Narziss, Narzissmus – Mythos, Begriff, Theorie

Es geht hier um einen Mythos, einen Begriff und eine Theorie. Die Analyse dieser drei Elemente bietet einen tiefen Einblick in den Zustand dieser Welt.

Manipulation

Seit Jahrzehnten erschreckt mich, dass so viele Grausamkeiten, Betrügereien und Verbrechen auf diesem Planeten geschehen können. Wir – als die große Masse der Menschen – scheinen dabei einfach nur zusehen zu können. Denn wir sind manipuliert, eingeschüchtert und systematisch dumm gehalten.

Fotografie von Buchcover: Warum schweigfen die Lämmer? (Rainer Mausfeld, 2018)
Buchcover: Warum schweigfen die Lämmer? (Rainer Mausfeld, 2018)

Rainer Mausfeld setzt sich besonders intensiv mit dieser Thematik auseinander, beispielsweise in dem Buch bzw. in dem Vortrag: „Warum schweigen die Lämmer?“ (Und der nüchterne bzw. ernüchternde Untertitel: „Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören.„)

Selbst schuld!

Die Manipulation geschieht auf vielen Ebenen. So beispielsweise im Bereich Psychologie / Psychotherapie. Ein sehr populärer psychologischer Begriff – der sogenannte „Narzissmus“ – propagiert, dass Menschen ihre psychischen ud psychosomatischen Symptome aus sich selbst heraus entwickeln. Der Einfluss von Belastungen durch das Umfeld wird dagegen ausgeblendet. Ein solches Konzept macht den Mächtigen dieser Welt das Herrschen leicht. Sie können all die Opfer ihrer Unterdrückung, Ausgrenzung oder Ausbeutung auf sich selbst zurückwerfen: „Selbst schuld!“ Dies nenne ich auch den „Neoliberalismus der Psychosomatik“ . In einem „Rubikon“-Beitrag zur „Eigenverantwortungslüge“ habe ich diesen Zusammenhang ausführlicher dargelegt.

Opferbeschuldigung = Contergan der Psychotherapie

Wenn eine Therapie sehr rasch und so gut wie ausschließlich nach dem „eigenen Beitrag“ fragt, dann macht das die Menschen erst recht krank. Denn sie bürdet den Opfern von Schicksal und Gewalt systematisch einen „eigenen Anteil“ auf. Sie bekommen unbesehen ihre „Eigenverantwortung“ zugeschoben, werden auf sich selbst zurückgeworfen. Die ganzen Belastungen, denen sie permanent ausgesetzt sind, werden stattdessen bagatellisiert. Die Betroffenen müssen sich unter dieser „Behandlung“ noch ohnmächtiger, noch hilfloser, noch unverstandener fühlen.

Für mich ist so eine Art der „Behandlung“ „das Contergan der Psychotherapie“ . Das Konzept sollte ursprünglich (angeblich) dem Verständnis und der Heilung des Menschen dienen. Stattdessen verursacht es nun geradezu systematische Schäden – nachzulesen in der Rubrik „Opfer“.

Verfestigung seit über 100 Jahren

Die damit verbundene Theorie der Opferbeschuldigung wurde bereits vor über hundert Jahren entwickelte. Sie konnte deshalb schon tief in das öffentliche Bewusstsein eindringen. Sie gilt bei vielen Menschen – gerade auch bei Intellektuellen – als besonders tiefgründig und aufklärerisch.

Fotografie von Buchcover: Was genau ist eigentlich Narzissmus? (Klaus Schlagmann, 2019)
Buchcover: Was genau ist eigentlich Narzissmus? (Klaus Schlagmann, 2019)

Der Begriff Narzissmus

Narzissmus soll heute so etwas wie Selbstgefälligkeit und Rücksichtslosigkeit bezeichnen. Ein Narzisst gilt als beziehungsunfähig.

Der Mythos von Narziss

Der Begriff leitet sich ab von einem alten griechischen Mythos. Er wird in sieben Varianten erzählt. Narziss ist ein schöner Jüngling. Er leidet einerseits am Tod seiner nächsten Angehörigen und von sich selbst. Andererseits weist er aufdringliche Bewerber ab, die daraufhin Gewalt auf ihn ausüben. Narziss ist also das Opfer von Schicksal und Gewalt. Er hat dabei jeweils ein gesundes Selbstbewusstsein und erweist sich als beziehungsfähig.

