattgeschichte Kristina Kuhns Beitrag zum „Spiegel“ in Konersmanns „Wörterbuch der philosophischen Metaphern“ als Referenz heranzuziehen, ist das keine plausible Erklärung. Denn Kuhn hat diesen Irrtum erfreulicher Weise vermieden. Die Inspiration zur Einführung des Blatt-verzerrten Spiegelbildes muss Weixler also von woanders her bezogen haben – womöglich von seinem Ursprung, von Wikipedia.

Reinhard Haller (2017)

Auch Reinhard Haller, Professor für Psychiatrie und Gerichtsgutachter, hat sich als anfällig für Fake-Mythen erwiesen. In seinem Buch „Nie mehr süchtig sein“ (2017) heißt es:

„Als er am See saß und sich an seinem Spiegelbild ergötzte, wurde die Wasseroberfläche auf göttliche Fügung hin durch ein herabfallendes Blatt getrübt. Weil Narziss glaubte, hässlich zu sein, fiel er in eine tiefe Depression und verstarb. Nach seinem Tod wurde er in eine Narzisse verwandelt.“

Haller macht hier nicht kenntlich, wo er diesen Fake-Mythos abgeschrieben hat. Ihren Ursprung hat diese Version jedenfalls in der deutschen Wikipedia. Haller – mit seiner ohnehin schlechten Meinung von Narziss (ausführlicher hier besprochen) – hat diese unsinnige Erzählung über den schönen griechischen Jüngling recht schnell für bare Münze genommen.

Mario Lochner (2020)

Schließlich noch eine Reproduktion des Fake-Mythos aus jüngster Zeit durch Mario Lochner, seines Zeichens Redakteur bei Focus Money bzw. Autor:

„Dem griechischen Reiseschriftsteller Pausanias zufolge starb Narziss, als ein Blatt sein Spiegelbild trübte und er erkannte, dass er hässlich war.“

Auch Mario Lochner ist jemand, der sich in dieser Hinsicht irrt. Denn so ist das zwar bei Wikipedia, nicht aber bei Pausanias selbst nachzulesen.

Widerspruch

Am 6. Mai 2011, also ca. sechs Jahre nach der Einführung der unsinnigen Pausanias-Version, meldet sich auf der Diskussionsseite von Wikipedia ein/e AutorIn mit dem Kürzel JM zu Wort. Er/sie merkt an – mit ausgiebigen Zitaten englischer Volltextausgaben von Pausanias –, dass es für diese Blattgeschichte keine Belege gibt. Dies wird zwar noch aufgegriffen, aber die von JM vorgeschlagene Löschung unterbleibt. Bis zum 17. Oktober 2019 – also nach über acht Jahren – hatte sich daran noch nichts geändert.

Rachegöttinnen

Artemis, Aphrodite oder Nemesis?
Wer rächt Echo und Ameinias?

Immer wieder beziehen sich diverse AutorInnen auf die Göttin Artemis als Rächerin:

„Die Göttin Artemis rächte diesen Freitod [von Ameinias] und strafte Narziss mit ‚unerfüllbarer Selbstliebe‘.“ (Wardetzki)

Wer ist Artemis?

Artemis, die Göttin der Jagd, hätte sicherlich gar nichts gegen sexuelle Enthaltsamkeit einzuwenden gehabt. Sie konnte mächtig sauer werden, wenn eine Frau aus ihrem Gefolge ihre Jungfernschaft verlor. Kallisto beispielsweise wird von Artemis gnadenlos verstoßen, nachdem diese trotz heftigster Gegenwehr von Göttervater Zeus überwältigt und geschwängert wurde. Den jungen Aktaion bringt sie um sein Leben, weil er sich in eine Höhle verirrt und sie dort beim Nacktbaden überrascht hat. Zudem gehört der eingeschworene Junggeselle Hippolytos zu ihren glühendsten Verehrern. Kaum vorstellbar, dass sich Artemis für eine Aufforderung des Ameinias hergibt, den Narziss wegen mangelnder sexueller Willfährigkeit zu bestrafen.