Die Begriffsgeschichte des „Narzissmus“

Den Anstoß zur Erschaffung des Begriffes gibt Havelock Ellis im Jahr 1898. Paul Näcke schöpft aus Ellis‘ Anregung ein Jahr später den Begriff „Narzissmus“. (Näcke schreibt damals „Narcismus“.) Er meint damit ein intensives Betrachten von sich selbst in einem Spiegel. Über verschiedene Details sind sich die zwei Autoren uneinig.

Sigmund Freuds (Fehl-)Deutung des Narziss

Sigmund Freud greift diesen bereits damals unklaren Begriff auf. Und er macht die Sache noch viel konfuser. Für ihn sind Schizopphrene und Größenwahnsinnige, Kinder und Primitive, Homosexuelle und Perverse sowie Frauen und Mütter besonders „narzisstisch“. Er unterstellt ihnen dabei verschiedene problematische Eigenschaften. Narziss passt allerdings in keine einzige dieser Kategorien hinein.

Der angebliche Narzissmus
des Narziss

Auf dieser Grundlage ist ein völlig ungeklärter Begriff entstanden. Die „Wissenschaft“ hat ihn bereitwillig aufgenommen. Das Konzept „Narzissmus“ wird dann wieder – umgekehrt – auf den Mythos angewendet. Die Analysen auf dieser Grundlage sind völlig grotesk: Narziss sei angeblich unfähig, eine Beziehung zu führen. Dabei weist er zum Beispiel die Liebesanträge von zwei Männern ab. Vielleicht ist er nicht schwul. Vielleicht sagen ihm diese zwei Kerle einfach nicht zu. Egal. Auf jeden Fall ist diese Kritik an ihm unberechtigt. Und er weist auch die Nymphe Echo ab. Bei einer kurzen Begegnung hat sie ihm jeweils die letzten Worte seines Satzes nachgeplappert. Auf diese hohle Tussi hat er ebenfalls keine Lust. Auch das ist doch verständlich! Auch das kann man ihm doch nicht zum Vorwurf machen!

Im Detail bespreche ich zwanzig Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland. Sie bringen eine Fülle solch unsinniger Beschuldigungen gegen den konkreten Narziss aus dem Mythos vor. Sie erklären das Opfer von Schicksal und Gewalt zum Täter.

Fotografie von Rückendeckel von: Was genau ist eigentlich Narzissmus? (Klaus Schlagmann, 2019)
Rückendeckel von: Was genau ist eigentlich Narzissmus? (Klaus Schlagmann, 2019)

Narzissmus: Das Contergan der Psychotherapie

Im Begriff Narzissmus ist also eine Opfer-Täter-Umkehr fest eingebaut. In der Folge erklärt die Diagnose „Narzissmus“ sehr leicht die Opfer von Gewalt zu Tätern. Eine Therapie auf dieser Grundlage produziert Schaden. Narzissmus ist für mich deshalb das Contergan der Psychotherapie.

Was wir daraus lernen können

Die hier dargestellte Auseinandersetzung belegt: Auf dieser Welt lassen sich mit Leichtigkeit eine Menge Menschen manipulieren. Das ist sogar unabhängig davon, ob und was sie studiert haben.

An dem Beispiel des Narzissmus ist es gut darstellbar: Die Symbolik des zugrundeliegenden Mythos ist kompakt und erschließt sich gewissermaßen von selbst. Die massiven Fehldeutungen – gerade auch in der neueren „Ratgeber-“ und „Fachliteratur“ – sind offensichtlich. Die Systematik dieser Fehldeutung als Opfer-Täter-Umkehr liegt auf der Hand. Die negativen Auswirkungen dieser seltsamen Denk- und Therapierweise sind wohl anhand der Beispiele unmittelbar nachvollziehbar.

Das sollte Fragen aufwerfen: Wie kann das alles sein? Wie kann eine komplette „Wissenschaft“ zu diesem Irrsinn schweigen? Ist das anders erklärbar als durch einen starken Willen mächtiger Kreise zu bewusster Manipulation und „mentaler Vergiftung“? Ist es nicht eine weitere Bestätigung einer These von Mausfeld, dass sich seit über hundert Jahren Sozialwissenschaftler willfährig kaufen lassen?

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