In Wikipedia (Stand: 17.10.2019) wird jedoch Artemis als Racheengel angeboten:

„Er [Narziss] wurde von Jünglingen und Mädchen gleichermaßen umworben, war aber von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt und wies all seine Verehrer und Verehrerinnen herzlos zurück. Diese Kränkung widerfuhr auch der Bergnymphe Echo und dem Bewerber Ameinios, dem Narziss ein Schwert zukommen ließ. Zwar brachte sich Ameinios noch auf der Türschwelle mit dem erhaltenen Schwert um, nicht aber ohne zuvor die Götter anzurufen, seinen Tod zu rächen. Nemesis (nach anderen Quellen Artemis) hörte die Bitte und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Als er sich in einer Wasserquelle sah, verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild.“

War es Aphrodite?

Mehr als 10 Jahre zuvor wird in der Wikipedia-Version vom 28.07.2005 Aphrodite als Rächerin genannt:

„Dafür wurde er [Narziss] von Nemesis, nach anderen Quellen durch Aphrodite, dergestalt bestraft, dass er (…).“

Für Aphrodite, die Göttin der Schönheit, hat sich auch Peichl entschieden. Mit Aphrodite beginnt schon der erste Wikipedia-Eintrag vom 04.10.2003, bevor diese am 27.03.2010 von einer/m „RE probst“ – ohne Quellenangabe – durch Artemis ersetzt wird. Diese Version hat sich lange gehalten. Bei Eschenbach (1985) und Mugerauer (1994) – also lange vor Wikipedia – fand ich die (bislang) ältesten Stellen, an denen Aphrodite als Rächerin gehandelt wird. Während Eschenbach keine Quelle für ihre Version offenbart, bezieht sich Mugerauer bei seiner Behauptung – soweit mir ersichtlich: fälschlicherweise – auf Ovid.

Wikipedia

Wikipedia hat der Welt also nicht nur eine neue Version vom Tod des Narziss beschert, sondern propagiert auch wahlweise Artemis oder Aphrodite als Rachegöttinnen. In den mir vorliegenden Quellentexten – Ovid, Pausanias, Konon, Probus (die beiden Letzteren jeweils in Auszügen bei Wieseler zitiert) – sind mir jedoch weder Aphrodite noch Artemis je als Rächerinnen begegnet. Bei diesen beiden Göttinnen wäre es auch nicht nachvollziehbar, weshalb sie den Narziss für sein selbstverständliches, gänzlich angemessenes Handeln bestrafen sollten.

Ovid ist der einzige Mythograph, der die strafende Instanz beim Namen nennt, und zwar als „Göttin von Rhamnus“ = Nemesis. Es fällt in ihr Ressort, für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen. Die vordergründig bediente Handlungslogik: Echo und Ameinias müssen erleben, dass ihre „Liebe“ von Narziss nicht erwidert wurde, also muss er jetzt selbst erleben, ihn/sich zu lieben, ohne ihn/sich erreichen zu können. Dabei ist gerade das Schicksal von Nemesis, die am eigenen Leib die Gewalt des zudringlichen Zeus erlebt und sich verzweifelt (und vergeblich) bemüht hatte, ihr zu entgehen, eine Mahnung, dass Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhen sollten. Es kann also keinen berechtigten Anspruch von Echo und Ameinias auf einen solchen „Ausgleich“ geben.

Ovid – und seine Ironie

Bleibt nur eine andere Handlungslogik, die das Eingreifen der Göttin begründen könnte: Allzu häufig sind Frauen – wie das Beispiel von Nemesis zeigt – Opfer von Gewalt geworden, wenn sie sich dem Begehren von Männern entziehen wollten. Nun nimmt diese die Bedrängnis des Narziss zum Anlass, für die weiblichen Opfer Revanche zu nehmen, indem sie jetzt auch einmal einen Mann Gewalt erleben lässt, weil er sich dem Begehren anderer widersetzt. Hierbei wird jedoch gleichzeitig transportiert, dass das gewaltsame Aufdrängen einer Beziehung eigentlich nicht wünschenswert ist. Auch unter dieser Konstruktion erweist sich, dass Echo und Ameinias gerade keinen Anspruch auf „Ausgleich“ geltend machen können.

Beide Gedanken zusammengenommen ergeben ein deutliches Indiz für die ironische Absicht Ovids an dieser Stelle – verständlich als witzige und subtile Kritik an den massiven Einmischungen des Kaisers Augustus in die Beziehungsangelegenheiten seiner UntertanInnen.

Sonstige Mythenrezeption

Und was wissen die Wikipedia-AutorInnen sonst so über Narziss zu berichten? Sie erwähnen zwar Echo und Ameinias, aber weder die Suche nach Zwillingsschwester, Vater und Mutter noch einen gewissen Ellops. Auch ein Hinweis auf Wieselers Werk fehlt gänzlich (Stand: 17.10.2019). Dabei sind in der dortigen Literaturliste durchaus Quellentexte wie Renger (seit 25.05.2005) oder Orlowsky & Orlowsky (seit 21.01.2011) genannt, in denen jene Inhalte angesprochen sind.

 

Fazit

Einmal mehr zeigt sich, dass Wikipedia nur mit größter Vorsicht zu genießen ist. Es liegt jedoch auch in der Verantwortung der jeweiligen AutorInnen, sich kritisch mit der Quelle ihrer Erkenntnis auseinanderzusetzen. Und selbst wenn sie dazu nicht in der Lage sind, dann wäre es zumindest angemessen anzugeben, woher man seine Weisheiten bezogen hat. Das würde kritischen Geistern eine Menge Grübelei über den Ursprung irgendwelcher Versionen ersparen.

 

Literatur

Bonelli, Raphael M. (2016): Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. München, Kösel

Eschenbach, Ursula (1985): Vom Mythos zum Narzißmus. Vom Selbst zum Ich. The­ra­peu­tische Konzepte der Ana­ly­tischen Psychologie C.G. Jungs. Fellbach, Bonz Verlag

Haller, Reinhard (2017): Nie mehr süchtig sein. Leben in Balance. Wals bei Salzburg, Eco­win Verlag

Holtei, Christa (2015) Das Spiel der Täuschung: Düsseldorf 1834. Düsseldorf, Droste Verlag GmbH

Klute, Hilmar (2012): Wir Ausgebrannten: Vom neuen Trend, erschöpft zu sein. München, Diederichs Verlag

Lochner, Mario (2020): Was ich mit 20 gerne über Geld, Motivation und Erfolg gewusst hätte. München, Finanzbuch Verlag

Maaz, Hans-Joachim (2012): Die narzisstische Ge­sell­schaft. Ein Psycho­gramm. München, CH Beck

Meckel, Miriam (2011): „Weltkurzsichtigkeit“, SPIEGEL Nr. 38, S. 120f

Mugerauer, Roland (1994): Narzißmus: eine erzie­he­rische Herausforderung in pä­dagogischen und sozialen Praxis­feldern. Marburg, Tec­tum Verlag

Peichl, Jochen (2015): Narzisstische Verletzungen der Seele heilen. Das Zusammen­spiel der inneren Selbstanteile. Stuttgart, Klett-Cotta

Rauer, Constantin (2015): Das Bild des Menschen von der Steinzeit bis heute. In: Menschenbild(n)er – Bildung oder Schöpfung. Hg. S. Almann, K. Berner, A. Grohmann. Lit Verlag Berlin 2015, S. 41-60. (In: Villigst Profile. Schriftenreihe des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst, Bd. 18. Hgg. von Knut Berner und Friederike Faß)

Saerberg, Siegfried (2011): Stoff und Kristall – Blinde Schönheit und Identität. in: Christian Mürner & Udo Sierck (Hrsg.): Behinderte Identität? Neu-Ulm, AG SPAK Bücher

Schmeh, Klaus (2007): Das trojanische Pferd: klassische Mythen erklärt. Planegg, Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co. KG

Wardetzki, Bärbel (2009): Eitle Liebe. Wie nar­zisstische Beziehungen schei­tern oder gelingen können. München, Kösel

Weixler, Antonius (2016): Poetik des Transvisuellen. Carl Einsteins ‚écriure visionnaire‘ und die ästhetische Moderne. Berlin u.a., Walter de Gruyter

Wikipedia: Narziss. Versionen vom 04.10.03, 25.05.05, 28.7.05, 10.8.05, 18.10.05, 27.03.10, 21.01.11 und 17.10.19